200. Geburtstag Rudolf Virchow

Als Bismarck Rudolf Virchow zum Duell forderte

Von Sonja Kastilan
12.10.2021
, 19:29
Der Sozialmediziner Rudolf Virchow
Als Sozialhygieniker trat Rudolf Virchow gegen Typhus, Ruhr sowie Cholera an. Als Politiker machte er sich für die Demokratie stark, lieferte sich mehr als einen Kulturkampf – und brachte die Berliner Kanalisation auf den Weg.

Zwölf Radialsysteme hielten Berlin sauber. Pumpwerk V ging 1881 in Betrieb, und 1905 wurde das imposante Backsteingebäude am Ufer der Spree nochmals erweitert. Mittlerweile dient es als Kulturzentrum, in dem unter anderem eine Tanzcompagnie zu Hause ist und ein Hygienekonzept neuerdings auf 3 G besteht. Wo Besucher heute medizinische Masken tragen, weil tödliche Coronaviren die ganze Welt plagen, pumpten Maschinen bis Ende der Neunzigerjahre Fäkalien aus der Stadt: Von Friedrichshain aus floss das Abwasser nach Falkenberg, auf ein Rieselfeld, von denen es besonders im Norden und Süden Berlins einige gab.

Mehr als 10.000 Hektar wurden auf diese Weise nicht nur gedüngt, sondern im Verlauf der Jahrzehnte potentiell mit Schwermetallen verseucht. Bevor man dort aber den Anbau von Obst oder Gemüse stoppte und sich über die beste Altlastensanierung Gedanken machte, herrschte eine Win-win-Situation, die Rudolf Virchow im Dezember 1872 auch in seinem Generalbericht zur „Reinigung und Entwässerung Berlins“ berücksichtigte. Darin sind Pläne und Arbeiten einer „städtischen gemischten Deputation“ zum Thema versammelt, so wurden den Kosten für Bau und Betrieb der geplanten Radialsysteme mitsamt Pumpwerken, gemauerten Kanälen und darüber liegenden Leitungen aus gebrannten, glasierten Tonrohren die Ersparnisse entgegengehalten, die sich aus der reduzierten Straßenreinigung sowie Abfuhr ergeben, weil Senk- oder Abtrittsgruben für menschliche Exkremente entfielen, wenn auch nicht der Stallmist.

Neben der Einschätzung, wie viel Rieselfläche je 100.000 Einwohner nötig wäre, werden Versuche mit Ryegras und dessen Eignung als Grünfutter für Milchkühe erläutert, sogar die Trockensubstanz ist angegeben, die für einen Erwachsenen pro Jahr an Harn und Kot anfällt, in der Summe 95 Pfund. All diesen Berechnungen stellt der Mediziner ausführliche Analysen von Bodenbeschaffenheit, Grund- und Brunnenwasser sowie Statistiken zu Infektionskrankheiten und Sterblichkeiten in den Stadtteilen voran.

Rudolf Virchow, Lupe
Rudolf Virchow ist den meisten nur als Pathologe ein Begriff. Er war aber auch als Politiker sehr aktiv, und seine Betrachtungen zu sozialen Aspekten von Gesundheit und Medizin machten ihn auf der ganzen Welt berühmt. Bild: Bettmann/CORBIS

Die Bakteriologie ist damals zwar erst in ihren Anfängen, die meisten Erreger sind noch nicht einmal bekannt, aber Virchow erkennt wichtige Zusammenhänge: „Die Zahl der Häuser, in welchen Cholera-Erkrankungen vorkamen, war ungleich größer in der Kategorie der schlechten und sehr schlechten Trinkwasser, als in derjenigen der mittelmäßigen und guten“, interpretiert er die Daten zur Cholera-Epidemie 1866, der Tausende zum Opfer fielen, was die Behörden veranlasste, die Hygiene in der Stadt bald mittels Kanalisation zu verbessern. Bestehende Pläne erwiesen sich als unzureichend, die Deputation ergänzte sie um notwendige Untersuchungen und arbeitete dann knapp vier Jahre lang an diesem Riesenprojekt.

