FAZ plus ArtikelMediziner attackieren Politik

Eine „gesunde Mehrwertsteuer“ für Mensch und Klima

Von Joachim Müller-Jung
15.09.2021
, 16:07
Rind oder nicht Fleisch, das ist hier die Überlebensfrage.
Sich gesund und klimafreundlich zu ernähren, könnte einfach sein. Der Trend aber ist ein anderer: dicker, kränker, klimaschädlicher. Mit ihrem Aufschrei gegen die Regierung setzen die Diabetologen ein Zeichen gegen Lobbyismus.

Von politischem Versagen sprechen Ärzte und Gesundheitsforscher selten offen, auch wenn sie genau das meinen. Klimaforscher sind da inzwischen anders. Ungeniert klagen die über den Notstand und die Klimakrise, die den Mächtigen aus den Händen gleitet, und diese Entschlossenheit hinterlässt auch im Wahlkampf Spuren. Was hingegen die Selbstdemontage der menschlichen Gesundheit angeht, da wird aktuell außer um die Pandemie nicht viel Aufhebens gemacht. Anfang dieser Woche allerdings, und hörbar inspiriert von der lauten Debatte um die Klimakrise, haben die Mediziner der Deutschen Diabetes Gesellschaft plötzlich mit Wucht an die Türen des politischen Systems gehämmert: „Paradigmenwechsel“ und „Verbote“, ja sogar ein radikaler Umbruch in der künftigen politischen Landschaft wurden gefordert.

Der Grund: ein zunehmend desaströser Umgang mit Nahrungsmitteln. Desaströs für die Gesundheit der Kinder und gleichzeitig auch desaströs für den Planeten. Diabetes-Vorsorge und Klimaschutz seien zwei Seiten einer Medaille, so fasste DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer die Initiative vor der Bundespressekonferenz in Berlin zusammen. Anders formuliert: Wer gesund ist, hilft, das Klima zu schonen. Umgekehrt allerdings verläuft der Trend: Acht Millionen Diabetiker leben mittlerweile in Deutschland, für das Jahr 2040 werden zwölf Millionen vorausgesagt. Die Energiespirale dreht sich hier immer noch in die falsche Richtung. Zwei Drittel der Männer, mehr als die Hälfte der Frauen und schon ein Drittel der Minderjährigen sind übergewichtig bis fett.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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