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Die Dateien des Dr. Tsirogiannis

Von PIOTR HELLER

09.01.2020 · Ein griechischer Archäologe hat eine geheime Datenbank illegal ausgegrabener Antiquitäten aufgebaut, um die Netzwerke der Raubgräber und ihrer Hehler offenzulegen. Aber auch Händler und Auktionshäuser lehrt er damit das Fürchten.

A nfang November 2019 suchte Christos Tsirogiannis wieder einmal nach antiken Kunstgegenständen. Nicht im Rahmen einer Ausgrabung, wie man das von einem Archäologieprofessor erwarten würde, sondern im Internet, genauer auf der Website eines der größten und angesehensten Auktionshäuser der Welt. Der an der dänischen Universität Aarhus tätige gebürtige Grieche hatte nämlich mitbekommen, dass im Dezember bei Christie’s in London antike Kunst versteigert werden sollte. Tagelang ging er immer wieder auf die Website von Christie’s, um zu schauen, ob der Katalog der Versteigerung endlich erscheint. Am Abend des 8. November, erinnert er sich, war er schon auf dem Weg ins Bett, als er die Seite doch noch einmal aufrief. Da war er, der Katalog. Gleich auf der Titelseite sah Tsirogiannis das, wonach er gesucht hatte.

Das Cover zeigte eine römische Statue des Eros. Die Figur ist knapp einen Meter groß, die Arme fehlen und damit auch der Bogen des Liebesgottes, ebenso Flügel und Nase. An den Bruchstellen erscheint der Marmor rauh. All das hatte Tsirogiannis schon einmal gesehen. „Ich habe die Figur sofort erkannt“, sagt er. Sie war ihm auf Fotos aus der Sammlung eines dubiosen Kunsthändlers begegnet. Diese belegten ihm nun, dass der Eros das Londoner Unternehmen über dunkle Kanäle erreicht hatte – ein Phänomen, das der Archäologe seit Jahren erforscht. Christie’s erhoffte sich Provision aus einem erwarteten Erlös von knapp einer Million Euro. Doch der Archäologe war entschlossen, die Auktion zu verhindern.


Bei Christie’s, dem berühmten Londoner Auktionshaus, sollte diese nicht ganz jugendfreie etruskische Amphore versteigert werden. Foto: Christie's
Frisch ausgebuddelt sah das Stück so aus. Kein echter Archäologe würde seinen Fund in dieser Weise ablichten, so schmuddelig die Motive des Dekors auch sein mögen. Foto aus dem Bestand von Christos Tsirogiannis

Tsirogiannis verdankt sein Wissen über den illegalen Antiquitätenhandel einmal einem Konvolut von Unterlagen, die Mitte der 1990er Jahre beschlagnahmt worden waren. Damals hatte der Raub von acht hellenistischen Vasen eine Aktion der italienischen Polizei ausgelöst. Bei ihren Ermittlungen stießen die Carabinieri auf ein handgezeichnetes Organigramm. Dort waren unter anderem die beiden Kunsthändler Giacomo Medici und Gianfranco Becchina aufgelistet.

Die Notiz wies die beiden als Köpfe zweier Seilschaften von Hehlern, Mittelsmännern und „Tombaroli“, also Grabräubern, aus. Kriminalisten nennen solche Personen Janusfiguren. So wie der römische Gott mit einem Gesicht nach vorne schaut und mit dem zweiten nach hinten, haben auch Leute wie Medici und Becchina zwei Sphären im Blick: den elitären Kunstmarkt und das dunkle Gewerbe der Raubgräberei. Als die Ermittler Lager der beiden Herren durchsuchten, konfiszierten sie Tausende Antiken und noch viel mehr Papier: Rechnungen, Frachtscheine, Briefe und Fotos antiker Werke. Etliche waren zerbrochen, an manchen haftete Erde wie an etwas, das gerade erst aus dem Boden geholt worden ist. Sie dürften aus Raubgrabungen stammen.

