<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Handy-Daten für Forscher

Viele Details, keine Lügen

Von Jan Schwenkenbecher
 - 17:43
Nicht nur Unternehmen sind an Daten von Usern interessiert – sondern auch die Wissenschaft.

Chatten, surfen, telefonieren, browsen, navigieren, spielen, planen, neuerdings sogar bezahlen: Zwei von drei Deutschen nutzen ein Smartphone, um ihren Alltag zu managen. Die Werbeindustrie ist schon seit geraumer Zeit hocherfreut darüber, dass unser Verhalten in Form von Nullen oder Einsen gewisse Spuren hinterlässt, die Rückschlüsse auf die jeweilige Person erlauben. Aktuell sorgt die App „Facebook Research“ für Aufsehen. Seit 2016 eingesetzt, ließen sich damit weitreichend Nutzerdaten sammeln und Online-Gewohnheiten untersuchen. Der Sammelwut setzte Apple kürzlich ein Ende, nach dem Disput kündigte nun Facebook an, die in Verruf gekommene Schnüffel-App einzustellen. Aber nicht nur für Firmen, die Trends erkennen und Produkte absetzen wollen, sind an den Handydaten interessiert, sondern auch die Forschung.

Ein Smartphone kann zum Beispiel als Stimmungsbarometer herhalten, und 2013 kam etwa die App „Emotion Sense“ auf den Markt. Diese Anwendung bat die Nutzer mehrmals am Tag, einen kurzen Fragebogen auszufüllen und zu beantworten, wie ruhig, ängstlich oder glücklich sie sich gerade fühlen. Was das Projekt von herkömmlichen Online-Fragebögen abgrenzte, war, dass diese App zudem Handydaten auswertete. „Die Frage, die wir untersuchten, war der Heilige Gral unseres Forschungsgebiets“, erklärt dazu Cecilia Mascolo, Professorin für Mobile Systeme an der Universität im britischen Cambridge, die das Projekt maßgeblich betreut hat: Ist es möglich, anhand bestimmter Handydaten herauszufinden, was Menschen fühlen, ohne sie direkt danach zu fragen?

Das funktionierte erstaunlich gut. Im Jahr 2017 veröffentlichten Mascolo und ihr Team im Fachmagazin Plos One die letzte von mehreren Auswertungen des Emotion-Sense-Projekts. Beinahe 13 000 Leute hatten sich die App runtergeladen und darüber bereitwillig Gefühle und Daten mitgeteilt. Und Leute, die sich mehr bewegten, gaben an, glücklicher zu sein. Das ist nun keine besonders überraschende Erkenntnis, doch Mascolo und ihre Kollegen konnten schon anhand der Bewegungsdaten vorhersagen, wie glücklich derjenige war, von dem sie stammten. Es war ihnen gelungen, die Stimmungslage mit Handydaten zu verknüpfen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Gewissenhafte Menschen nutzen häufiger E-Mail-Apps

Wollen Wissenschaftler wie Cecilia Mascolo anhand von Daten auf bestimmte Sachverhalte schließen, eignet sich das Smartphone zum Messinstrument: Es ist immer dabei, zeichnet alles auf und lügt nicht, wenn es etwa um unbequeme Fragen geht. Außerdem sind die Handys von heute zu einigem in der Lage und erkennen nicht nur, ob ihre Nutzer gerade gehen, joggen, Rad oder Auto fahren.

Das GPS verfolgt, wo sich jemand wann befinden, und kann verraten, wie oft man sich mit Freunden trifft, wenn auch auf deren GPS-Daten zugegriffen wird. In Innenräumen könnte dann Bluetooth entsprechende Daten liefern, denn es sucht die Umgebung nach Bluetooth-Netzen ab und spürt somit bekannte auf. Darüberhinaus misst ein Smartphone zahlreiche Parameter wie Temperatur, Helligkeit der Umgebung, Luftdruck und -feuchtigkeit und ob sich etwas nahe vor dem Bildschirm befindet. Sogar die auf das Gerät einwirkende Schwerkraft kann es erkennen oder Magnetfelder, und es speichert Verhalten in Form ein- und ausgehender Telefonate sowie Textbotschaften. Nicht zu vergessen: die Kamera.

Dass sich anhand all der Einzeldaten ein Handynutzer recht gut charakterisieren lässt, belegen zahlreiche Studien. So werden extrovertierte Personen häufiger angerufen, und ihre Telefonate dauern länger als die von introvertierten. Gewissenhafte Menschen nutzen häufiger E-Mail-Apps und sind seltener auf Youtube. Schlafrhythmen zeichnen sich über den Lichtsensor ab und wann jemand sein Handy auflädt und morgens den ersten Klick macht. Während Telefonaten kann eine Sprachanalyse recht genau feststellen, was ein Anrufer empfindet. Gefühle prägen aber nicht nur Gespräche, sondern lassen sich auch am Schriftverkehr ablesen: Textlänge, Tippgeschwindigkeit, Länge von gelöschten Textbausteinen und Anzahl der Fingertipps. Auskunft geben aber auch die Frequenzen von Anrufen, Kurznachrichten oder E-Mails sowie die Nutzung von Apps und Browser.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Im vergangenen Jahr zeigte sich die Welt überrascht, dass die auf Facebook verteilten Likes einiges über eine Person erzählen, etwa Intelligenz, politische Haltung oder sexuelle Orientierung. Solche Aussagen sind sogar möglich, wenn ein entsprechend programmierter Algorithmus die installierten Apps begutachtet. Ein australisch-amerikanisches Forscherteam konnte so mit bis zu 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf die Religion, den Beziehungsstatus, die Sprache oder die Lieblingsländer der Nutzer schließen. Die App-Palette verriet auch, ob der- oder diejenige kleine Kinder hatte.

