Quarantäne bis Reisekontrolle

Was gegen die Corona-Pandemie wirkt

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 16:12
Corona-Massentest an der Uni Wien
Tausende Studien zur Corona-Pandemie sind bislang erschienen. Dutzende Vorgaben wurden ergriffen, abgesetzt und wieder eingesetzt – und doch herrscht noch immer keine Klarheit, was am besten vor der Ausbreitung des Virus schützt. Ein paar Erkenntnisse gibt es dennoch.

Es scheint wie ein Widerspruch, ist es aber nicht: Einerseits vermehrt sich Wissen weiter explosionsartig, andererseits hadern auch Forscher mit der Studienflut. Zehntausende Forschungsstudien zum Pandemie-Virus Sars-CoV-2 und zu der von ihm verursachten Krankheit Covid-19 sind in nur neun Monaten dieser Pandemie erschienen, Dutzende Maßnahmen wurden weltweit ergriffen, abgesetzt und wieder eingesetzt, um die Ausbreitung des neuen Erregers einzugrenzen – und doch herrscht nach all diesen Groß- und Kleinexperimenten noch immer nicht vollkommene Klarheit, was am besten vor der Ausbreitung des Virus schützt. Aus den vielen Einzelbefunden ergibt sich noch kein klares, endgültiges Bild. Doch wie sollte es auch? Selbst an der Influenza-Grippe wird nach Jahrzehnten noch weltweit geforscht.

Immerhin hat jetzt eine Gruppe von Gesundheitsforschern im Auftrag der Cochrane Stiftung Deutschland eine Zusammenfassung gewagt, was bestimmte nicht-pharmazeutische Corona-Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Coronavirus betrifft: Dabei geht es um Quarantäne, Reisebeschränkungen und um breit angelegte Test-Screenings – Massentests an symptomlosen und symptomarmen Personen.

„Die Forschung zu Covid-19 schreitet rasch voran“

Die in Freiburg ansässige Cochrane Stiftung unterhält seit Jahren ein hoch angesehenes internationales Netzwerk von Wissenschaftlern, das die wissenschaftlichen Grundlagen für Entscheidungen in Gesundheitsfragen kritisch hinterfragt. Ihre Gutachter sind veritable Rosinenpicker: Sie verwerfen Befunde, die auf dünner Datenbasis oder schlechten Studien beruhen, und lassen nur „belastbare Evidenzen“ für ihre Bewertungen gelten.

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Zu den drei Anti-Corona-Maßnahmen heißt es in ihrer Zusammenfassung: „Die Forschung zu COVID-19 schreitet rasch voran, aber die Evidenzbasis ist noch immer sehr unsicher. Es fehlt an Belegen für die wirtschaftlichen und sozialen Schäden, die sich aus diesen Maßnahmen ergeben.“ Nicht nur die Datenbasis für die Wirkung staatlicher Maßnahmen schätzen sie also als dünn ein, sondern auch die vorliegenden Belege dafür, dass die Maßnahmen übertrieben und gesellschaftlich abträglich sein könnten.

Grundsätzlich halten die Cochrane-Gutachter es für ein Manko, dass bei der Überprüfung der Corona-Schutzmaßnahmen die mathematischen Modelle noch immer das Hauptinstrument vieler Studien sind: Sie beruhten auf unsicheren Annahmen. „Real-life-Evidenz“ dagegen – sprich: empirische, „gemessene“ und kohärente Daten aus Pandemiestudien im Alltag – nimmt zwar zu, doch sie sind für die Cochrane-Gutachter oft immer noch mit „methodischen Schwächen“ behaftet und ihre Aussagekraft deshalb „gering und sehr gering“.

