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Mythos oder Wahrheit?

Warum Sie auch 2019 skeptisch bleiben sollten

Von Sibylle Anderl und Manfred Lindinger und Joachim Müller-Jung
 - 20:40
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Prüfen Sie ihre Skepsis zum Jahresbeginn: Welche der folgenden Befunde aus dem abgelaufenen Jahr sind ausgedacht, welche gab es wirklich? Die Auflösung finden Sie im Kasten am Ende des Artikels.

Das Trump-Trauma der Jugend

Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten hat nicht nur viele irritiert, sie hat bei Jugendlichen auch, wie sich nach der Auswertung von Fragebögen an der San Francisco State University gezeigt hat, tiefe seelische Verletzungen hinterlassen. Von den 769 Studenten, die an der knapp drei Monate nach der Wahl gestarteten Studie teilgenommen haben, zeigte ein Viertel charakteristische Anzeichen eines Traumas. Ermittelt wurde die seelische Belastung mit Hilfe des international gängigen Stressfragebogens „Impact of Event Scale“, kurz IES-R. Nach Auswertung der Antworten wurde bei den Studenten eine seelische Belastung ermittelt, die den Forschern zufolge „im Mittel vergleichbar war mit dem Stressniveau, wie man es bei Zeugen von Massentötungen findet“. Junge Frauen lagen auf der „Schock“-Skala 45 Prozent höher, verglichen mit jungen Männern, Hispanics und schwarze Amerikaner schnitten deutlich schlechter ab als Weiße.

Interstellar Reisende hinterlassen Spuren

Der erste mögliche Kurzbesucher aus dem interstellaren Raum, der bekanntwurde, könnte kein Komet gewesen sein, sondern eine Art Sonnensegel – und es soll mittlerweile nicht mehr das einzige Zeugnis interstellar Reisender sein. Vor mehr als einem Jahr war das senkrecht zur Sonnenebene fliegende Objekt „Oumuamua“ von Hawaii aus entdeckt worden. Fotos gibt es nicht, dafür aber einige Daten. Diesen November legten Abraham Loeb und Amir Siraj aus Harvard ihre Berechnungen der ungewöhnlichen Beschleunigung vor. Für sie könnte es sich um eine nur Millimeter dicke Membran, ein Raumschiff-Artefakt, handeln. In „Monthly Notices of the Royal Astronomical Society“ haben die Harvard-Forscher nun die ungewöhnlichen Bahnen von vier weiteren „möglicherweise künstlichen interstellaren Objekten“ jenseits des Jupiters beschrieben.

Neutrinos als Energiespender

Neutrinos sollen das Potential haben, die Energieprobleme der Welt mit einem Schlag zu lösen – vorausgesetzt, man würde genügend dieser ungeladenen Elementarteilchen einfangen, die pro Sekunde zu Abermilliarden auf die Erde niederprasseln, ohne Spuren zu hinterlassen. Weil die Geisterteilchen, die bei der Fusion von Atomkernen im Sonneninneren entstehen, eine kleine Masse haben, könnte man sie als Energiequelle nutzen, schlagen amerikanische Forscher vor. Mit einer Spezialfolie haben sie ihr Konzept getestet: Auftreffende Neutrinos erzeugten Mikrovibrationen, die in elektrische Energie umgewandelt und kleine Lämpchen zum Leuchten gebracht haben soll. Fahren vielleicht also bald schon Neutrinoautos auf unseren Straßen?

Etappensieg für die Eulen-Menschen

Die Existenz verschiedener Chronotypen, der Eulen und Lerchen, deren Leistungsfähigkeit entweder abends oder morgens am höchsten ist, ist heute hinlänglich nachgewiesen. Kanadische Wissenschaftler haben nun in einer Schlafstudie mit 286 Teilnehmern – unter ihnen sowohl Eulen als auch Lerchen – zeigen können, dass typübergreifend der Schlaf in den Morgenstunden zwischen 6 und 8 Uhr eine wichtige Rolle für die kognitive Leistungsfähigkeit spielt. In Konzentrationstests schnitten alle Teilnehmer, die morgens länger schlafen durften, deutlich besser ab. Die Forscher führen dies auf den zu dieser Zeit verstärkt stattfindenden REM-Schlaf zurück, der hilft, die Verarbeitung kognitiver Eindrücke zu unterstützen.

Wie es sich anfühlt, ein Nager zu sein

Der Philosoph Thomas Nagel hatte 1974 das Beispiel einer Fledermaus genutzt, um gegen die Möglichkeit eines naturwissenschaftlichen Verständnisses des Bewusstseins zu argumentieren: Wie eine Fledermaus sich fühle, könnten wir niemals erkennen. Keine Fledermaus, aber eine gewöhnliche Maus wollen nun indische Informatiker mit einem künstlichen neuronalen Netzwerk simuliert haben. Dabei kombinierten sie Verhaltensdaten von Labormäusen mit strukturellen Informationen über den neuronalen Aufbau des Mäusegehirns. In Validierungstests zeigte das simulierte Gehirn qualitativ die gleichen Anregungsmuster wie das Gehirn einer lebendigen Maus unter gleichen Umgebungsreizen. Ob das simulierte Mausgehirn auch Bewusstsein zeigt, soll nun in weiteren Tests geprüft werden.

