Ab in die Botanik

Räuber im Ibengarten

Von Sonja Kastilan
27.09.2021
, 10:41
Eibe, Langbogen
Wenn jetzt die leuchtroten Früchte im dunklen Grün der Eiben locken ist Vorsicht geboten. Für die Krebstherapie waren die Giftstoffe dieser Pflanze eine wichtige Entdeckung, und ihr Holz ist seit langem begehrt.

Wenn ich durch die Frankfurter Grünanlagen radle, komme ich manchmal an einem Hain mit ein paar Dutzend Eiben vorbei. Merkwürdigerweise achte ich nur vormittags auf ihr dunkles Grün, zu anderen Zeiten lenken mich die anderen Radfahrer, Gänse, Passanten, Roller-Rowdies und irrlichternde Kleinkinder zu sehr ab, denen es auszuweichen gilt. Aber mich faszinieren die immergrünen Bäume aus der Familie der Taxaceae, die sechs Gattungen umfasst, dann immer wieder aufs Neue. Und gerade jetzt, wenn ihre Früchte hellrot zwischen sanften, weichen Nadeln locken, muss ich daran denken, wie giftig Eiben sind, und zwar sämtliche Pflanzenteile; ausgenommen ist nur der Blütenpollen sowie der fleischige Samenmantel, Arillus genannt.

Die Frucht ist keine Beere, und angeblich lässt sich aus der süßen Masse ungefährlich Marmelade kochen, sofern man die Samenkerne sorgfältig entfernt. Auf diesen Selbstversuch verzichte ich und überlasse die Ernte lieber den Vögeln, die auf diese Weise für Verbreitung sorgen, denn so üppig gedeihen Eibenbestände in Deutschland längst nicht mehr.

In Europa ist mit Taxus baccata nur eines von den rund 35 Familienmitgliedern heimisch, und schon einige Jahrtausende bevor das Gift der Eiben für die Krebstherapie entdeckt, als tödliche Waffe genutzt oder in der römischen Mythologie verwendet wurde, fand ihr dauerhaftes Holz Beachtung, man nutzte es für Pfahlbauten, oder mittelalterliche Langbögen, denn es war nicht nur hart, schwer und beständig, sondern zudem biegsam und elastisch. Selbst Ötzi trug bei seiner letzten Bergtour vor rund 5300 Jahren eine um die 1,80 Meter lange Stange mit sich, offenbar ein Rohling, aus dem er einen Bogen in der richtigen Dicke und Größe fertigen wollte; in seinem Köcher befanden sich Pfeile und eine Schnur aus dehnbaren Tiersehnen, als Wanderer seine Eismumie am 19. September vor dreißig Jahren in den Ötztaler Alpen entdeckten.

Zur Jagd auf Waldelefanten

Berühmt ist auch die knapp 2,40 Meter lange „Lanze von Lehringen“, die 1948 in der Nähe von Verden in Niedersachsen ausgegraben wurde. Die Spitze steckte im Skelett eines Waldelefanten, den vor rund 120.000 Jahren vermutlich Neandertaler erbeutet und an Ort und Stelle zerlegt hatten. Ihr Spieß zerbrach unter dem Gewicht des getroffenen Elefanten in elf Teile, deren Holz sicher von einer Eibe stammt: In eingefärbten Dünnschnitten sind unter dem Mikroskop spiralförmige Verdickungen der Zellwand zu erkennen, die sie klar von Fichte, Lärche, Eiche oder Buche unterscheiden. Allerdings macht ihr Letztere mancherorts den begehrten Platz an der Sonne im deutschen Wald streitig.

Zwar gelten Eiben als ausgesprochen schattentolerant, ihre Keimlinge haben es unter einem dichten Buchenlaubdach jedoch schwer. In der Rhön musste der Mensch deshalb schon mehrfach eingreifen und etwa Lichtverhältnisse eines Niederwaldes schaffen, um zu verhindern, dass den 368 bis zu 800 Jahre alten Eiben im Thüringer „Ibengarten“ der Nachwuchs ausgeht. Mit dem Schutz und besonderer Pflege begannen hier Naturforscher und Förster im 19. Jahrhundert, heute gehören die 58 Hektar am Neuberg zum Biosphärenreservat Rhön. Und da lässt es sich zum Beispiel auf den Spuren des legendären Rhönpaulus wandern, ein Schäfersknecht, Deserteur und Wilderer, der dort in einer Höhle Unterschlupf fand. Die Geschichte beginnt 1736 und hat alles, was eine echte Räuberpistole braucht: als uneheliches Kind geboren, früh verwaist; im Siebenjährigen Krieg verwundet, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs, Schmuggeleien und Diebstählen durch – verschont Bedürftige, vermeidet Gewalt. 1780 nimmt sein Leben ein Ende, und daran ist eine Eiche nicht unbeteiligt. Die Eibe wiederum gefällt mir in ihrer Rolle als Krebstherapeutikum am besten, und den Anfang dieser Geschichte macht 1962 ein amerikanischer Botaniker, als er von 200 Bäumen die Borke sammelt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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