Was die drei Einzelgutachten („Rapid-Reviews“) betrifft lassen sich sehr unterschiedliche Evidenz-Qualitäten ausmachen. Am besten ist sie derzeit für Quarantäne-Maßnahmen: „Quarantäne ist wichtig, um die Inzidenz und Mortalität während der COVID-19-Pandemie zu reduzieren“, heißt es in dem Gutachten. Über den Umfang der möglichen Reduzierung von Corona-Infektionen durch Quarantäne lässt sich nach den vorliegenden Daten aber offenbar nichts Sicheres sagen. Schätzungen schwanken zwischen 44 und 96 Prozent möglicher Verringerung. Schon im April hatte sich die Cochrane-Gruppe um Barbara Nussbaumer von der Donau-Universität in Krems zu Quarantäne-Maßnahmen geäußert, allerdings sind seitdem 22 weitere Studien allein zu diesem Themenkomplex erschienen. „Die Evidenz deutet darauf hin, dass die Einführung einer Quarantäne zu einem frühen Zeitpunkt einer Pandemie und die Kombination von Quarantäne mit anderen Maßnahmen aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit wie z.B. physical distancing dazu beitragen kann, die Ausbreitung von COVID-19 zu verlangsamen. Es ist jedoch schwierig zu beurteilen, welche Kombination von Maßnahmen am besten geeignet ist, die Zahl der Fälle und Todesfälle zu verringern“, schreibt Nussbaumer zusammenfassend zu dem neuen „Rapid Review“.

Im Hinblick auf die Möglichkeit, die Covid-19-Ausbreitung durch Reisebeschränkungen einzudämmen, ist die Datenlage noch deutlich lückenhafter. Schätzungen, wonach sich zwischen 26 und 90 Prozent der Erkrankungen verhindern lassen, wenn die Reisebeschränkungen zu einem frühen Zeitpunkt eines Ausbruchs umgesetzt werden, hält die Forschergruppe um Jacob Burns von der LMU München für „extrem unsicher“. Nicht zuletzt, weil auch diese Berechnungen auf Modellstudien beruhen. Diesen Studien zufolge könnte der Anteil der an den Grenzen entdeckten Infektionen unter allen einreisenden Passagieren in den ersten Wochen der Pandemie bei 0 bis 75 Prozent gelegen haben – was die Unsicherheit hinreichend verdeutlicht.

Hoffnung auf besseres Verständnis über Wirksamkeit

Unter dem Strich und wichtig für die seuchenpolitische Diskussion um solche Maßnahmen ist die Bemerkung: „Symptomscreening-Maßnahmen bei der Ein- und Ausreise allein entdecken wahrscheinlich nicht genügend Fälle, um zu verhindern, dass sich neue Infektionsketten innerhalb der geschützten Region etablieren.“ Allerdings sieht es für die Cochrane-Gutachter auch so aus, dass sich die Wirksamkeit der Screenings von Reisenden verbessert, wenn die Feststellung von Symptomen „mit anschließender Quarantäne, Beobachtung und PCR-Test kombiniert wird“.

Die einige Wochen lang als „Massentests“ insbesondere vom bayerischen Ministerpräsidenten ins Spiel gebrachten Reihenuntersuchungen von symptomlosen oder symptomarmen Personen fallen in der Begutachtung durch Cochrane mehr oder weniger komplett durch. Abfragen nach Symptomen oder Temperaturkontrollen hätten nichts gebracht. „Jede der untersuchten Screening-Strategien brachte ein hohes Risiko mit sich, dass tatsächlich infizierte Personen fälschlicherweise als virusfrei identifiziert werden (falsch-negatives Ergebnis).“ Allerdings erhoffen sich die Forscher von weiteren Studien „auf Bevölkerungsebene“ ein deutlich verbessertes Verständnis über die Wirksamkeit solcher Maßnahmen.

Und was das auch für die Bedeutung anderer Eindämmungsmaßnahmen bedeutet, macht die amerikanische Hauptautorin dieser Teilstudie, Meera Viswanathan vom RTI International in North Carolina, deutlich: „Wir sind uns nicht sicher, ob kombinierte Screenings, wiederholte Symptombeurteilung oder schnelle Labortests sinnvoll sind. Da infizierte Menschen beim Screening leicht übersehen werden können, sind gesundheitspolitische Maßnahmen wie eine Nase-Mund-Bedeckung, physical distancing und Quarantäne für diejenigen, die möglicherweise Kontakt mit einer infizierten Person hatten, weiterhin sehr wichtig.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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