Umstrittene „Wiederbelebung“

Eine Schweinerei mit Toten

Von Hildegard Kaulen
17.04.2019
, 19:00
Davonlaufen ging nicht: Die Yale-Forscher haben als Schlachtvieh gedachte Tiere für ihre Hirnexperimente benutzt.
An der Eliteuni Yale wollen Hirnforscher abgetrennte Schweineköpfe wiederbelebt haben. Mit einem Apparat haben sie den Tod besiegt – sagen sie. Und befeuern damit schwierige ethische Debatten.
ANZEIGE

Donnernder könnte der Paukenschlag nicht sein, der gerade in die abflauende Diskussion um die Neuregelung der Organspende platzt. Nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn soll jeder Spender sein, der nicht ausdrücklich widerspricht. Grundlage für die Organspende ist der Hirntod. Eine provokante Veröffentlichung von Nenad Sestan von der Yale School of Medicine und seinen Kollegen macht jetzt ein Fragezeichen hinter die Prämisse, dass das Gehirn großer Säugetiere schnell und unwiederbringlich verloren ist, wenn die Sauerstoffversorgung unterbrochen wird.

Sestan und seine Kollegen zeigen in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“, dass sich bei jungen Schweine die Zirkulation und einige metabolischen Aktivitäten noch vier Stunden nach dem Tod der Tiere wiederherstellen lassen (doi: 10/1038/s41586-019-1099-1). Allerdings haben die Wissenschaftler zu keiner Zeit globale Hirnströme in Form von EEG-Signalen gemessen. Die Hirne zeigen also keine Anzeichen von Wahrnehmung, Bewusstsein und Kooperation zwischen den einzelnen Regionen. Was die Forscher nach der Herstellung der Zirkulation beobachtet haben, waren grundlegende metabolische Prozesse, die allerdings den Verfall des Gehirns zu stoppen schienen. Damit spricht einiges dafür, dass seine Überlebensfähigkeit größer ist als bisher angenommen. Beim Menschen gelten schon wenige Minuten ohne Sauerstoff als fatal.

Muss der Hirntod vor der Organentnahme hinterfragt werden? Experten sind da skeptisch.
Muss der Hirntod vor der Organentnahme hinterfragt werden? Experten sind da skeptisch. Bild: dpa

Die Gehirne der Schweine, die allesamt vom Schlachthof und damit aus der Fleischproduktion stammten, hatten vier Stunden keinen Sauerstoff mehr erhalten – für die Medizin eine unvorstellbar lange Zeit. Sestan und seine Kollegen benutzten für die Wiederherstellung der Perfusion ein neu konzipiertes System, das den Namen „BrainEx“ trägt und speziell darauf zugeschnitten ist, den schnellen Verfall des isolierten Gehirns aufzuhalten. Das System pumpt einen Blutersatz durch die Gefäße, der Sauerstoff enthält, aber keine Zellen und der – anders als Blut – auch nicht verklumpt. Die Blutersatzflüssigkeit ruft auch keine Entzündungsreaktionen hervor, verfügt aber über ein Kontrastmittel, mit dem die Perfusion in den großen und kleinen Gehirngefäßen im MRT beobachtet werden konnte. Mit dieser Flüssigkeit haben Sestan und seine Kollegen die Gehirne von 32 Schweinen sechs Stunden lang durchströmt, nachdem sie zuvor sämtliches Blut durch Ausbluten und durch das Spülen der Gefäße entfernt hatten. Für einen längeren Zeitraum reichten die Kapazitäten nicht aus.

ANZEIGE

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Zirkulation auch nach vier Stunden wieder in Gang kam, dass sich die Sauerstoffversorgung und die Energiebilanz durch die Perfusionsflüssigkeit normalisierten, dass Medikamente in der üblichen Weise wirkten, die Schwellung zurückging, der Zelltod aufgehalten wurde und die anatomischen Strukturen intakt blieben. Im MRT waren zum Beispiel die Ventrikel noch in ihrer ursprünglichen Größe zu erkennen und die Abgrenzung zwischen grauer und weißer Substanz war noch zu sehen. Die Forscher haben in einzelnen Nervenzellen auch spontane synaptische Aktivitäten auslösen und messen können, allerdings keine, die sich über das gesamte Gehirn erstreckten. Derzeit lässt sich nicht sagen, wie lange diese Reaktionen noch hätten aufrechterhalten werden können.

ANZEIGE

Ähnliche Experimente vor 50 Jahren

Vor 50 Jahren hat der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung in Köln Konstantin-Alexander Hossmann ähnliche Resultate bei Katzen und Affen erzielt. Er zeigte damals, dass das Gehirn der Tiere nach einem einstündigen kompletten Kreislaufstillstand wiederbelebt werden konnte und die Nervenzellen nicht schon nach acht bis zehn Minuten verloren waren. Ob damals auch wichtige Gehirnfunktionen wiederhergestellt werden konnten, blieb umstritten.

„Wie immer diese Versuche ausgehen“, so Hossmann zu den aktuellen Experimenten, „sie werden ein grundsätzliches Problem der klinischen Reanimation nicht lösen können“. Die häufigste Ursache für die ausbleibende Durchblutung des Gehirns sei der Herzstillstand, so Hossmann. Dieser unterscheide sich von den experimentellen Untersuchungen dadurch, dass nicht nur das Gehirn, sondern auch das Herz durch das Ausbleiben der Durchblutung geschädigt werde. Ein derart geschädigtes Herz sei aber bereits nach wenigen Minuten nicht mehr in der Lage, das Gehirn während der Reanimationsphase ausreichend mit Blut zu versorgen. Das sei im klinischen Alltag aber die Vorbedingung für die erfolgreiche Reanimation des Gehirns.