Doch das Protokoll einer Sitzung vom 14. Mai 1873, dessen Original im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften neben vielen weiteren Dokumenten aus Virchows Nachlass verwahrt wird, kann deshalb als Sieg für die wissenschaftliche Akribie des Sozialhygienikers, der zuvor schon die Fleischbeschau und den Bau neuer Krankenhäuser anregte, und seiner geschätzten Kollegen betrachtet werden: Es werden die Mittel für das erste Radialsystem bewilligt, No. III in Kreuzberg, die Bildung der städtischen Baukommission für die Kanalisation beschlossen und der heute dafür weltweit berühmte Baurat James Hobrecht als Chefingenieur mit der Ausführung beauftragt. Bis 1909 sollte es dauern, seine Pläne insgesamt umzusetzen, da ist der Berliner Stadtplaner schon sieben Jahre tot.

Den Generalbericht zur Stadt mit den rund 5600 Brunnen und 880.000 Einwohnern schließt Rudolf Virchow mit beinahe staatstragenden Worten: „Nur durch ein Zusammenwirken Vieler in verschiedenen Richtungen wird das für die Gesundheit der Bevölkerung am meisten Zuträgliche gefunden und Berlin des Ruhmes, den es früher, wenigstens mit einigem Rechte, genossen hat, des Ruhmes eine gesunde Stadt zu sein wieder teilhaftig werden können.“ Gemeint ist hier nichts anderes als „Public Health“, eine öffentliche Gesundheit, mit der sich Virchow schon 1848 als junger Prosektor an der Charité intensiv auseinandersetzte. Seine fast 200 Seiten umfassenden „Mitteilungen über die in Oberschlesien herrschende Typhus-Epidemie“ beschäftigten sich deshalb nicht nur mit Krankheit und Tod, sondern auch mit der Kultur und den widrigen Lebensverhältnissen der besuchten Bevölkerung, ihrer (Mangel-)Ernährung, ihren einzigen Quellen des Genusses – Branntwein und Beischlaf. Am Ende macht er sich recht stürmisch für Bildung und Demokratie stark.

An dieser Überzeugung hält er zeitlebens fest, aber nun, immerhin ein Vierteljahrhundert später, ist der zum Politiker gereifte Sozialmediziner zu erkennen, der die liberale Fortschrittspartei mitbegründete, für die er später auch im Reichstag sitzen wird, und der sich schon im Berliner Abgeordnetenhaus mit dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck heftige Rededuelle lieferte. Im Sommer 1865 spitzte sich beispielsweise die Diskussion um das Militärbudget zu: Virchow zweifelt die Wahrhaftigkeit seines politischen Kontrahenten an, woraufhin Bismarck erzürnt Genugtuung verlangt, sprich: ihn offiziell zum Duell herausfordert. Natürlich lehnt Virchow ab und greift nicht zur Pistole; der Mediziner entschuldigt sich, ohne allerdings von seinen Vorwürfen abzurücken.

Das Erbe der Charité, heißt heute auch „global health“

Diese und weitere Staatsaffären mitsamt dem „großen Kulturkampf“, wie Virchow den nach Kriegsende 1871 auflodernden Konflikt zwischen Staat und Kirche nennt, lassen sich wunderbar nachlesen in einer aktuellen Doppelbiographie, die sowohl Hermann von Helmholtz als auch Rudolf Virchow gewidmet ist: zwei berühmten deutschen Naturwissenschaftlern, beide Jahrgang 1821, deren teils parallel, doch anders verlaufende Karrieren hier unter dem Titel „Die Idee des Humanen“ zusammengeführt werden (256 Seiten, Hirzel, Mai 2021).