Dann durchsuchte 2006 die griechische Polizei auf der Kykladeninsel Schinoussa eine Villa. Sie gehörte dem britischen Händler Robin Symes und seinem verstorbenen Partner Christo Michaelides. Tsirogiannis war seinerzeit bei der Durchsuchung dabei, da er damals als Sachverständiger für die griechische Polizei tätig war. Auch hier fand sich interessantes Material, vor allem mehr als 2000 Fotos antiker Gegenstände, die in den Jahrzehnten davor durch die Hände von Symes und Michaelides gegangen waren. Zwar bestritt Symes, wissentlich mit geraubtem Material gehandelt zu haben, jedoch fanden Polizisten 2014 in einem von dem Briten angemieteten Lager in Genf Tausende Antiquitäten, die nach Erkenntnissen der italienischen Staatsanwaltschaft aus illegalen Quellen stammen.


Der Gott der Diebe und der Händler war für die alten Griechen Hermes. Dieser Marmorkopf von ihm war 2014 bei einem großen Auktionshaus zu ersteigern. Foto: Nick Paleologos
Ein berüchtigter Hehler bekam diese Bilder des Hermes-Kopfes bereits 1987 von einem griechischen Raubgräber zugeschickt. Fotos aus dem Bestand von Christos Tsirogiannis

Die Behörden haben Tsirogiannis offiziell Zugang zu den Archiven von Symes, Medici und Becchina gegeben. Diese bilden heute den Kern einer geheimen Datenbank, die der Archäologe sich daraus aufgebaut hat. Sie verzeichnet mehr als hunderttausend Objekte, die mutmaßlich auf dem illegalen Kunstmarkt feilgeboten wurden oder werden sollen.

Es ist ein Weltmarkt. Nach dem Handel mit Waffen und Drogen stellt der Vertrieb geraubter Kulturgüter den drittgrößten Sektor der globalen kriminellen Schattenwirtschaft, schätzt die Unesco. Leidtragend ist vor allem die Wissenschaft. Selbst wenn die Objekte über den Kunsthandel am Ende in Museen gelangen und damit der Öffentlichkeit zugänglich werden, sind sie wissenschaftlich fast wertlos, da ihr archäologischer Kontext durch die Raubgrabung zerstört wurde.


Der Handel mit Raubgräberbeute bringt Millionen. Nur mit Drogen oder Waffen verdienen Schurken mehr.

Genährt wird die illegale Schatzsucherei durch die Armut vor Ort. Krieg und politisches Chaos erleichtern das Geschäft. In Syrien wurden seit Beginn des Bürgerkrieges Schätzungen zufolge mindestens dreitausend archäologische Stätten geplündert, wobei die Beute aus jeder einzelnen davon jeweils mehrere Millionen Euro wert sein könnte. Allerdings sind im syrischen Bürgerkrieg verlorene Objekte bislang noch nicht auf dem offenen Kunstmarkt aufgetaucht.


In New York zierte dieser um 350 v. Chr. angefertigte Misch-Krater – ein Gefäß zum Verdünnen von Wein mit Wasser – die Sammlung des Metropolitan Museum of Art. Foto: Archiv
Auf den Polaroids eines wegen Hehlerei verurteilten Kunsthändlers ist er aber auch zu sehen. Das berühmte Museum musste das Gefäß daraufhin nach Italien zurückgeben. Foto aus dem Bestand von Christos Tsirogiannis

G eraubte Kulturgüter aus anderen Quellen landen jedoch sehr wohl in Auktionshäusern, bei namhaften Händlern und sogar in Museen. Auch deren Kataloge und Ausstellungen werden daher von Christos Tsirogiannis durchmustert. Sobald er etwas findet, das auch in seiner Datenbank gespeichert ist, informiert er die Behörden. So fiel ihm etwa 2014 im New Yorker Metropolitan Museum of Art das oben abgebildete Gefäß, ein sogenannter Krater, aus dem vierten Jahrhundert vor Christus ins Auge. Dasselbe Stück war auf Polaroid-Aufnahmen im Medici-Archiv zu sehen. Tsirogiannis präsentierte die Bilder der New Yorker Staatsanwaltschaft, die den Krater im Juli 2016 diskret beschlagnahmte und an Italien überstellte.

