Deutsche Nobelpreis-Erfolge

Lohn der schöpferischen Elite

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
12.10.2021
, 13:26
Klimaforscher Klaus Hasselmann bei dem Ehren-Empfang am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.
Früher war der Nobelpreis an deutsche Forscher die Ausnahme, inzwischen triumphieren sie. Der Preis für die Klimaforschung zeigt: Um daraus richtig Kapital zu schlagen, wäre einiges dazu zu lernen.
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Mit der stattlichen Zahl von vier Nobelpreisen in diesem und im vergangenen Jahr lässt sich die Frage, wie krisenfest das Land und seine Wirtschaft sind, nicht beantworten. Aber Nobelpreise können sehr wohl ein Indikator dafür sein, wie Deutschland mit seinen intellektuellen, kreativen Ressourcen haushaltet. Klar ist: Die höchsten Auszeichnungen in den drei naturwissenschaftlichen Disziplinen honorieren die starke Grundlagenforschung im Land. Sie belohnen vor allem auch ein System: das von der Max-Planck-Gesellschaft verkörperte und dafür weltweit gerühmte System der schöpferischen Elite.

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Man kann diese Begriffe mögen oder nicht, genauso gut kann man die Forscher gut bezahlte Freigeister nennen. Entscheidend ist das nicht. Ebenso wenig wie die Frage, ob Elitenförderung zu einer Gesellschaft mit flachen Hierarchien und einem demokratisch konstruierten Staat passt oder nicht. Denn Tatsache ist: Überall dort, wo ein Land die finanzielle Basis schafft, hochtalentierte und hochengagierte Forscher möglichst schon in ihrer kreativsten Lebensphase zu versammeln, die dann ihren Freiraum zu nutzen wissen, liegt der Erfolg in der Luft. Von diesen Erfolgen darf man sich allerdings auch nicht blenden lassen. Glückliche Grundlagenforscher repräsentieren nämlich gerade nicht alle Stärken und Schwächen eines Systems.

Wie schwer es den Wissenschaftlern oft gemacht wird in einem Land, in dem die Spitzenforscher mehr oder weniger abgeschirmt von der Öffentlichkeit agieren, lässt sich an mindestens drei der vier Nobelpreise demonstrieren. Klaus Hasselmann, der diesjährige Physik-Nobelpreisträger, hat als Klimamodellierer schon vor mehr als vierzig Jahren und damit lange vor den sehr konkreten Wetter- und Klimakrisen der Gegenwart das Kunststück fertiggebracht, die Plausibilität des menschengemachten Klimawandels mathematisch zu belegen.

Grundlagenforschung allein reicht nicht

Als Hasselmann mit seinen Algorithmen an die Öffentlichkeit und die Politik ging, um vor den Risiken der Erderhitzung zu warnen und die sozialen wie ökonomischen Konsequenzen zu skizzieren, hatte er ideologisch eine rote Linie überschritten. Sein Vertrauen in die eigene Forschung fand nur ein dünnes Echo in den Institutionen. Als wollten die politischen und wirtschaftlichen Eliten ihm zu erkennen geben, dass keiner im Land nach dem klimapolitischen Nutzwert seiner Grundlagenforschung gefragt habe, musste Hasselmann später um die für seine Klimamodelle nötigen Computerressourcen regelrecht feilschen.

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In einer ähnlichen Situation sähe sich vielleicht, wenn der Zeitgeist nicht inzwischen auf ökologisch gedreht hätte, der junge Chemiker Benjamin List. Er mahnt schon einige Zeit zusätzliche Mittel für die Grundlagenforschung an. Seine organische Katalyse gehört zu den wissenschaftlichen Durchbrüchen, deren Potential noch längst nicht ausgeschöpft ist. List hat mit seinem Seitenblick auf die Prozesse in der Natur den Weg dafür bereitet, dass effizientere, gezieltere und ökologisch verträglichere Synthesen möglich werden. Entscheidend ist jetzt, dass eine noch breitere und vielfältigere Grundlagenforschung diesen einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiterführen kann. Wie im konkreten Fall ist auch in forschungspolitischer Hinsicht die Natur ein gutes Vorbild. Denn Vielfalt erhöht die Effizienz des gesamten Ökosystems, macht es stärker und resilienter in Krisenzeiten.

Mit Emmanuelle Charpentiers epochaler Entdeckung verhält es sich ähnlich. Die in Berlin tätige Miterfinderin der Genschere CRISPR-Cas hat die Richtung für eine schonendere, präzisere und effektivere Biotechnik vorgegeben. Die Chancen, dieses Potential für Medizin und Landwirtschaft zügig zu nutzen, hängen von vielen Faktoren ab. Zuerst von einer gentechnikfreundlicheren Politik und der gesellschaftlichen Akzeptanz, die mit den Koalitionsverhandlungen in Berlin derzeit mitbestimmt werden. Aber entscheidend auch davon, was hinter den Bühnen von Politik und Wirtschaft im Labor ermöglicht wird. Eine breite Grundlagenforschung ist und bleibt die Voraussetzung für das, was Parteien gerne als Innovationen bewerben.

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Mit Grundlagenforschung allein sind wissenschaftlicher Erfolg und Fortschritt freilich keineswegs sicher. Das hat die Corona-Krise eindrücklich gezeigt. Wenn es darum geht, rasch therapeutische Fortschritte zu erzielen oder realistische Erkenntnisse für die Epidemiologie zu gewinnen, indem man systematisch Patientenstudien aufsetzt, hat die deutsche Forschung Schiffbruch erlitten. Wieder hat sich gezeigt: Die klinische Forschung im Land ist gleichzeitig überbürokratisiert und unterorganisiert. Noch immer greifen die Rädchen nicht ausreichend ineinander, wenn es um die Anwendung der eigenen Wissensvorsprünge geht. Der öffentlichen Wissenschaft haben diese Defizite kaum geholfen. Zwar hat die Öffentlichkeit in der Krise so viele Berührungen mit dem Forschungsbetrieb gehabt wie nie zuvor. Aber der öffentliche, engagierte Experte genießt nicht immer das größte Vertrauen bei Geldgebern und Politik. Aus dem Klima-Nobelpreis wäre da einiges zu lernen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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