ANZEIGE

„So generiert man Aufmerksamkeit“

Die Ergebnisse von Sestan und seinen Kollegen werfen nicht nur Fragen zur Endgültigkeit des Hirntods auf und ob diese Endgültigkeit tatsächlich schon nach wenigen Minuten erreicht ist, sondern lassen auch die Hoffnung aufkeimen, dass es in absehbarer Zeit möglich sein könnte, das Gehirn besser vor dem Verfall zu schützen. Das würde die Spannung zwischen dem Bemühen, Leben zu retten und dem Wunsch Organe für die Transplantationsmedizin zu gewinnen, erhöhen, so Stuart Youngner und Insoo Hyun von der Chase Western Reserve University School of of Medicine in Cleveland in einem begleitenden Kommentar in „Nature“. Angehörige könnten dann auch weniger geneigt sein, zu glauben, dass die Behandlung tatsächlich aussichtslos sei, wenn sie um ihre Einwilligung zur Organspende gebeten werden, so Youngner und Hyun.

Der Theologe Peter Dabrock von der Universität Erlangen-Nürnberg, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, findet scharfe Worte für die aktuelle Veröffentlichung. „So generiert man Aufmerksamkeit, aber kein Vertrauen in die Wissenschaft“, sagt er „erst recht nicht, wenn es um ein existentiell so höchst relevantes Thema wie das Verständnis des Todes geht.“ Und weiter: Aus einer wissenschaftlich höchst anspruchsvollen Studie zum ‚Aufflackern von Lebensspuren‘ auf zellulärer Ebene bastelt die Redaktion von 'Nature' – pünktlich zum Fest der Auferstehung – eine sensationsheischende Story, die den Eindruck erwecken soll: Wir haben den ersten Schritt getätigt, Säugetiere und damit auch Menschen aus dem Tod zurückholen zu können.“ Dabrock hegt die Sorge, dass das ganze Transplantationssystem dadurch in ein schräges Licht gerückt werden könnte.

Wie wird der Hirntod festgestellt?

Der Hirntod ist allerdings nicht nur für die Organspende von Belang. Er ist das Kriterium, das Ärzten erlaubt, einen Toten wie einen Toten zu behandeln. Wenn Hirntote durch die Beatmungsmedizin wie Lebende aussehen, brauchen Ärzte ein Kriterium, das sie von der Pflicht entbindet, Atmung und Herzkreislauffunktionen auch dann noch aufrechtzuerhalten, wenn das Gehirn erloschen ist. In Deutschland erfolgt die Hirntod-Diagnostik in einem dreistufigen Prozess, bei dem die Schritte nicht vertauscht werden dürfen. Nur in der korrekten zeitlichen Reihenfolge ist die Diagnostik vorschriftsmäßig und damit Lege artis. Im ersten Schritt muss geprüft werden, ob die Voraussetzungen für eine Hirntoddiagnostik überhaupt gegeben sind. Dafür muss nachgewiesen werden, dass der Patient eine akute, schwere, primäre oder sekundäre Hirnschädigung hat, die den Hirntod erklären kann und für die es keine anderen umkehrbaren Ursachen gibt, wie etwa die Einnahme muskellähmender oder betäubender Medikamente. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dürfen Ärzte damit beginnen, die für den Hirntod geforderten Ausfallsymptome nachzuweisen: eine tiefe Bewusstlosigkeit, der Ausfall der Spontanatmung und das Fehlen der Hirnstammreflexe. In einem dritten Schritt muss dann gezeigt werden, dass das Gehirn endgültig erloschen ist. Jochen Taupitz vom Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim vermutet, dass die Forschungsergebnisse dazu führen könnten, dass Patienten länger intensivmedizinisch behandelt werden müssen.

Allerdings sieht er keinen unmittelbaren Einfluss auf die deutsche Rechtslage zur postmortalen Organentnahme. Nach der aktuell geltenden Richtlinie zur Hirntoddiagnostik sei die Irreversibilität des Hirnfunktionsausfalls erst dann sicher nachgewiesen worden, wenn die klinischen Ausfallsymptome nach mindestens zwölf Stunden durch erneute und unabhängige Untersuchungen bestätigt worden sind. Dafür müssen die Ärzte heute eine erhebliche Sachkunde nachweisen. Beide Ärzte, die den Hirntod protokollieren, müssen Fachärzte sein und jahrelange Erfahrungen in der intensivmedizinischen Betreuung von Patienten mit schweren akuten Hirnschädigungen haben. Mindestens einer der beiden muss ein Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. „Eine Wiederbelebung nach circa vier Stunden würde dazu führen, dass der betroffenen Person keine Organe entnommen werden dürften“, so Taupitz, in anderen Ländern würden allerdings viel kürzere Wartezeiten gelten.


Die Studie von Sestan und seinen Kollegen wirft aber nicht nur Fragen zum Hirntod auf, sondern auch nach den Bedingungen, unter denen diese Forschung vorangetrieben werden soll. Sollen auch Experimente mit den Gehirnen Verstorbener gemacht werden dürfen? Wie lässt sich erkennen, ob und wann ein isoliertes Gehirn das Bewusstsein zurückerlangt hat und was heißt das für den Fortgang der Experimente? Die Veröffentlichung wird sicher noch viele Diskussionen auslösen.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Zertifikate
Ihre Weiterbildung in der Organisations- psychologie
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
Stellenmarkt
Jobs für Fach- und Führungskräfte finden
ANZEIGE