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Der eierlegende Gemüse­fliegenfisch

Von THORSTEN SCHÄFER und JOHANNA HILBIG
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22.08.2018 · Die Aquakulturen erfinden sich neu – auch, weil weltweit immer mehr Fisch gegessen wird. Ernährung und Haltung der Tiere werden radikal umgestellt, einige Betriebe versehen es mit Bio. Wie viel Zukunft haben diese Kreislaufsysteme?

Geschäftsführer Eric Nürnberger, Fischmaster Foto: Philip Gerhardt

A uf den ersten Blick passt auf dieser Hofreite in Trebur-Hessenaue nichts zusammen: Hinter der Einfahrt mit ihren Stacheldrahtzäunen stößt der Besucher auf ein Lappland-Zelt, einen hessischen Biergarten und einen Ostsee-Fischkutter, der neben einer der Lagerhallen steht. Rechts geht es zu schön hergerichteten Fachwerkhäusern, dazwischen Traktoren, Bagger – und ein kleines Gewächshaus. Und wer durch die Fenster einer der Hallen blickt, sieht eine Schlachtanlage, wie bei einer Fleischerei. Nur ein bisschen anders. Auf dem Areal des Betriebs „Fischmaster“ ist alles ein bisschen anders. Was auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände das Auge erstmal verwirrt, ist aber nichts Anderes als das Sammelsurium der Anlagen und Instrumente eines Experimentierlabors, das an einer globalen Zukunftsfrage arbeitet: der Zukunft der Aquakultur, der Mast und Zucht von Fischen und Meerestieren.

Der IT-Unternehmer Eric Nürnberger hat auf dem zwei Hektar großen Areal in den vergangenen sechs Jahren einen Pionierbetrieb für nachhaltige Aquakultur aufgebaut. Daneben unterhält Nürnberger mit seinen 25 Mitarbeitern einen Hofladen, einen Online-Frischfischhandel und die Samenkote für die Wochenenden, wo dann im Zwei-Stunden-Takt Flammlachs serviert wird. Dazu kommt eine eigene Frischfischverarbeitung, ein Festboden unterm Dach und ein Biergarten mit Imbiss – Investitionen, „die eine Menge Zeit und Nerven gekostet haben“, wie er sagt.

Aquakultur: Forellenzucht

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Denn Nürnberger hat auf dem ehemaligen Militärgelände schon viele Denkmalschutzauflagen einhalten und Hindernisse beseitigen müssen – von Astbestplatten bis hin zur Frage, wie man rechtlich eigentlich Abwässer aus einer Fischzucht entsorgt. „Ich finde immer Lösungen“, sagt der IT-Fachmann, der „die Aquakultur revolutionieren will“, wie er betont. Für mehr Nachhaltigkeit, weil das Schwinden der globalen Fischbestände den Angler Nürnberger besorgt; immer wieder kommt er bei dem Rundgang durch seine Zucht der Zukunft darauf zu sprechen, wenn auch nur kurz. Denn er hat bei den Besuchen immer zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf, um sich einer Sache ganz lange zu widmen. Er will auch Geld verdienen, ist Unternehmer. Und Nürnberger möchte die Technologie verstehen, sie besser machen, weil er als Computeroptimierer darin eine persönliche Herausforderung sieht, mit seinen Fachkenntnissen aus der IT-Branche die Fischzunft besser zu machen – was in Deutschland neben wissenschaftlichen Stellen wie etwa dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) oder dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) nur wenigen ein Anliegen ist. Schon gar keinen Unternehmern. „Da stecken wir in den Kinderschuhen; es gibt viel zu wenig Förderung und Forschung“, sagt Eric Nürnberger.

Aus dem Zuchtbecken... Foto: Thorsten Schäfer
zum Transport Foto: Thorsten Schäfer

Dabei ist die Weiterentwicklung der Aquakultur dringend geboten: Kein Zweig in der Ernährungsbranche ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten so stark gewachsen wie die Zucht von Fischen und Krustentieren. Entsprechend groß ist der Anteil, den die klassische Aquakultur an der weltweiten Überfischung hat. Sie bleibt eines der großen Umweltprobleme der Gegenwart, wie der Weltfischereibericht der UN-Ernährungsbehörde FAO (Food and Agriculture Organisation) aus dem Jahr 2016 zeigt. Weltweit sind demnach knapp 60 Prozent der Bestände „fully fished“. Gemeint sind damit Fischbestände, die bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit, das heißt im Kern Reproduzierbarkeit, befischt sind. Gut zehn Prozent werden schonend bewirtschaftet. Wie in den vergangenen zehn Jahren gilt auch aktuell knapp ein Drittel der Populationen als überfischt, dreimal so viel wie Mitte der siebziger Jahre. Die Fischereiwirtschaft selbst leidet massiv unter der Überfischung und den ausgereizten Potenzialen: Durch die schwindenden Fischbestände gehen der Branche jährlich mindestens 50 Milliarden Dollar verloren, wie schon 2011 eine Studie der Weltbank zeigte.


Rekord: 167 Millionen Tonnen Fische und Krustentiere verarbeitet
FAO (Food and Agriculture Organisation) 2016

Foto: Philip Gerhardt

M it 167 Millionen Tonnen Fische und Krustentiere verbuchte die FAO 2016 einen neuen Rekord, noch nie wurde also so viel Fisch produziert. Es lohnt sich allerdings, genauer hinzusehen: Die Wildfänge an sich stiegen nur ganz leicht. Für Wachstum sorgt die Aquakultur, deren Produktion seit 2009 um fast die Hälfte angestiegen ist; nahezu jeder zweite heute gegessene Fisch kommt aus der Zucht, meist aus China oder auch Norwegen und Vietnam, die auf Platz zwei und drei der Liste stehen. Weil die Zucht von Fisch und Meeresfrüchten so stark wächst, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch weltweit erstmals bei über 20 Kilogramm, eine Verdopplung gegenüber den sechziger Jahren. Entsprechend sichtbarer sind auch die Siegel für Fisch aus nachhaltige Aquakultur geworden, die etwa Bioland, Naturland, Friends of the Sea oder der Aquaculture Stewardship Council (ASC) anbieten, der aber – ähnlich wie das Schwestersiegel MSC für wilden Fisch – wegen Wirtschaftsnähe und zu weicher Kriterien von Umweltorganisationen wie etwa Greenpeace kritisiert wird.

Der FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva unterstrich bei der Veröffentlichung des Weltfischereiberichtes das „enorme Potential der Aquakultur für Ernährungssicherheit und neu entstehende Arbeitsplätze.“ Dies kann aber nur gelingen, wenn aus der herkömmlichen Fischzucht eine nachhaltige Aquakultur wird, eine moderne Bio-Industrie, die in Kreisläufen funktioniert und den Druck auf die wilden Bestände im Meer reduziert. Oder gar keine Effekte auf die Populationen dort mehr hat.

Aquakultur: Zanderzucht

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Noch ist die Umweltbilanz der klassischen Zucht oft schlecht: In Südostasien werden Mangrovenwälder, die Kinderstube vieler Fischarten, abgeholzt, um dort immer mehr Shrimps- und Fischteiche auszugraben. „Die Shrimps werden schlecht ernährt, das Haltungswasser ist mit Futterresten und Ausscheidungen belastet. Die Tiere sind dann krankheitsanfällig sind und werden Medikamenten behandelt “, berichtet Carsten Schulz, Professor für Marine Aquakultur an der Kieler Christian-Albrechts-Universität und wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für marine Aquakultur (GMA).

In Irland, Schottland, Chile oder Norwegen belasten Kot und Futterreste aus der Lachszucht die Küstengewässer. Tiere entkommen außerdem häufig, kreuzen sich mit Wildlachsen und bedrohen so den ursprünglichen Bestand. Außerdem kommen Pestizide, Desinfektionsmittel und Antibiotika zum Einsatz, um die Produktivität zu erhöhen. Ein anderes Problem ist der enorme Bedarf an Kleinfischen, die Fischzüchter weltweit in Pellets, die auch Fischöl und Getreide enthalten, an die Raubfische in den Zucht- und Mastanlagen verfüttern. Nur wenige Zuchtarten wie etwa die Karpfenartigen sind Pflanzenfresser; für ihre Ernährung müssen daher keine anderen Fische gefangen werden. Der Bedarf an Futterfischen ist groß: Bis zu vier Kilo braucht es etwa, um etwa ein Kilo Lachs oder Kabeljau zu mästen. Noch höher liegt die Quote bei Thunfischen.

Entsprechend kritisch sieht der Fischereiforscher Rainer Froese vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung die herkömmliche Aquakultur. Man müsse dort „mehr menschliche Nahrung hineinwerfen als herauskommt“, sagt er auf Anfrage und zählt Arten wie Sardelle, Sardine, Sprotte, Heringe und Makrele auf, die als Futter für Zuchtfische stark befischt werden. Die Armen der Welt könnten sich darüber hinaus die eher teuren Arten der Aquakultur wie Lachs, Dorade oder Wolfsbarsch nicht leisten, betont Froese und schließt: „Die Aquakultur von Raubfischen wird die Welt nicht ernähren.“ Ähnlich kritisch äußern sich dazu der „World Ocean Review“, ein großer Zustandsbericht zu Ozeanen und Weltfischerei, den der mare Verlag regelmäßig aktualisiert und online stellt.

  • Wissenschaftler untersuchen Regenbogenforellen in einem Respirometer. Einem System zur Erfassung der Atmung und des Energiestoffwechsels der Fische. Die gewonnen Daten können je nach Fragestellung zur Optimierung der Futterzusammensetzung oder zur Optimierung der Haltungsumwelt (Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt, Nitratgehalt) in kommerziellen Anlagen genutzt werden. Foto: GMA
  • Fütterung der Karpfen in einem System zur Erfassung der Verdaulichkeit von einzelnen Rohstoffen im Fischfutter. Die gewonnenen Daten werden genutzt um den Fischmehlanteil im Fischfutter zu senken oder komplett durch pflanzliche Rohstoffe zu ersetzen. Foto: GMA
  • Versuch zur Erfassung der Verdaulichkeit verschiedener Futtermittelrohstoffe beim Zander, einer dämmerungsaktiven (lichtempfindlichen) Fischart. Auch hier ist das Ziel den Fischmehlanteil im Futter durch pflanzliche Alternativen zu ersetzen. Foto: GMA
  • Blick auf eine moderne Forschungskreislaufanlage. In einem Modul dieser Größe kann die komplette Wachstumsperiode vom Setzling (Jungfisch) bis zum fertigen Speisefisch untersucht werden. Foto: GMA

Forscher versuchen daher, dem Fischmehl, das nur zu kleinen Teilen ein Restprodukt aus unvermeidbaren Beifängen auf See ist, in einem ersten Schritt pflanzliche, proteinreiche Stoffe beizumengen. Erfolg gibt es mit Kartoffeleiweißen oder Rapsproteine, die dem Futter für Regenbogenforellen, Steinbutt und Wels beigegeben werden - ohne Nachteile für deren Wachstum. Weitere Erfolge sind dazu gekommen: Bei Lachsen ist es laut Carsten Schulz inzwischen möglich, den Fischmehlanteil in einer Futterration auf zehn Prozent zu reduzieren. „Der Rest besteht aus überwiegend pflanzlichen Rohstoffen. Das ist schon ein ziemlich großer Erfolg“, sagt Carsten Schulz. Er hält die Debatte zur Fischmehl-Problematik für überzogen (siehe Interview); dennoch will auch er die Anteile reduzieren und mittelfristig die Räuber in den Zuchtbecken von Futteralternativen überzeugen, die keine Umweltprobleme mehr nach sich ziehen. Und gleichzeitig - wie Fisch - die langkettigen, ungesättigten Fettsäuren enthalten, die Raubfische wie Kabeljau, Lachs, Forelle, Dorade, Wels oder Steinbutt offenbar brauchen. Und die ein rein pflanzliches Futter mit Raps- oder Kartoffelextrakten nicht enthalten kann. Manche schnellwachsende Algen erfüllen diese Kriterien jedoch, weshalb an ihnen geforscht wird. Aber auch Federn, Muscheln oder Fliegen, mit deren Mehl Wissenschaftler und erste Firmen in verschiedenen Projekten experimentieren.