Stets versucht Tsirogiannis die Pfade verschleppter Kunstgegenstände zu verstehen und so die Netzwerke der Hehler und Schmuggler auszuleuchten. Dazu vergleicht er verschiedene Fotos eines Objekts, um festzustellen, wann und von wem es restauriert wurde. Außerdem studiert er alle zugehörigen Papiere. Zu einem Marmorrelief, das bei der New Yorker Antiquitätenhandlung „Royal Athena Galleries“ zum Verkauf stand, fand er beispielsweise handgeschriebene Notizen im Becchina-Archiv. Sie sollen belegen, dass Becchina das Relief von einem griechischen Hehler erstanden hatte und einen Restaurator beauftragte, es zu reinigen und einen Sockel anzufertigen.


„Die Raubgrabungen zeugen von einer Verachtung für unsere Vorfahren.“
CHRISTOS TSIROGIANNIS

Eigentlich gehört es nicht zu Tsirogiannis’ Aufgaben als Hochschullehrer, in Auktionskatalogen nach Corpora Delicti zu suchen. „Als Archäologe und als Bürger fühle ich die Pflicht, Straftaten zu melden, wenn ich Zeuge davon werde“, erklärt er ein Motiv, seine Zeit dieser Detektivarbeit zu widmen. Es gibt noch ein zweites. Nach dem klassischen Argument gegen den Handel mit Raubgräberbeute gehören solche Stücke nicht in die Wohnzimmer privater Sammler, sondern in öffentlich zugängliche Museen, wo sie erforscht werden können – wozu es aber gleichgültig ist, ob das Museum in New York oder in Italien steht. Tsirogiannis aber geht es um den Respekt für die Menschen, welche diese Werke erschaffen haben. „Die Raubgrabungen zeugen von einer Verachtung für unsere Vorfahren“, sagt er. Darum will er die Objekte dorthin zurückbringen, woher sie geholt wurden – im Idealfall in regionale Museen nahe ihrer Fundorte.

Solches Pathos hat Tsirogiannis zuweilen Vergleiche mit Indiana Jones eingebracht. Schließlich befreite auch der fiktive Archäologe aus Steven Spielbergs Kultfilmen antike Kunstwerke aus den Händen von Schurken, um sie in Museen zu bringen. Aber dieser Vergleich passt Tsirogiannis gar nicht. „Indiana Jones schmuggelt Objekte aus ihren Herkunftsländern, damit sie in einem amerikanischen Museum ausgestellt werden, wo sie gar nicht hingehören“, meint er. Dass Indy im zweiten Film („Indiana Jones und der Tempel des Todes“) einen hart erkämpften Stein nicht nach Amerika mitnimmt, sondern den Bewohnern eines indischen Bergdorfs zurückbringt, wo das Objekt als heilig verehrt wird, ist Tsirogiannis zu wenig. Das, so beschwert sich der Archäologe, sei ein „ethnologisch-anthropologischer Ansatz“.


Das Relieffragment eines römischen Sarkophags Foto: Badisches Landesmuseum
Konfiszierte Notizen und unter anderem dieses Polaroid offenbarten, dass das Marmorfragment über dunkle Kanäle auf den Kunstmarkt gelangt sein muss. Foto aus dem Bestand von Christos Tsirogiannis

Am wichtigsten aber ist ihm, den Handel mit illegal ausgegrabenen Stücken zu verhindern, wo er kann. Im Fall des marmornen Eros zeigte ihm seine Datenbank an jenem Novemberabend, dass die Figur tatsächlich auf Bildern von Symes und seinem Compagnon auftaucht. Nur Tsirogiannis hat den Zugang zu diesen Daten, was Antikenhändler heftig kritisieren, die ihm vorwerfen, sie mit seinen Nachforschungen bloßstellen zu wollen. Sie fordern, die Informationen öffentlich zu machen. Doch Tsirogiannis hat gute Gründe, das nicht zu tun. Sollten Händler Antiquitäten aus ihrem Bestand in der Datenbank finden, wären sie gewarnt. Sie würden die Stücke nun kaum noch öffentlich anbieten, könnten aber versuchen, sie unter der Hand zu verkaufen, woraufhin sie für immer in dunklen Kanälen verschwänden. Zum Schutz seiner Daten habe er auch nirgends physische Kopien der Bilder und Dokumente, sagt Tsirogiannis. Die Dateien lagerten auch nicht auf Festplatten bei ihm zu Hause, sondern auf Servern, deren Orte Tsirogiannis verständlicherweise verschweigt. Sie ließen sich nur von ihm über das Internet abrufen. In den Bildern von Symes & Co fand er schließlich vier Fotos der Eros-Statue. Eines davon zeigte sie vor einem Hintergrund, den Tsirogiannis bei den beiden Händlern schon oft gesehen hatte. Das beweise, dass die beiden mit der Statue hantiert hätten. „Es ist kein zufälliges Foto von irgendeinem Objekt, das sie niemals wirklich in den Händen hatten.“


Antikhändler verlangen Tsirogiannis müsse seine Daten freigeben. Den Teufel wird er tun.

Im Versteigerungskatalog von Christie’s tauchen die Namen Symes und Michaelides freilich nicht auf. Das Auktionshaus beschreibt den Eros als „Eigentum eines Gentleman“. Auch die übrige Herkunftsbeschreibung ist, vorsichtig ausgedrückt, lückenhaft. „Es heißt“, steht dort, die Skulptur sei in den späten Sechzigern einem bekannten Sammler abgekauft worden. „,Es heißt‘ ist inakzeptabel“, schimpft Tsirogiannis. Ein paar Tage nach der Entdeckung im Katalog lancierte er einen Artikel in der britischen Tageszeitung The Guardian. Darin legte er seine Erkenntnisse offen und forderte das Auktionshaus auf, den Verkauf der Statue zurückzuziehen. „Ich wusste nicht, aus welchem Land die Figur kommt, bei einem römischen Objekt kommen über 25 Länder in Frage.“ Er habe mit dem Zeitungsartikel diese Länder erreichen wollen. Sie sollten prüfen, ob sie Anspruch auf die Figur haben und sie gegebenenfalls zurückfordern. Der Artikel erschien am 24. November, zehn Tage bevor die Auktion starten sollte.

Auch wenn noch nicht klar ist, ob diese Statue wirklich aus einer Raubgrabung stammt, zeigt der Fall, wie kompliziert der internationale Handel mit antiken Gegenständen ist. Anders als bei Waffen oder Drogen sieht man den Antiquitäten ihre Illegalität nicht an. Die Zweifelhaftigkeit ihrer Herkunft verliert sich bei Antiken umso mehr, je weiter sie vom Ort ihrer Plünderung entfernt werden. Ohne spezielle Genehmigungen ausgegraben, sind sie zunächst Hehlerware, denn in den meisten Ländern ist es verboten, antike Objekte heimlich auszugraben und zu behalten. Als nächstes gelangen die Objekte in ein anderes Land. Nun sind sie Schmuggelgut, da auch die Ausfuhr solcher Stücke in der Regel verboten ist. Doch jenseits der Grenze ihres Herkunftslandes können sie sich schnell in ganz legale Handelsgüter verwandeln.