Im Team geschrieben, spüren dabei zwei Autoren dem „Erbe der Charité“ nach, was bedeutet, dass Ernst Peter Fischer und Detlev Ganten diese „zwei Leben, ein Ziel“ in ein größeres Konzept einbetten, indem sie zuerst in die Medizingeschichte einführen, ohne die kaum zu begreifen wäre, was Virchow und Helmholtz geleistet haben. Doch die Autoren bleiben dann auch nicht am Anfang des 20. Jahrhunderts stehen, sondern verfolgen den Wandel zur modernen Medizin und Forschung, mit all ihren Möglichkeiten, die für Diagnostik und Behandlung zur Verfügung stehen. Und natürlich spielt Berlin als ein „Ort der Wissenschaft nach der Vereinigung“ eine besondere Rolle, die der Pharmakologe Detlev Ganten unter anderem als Mitglied des Wissenschaftsrats mitgestaltet hat.

Alle seine Ämter aufzuzählen würde eine lange Liste ergeben, Ganten kann allein schon als Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch als ein Erbe Virchows gelten, als Gründungspräsident des „World Health Summit“ 2009 ist er es noch mehr. Diese Konferenz, die auch in diesem Jahr Ende Oktober stattfindet, betrachtet Gesundheit in ihrer globalen Dimension. Aus der Idee, 300 Jahre Charité zu würdigen, ist ein internationales Forum für ein riesiges interdisziplinäres Netzwerk entstanden, an das die Politik gleich von Anfang an einbezogen wurde. Und dass es längst nicht mehr genügt, ein Dorf abzuriegeln und zu warten, bis etwa ein Typhus-Ausbruch wieder vorbei ist, führt uns spätestens die Corona-Pandemie vor Augen: Die Welt ist komplex – und Gesundheit die Summe sehr vieler einzelner Aspekte oder Probleme, die alle für sich bedeutsam sind.

„Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen“

Ganten, der ein paar Jahre als Vorstandsvorsitzender der Charité wirkte und dem Nationalen Ethikrat angehörte, ist ein gutes Beispiel für einen Forscher, der sich zum Wissenschaftsmanager wandelte. Er selbst sagt dazu im Gespräch, er sei nicht raus aus der Wissenschaft, nur nicht mehr im Labor. Wer als Grundlagenforscher in die Tiefe gehen wolle, könne nebenher nicht auch noch Politik gründlich betreiben, für diese Hauptberufe gebe es jeweils verschiedene Phasen im Leben, wie es bei Virchow zu beobachten sei. „Wissenschaft, wenn man sie richtig macht, hat immer gesellschaftliche Relevanz, das gilt insbesondere im Bereich der Biomedizin“, sagt Ganten, durch Virchows berühmtes Zitat ergänzt: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“

Die unglaubliche Vielfalt und die Akribie, mit der Rudolf Virchow seine Themen und Interessen verfolgte, sagt Ganten, hätten ihn überrascht. Der Pathologe ging den Fragen nach, vermittelte anderen jedoch nie, er habe, salopp gesagt, die Weisheit für sich gepachtet. Und er lag zwar bei der Interpretation des Schädels aus dem Neandertal falsch, wie man heute weiß, es gelang ihm aber auch, Fehler anderer zu korrigieren. Für Bildung sowie Demokratie sprach er sich stets aus und kämpfte auf politischer Ebene für die Wissenschaft. Einen Aufsatz im „British Medical Journal„ zum Wert pathologischer Experimente schließt er 1881 mit den Worten, es gebe keinen Grund „to fear science for itself“. Zu kommunizieren, was Wissenschaft und Forschung bedeuten, wie glaubwürdig Fakten sind und was unangreifbares Wissen ist, das gehört zu den Herausforderungen, denen sich Forscher heute mehr den je stellen müssen.

Der Ausbau des Berliner Kanalsystems wirkte sich für die Stadt und ihre Bürger positiv aus. Gebannt war die Gefahr einer Cholera-Epidemie, die Fallzahlen anderer Krankheiten gingen auch zurück. Auf den Rieselfeldern lässt sich das Vermächtnis des fortschrittlichen Radialsystems erwandern, manchmal sind sogar die alten Rohre zu sehen. Welche Pflanzen und Tiere sich dort ansiedeln, wird zum Beispiel rings um Hobrechtsfelde untersucht. Der Wandel einst verseuchter Flächen zu einem artenreichen Gelände und öffentlichen Naturpark sei ganz im Sinne Virchows, sagt sein Biograph. Darüber hätte er sich gefreut.