Muscheln und Algen, die sich von den Abfällen der Fischzucht ernähren und dabei in der gleichen, vertikal gebauten Anlage mitten in der Stadt und ohne großen Platzbedarf, zum Fischfutter heranwachsen – das sind die Ideen der Forscher für neue Kreislaufsysteme, entwickelt in Studien wie „Fish in the City“ von der Kieler Albrechts-Universität. Oder am Berliner Leibniz-Institut, das für seine Tomatenfisch-Anlage, die Tomatenanbau mit der Zucht von pflanzenfressenden Buntbarschen verbindet, den Nachhaltigkeitspreis des Bundesforschungsministeriums bekam.

Auch die Frage, wie das neue Fischfutter überhaupt angenommen und aufgenommen wird, ist entscheidend. Ob es schwimmen oder sinken muss, um gefressen zu werden. Und was getan werden kann, um die Fische zum Genuss zu bewegen. Andere Themen sind technischer Art: In den neuen integrierten Kreislaufsystemen geht es darum, das Wasser stetig und keimfrei zirkulieren zu lassen. Bei Salzwasserfischen ist der richtige Salzgehalt des künstlichen Meerwassers die Herausforderung; noch gibt es viel Entwicklungsbedarf. Die Kosten der Anlagen sind daher für die Massenproduktion zu hoch, wie Carsten Schulz im Interview herausstellt.

In den USA und Kanada gibt es eine lebendige Szene von Aquakultur-Fans, die an solchen Themen in ihrer Freizeit tüfteln, mit Becken in der Garage, Onlineforen und Ausstellermessen. In Deutschland gibt es diese Subkultur der Aquakultur nicht; Eric Nürnberger ist die Ausnahme. Er besucht Seminare, Vorträge und Messen – und sehe immer die gleichen Gesichter, sagt der Südhesse, der seit Jahren eigene Systeme entwickelt, um den sensiblen, aber kulinarisch und wirtschaftlich vielversprechenden Zander zu züchten, „an den sich sonst keiner ran traut“.

Eric Nürnberger vor einem seiner Fischbecken Foto: Philip Gerhardt

An die 10.000 Setzlinge verkauft Nürnberger im Jahr an Angelvereine, Großhändler und andere Fischzüchter, die die kleinen Fische weiter mästen. Aber eben nicht züchten. Das machen neben Nürnberger, der vor 15 Jahren über eine Weiterbildung im Angelverein auf die Fischzucht kam, nur zwei andere Unternehmer in Europa. Denn der Zander ist die Diva im Fischreich - anfällig für Krankheiten, zu enge Besatzdichte, schnell fallende Wassertemperaturen, wechselnde PH-Werte und vieles mehr. „Wenn wir die Jungzander transportieren wollen, fangen wir drei Wochen vorher mit den Vorbereitungen an“, sagt der südhessische Fischzüchter. Entsprechend versiert muss sein Energiesystem sein. Es sei sehr nachhaltig, wie Nürnberger erklärt: „Unsere Anlage trägt sich regenerativ zu 70 Prozent selbst.“

Auf dem Dach erzeugt eine 100 KW-Photovoltaik-Anlage (PV) grünen Strom für die Zanderzucht, deren Becken auch so beheizt werden: Der PV-Strom treibt eine Hochtemperaturwärmepumpe an, die vor allem am Tag im Einsatz ist und dann in einem Pufferspeicher produziert – nachts greift die Anlage darauf zurück und beheizt die Fischzucht. Stromüberschüsse werden ins öffentliche Netz eingespeist; im Notfall springen ein Netzanschluss oder ein Notstromaggregat ein.