Das kann mehrere Gründe haben. Zum einen weiß das Ursprungsland oft gar nicht, dass es einen Anspruch darauf hat – der archäologische Kontext, der das bezeugen könnte, ist schließlich perdu. Zum anderen geben Hehler und Mittelsmänner einem Raubgut gerne eine falsche Geschichte, behaupten etwa, es komme aus irgendeiner uralten Sammlung. Giacomo Medici soll etwa aus Raubgrabungen stammende Werke bei namhaften Auktionshäusern angeboten und selbst gekauft haben, wie der Journalist Peter Watson in einem Buch über den Händler schreibt. Dadurch habe Medici die Objekte quasi reingewaschen – ein Name wie Sotheby’s in der Provenienz macht eben was her. Außerdem sind die Zielländer des Handels nicht immer besonders motiviert, geraubte Kunstwerke als solche zu identifizieren – schließlich entsteht der Schaden nicht bei ihnen.


„Tatsächlich stammen die allermeisten antiken Objekte im Handel aus illegaler Quelle.“
MICHAEL MÜLLER-KARPE

Zwar hat die Unesco schon 1970 eine Konvention zum Schutz von Kulturgut erlassen, die den Handel mit illegal ausgebuddeltem Gut in den Zielländern verbieten soll. Aber derartige Konventionen müssen in nationales Recht überführt werden. Deutschland hat das getan – jedoch erst 2007 und nicht besonders gewissenhaft. „Man hat die Konvention in einer Weise umgesetzt, die im Grunde ihre Intention, nämlich den Kulturgutschutz, konterkariert“, sagt Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Das sieht die Bundesregierung laut einer Bewertung aus dem Jahr 2013 heute ähnlich. So stelle das Kulturgüterrückgabegesetz einer Rückgabe eingeschmuggelter antiker Hehlerware unrealistisch hohe Hürden entgegen, so dass in sieben Jahren nicht ein einziges Objekt aufgrund des Gesetzes zurückgegeben worden sei.

I nzwischen ist die Regelung nachgebessert worden. Dennoch glaubt Müller-Karpe nicht, dass der illegale Handel mit Antiquitäten ausreichend bekämpft werde. „Tatsächlich stammen die allermeisten antiken Objekte im Handel aus illegaler Quelle“, sagt er. „Bekanntlich kommen Antiken aus legalen Grabungen ins Museum, aber in aller Regel nicht in den Handel.“ Nur muss man eben beweisen können, dass ein Objekt tatsächlich aus einer Raubgrabung stammt. Das ist oft nicht möglich – es sei denn, das Stück taucht in Tsirogiannis’ Datenbank auf.

Nicht immer dient die Aufklärung illegaler Handelswege für Antiquitäten allein der Rechtspflege. Zuweilen dient sie auch direkt der Wissenschaft. Im Jahr 2005 etwa fiel einer Ermittlerin des Bundeskriminalamts auf einer Antikenmesse eine Axt auf. Sie fotografierte das Stück und zeigte es Müller-Karpe. „Da ging mir die Kinnlade runter. Das war ein Axt-Typ, mit dem ich mich dreißig Jahre befasst habe.“ Diese sogenannte Ankeraxt stammte sehr wahrscheinlich aus einer Raubgrabung und wurde inzwischen an den Irak zurückgegeben. Das Besondere an dem Stück ist eine Inschrift. Sie verweist auf den sumerischen König Šulgi aus der dritten Dynastie von Ur, die um 2000 vor Christus über ein kurzlebiges Großreich im heutigen Südirak herrschte. Es gibt ein bekanntes Grab, das Šulgi zugerechnet wird. „Aber dieses Grab war leer, als es gefunden wurde“, sagt Müller-Karpe. Gut möglich, dass es nie benutzt wurde und das eigentliche Grab irgendwo anders liegt. Vielleicht dort, wo die Axt ausgegraben wurde? Um diesen Ort zu finden, müsste man die Netzwerke der Hehler und Raubgräber kennen und die Spur der Axt zurückverfolgen. Doch das hat bislang nicht geklappt. „Die Axt kam nach München über einen Händler, der aus einer Ortschaft am türkischen Oberlauf des Euphrat stammt“, sagt Müller-Karpe. Hier verliert sich die Spur.


