Das genetische Erbe des Steinzeit-Sex

Ein Viertel vom „Anderen“

Von Sonja Kastilan
29.01.2014
, 23:12
Eine menschliche Nachbildung – und Stilisierung – im Neandertal-Museum in Mettmann.
Da kommt einiges zusammen: Die amourösen Verbindungen von Neandertaler und modernem Menschen haben genetisch doch mehr Spuren hinterlassen als man dachte. Was ist uns geblieben vom Urmenschen?
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Dass Homo sapiens und Homo neanderthalensis sich einst sehr nahe kamen, ist längst kein Geheimnis mehr. Es konnte nicht verborgen bleiben, dass sie gemeinsam Kinder zeugten, denn die Spuren finden sich noch heute in unserem Erbgut: in den Chromosomen der Menschen europäischer und asiatischer Abstammung. Wie viele Erbinformationen uns der Steinzeit-Sex nachweislich bescherte, haben jetzt zwei wissenschaftliche Publikationen in „Nature“ und „Science“ zu klären versucht. Diesen aktuellen Studien zu Folge blieben zwanzig bis dreißig Prozent des genetischen Neandertaler-Erbes erhalten - wenn man die unterschiedlichen auf alle modernen Menschen verteilten Sequenzschnipsel aufaddiert. Im Durchschnitt besitzt jeder einzelne nur wenige Prozent davon, Asiaten wiederum etwas mehr als Europäer.

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Die Vermischung hat erst stattgefunden, nachdem der moderne Mensch seinen Weg aus Afrika fand, und sie liegt höchstens 90.000 Jahre zurück. Späte Auswanderer trafen damals auf entfernte Verwandte, die sich im Verlauf der Jahrtausende bereits an die anderen Lebensbedingungen anpassen konnten. Seitem das Team um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig angefangen hat, DNA aus uralten Knochen zu gewinnen, sind direkte Vergleiche möglich - zwischen den Sequenzen heute lebender Menschen und Vertretern des inzwischen ausgestorbenen Zweigs unseres Stammbaums.

Vetter und Ahne: Ist da noch mehr außer Haut und Haare?
Vetter und Ahne: Ist da noch mehr außer Haut und Haare? Bild: dpa

Die Daten lassen zunehmend präzisere Interpretationen zu, und in „Nature“ berichten nun Pääbo, David Reich, Sriram Sankararaman und ihre Kollegen, dass das archaische Erbe zum Beispiel besonders Haut und Haare prägt, was möglicherweise auf eine Anpassung an die neue Umgebung hindeutet – und demnach von Vorteil war. Wobei Europäer offenbar andere Varianten erbten als Asiaten. Aber auch heute auftretende Krankheiten wie Lupus, Morbus Crohn, Diabetes Typs II oder sogar das Rauchen dürften demzufolge durch Gene des Neandertalers beeinflusst werden.Das Team um Pääbo und ebenso die Genetiker Benjamin Vernot und Joshua Akey aus Seattle stießen allerdings auch auf auf Bereiche, in denen vergleichsweise wenige Spuren zu finden waren. Eine derart auffällige „Wüste“ ist beispielsweise das X-Chromosom, eines der beiden Geschlchtschromosomen.

In „Science“ mutmaßen die beiden Genetiker aus Seattle, dass der Genfluss zwischen modernem Mensch und Neandertaler beim Zusammentreffen bereits erschwert war. Ihre Linien waren zu lange getrennt. Die Vereinigung der Sequenzen könnte von Nachteil für die Fortpflanzung gewesen sein, denn besonders fruchtbar war ihre Kombination offenbar nicht. Ähnliches vermuten David Reich und seine Kollegen. Der Grund ist, dass das X-Chromosom wichtige Gene für die männliche Fruchtbarkeit beherbergt, und bestimmte Abschnitte lagen ausgerechnet in den Genombereichen, wo das Neandertalererbe fehlte. Wieso, darüber wird jetzt spekuliert, aber welche Prozesse auch immer dazu führten: Reiner Zufall ist es nicht. Nicht nur an dieser Stelle setzte sich Homo sapiens genetisch durch.

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Nach dem Neandertaler in uns fahndete man in Seattle mit Hilfe spezieller Computerprogramme: Die Ergebnisse beruhen allein auf der Analyse moderner DNA-Sequenzen. Die Forscher sind überzeugt, dass sich mit ihrem „fossilienfreien“ Ansatz auch das Erbe anderer Hominiden aufspüren und untersuchen lässt - im Prinzip zumindest. Also mal schauen, was Homo erectus uns alles hinterlassen hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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