Sexy nach dem Umzug in der Stadt

Die treibende Kraft der Evolution ist nicht zu unterschätzen, wenn es darum geht, zivilisatorische Kollateralschäden zu kompensieren. In mittelamerikanischen Städten haben holländische Forscher den zu den Pfeifffröschen zählenden Tungara-Frosch in den übelsten Ecken aufgespürt – dort, wo der Ruß, Feinstaub und die ins Abwasser gespülten Medikamente in Tümpeln landen. Die urbanen Frösche unterscheiden sich von ihren waldbewohnenden Artgenossen durch die Aktivität der Warzen, mit denen ihre krötengleiche Haut bedeckt ist. Die Stadt-Frösche bilden einen neuen, chemischen Schutzfilm. Der schützt sie nicht nur vor aggressiven Umweltgiften, er verleiht den Männchen auch eine, je nach Zusammensetzung des Tümpelwassers sehr individuelle farbliche Note. „Sexy Stadtfrösche“, freuen sich die Herpetologen in ihrer Publikation. Zurück in den Wald gebracht, verlieren die Tiere jedoch schnell wieder ihr städtisches Wesen.

Der Mythos der fliegenden Fischeier

Wie gelangen Fische in isolierte Gewässer, wenn es keine Zuflüsse gibt? Die Erklärung, die dafür bereits von Pionieren wie Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace herangezogen wurde, beschreibt, dass Fischeier am Gefieder von Wasservögeln kleben bleiben, die diese dann von einem Gewässer zum nächsten transportieren. Schweizer Ökologen haben diese gängige Hypothese auf den Prüfstand gestellt. In einer systematischen Literaturrecherche stellten sie fest, dass keinerlei ausführlichen Studien existieren, die diese These empirisch untermauern, obwohl die Theorie der fliegenden Fischeier innerhalb der Forschungscommunity allgemein als bewiesen angesehen wird. Bei einer Befragung stellten die Forscher fest, dass keiner ihrer Kollegen empirische Referenzen nennen konnte.

Krebszellen im Blut nachweisbar

Einfach, preiswert, schonend und dennoch zuverlässig – so wird ein Bluttest auf Krebs von australischen Medizinern beschrieben, den sie derzeit als „Universal-Krebstest“ entwickeln. In neunzig von hundert Proben kann demnach der Test ermitteln, ob Krebszellen im Blut sind. Grundlage ist die unterschiedliche Haftung des Erbmaterials von „gesunden“ Zellen und Krebszellen. Tumoren werden genetisch anders reguliert, sie enthalten weniger Methylgruppen. Kommt „Tumor-DNA“ mit den Nano-Goldpartikeln im Teströhrchen in Kontakt, schlägt die Farbe der Lösung auf Blau um, sind nur „gesunde“ Zellen vorhanden, bleibt die Lösung pink. Wo die Zellen herkommen und wie gefährlich der Befund ist, bleibt aber nach dem Bluttest

Gehirnjogging für den Nachwuchs

Die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib haben in den vergangenen Jahren immer mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, seit Studien zeigen konnten, dass einige intellektuelle Fähigkeiten des Kindes bereits vor der Geburt angelegt werden. Japanische Psychologen demonstrieren nun in einer Studie mit 30 Schwangeren, dass nicht nur die Stimulation von Sinneseindrücken des Ungeborenen, etwa durch klassische Musik oder Lichtsignale, einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben. Auch konzentrierter Denksport, den die Schwangere ab dem vierten Schwangerschaftsmonat durchführt, wirke sich positiv auf das Kind aus, so die Forscher. Für ihre Studie nutzten sie Sudokus, die einmal täglich 45 Minuten lang gelöst wurden.

Die Chinesen und der deutsche Wein

Wie sehr das eigene Vorwissen über die Eigenschaften eines Weins den eigenen Geschmackseindruck beeinflussen kann, weiß jeder, der einmal an einer Blindverkostung teilgenommen hat. Dass dies auch für den wachsenden Markt der chinesischen Weintrinker gilt, hat nun eine Studie amerikanischer und chinesischer Ökonomen gezeigt. Testpersonen sollten Weine erstens ohne jede Information, zweitens mit Kenntnis der Herkunftsregion und drittens nach Bereitstellung aller vorliegender Informationen verschiedene Weine bewerten. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Weine aus dem Rheingau von den Testern aus Hong-Kong schlechter geschätzt wurden, wenn ihre Herkunft bekannt war. Die Vorurteile waren bei unerfahrenen Testern einflussreicher.