Perfekt restauriert wurde dieses luxuriöse Trinkgefäß aus dem 4. Jh. v. Chr. im Auktionshaus Bonhams angeboten. Foto: Bonhams
Dreckverkrustet und angeschlagen erscheint dasselbe Stück auf einem der beschlagnahmten Fotos. Foto aus dem Bestand von Christos Tsirogiannis

Auch Tsirogiannis ist auf die Hilfe von Ermittlern angewiesen. Doch das funktioniert nicht immer so, wie er sich das wünscht. Einmal entdeckte er zum Beispiel das oben abgebildete Trinkgefäß mit Satyr-Gesicht beim Londoner Auktionshaus Bonhams. Das gleiche Objekt fand er im Becchina-Archiv. Er alarmierte die britische Polizei. „Ich bekam eine Antwort, dass ich Bonhams selbst informieren sollte, weil man nicht genug Zeit habe“, erinnert sich Tsirogiannis. Die zuständige Fachgruppe der Metropolitan Police hat auf eine Anfrage dieser Zeitung zu dem Thema nicht geantwortet. Schließlich griff der Sunday Telegraph die Sache auf. Bonhams teilt mit, man habe das Gefäß an den Besitzer zurückgeschickt, der es dann an Italien zurückgegeben habe.

Das größere Problem aber ist, dass Tsirogiannis oft nicht erfährt, was aus den Objekten wird. „Ich gebe den Behörden Fotos, Dokumente, eben alles, aber bekomme oft nichts zurück“, klagt er und sagt, dass er erfahren müsse, was aus den Objekten werde und wer die Verkäufer wirklich sind. Das alles seien wichtige Puzzlestücke, um die Pfade der Stücke zu rekonstruieren. „Wenn wir diese Pfade nicht verstehen, werden wir den Handel nicht stoppen können und diese Straftaten werden weiterhin passieren.“ Die Eros-Statue bei Christie’s wurde schließlich am 4. Dezember versteigert. Diesmal musste sich Tsirogiannis geschlagen geben. Jemand zahlte umgerechnet mehr als 1,8 Millionen Euro. Auf Anfrage teilt Christie’s mit, man verkaufe niemals etwas, von dem man glaube, es sei gestohlen. „Wir beraten uns mit Forschern und der Polizei und berücksichtigen Fahndungslisten. Wenn wir unsere Kataloge veröffentlichen, freuen wir uns über prüfende Blicke, die sicherstellen, dass unsere Informationen korrekt sind“, heißt es in dem Statement. Man sollte meinen, Tsirogiannis’ Hinweis auf die Fotos der dubiosen Kunsthändler stelle einen ebensolchen vordergründig gewünschten prüfenden Blick dar. Aber Fragen zu Tsirogiannis’ Vorwürfen, den Fotos und der richtigen Reaktion darauf ließ Christie’s unbeantwortet.


„Erst wenn die Gegenstände auf dem Markt auftauchen, werde ich meine Informationen veröffentlichen können.“
CHRISTOS TSIROGIANNIS

Tsirogiannis macht dennoch weiter. In seiner Datenbank hat er ein paar ganz besondere Objekte. „Seit Jahren warte ich darauf, dass sie auf dem Markt auftauchen“, sagt er. Was sie so besonders mache, sei ihre Verbindung zu Hehlern oder Schmugglern, die sonst nirgendwo auftauchen. Es sind einzigartige Bindeglieder in den Netzwerken des illegalen Kunsthandels, die Tsirogiannis aufgespürt habe. Aber wie der Rest seiner Datenbank müssen auch diese Erkenntnisse geheim bleiben. „Erst wenn die Gegenstände auf dem Markt auftauchen, werde ich meine Informationen veröffentlichen können.“ Bis dahin wird er warten und die Kataloge der großen Auktionshäuser durchforsten.

09.01.2020
Quelle: F.A.S.

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