Sexuelle Selektion

Ornament ist kein Verbrechen

Von Richard Friebe
13.01.2009
, 10:10
Großer Aufwand für eine auch nicht ganz unwichtige Angelegenheit: ein balzender männlicher Pfau
Sexuelle Selektion hat im Tierreich vermutlich verschiedene Bedeutungen und Funktionen. Sie beschäftigen die Evolutionsbiologen und Verhaltenökologen nach wie vor.
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Wenn man Charles Darwin gefragt hätte, warum er denn so einen langen Bart hat, dann hätte er wahrscheinlich nicht geantwortet: "Der ist ein sekundäres Geschlechtsmerkmal, mit dem ich die Damenwelt beeindrucken will."

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Doch seine Theorie der "sexuellen Selektion" besagte eigentlich genau das: Das eine Geschlecht, meist das männliche, kämpft um Zugang zum anderen, meist weiblichen. Manchmal tut es das im Wortsinne, manchmal durch lange Bärte, große Geweihe, bunte Schwanzfedern oder - wie es die Laubenvögel tun - den Bau einer schönen Hütte im Grünen. Das andere Geschlecht, meist eben das weibliche, wählt sich den Partner aus - und jener Schmuck, im Fachjargon "Ornamentation" genannt, ist dabei der entscheidende Faktor.

Damenwahl

Bewiesen wird diese Hypothese, die Darwin in seinem zweiten epochalen Buch, "The Descent of Man", 1871 vorstellte, eigentlich bereits durch die Tatsache, dass schon in der Schule die größten Angeber, wie blöd sie auch waren, immer die besten Mädels gekriegt haben. Für die Evolutionsbiologen gab es aber tatsächlich lange Zeit ein großes Problem mit der sexuellen Selektion. Sie machten zwar alle möglichen Beobachtungen, die dazu passten. Aber das, was Wissenschaftler nach Karl Popper von sich selber fordern müssen - Experimente, mit denen man eine Theorie auch überprüfen kann -, war nicht so leicht zu ersinnen.

Inzwischen gibt es allerdings jede Menge gut untersuchter Beispiele. Ein Versuch, besonders wertvoll, weil er in freier Natur stattfand, sah zum Beispiel so aus: Webervögeln der Gattung Euplectes wurden Schwanzfedern gekürzt oder durch Ankleben verlängert. Während die Vögel vor der Prozedur allesamt vergleichbar viel Nachwuchs in ihren Nestern in der kenianischen Hochebene aufzogen - gelegt und gepflegt durch ihre Gattinnen -, sah die Verteilung nach dem Eingriff sehr anders aus. Die Schwanzfederamputierten waren gegenüber denen, die an Länge gewonnen hatten, deutlich im Nachteil. Sie hatten im männlichen Konkurrenzkampf ("male competition" in Darwins Worten) verloren und waren bei der Damenwahl ("female choice") kaum berücksichtigt worden.

Und umgekehrt

Manchmal bestätigt auch die Ausnahme die Regel. Bei einigen Vogelarten sind es nicht die Männer, die sich schmücken, sondern die weiblichen Tiere. Die Männchen wählen dann die Paarungspartnerin. Sie sind es aber hier ausnahmsweise auch, die sich ganz alleine um die Brut kümmern. Auch das passt wunderbar zur Theorie: Wer mehr in den Nachwuchs investiert - in diesem Falle durch alleinige Kinderaufzucht -, sollte zum Sex zumindest einen Partner wählen, der genetisch allem Anschein nach überdurchschnittlich ausgestattet ist.

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Dass die Partnersuche überall im Tierreich sehr viel mit guten Genen zu tun hat, ist ein wichtiger Teil der Theorie, der allerdings erst nach Darwin so ausformuliert wurde. Die Fähigkeit, sich mit ansonsten überflüssigen, aber eigenen Federn zu schmücken, müsste demnach auch ein äußeres Anzeichen für die innere Fitness sein. Tatsächlich sind schwache oder parasitenanfällige Tiere normalerweise sogar für das menschliche Auge weitaus weniger schön anzuschauen als ihre gesunden, kraftstrotzenden Konkurrenten.

Erkennungszeichen

Eine andere Erklärung für den oft recht seltsamen Schmuck männlicher Tiere wäre, dass er es den Weibchen nicht nur erleichtert, einen genetisch gut gepolsterten Artgenossen zu finden, sondern überhaupt einen Artgenossen. Bei sich sonst sehr ähnlichen, eng verwandten Arten wäre das von Vorteil. Eindrucksvolle Hinweise auf diesen Mechanismus fanden Meeresbiologen im Jahr 2008 bei Schnabelwalen. Ihre Weibchen erkennen männliche Artgenossen offenbar an der Form ihrer weitgehend nutzlosen und sogar hinderlichen großen Zähne.

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Solche sekundären Geschlechtsmerkmale könnten also auch mit dafür sorgen, dass sich Arten aufspalten und nicht wieder vermischen - und damit zur Lösung eines ganz anderen Darwinschen Puzzles beitragen. Ein Experiment in freier Wildbahn, bei dem den Walen Zähne gezogen und transplantiert werden, ist allerdings nicht geplant.

Verschiedene Funktionen

Wahrscheinlich gibt es also bei unterschiedlichen Tiergruppen unterschiedliche Ausprägungen und Bedeutungen der sexuellen Selektion. Aber es kann natürlich auch sein, dass der liebe Gott uns mit all dem Schmuck, den er so erfunden hat, nur ein wenig auf die Probe stellen will.

Zur Überprüfung dieser Alternativhypothese ist bisher aber keinem Wissenschaftler oder Vertreter der "Intelligent Design"-Richtung ein Experiment eingefallen. Bis auf weiteres hat Darwin auch hier recht behalten. Sein Bart war sicher auch nicht immer bequem zu tragen. Aber er hatte mit seiner Frau Emma immerhin zehn Kinder. Richard Friebe

Quelle: F.A.S.
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