„Das ist hochmodern und sparsam. Doch da geht noch mehr“
Eric Nürnberger

„Das ist hochmodern und sparsam. Doch da geht noch mehr“, sagt Nürnberger und spricht von seinem neuesten Projekt: Einer integrierten „Aquaponik-Anlage“, in der gleichzeitig Zander und Gemüse gezüchtet sowie Biokohle für die nährstoffreiche Terra-Preta-Erde erzeugt wird – alles unter dem Dach einer bestehenden Biogasanlage im nahen Wallerstätten, die Eric Nürnberger mit zwei Teilhabern gekauft hat und bald umbauen will. „Food und Energy“ heißt das Projekt, das Nahrungserzeugung und Energieproduktion zusammenbringen soll, ganz ohne „fossile Energien, Dünger und Pflanzenschutzmittel“, wie auf der Website des Projekts zu lesen ist. Die ersten Versuche macht Nürnberger jetzt schon in Gewächshäusern auf seinem Hessenauer Betriebsgelände.

Auch das Fischmehl- und Futterproblem will Nürnberger in seiner Anlage lösen – mit der Schwarzen Soldatenfliege, die seit 2016 in Deutschland auch als Tierfutter eingesetzt werden darf und ein „super Kohlenstoffverwerter“ ist. Mit eigenen Fischabfällen will der Fisch-Unternehmer die Fliegen füttern und züchten; sie werden gemahlen und als Mehl an die Zander verfüttert, mit deren Exkrementen das Gemüse in 35 Gewächshäusern gedüngt wird. Der Strom kommt, wie heute schon, von Photovoltaikanlagen auf den Dächern, die Wärme liefert die in Wallerstätten bestehende Biogasanlage, deren Gärabfälle Nürnberger zusammen mit zugekauften Schlachtabfällen in einer Pyrolyse-Anlage bei 1200 Grad zu Biokohle umwandeln will. Diese braucht er als Filterstoff für die Aquakulturanlagen, wo sich die Kohle mit Nährstoffen und Mikro-Organismen anreichert. Aus diesem Substrat kann dann wieder das sehr fruchtbare Terra Preta, bekannt auch als „Schwarze Erde“, gemacht werden, das in den Gewächshäusern zum Einsatz kommt.

Herzstück dieser Vision soll die digitale, mit Sensoren arbeitende Steuerung sein, die alle Teile der Aquaponik-Anlage aufeinander abstimmt; derzeit entwickelt Nürnberger mit seiner IT-Firma eine Software dafür. „Wir wollen die Aquakultur revolutionieren und einen großen Schritt in Richtung Aquakultur 4.0 machen“, sagt Eric Nürnberger mediengeschult und fügt noch das letzte, vergessene Glied in der Zander-Produktionskette hinzu: „Hühner, ja, wir machen hier dann auch Bioeier und drehen den Kreislauf noch weiter“, sagt Nürnberger. „Wenn schon, dann richtig“.

Von Torsten Schäfer und Johanna Hilbig (Text) Filme: Philip Gerhardt, Benjamin Reibert, Marina Speer


Nächstes Kapitel:


Foto: Greenpeace, Daniel Beltrá

„Der steigende Fischbedarf kann nur durch Aquakultur abgedeckt werden“

Interview: MARINA SPEER
Foto: Greenpeace, Daniel Beltrá

Ein Gespräch über nachhaltige Aquakultur und die Zukunft der Branche mit Carsten Schulz, Professor für Marine Aquakultur an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

Carsten Schulz, Professor für Marine Aquakultur Foto: Privat

Ist eine nachhaltige, für den Konsum taugliche Aquakultur überhaupt möglich?