Biographisches

Rudolf Ludwig Carl Virchow wird am 13. Oktober 1821 in Schivelbein/Pommern (heute Świdwin, Polen) geboren. Er wächst als wissbegieriges Einzelkind auf, das erst eine Dorfschule und von 1835 an das Gymnasium im rund 55 Kilometer entfernten Köslin besucht. „Ein Leben voll Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern eine Wohltat“ ist 1839 Thema seiner Arbeit zur Reifeprüfung – wirkt wie ein Lebensmotto.

Das Medizinstudium tritt Virchow im Oktober 1839 an der Pépinière in Berlin an, der militärärztlichen Akademie. Er wird im April 1843 Unterarzt an der Charité, wo er fortan auch wohnt, und promoviert bei Johannes Müller über die „Hornhaut des Menschen und ihr Rheuma“. Von 1844 bis 1846 assistiert Virchow dem Prosektor Robert Froriep, dessen Nachfolge er dann bis 1849 übernimmt, und 1847 habilitiert er sich mit „De osseficatione pathologica“.

Das Jahr 1848 beeinflusst Virchows Karriere und Leben in vielfacher Hinsicht: Im Auftrag der Regierung reist er im Februar nach Oberschlesien, um eine Fleckfieber-Epidemie zu untersuchen; im Bericht klingt bereits sein Konzept einer Sozialmedizin an. Im Juni bringt er erstmals seine Zeitschrift für „Medicinische Reform“ heraus, die nach einem Jahr wieder eingestellt wird. Während der Märzrevolution ist er an Straßenkämpfen aufseiten der aufständischen Demokraten beteiligt und nimmt Ende Oktober an deren Kongress in Berlin teil. Seine „agitatorischen Wahlumtriebe“ kosten ihn die freie Unterkunft und in gewisser Weise auch den Job, der angedrohten Amtsenthebung kommt er jedoch zuvor.

Einem Ruf nach Würzburg folgt Virchow deshalb 1849 und heiratet im August 1850 Rose Mayer, die elf Jahre jüngere Tochter eines Berliner Kollegen, mit der er sechs Kinder großzieht. Als Ordinarius für pathologische Anatomie entwickelt er hier an der Universität die Grundlage für sein berühmtes Werk zur Zellularpathologie und untersucht in „Die Noth im Spessart“ die sozialen Aspekte von Gesundheit. 1852 nimmt ihn die Leopoldina auf.

Zurück nach Berlin zieht es Virchow mitsamt Familie 1856. Er nimmt eine eigens geschaffene Professur an, die ihm ein neues Institut für Pathologie beschert, beginnt den Aufbau seiner Sammlung und ist mehrmals Dekan der Medizinischen Fakultät, später auch Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute HU). Nebenbei gründet er 1866 die „Zeitschrift für Ethnologie“, 1869 die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie (. . .) und später das Völkerkundemuseum in Berlin; 1879 reist er mit dem befreundeten Heinrich Schliemann zur Troja-Grabung und im „Dreikaiserjahr“ 1888 nach Ägypten.

In den Preußischen Landtag wird Virchow 1862 gewählt, schon seit 1859 (bis zu seinem Tod) gehört er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an und ist einer der Gründer der Fortschrittspartei, für die und für deren Nachfolgepartei er von 1880 bis 93 dann auch im Deutschen Reichstag sitzt. Dass Berlin als eine der ersten Städte Europas eine Kanalisation erhält, geht auf sein Engagement für die öffentliche Gesundheitspflege zurück. 1891 wird er 70 – und an seinem Geburtstag zum Ehrenbürger Berlins erklärt.

Seinem Tod am 5. September 1902 ging ein Unfall voraus: Im Januar 1902 stürzte Virchow beim Verlassen der Straßenbahn auf dem Weg zu einer Sitzung und zog sich dabei einen Oberschenkelhalsbruch zu. Seine Grabstätte auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg liegt übrigens in Nähe von den Gräbern der Brüder Grimm.
sks

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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