Wenn Handydaten Rückschlüsse über die Gesundheit erlauben

Da Handydaten offensichtlich repräsentieren, wie Menschen sich verhalten und was sie fühlen, entwickeln Wissenschaftler zunehmend Apps für die Praxis. Zum Beispiel wenn es um Patienten mit Depressionen geht, denn amerikanische Forscher konnten 2015 die Handydaten mit Symptomen korrelieren. Je stärker diese waren, desto weniger bewegten sich die Probanden, sie besuchten seltener öffentliche Orte und verbrachten mehr Zeit am Handy. Mittels Smartphones ließe sich eine depressive Episode also frühzeitig erkennen, und das Gerät könnte die zuständigen Ärzte darüber informieren, damit den Patienten geholfen wird.

In eine ähnliche Richtung will man am Universitätsklinikum in Dresden gehen. Das Team um den Oberarzt Emanuel Severus prüft mit Kollegen an sechs anderen Kliniken, ob sich das Smartphone zur Behandlung von Patienten mit Bipolarer Störung eignet. Im Rahmen einer Studie zeichnet die App namens „MovisensXS“ über 21 Monate auf, wie häufig die 180 Teilnehmer telefonieren oder Nachrichten verschicken, und zählt ihre Schritte. Steigen diese Werte extrem an, werden automatisch Ärzte informiert, da die Betroffenen in eine manische Phase abrutschen könnten.

Wenn nun Handydaten Rückschlüsse über Verhalten und Gesundheit erlauben, so liegt es auf der Hand, dass große Konzerne in diesem Bereich mitmischen wollen. Apple bietet sogar eine Art App-Baukasten für Forscher an, „Research Kit“ genannt. Sie können damit ohne große Programmierkenntnisse die gewünschte App basteln. Gestattet es der Handybesitzer, können diese Forschungs-Apps auf die Daten des „Apple Health Kit“ zugreifen, das über weitere Apps, die Sensorik oder auch die Apple Watch zahlreiche Parameter misst, die für die Gesundheit eine Rolle spielen.

„Systeme wie das Research Kit sind ein Schritt in die richtige Richtung“

Die mittels Research Kit erstellten Apps sind nur einfach zu erstellen, sie tauchen außerdem prominent im App-Store auf, was für Wissenschaftler ein Vorteil ist. Mussten sie früher unzählige Mails verschicken, Aushänge drucken oder Werbung schalten, erreichen sie dadurch jetzt Millionen von Menschen ohne weiteren Aufwand. Für eines der ersten auf diese Weise angestoßenen Projekte, die mPower-Parkinson-Studie, meldeten sich innerhalb weniger Wochen mehr als 15 000 Teilnehmer.

„Systeme wie das Research Kit sind definitiv ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt die Informatikerin Cecilia Mascolo. Einmal programmierte Anwendungen könnten in anderen wiederverwendet werden, das erleichtere die Smartphone-Forschung enorm. Doch diese Bequemlichkeit hat ihren Preis: „Das bedeutet natürlich auch, dass das Unternehmen Zugriff auf die Daten bekommen könnte“, warnt Mascolo. Als Apple das Research Kit im Herbst 2015 vorstellte, versicherte der Konzern, auf die Gesundheitsdaten hätten lediglich die externen Forscher Zugriff. Anfangs schien das zu stimmen. Aber nach einem halben Jahr änderten sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen für einige der so erstellten Apps, darunter die Parkinson-Studie. Fortan wurde Apple als ein „secondary“ Forscher gelistet – und konnte damit auf die Daten zugreifen.

Sammelaktionen werden oft damit gerechtfertigt, dass Informationen irgendwo zentral zusammenlaufen müssten, um sie auszuwerten. Mascolo widerspricht dieser Annahme, denn ein Großteil der Analyse könne direkt auf dem Handy geschehen. Es sei nicht notwendig, alle Daten in irgendeine Cloud zu schicken. „Die großen Konzerne haben aber kein Interesse daran, das zu ändern“, vermutet Mascolo. Werte man etwa die Bewegungsdaten aus, um frühe Alzheimer-Symptome zu erkennen, müsse man nicht den kompletten GPS-Verlauf preisgeben. „Das Gerät könnte die Veränderungen im Bewegungsmuster analysieren“, sagt Mascolo, und es würde genügen, die Auswertung herauszugeben: Wie bewegt sich eine Person aktuell im Vergleich zum letzten Jahr? Ob jemand am ersten Dienstag im Februar einkaufen war, dafür interessiert sich kein Mediziner. Eher jene Leute mit darauf abzielenden Geschäftsinteressen.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSmartphoneAppleFacebook