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Kommen bald die Krokodile?

Von HENRIKE SCHIRMACHER

07.06.2016 · Vierzehn Reptilienarten sind bei uns heimisch. Doch inzwischen sind sie nicht mehr unter sich: Der Klimawandel macht Deutschland für Kriechtiere immer attraktiver.

Beinahe wäre sie mit Müll aufgefüllt worden, die flache, etwas über einen Kilometer große Senke in der Nähe von Darmstadt. Im Eozän, vor 48 Millionen Jahren, erstreckte sich hier ein von dichtem Regenwald umsäumter Kratersee, auf dessen dunkler Wasseroberfläche Seerosen blühten. Das anfangs tiefe Gewässer verlandete im Lauf mehrerer hunderttausend Jahre und wurde später durch Ausbeutung der Ölschiefervorkommen zur Grube Messel. Sie gehört heute zum Weltnaturerbe der Unesco - und gilt als eine wichtige Fundstätte für Paläontologen.

Nicht nur über die Evolution der Säugetiere können Fossilien aus dieser Schatzgrube inzwischen einige Aufschlüsse geben, sondern auch darüber, was sich auf deutschem Boden im Eozän an Reptilien tummelte. Krokodile zum Beispiel: „Acht verschiedene Arten konnten die Wissenschaftler bisher beschreiben“, berichtet Paläoherpetologe Krister Smith vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt. Im Geäst der Bäume hingen Schlangen - fünf Arten sind bisher bekannt, und über den Waldboden huschten Eidechsen, von denen fünfzehn Arten als Fossilien überdauerten. In dem feuchtwarmen Klima des Eozän fühlten sich augenscheinlich noch andere Kriechtiere wohl. So konnten beispielsweise fünf Schildkrötenspezies unterschieden werden. Doch statistischen Schätzungen zufolge gab es im und um den Messel-See ein Drittel mehr Arten, als fossil dokumentiert ist.

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Aber diese Vielfalt ist Vergangenheit. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt heute bei zehn Grad Celsius, rund zehn Grad weniger als noch vor 34 Millionen Jahren. Den meisten Reptilien ist das zu kalt, und so sind auf dem Gebiet der Bundesrepublik nur vierzehn Reptilienarten heimisch. Aber auch sie kommen erst bei höheren Temperaturen auf Touren. Die kalte Jahreszeit überdauern sie in Winterstarre.

Denn Reptilien sind wechselwarm, ihre Körpertemperatur ist verglichen mit der von Vögeln oder Säugetieren nicht konstant, sondern von der Umgebungstemperatur abhängig. Diese Eigenschaft haben sie mit den Amphibien gemein, zu denen in Deutschland etwa Salamander, Molche, Frösche, Kröten und Unken zählen. Amphibien allerdings sind bei ihrer Entwicklung auf Wasser angewiesen. Sie durchlaufen darin eine Metamorphose, die vom Ei über ein Kiemenstadium bis hin zur Lungenatmung führt. Auch später muss die dünne Haut der Amphibien feucht bleiben, während Reptilien durch Knochenplatten in der Haut vor dem Austrocknen geschützt sind. Reptilien dagegen atmen in jedem Stadium ihres Lebens mittels einer Lunge.

Diese Eigenschaft haben sie vor rund 315 Millionen Jahren entwickelt. Zu den frühesten Reptilien (von lateinisch „repere“ für „kriechen“) gehörte Hylonomus, ein dreißig Zentimeter langes, echsenartiges Wesen, das sich vermutlich von Insekten ernährte. Als ein gemeinsamer Vorfahr von Echsen und Schlangen gilt der vierzig Zentimeter lange Petrolacosaurus, der vor rund 302 Millionen Jahren ausstarb. Wie dann die Schlangen entstanden, ist noch nicht abschließend geklärt. Es gibt heute auch beinlose Reptilien wie die in Deutschland heimische Blindschleiche, die Schlangen ähneln, deren äußere Gehöröffnungen und bewegliche Augenlider sie aber als Echsen identifizieren.

© Picture-Alliance Westliche Blindschleiche - Anguis fragilis

Nur ein Bruchteil der Arten von einst hat überlebt. Für wechselwarme, niedere Wirbeltiere sei jeder Klimawandel von großer Bedeutung, sagt Krister Smith. Aber das gilt auch in umgekehrter Richtung. Für die gegenwärtig hier heimischen Reptilien dürfte sich ein erneuter Klimawandel eher begünstigend auswirken, schätzt Uwe Fritz vom Forschungszentrum Biodiversität und Klima am Senckenberg-Institut in Dresden. Höhere Durchschnittstemperaturen könnten also dazu führen, dass sich die Kriechtiere wieder ausbreiten.

Es wäre nicht das erste Mal. Vor rund 12 000 Jahren war Europa eine Kältesteppe, stellenweise sogar noch vergletschert. Aber es wurde wärmer, und bis vor 8000 Jahren lag die Temperatur im Durchschnitt um 2,5 Grad höher als heute. „Damals fühlte sich die Europäische Sumpfschildkröte sogar in Mittelschweden wohl“, sagt Fritz. Heute ist das Tier nur als Relikt zu finden, und zwar in Brandenburg. Damals habe die Sumpfschildkröte ihren Lebensraum überraschend schnell erobert, sagt der Biologe, innerhalb von nur 450 Jahren, nachdem sich in Schweden ein Birkenwald ausgebreitet habe. Es herrschten paradiesische Verhältnisse, weil die Schildkröten weitläufig Landschaften vorfanden, in denen sie sich stark vermehren konnten, ohne viele Feinde fürchten zu müssen. Treibholz in Elbe und Oder bahnte den trägen Tieren einen Weg gen Norden, vermutet Uwe Fritz. Überflutete ein Hochwasser ihr Terrain, hätten sie sich auf die schwimmenden Inseln gerettet und landeten innerhalb von recht kurzer Zeit an Nord- oder Ostsee.

© Getty Europäische Sumpfschildkröte - Emys orbicularis

Heute müssen Biologen nachhelfen - und verhindern, dass die Art aus ihren angestammten Habitaten verschwindet. In Deutschland sind Besitz und Vermarktung von Sumpfschildkröten verboten; ihre Auswilderung wird in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen durch mehrere Projekte unterstützt. In Niedersachsen wurden bisher 64 Exemplare ausgesetzt, berichtet dazu Kai-Olaf Krüger vom niedersächsischen Naturschutzbund. Vor dem Jahr 2018 sei dort jedoch nicht mit Nachwuchs zu rechnen, denn vorher werden die Tiere nicht geschlechtsreif. Außerdem müsse ein gewisser Konkurrenzdruck in der Population herrschen, denn das fördere die Paarungsbereitschaft. In Hessen scheinen genügend Partner zur Wahl zu stehen, hier sind bereits im Jahr 2014 Jungtiere geschlüpft.

Allerdings sind die heimischen Schildkröten nicht mehr unter sich: Nordamerikanische Rotwangen-Schmuckschildkröten konkurrieren mit ihnen um Nahrung und die besten Sonnenplätze. Vermutlich landete diese fremde Spezies im Freiland, weil Halter ihrer überdrüssig wurden oder um Bepflanzung und Ausstattung ihrer Aquarien und Terrarien fürchteten, weil ausgewachsene Schildkröten dieser Art recht rabiat werden können. Bis vor kurzem ging man davon aus, dass sich diese Rotwangen-Schmuckschildkröten nicht in Europa vermehren, doch Forscher des Senckenberg-Forschungsinstituts vermuten inzwischen das Gegenteil: Mit Hilfe von Vaterschaftsanalysen konnten sie nachweisen, dass sich die ausgesetzten Panzerträger beispielsweise in Slowenien vermehren. Dort herrscht ein gemäßigtes, kontinentales Klima, ähnlich dem hierzulande. Deshalb stuft Fritz die nordamerikanische Art als eine Gefahr für die deutschen Populationen ein.

„Steigen die Temperaturen in Deutschland künftig, ist nicht abzusehen, welche Art den größeren Nutzen zieht“, meint Johannes Köhler, Herpetologe des Frankfurter Zoos. Ermöglicht es die Wärme etwa einer Art, früher Eier abzulegen, muss das nicht unbedingt ein Vorteil sein. Denn frisch geschlüpfte Schildkröten könnten Störchen oder Reihern zum Opfer fallen, wenn diese früher in ihre Sommerresidenzen zurückkehren. Ein weiterer interessanter Aspekt des Klimawandels ist der Einfluss der Wärme auf das Geschlechterverhältnis von Schildkröten und Eidechsen: Anders als etwa bei Säugetieren ist das Geschlecht von der Temperatur abhängig; unter 25 Grad Celsius schlüpfen meist Männchen, darüber entwickeln sich Weibchen.

© Jane Burton (c) Dorling Kindersl Ringelnatter - Natrix natrix

Von höheren Temperaturen dürften die Nattern und der überwiegende Teil der heimischen Eidechsenarten profitieren. Smaragd- und Zauneidechsen sind bereits heute weit verbreitet, für Äskulap-, Glatt- und Würfelnatter sowie die giftige Aspisviper könnte der Klimawandel aber einen Aufbruch in nördlichere Gefilde bedeuten - wäre da nicht der Mensch, der Habitate durch den Städtebau schrumpfen lässt oder durch den Straßenbau in Gefahrenzonen verwandelt. Dass sie ihre Nischen schnell wechseln können, bezweifelt Johannes Köhler daher: „Die Habitate sind so verinselt, dazwischen liegt eine Schnellstraße oder ein Rübenacker.“ Hinzu kämen natürliche Barrieren wie zum Beispiel die Pyrenäen. In Spanien leben viermal mehr Kriechtierarten als hierzulande, aber sie werden wohl nicht so schnell nach Mitteleuropa gelangen, auch wenn Güterzüge den einen oder anderen blinden Passagier transportieren können. So hat es zum Beispiel die Mauereidechse von Südwestdeutschland bis nach Leipzig geschafft. Denn sie sonnt sich mit Vorliebe an Bahngleisen - und erklimmt gelegentlich auch stehende Waggons.

Potentielle Invasoren gibt es trotzdem genug. In Europa kämen rund 130 Arten in Frage, weltweit wären es gut zehntausend. Und die Schmuckschildkröte ist nicht das einzige nordamerikanische Reptil, das sich breitmacht. Auch die lebendgebärende Strumpfbandnatter konkurriert bereits mit heimischen Schlangenarten um kleine Nager und Jungvögel.

  • © ddp Images Zauneidechse - Lacerta agilis
  • © mauritius images Westliche Smaragdeidechse - Lacerta bilineata

Der Kreuzotter und der Waldeidechse könnten steigende Temperaturen allerdings zu schaffen machen. Sie mögen es ohnehin kühler und schattig, insbesondere die Waldeidechse, die sich sogar nördlich des Polarkreises fortpflanzen kann und ihre Jungen lebend zur Welt bringt. Während andere Eidechsen ihren Platz für die Eiablage sorgfältig wählen müssen, behalten Weibchen dieser Art ihre Eier im Bauch und suchen Orte auf, an denen sie sich sonnen können, um ihren Nachwuchs auszubrüten. Nach der Geburt sind die Jungechsen vom ersten Tag an auf sich gestellt. Aber einen Trick haben sämtliche Eidechsen und sogar die nahverwandte Blindschleiche parat: Steckt der Schwanz etwa im Schnabel einer Amsel oder Krähe, zwischen Marderzähnen - oder flinken Kinderfingern -, wirft eine Eidechse die hintere Hälfte einfach ab und flüchtet. Diese Notmaßnahme funktioniert mehrere Male, denn das lange Ende wächst nach; nur nicht bei der Blindschleiche, ihr Schwanz regeneriert sich kaum.

Dem Klimawandel entgehen sie damit aber nicht. Um 1,8 bis vier Grad Celsius werden die weltweiten Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2100 steigen, vermuten die Klimaforscher. Solch einen steilen Anstieg habe es vor rund 56 Millionen Jahren schon einmal gegeben, erklärt Krister Smith. Damals geschah es innerhalb von vielleicht zwanzigtausend Jahren, was Experten schon für recht schnell halten. Verkürzt sich die Zeitspanne auf nur hundert Jahre, stehen alle Arten unter einem extremen Anpassungsdruck.

  • © NHPA/Photoshot Aspisviper - Vipera aspis
  • © Imago Würfelnatter - Natrix tessellata

Die meisten Reptilien profitieren zwar von höheren Temperaturen, doch die weitere Entwicklung lässt sich schwer einschätzen. So zeige die Erdgeschichte, dass sich mit einer Klimaerwärmung größere Arten etablieren, erklärt Smith. Siedeln sich dann auch Krokodile wieder in Deutschland an? Eher nicht. Selbst die Familie der Alligatoren, die kühlere Lebensräume akzeptiert, braucht Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Florida mit seinen milden und durchweg frostfreien Winter gegeben sind. So weit wird es jedoch erst mal nicht kommen. Nach keinem realistischen Klimawandel-Szenario sei dies zu erwarten, sagt Uwe Fritz.

Reptilien, wie man sie aus den Tropen oder als Fossilien aus der Grube Messel kennt, werden sich also kaum wieder ansiedeln. Auch nicht die gut zwei Meter lange Riesenschlange, die 2004 zu Ehren von Joschka Fischer den Namen Palaeopython fischeri erhielt, weil er in seiner Zeit als hessischer Umweltminister verhindert hatte, dass aus der Grube Messel eine Mülldeponie wurde. Zwölf Exemplare von P. fischeri sind bislang geborgen worden, und für ihre Verwandtschaft mit den Pythons spricht die Zahl ihrer bis zu 369 Wirbel, es könnte sich aber auch um eine Boa gehandelt haben. So oder so dürfte man einem solchen Biest auch in einem wärmeren Deutschland des 22. Jahrhunderts nicht wieder begegnen.

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