Soziale Insekten

Wie Ameisen Staat machen

Von Georg Rüschemeyer
07.01.2009
, 13:47
Zwei Blattschneiderameisen bei der Arbeit
Soziale Insekten wie Ameisen und Bienen können nicht nur auf eine lange Faszinationsgeschichte zurückblicken. Sie stellen auch evolutionäre Erklärungen der Möglichkeit und Herausbildung ihrer arbeitsteiligen Gesellschaften auf die Probe.
ANZEIGE

Wie es sich anfühlt, in erster Linie ein Eierstock zu sein, könnte am ehesten eine Königin der Südamerikanischen Blattschneiderameisen (Attini) erzählen: Nachdem sie auf ihrem Hochzeitsflug an die 200 Millionen Spermien ihrer Freier in einer Körpertasche gespeichert und in einem provisorischen Bau ihre ersten Töchter großgezogen hat, verlegt sie sich für ihr restliches, bis zu 14 Jahre währendes Leben ausschließlich auf ihre Kernkompetenz: das Eierlegen.

ANZEIGE

Aber auch die restlichen Aufgaben in einem mehrere Millionen Tiere umfassenden Blattschneiderstaat werden von ausgesprochenen Spezialisten ausgeführt: In den Baumwipfeln der Umgebung beißen Arbeiterinnen mit kräftigen Kiefern große Stücke aus den Blättern und tragen sie in einer endlosen Prozession, die von fast doppelt so großen Soldatinnen beschützt wird, zum Bau. Dort übergeben sie ihre Last an kleinere Heimarbeiterinnen, die das Grünzeug weiter zerkleinern und an winzige Artgenossen im Inneren des unterirdischen Baus weiterreichen. Diese zerkauen es zu einem Brei, der als Substrat zur Zucht der eigentlichen Ameisennahrung dient, eines Pilzes, der anders als ein Ameisenmagen fähig ist, die Zellulose der Blätter zu verdauen. Von dem schnell wachsenden Geflecht aus Pilzfäden ernten die winzigen Gärtnerinnen die Nahrung der Kolonie, mit der sie ihre größeren Baugenossinnen füttern, die zu solch einer Feinarbeit selbst nicht in der Lage wären.

Wilsons Soziobiologie

Wie es sein kann, dass sich die Arbeiterinnen eines Ameisenstaates ganz ohne moralphilosophische Erwägungen (zu denen ihre winzigen Nervenzell-Ganglien auch gar nicht fähig wären) für das Wohl des Staates entscheiden, dabei komplett auf eigene Nachkommen verzichten und bei der Verteidigung ihres Nests auch, ohne mit den Komplexaugen zu zucken, ihr Leben opfern, ist eine der zentralen Fragen der Evolutionsbiologie. Denn auf den ersten Blick scheint ein solch altruistisches Verhalten kaum zu einer Theorie zu passen, die oft und fälschlich mit dem Kampf ums Dasein und dem Überleben des Stärkeren gleichgesetzt wird. Antworten sucht die Soziobiologie, die ihren Namen Mitte der 1970er Jahre von dem Harvard-Entomologen Edward Osborne Wilson erhielt, aber auf theoretische Konzepte aus den Fünfzigern zurückgeht. Ihre Grundannahme ist, dass auch das Verhalten von Tieren im Wesentlichen von Genen gesteuert wird und damit genauso der evolutionären Auslese unterliegt wie Körperform oder Fellfarbe.

Wenn dem so ist, muss auch das scheinbar selbstlose Verhalten, wie es Ameisenarbeiterinnen, aber auch die Angehörigen anderer sogenannter eusozialer Tierstaaten, von den Termiten bis zu den Mullen, an den Tag legen, einen Vorteil für das Individuum beziehungsweise die in ihm verwirklichten Gene haben. Doch wie kann das sein, wenn doch die Gene einer sterilen Arbeiterin in einer evolutionären Sackgasse steckengeblieben zu sein scheinen?

ANZEIGE

Haldanes Verwandtenselektion

Eine Erklärung liefert das Konzept der Verwandtenselektion, das der britische Evolutionstheoretiker John Burdon Haldane erstmals im Jahr 1955 formulierte. Er generalisierte damit eine Idee, die schon Charles Darwin als Selektion auf Ebene der Familie beschrieben hatte und die in ihrer auffälligsten Form, dem aufopferungsvollen Brutpflegeverhalten vieler Tiereltern, kaum als Widerspruch zur Evolution angesehen wurde.

Haldane zufolge kann sich eine Genvariante (Biologen sprechen vom Allel) für altruistisches Verhalten dann in einer Population von Tieren ausbreiten, wenn die Empfänger dieser Hilfe Verwandte sind. Denn mit einer gewissen, vom Verwandtschaftsgrad abhängigen Wahrscheinlichkeit besitzt der Verwandte das gleiche Allel. Das Helfergen hilft mit dem Verwandten also letztlich nur seiner eigenen Ausbreitung - eine Sichtweise, die der britische Zoologe Richard Dawkins mit dem Schlagwort von den "egoistischen Genen" popularisierte.

ANZEIGE

Ob sich ein hypothetisches, frisch zum Helferallel mutiertes Gen in der Population ausbreitet, hängt demnach von einer schlichten Kosten-Nutzen-Rechnung ab: Stimmt das Produkt aus Verwandtschaftsgrad und Hilfe für den Fortpflanzungserfolg der Verwandtschaft, so kann es sich für ein Individuum durchaus lohnen, Kindersegen und selbst das eigene Leben zu opfern - so, wie es bei Ameisen und Bienen Alltag ist.

Was Altruismus meinen könnte

Mit der Theorie der egoistischen Gene lassen sich die meisten Beispiele eines altruistischen Verhaltens im Tierreich plausibel erklären. Doch diese genozentrische Sichtweise findet auch heftigen Widerstand, vor allem wo sie eins zu eins auf das menschliche Handeln übertragen wird. Kritiker aus den Geisteswissenschaften wenden zu Recht ein, dass dessen bedeutender individuell und kulturell erlernter Anteil ganz anderen Regeln gehorcht - mit Egogenen allein lässt sich Nächstenliebe etwa nach dem Beispiel von Mutter Teresa jedenfalls kaum erklären.

Auch unter Evolutionsbiologen ist das Gen als allein entscheidender Angriffspunkt der Selektion nicht unumstritten. Auf einer höheren Ebene setzt etwa die Anfang des 20. Jahrhunderts begründete Theorie der Gruppenselektion an: In ihr sind es ganze Sozialverbände, die im evolutionären Wettlauf mit anderen Verbänden konkurrieren. Altruistisches und kooperatives Verhalten gegenüber anderen Gruppenmitgliedern befördert demnach den Erfolg der Gruppe im Konkurrenzkampf mit anderen, weniger kooperativen Gruppen. Das hilft dann auch dem Individuum und führt so letztlich zur Verbreitung seiner altruistischen Gene.

ANZEIGE

Ein solches Verhalten "zum Wohle der Art" hat aber ein entscheidendes theoretisches Problem: Verliert ein Gruppenmitglied durch Zufall seine altruistischen Anlagen, so kann es ohne Gegenleistung vom sozialen Netz profitieren - seine Sozialschmarotzer-Gene sollten sich unweigerlich ausbreiten, der soziale Zusammenhalt der Gruppe bräche zusammen.

Stabilisierende Mechanismen

Tatsächlich scheint genau dies in vielen Insektenstaaten der Fall zu sein: So legen sogenannte anarchistische Arbeiterinnen, statt zu arbeiten, lieber selbst Eier in die Brutzellen. Doch auch im Ameisennest gibt es eine Polizei, die für die Stabilität der Insektengesellschaft sorgt: Andere Arbeiterinnen erkennen die Kuckuckseier am Geruch und fressen sie auf, zudem fallen Anarchistinnen häufiger schwesterlicher Aggression zum Opfer.

Ein solches, den Gruppenzusammenhalt stabilisierendes "Policing" könnte ein Ausweg aus dem theoretischen Problem der Gruppenselektion sein. Zu ihren Befürwortern gehört seit einigen Jahren auch Edward Osborne Wilson. Er propagiert die Theorie der Multi-Level-Selektion, nach der die Selektionskräfte gleichzeitig an Genen, Individuen und ganzen Gruppen angreifen. Die Grenze dazwischen hält Wilson ohnehin für fließend: In ihrem jüngsten Buch deuten er und sein deutscher Koautor Bert Hölldobler den gesamten Ameisenstaat als "Superorganismus": Verschiedene Arbeiterkasten übernehmen darin die Immunabwehr, die Verdauung und in Form der vielbeschworenen kollektiven Intelligenz sogar die Rolle eines Gehirns. Im Zentrum der Aufmerksamkeit bleibt jedoch die Fortpflanzung. Sie ist Aufgabe der ersten Dienerin des Staates, des Eierstocks des Superorganismus - der Königin.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE