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Wie viele Kinder leiden?

Die angeknackste Psyche der Jugend

Von Joachim Müller-Jung
 - 20:17
Wenn als Kind Traumata erlebt werden, kann dies zu epigenetischen Veränderungen führen, die Depressionen hervorrufen.

Sind deutsche Kinder und Jugendliche besonders sensibel – oder psychisch anfälliger als in anderen Ländern? Auf den ersten Blick deutet einiges darauf hin. Die jetzt veröffentliche Europäische Gesundheitsbefragung (EHIS), die das Robert-Koch-Institut und damit eine Bundesbehörde herausgebracht hat, legt das nahe.

Jüngere Menschen in Deutschland geben demnach überdurchschnittlich oft Symptome an, die als Depression – wenn auch meistens nicht als schwere depressive Störung – zu deuten sind: 11,5 Prozent – der jüngeren Menschen im Land werden nach der Befragung von insgesamt mehr als einer Viertel Million EHIS-Studienteilnehmern als Menschen mit „leichter depressiver Symptomatik“ eingestuft.

Die Quote liegt mehr als doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt. Als „Jüngere“ werden dabei 15-jährige bis 29-jährige Teilnehmer erfasst. Doch auch bei den Erwachsenen liegt Deutschland über dem europäischen Schnitt, wenn auch nicht so klar darüber wie bei den Jüngsten.

Die Frage, ob Deutschlands Jugend ein größeres Problem mit psychischen Krankheiten hat als andere Staaten, lässt sich aber nach Auffassung des Studienautors Ulfert Hapke vom RKI damit noch nicht beantworten. Zumal in Italien, Portugal und Rumänien sogar noch höhere Quoten bei den Jüngeren ermittelt wurden. Hapke hält es für wahrscheinlich, dass in Deutschland psychische Probleme einfach öfter erkannt und auch von Ärzten inzwischen eher diagnostiziert werden. In den Familien wird dieser Deutung nach inzwischen auch offener über psychische Probleme gesprochen. Der Mediziner führt das nicht zuletzt auf einen veränderten öffentlichen Umgang mit psychischen Leiden zurück. Seit 2006 ist die Stärkung von Prävention und Behandlung von Depressionen außerdem als nationales Gesundheitsziel verortet.

Das würde zwar erklären, warum die Betroffenen in Befragungen offener damit umgehen, es verkleinert allerdings das Problem nicht. Die DAK-Krankenkasse will in einer eigenen Studie nach Auswertung von Abrechnungsdaten herausgefunden haben, dass sogar ein Viertel der Schüler mit seelischen Problemen zu kämpfen hat. Alle psychischen Erkrankungen bei Kindern und Teenagern zusammen machten im Bundesschnitt rund 24 Prozent aller Diagnosen bei DAK-Versicherten aus.

Darunter fallen aber in der Studie nicht nur Depressionen oder Angststörungen, sondern auch weit verbreitete Entwicklungs- und Verhaltensstörungen wie Sprach- und Sprechprobleme sowie das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Echte Depressionen wurden nur bei zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen diagnostiziert, Angststörungen wurden in 2,3 Prozent der Fälle dokumentiert. Oft kommt bei den betroffenen Kindern beides zusammen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in Frankfurt am Main. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Krankenkasse als realistisch ein.

Die Stiftung geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Betroffene. Fachleute seien sich heute einig, so Hegerl gegenüber der dpa, dass die Neigung zu Depressionen in Deutschland nicht steigt. Vielmehr gebe es mehr Diagnosen, weil Ärzte das Leiden besser erkennen und mehr Menschen als früher bereit sind, sich Hilfe zu suchen.

Quelle: FAZ.NET / dpa
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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