Ja, es gibt einige Formen der Aquakultur, die diesen Voraussetzungen entsprechen. Bei der Einschätzung der Nachhaltigkeit muss man aber zunächst den Begriff Nachhaltigkeit definieren. Es gibt ökonomische, soziale oder auch ökologische Nachhaltigkeitsdimensionen. Wir beschäftigen uns vor allem mit der ökologischen Nachhaltigkeit und versuchen dabei diese zu quantifizieren. Neben den Nährstoffausträgen gibt es viele weitere Faktoren, die mit der Umwelt interagieren: CO2-Ausstoß, Energieverbrauch, Landgebrauch oder das Versauerungspotential des Wassers. Das versuchen wir z.B. mit dem sogenannten „lifecycle assessment“.

Was ist das?

Wir versuchen alle Prozesse, auch die vorgelagerten, zur Herstellung eines Produktes zu berücksichtigen, um dann Verfahren hinsichtlich ihrer Umweltrelevanz zu bewerten. Und wir sehen, dass beispielsweise Durchflusssysteme auf der Ebene der Nährstoffausträge schlechter abschneiden als andere, aber dafür auf Ebene des CO2-Ausstoßes und auf Ebene des Landgebrauchs sehr gut sind. Habe ich also ein Gewässer, das eine hohe Nährstoffaufnahmekapazität hat, dann passt das System hier vielleicht trotz der Nährstoffausträge gut. Wenn aber Land knapp ist und man dem Gewässer keine Nährstoffausträge mehr zumuten kann, dann sind vielleicht Kreislaufanlagen besser integrierbar, weil diese sehr wenig Raum brauchen und eigentlich keine Nährstoffausträge haben. Kreislaufanlagen erkaufen das aber wiederum mit einem höheren CO2-Austoß infolge eines hohen Energieverbrauchs.

Ist das nicht auch eine finanzielle Frage? Geschlossene Kreislaufsysteme haben ja auch hohe Anschaffungskosten.

Das Kreislaufsystem ist sicherlich kein Allheilmittel. Sie sind teuer in der Anschaffung und im Betrieb, sie brauchen hochqualifiziertes Personal. Das führt letztendlich dazu, dass der Fisch in der Produktion vergleichsweise teuer ist und häufig nicht konkurrenzfähig. Aktuell ist es also noch relativ schwierig, Fisch aus Kreislaufanlagen rentabel zu produzieren. In anderen Ländern, insbesondere in Skandinavien, findet aktuell jedoch ein kleiner Paradigmenwechsel statt. So werden z. B. in Norwegen zunehmend Lachse in vergleichsweise großen Kreislaufsystemen in den ersten Lebensstadien oder auch bis zum Erreichen der Speisefischgröße aufgezogen.

Lachszucht in Norwegen Foto: Greenpeace, Daniel Beltrá

Ganzheitlich betrachtet: Wie würden Sie bestehende Fischzuchtfarmen einschätzen?

Fische schneiden grundsätzlich im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen, tierischen Erzeugnissen ziemlich gut ab. Stichwort Nährstoffverwertung: Die ist bei Fischen inzwischen höher als bei der Hühnerproduktion. Die sehr effiziente Verwertung der Nährstoffe führt dazu, dass je Kilogramm produziertem Fisch auch weniger Nährstoffe ausgetragen werden. Von daher gibt es diverse Vorteile bei der Fischproduktion gegenüber der landwirtschaftlichen, tierischen Erzeugung.

Finden Sie, da wird mit zweierlei Maß gemessen, wenn man Aquakultur mit herkömmlicher Landwirtschaft vergleicht?

Die öffentliche Meinung zur Aquakultur ist häufig ziemlich negativ. Es wird in den Medien nicht genügend differenziert zwischen verschiedenen Systemen oder der Herkunft von Aquakulturprodukten. Grundsätzlich muss man festhalten, dass Tiere, die an Land oder im Wasser gefüttert werden, Nährstoffe ausscheiden. Da unterscheidet sich der Fisch nicht von der Kuh oder dem Huhn. Allerdings ist es ungleich schwieriger, Nährstoffe, die im Wasser gelöst oder partikulär vorliegen, wieder zu entnehmen. Da haben die Landtiere doch einen gewissen Vorteil, da deren Exkremente technisch leicht aufgefangen werden können.

Aber es gibt doch auch problematische Aspekte bei Fischzuchten.

Ja, es gibt einige Systeme und einige Verfahren, die optimierbar sind. Das bezieht sich vorrangig auf Systeme, die in Südostasien praktiziert werden. Zum Beispiel die Shrimp-Aquakultur ist häufig mit Problemen konfrontiert. Die Shrimps werden dabei schlecht ernährt, das Haltungswasser ist mit Futterresten und Ausscheidungen der Shrimps belastet. Diese sind dann krankheitsanfällig und müssen medikamentös behandelt werden. All das ist suboptimal und könnte vermutlich durch ein besseres Informations- und Ausbildungssystem, durch bessere Futtermittel und optimierte Haltungstechnik verbessert werden.

Ein weiterer Kritikpunkt an Aquakulturen ist, dass die gezüchteten Fische mit Fischmehl und Fischöl gefüttert werden. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

Dass die Verwendung von Fischmehl in der Aquakultur per se als negativ eingeschätzt wird, finde ich unangebracht. Die Menge an Fischmehl und Fischöl, die jährlich produziert wird, stagniert, fällt sogar leicht ab, ganz im Gegensatz zur Aquakulturproduktion, die stetig steigt. Es gibt also keinen direkten Zusammenhang zwischen Aquakulturproduktion und Fischmehlproduktion. Zudem ist die Fischerei zur Fischmehlproduktion mittlerweile in großen Teilen auf nachhaltigem Ertragsniveau reglementiert. Was man aber schon sieht ist, dass in den vergangenen 20 Jahren die Verwendung von Fischmehl in Richtung Aquakultur geht. Vor 30 Jahren ging der überwiegende Teil in die Ernährung von Huhn und Schwein. Nichtsdestotrotz ist das Angebot an Fischmehl- und -öl begrenzt und ein potentiell limitierender Faktor bei der zu erwartenden weiteren Expansion der Aquakulturproduktion.

Außerdem wird bei der Fütterung von Fischen inzwischen versucht, auf andere Futtermittel umzusteigen. Wie funktioniert das?

Durch die zunehmende Verknappung ist der Preis für Fischmehl und Fischöl rasant angestiegen. Deshalb können wir uns heutzutage gar nicht mehr leisten, große Mengen davon in den Futtermitteln zu verarbeiten. Ich arbeite relativ viel im Bereich der Fischernährung, und natürlich versuchen wir, den Einsatz von Fischmehl zu reduzieren. Inzwischen ist es zum Beispiel in der Ernährung von Lachsen möglich, mit nur noch ca. 10 Prozent an Fischmehl in der Ration darauf nahezu verzichten zu können. Der Rest besteht aus überwiegend pflanzlichen Rohstoffen. Das ist schon ein ziemlich großer Erfolg. In naher Zukunft werden wir sicherlich auch in der Lage sein, den Anteil von Fischmehl und Fischöl noch weiter herunterzufahren und komplett zu ersetzen.

Kann Aquakultur auch eine Möglichkeit sein, Fischarten vor dem Aussterben zu schützen?

Ja, sowohl direkt als auch indirekt. Die Aquakultur kann für Wiederbesatzmaßnahmen genutzt werden, in dem man versucht, bedrohte Fischarten in Aquakulturen zu reproduzieren, um damit eine natürliche Population zu unterstützen oder wieder aufzubauen. Außerdem versucht man über die Aquakultur, den Druck auf die natürlichen Bestände zu reduzieren. Die Fischerei hat natürlich nur eine begrenzte Produktivität, wenn man sie dauerhaft und damit nachhaltig betreiben will. Wir wissen, dass zukünftig die Erträge aus der Fischerei nicht nennenswert gesteigert werden können. Wir wissen auch, dass wir einen zunehmenden Bedarf nach Fisch in einer wachsenden Weltbevölkerung haben werden und dass dieser zunehmende Bedarf eigentlich nur durch Aquakultur gedeckt werden kann.

Quelle: F.A.Z.