Der Heilige Gral der Festkörperphysik

Der Traum von einem Supraleiter, der bereits bei Raumtemperatur seinen elektrischen Widerstand verliert und den Strom somit ohne jegliche Verluste leitet, rückt offenbar in greifbare Nähe. Am Institut für Wissenschaft in Bangalore wollen jetzt Forscher ein Material gefunden haben, das schon bei minus 37 Grad in den supraleitenden Zustand übergeht. Ein äußerer Druck sei nicht erforderlich, verkünden die beiden Forscher in ihrem, in der Online-Datenbank „arXiv“ erschienen Artikel. Das besondere Material – Silbernanopartikel, die in eine Goldmatrix eingebettet sind – lässt Energieexperten jubeln, denn damit hat man endlich den perfekten elektrischen Leiter in der Hand, der den Stromverbrauch und die Energiekosten drastisch senken könnte. Mit Raumtemperatur-Supraleitern braucht man weniger Kraftwerke, was den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid verringern würde. Seltsam ist nur, dass weder Silber noch Gold an sich Supraleiter sind.

Dunkle Materie nimmt Gestalt an

Das Rätsel um die dunkle Materie, die den Löwenanteil des Universums bildet, löst sich allmählich auf. Forschern gleich mehrerer Labore sollen nach jahrelanger Suche exotische Elementarteilchen in die Fänge geraten sein, deren Eigenschaften vermuten lassen, dass es sich um sogenannte Axione handeln könnte. Die beiden renommierten Physiker Steven Weinberg und Frank Wilczek hatten die Existenz dieser Teilchen 1978 postuliert, um eine Ungereimtheit der starken Kernkraft erklären zu können. Das Axion sollte ungeladen und deutlich leichter sein als ein Elektron und nur schwach mit normaler Materie reagieren. Myriaden von ihnen seien beim Urknall entstanden und schwirrten seitdem als dunkle Materie durchs All. Dabei wandelten sie sich in Photonen um, was den Nachweis erschwerte – bis man sie jetzt mit starken Magnetfeldern nachweisen konnte.

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Die Auflösung

Ein Trump-Trauma? Wurde genau so publiziert: im „Journal of American College Health“ (doi: 10.1080/07448481.2018.1515763).

Interstellar Reisende als Urheber von Artefakten, die sich uns auf ungewöhnlichen Bahnen nähern, ist eine Außenseiter-These der Harvard-Forscher, die sie inzwischen aber durch die neue Publikation bekräftigt haben (arXiv:1811.09632v2).

Neutrinos als Energiequelle? Regelmäßig wird diese haarsträubende Meldung von der „Neutrino Energy Group“ gestreut. Doch kein seriöser Physiker glaubt ernsthaft, dass etwas dran ist. Neutrinos wechselwirken dazu viel zu selten mit Materie.

Wichtiger Schlaf am Morgen? Auch wenn es für viele wünschenswert wäre – diese Ausrede für Langschläfer ist leider ausgedacht.

Mäusehirn im Computer? Neuronale Netzwerke feiern eindrucksvolle Erfolge. Die Simulation von Mäusegedanken zählt bislang aber nicht dazu.

Sexy Stadt-Frösche? So werden die Tiere in der Publikation in „Nature Ecology & Evolution“ (doi: 10.1038/s41559-018-0751-8) bezeichnet, weil sie komplexere Paarungsrufe entwickelt haben, nicht wegen ihrer Widerstandskraft gegen Umweltgifte.

Fliegende Fischeier? Dass dieser Erklärung die empirische Grundlage fehlt, wurde im Februar in „Fish and Fisheries“ (doi: 10.111/faf.12270) von Forschern der Universität Basel beschrieben.

Ein 10-Minuten-Test auf Krebs? Wurde mit allen technischen und ethischen Fragen, die das aufwirft, in „Nature Communications“ präsentiert (doi: 0.1038/s41467-018-07214-w).

Schlaue Babys durch Sudoku? Ein positiver Einfluss bestimmter Reize auf Ungeborene ist nicht belegt. Denksport stellt dabei keine Ausnahme dar, der Schwangeren mag er dennoch nutzen.

Geschmähter Wein? Dass chinesische Weintester Vorurteile gegenüber Tropfen aus dem Rheingau pflegen, wurde im Oktober im „British Food Journal“ (doi: 10.1108/BFJ-01-2017-0041) beschrieben.

Supraleiter bei Raumtemperatur? Als diese Arbeit im Juli erschien (arXiv: 1807.08572), blieb der Jubel aus. Zu oft gab es dererlei Meldungen. Einige Forscher vermuten gar, dass Messkurven gefälscht wurden (arXiv: 1808.02929).

Axionen aufgespürt? Tatsächlich gelten diese von Weinberg und Wilczek postulierten Teilchen als heiße Kandidaten für die dunkle Materie. Doch bislang steht ihr experimenteller Nachweis aus.

Quelle: FAZ.NET
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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