Entgleisungen des Herztakts

Vorhofflimmern schwer zu beherrschen

22.05.2002
, 12:00
Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Entgleisungen des Herztakts. Allein in Europa leiden zwischen sechs und zehn Millionen Menschen an einer solchen Herzrhythmusstörung. Betroffen sind meist Personen höheren Alters, teilweise aber auch ansonsten gesunde junge Männer und Frauen.
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Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Entgleisungen des Herztakts. Allein in Europa leiden zwischen sechs und zehn Millionen Menschen an einer solchen Herzrhythmusstörung. Betroffen sind meist Personen höheren Alters, teilweise aber auch ansonsten gesunde junge Männer und Frauen. Von Vorhofflimmern spricht man, wenn die Herzvorhöfe aufgrund einer gestörten elektrischen Aktivität nicht mehr pumpen, sondern nur noch unkoordiniert zucken. Der "Stromunfall" bewirkt, daß auch die Hauptkammern des Herzens, die Ventrikel, aus dem Takt geraten. Das damit verbundene Rasen und Stolpern des Pulses ist zwar nicht unmittelbar lebensbedrohlich, für die Betroffenen gleichwohl enorm belastend. Eine größere Gefahr geht von Gerinnseln aus. In den nahezu unbeweglichen Vorhöfen bilden sich leicht Thromben, die - vom Blutstrom in eine Hirnarterie geschwemmt - einen Schlaganfall verursachen können. Um dieses Risiko zu minimieren, erhalten die Kranken meist gerinnungshemmende Medikamente, sogenannte Antikoagulantien.

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Ungeachtet des Fortschritts bei der Behandlung von Vorhofflimmern läßt sich der Verlauf dieser Erkrankung bislang schwer beeinflussen. Vorhofflimmern läßt sich anfangs durch eine sogenannte Kardioversion unterdrücken. Die Normalisierung des Herztakts erfolgt dabei entweder mit Hilfe von Medikamenten oder einer Elektroschocktherapie. Im chronischen Stadium der Erkrankung zeigen diese Maßnahmen freilich keine Wirkung mehr.

Bei anhaltendem Vorhofflimmern galt die Wiederherstellung des normalen Herzschlags bislang als oberstes Ziel. In der Praxis erweist sich dies jedoch oft als frustrierend, da es bei vielen Patienten immer wieder zu Rückfällen kommt. Die zur Stabilisierung des Herztakts verwendeten Präparate rufen zudem teilweise gravierende Nebenwirkungen hervor. Eine weitere, einfachere Behandlungsart besteht darin, die Symptome des Vorhofflimmerns durch eine Verlangsamung des beschleunigten Pulses anzugehen. Bislang hat man diese Therapie allerdings nur in Betracht gezogen, wenn eine - medikamentöse oder elektrische - Kardioversion nicht in Frage kam. Offenbar zu Unrecht, wie die kürzlich auf der Jahrestagung des American College of Cardiology in Atlanta/USA vorgestellten Ergebnisse zweier neuer Studien nahelegen. In beiden Studien wurde untersucht, von welchem der beiden Verfahren - die Wiederherstellung und anschließende Stabilisierung des Herztakts oder die Drosselung des Pulses - ältere Patienten mit Vorhofflimmern am meisten profitieren. Was die Sterblichkeit, die Häufigkeit von Schlaganfällen und die Symptome anging, war das aufwendigere Verfahren dem simpleren Vorgehen nicht überlegen. Angesichts dieser Erkenntnisse sollte man die Therapie des Vorhofflimmerns neu bewerten, wie Thomas Meinertz von der Universitätsklinik Hamburg auf einem Symposion über Vorhofflimmern kürzlich in Rottach-Egern sagte. Eine Kardioversion ist demnach nur erforderlich, wenn sich die Beschwerden nicht anderweitig beherrschen lassen.

Andererseits gibt es eine Reihe von Patienten, denen man mit beiden Verfahren nur unzureichend helfen kann. Solche Kranke profitieren mitunter von einer Katheterablation, einer Zerstörung der unkontrolliert feuernden Herzzellen mit Strom. Dem Entstehungsort dieser unheilstiftenden Zellen ist man erst in jüngerer Zeit auf die Spur gekommen, wie Gerhard Steinbeck vom Klinikum Großhadern feststellte. Anders als bis dahin angenommen entstammen die Störenfriede meist nicht den Vorhöfen, sondern den Lungenvenen. Deshalb ist man nun in der Lage, die elektrischen Störpotentiale gezielter anzugehen. So kann man die den Herztakt störenden Zellen direkt versengen oder durch ringförmige Läsionen elektrisch vom übrigen Herzmuskel isolieren. Einige Patienten sind daraufhin für immer geheilt, andere benötigen weniger Medikamente. Die Behandlungsergebnisse sind derzeit allerdings noch nicht befriedigend. Als bedenklich bezeichnete Steinbeck vor allem die nach wie vor große Zahl teilweise schwerer Komplikationen, etwa starker Verengungen der Lungenvenen.

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Auch mit dem Herzschrittmacher läßt sich das Vorhofflimmern mitunter wirksam angehen. Der automatische Taktgeber wird dabei so programmiert, daß er Störungen der elektrischen Herzaktivität erkennt und durch elektrische Impulse überspielt. Wie Thorsten Lewalter von der Universitätsklinik Bonn anmerkte, hängt der Erfolg der sogenannten präventiven Elektrostimulation unter anderem davon ab, an welcher Stelle des Herzens man die Elektroden des Geräts anbringt. Wählt man den falschen Ort, erzielt man mitunter den gegenteiligen Effekt. Da das Verfahren noch nicht ausgereift ist, sollte es auf keinen Fall routinemäßig angewandt werden, sagte Lewalter. Bislang nutzt man die präventive Elektrostimulation nur bei Patienten, die ohnehin einen Herzschrittmacher benötigen. Ob von dieser Therapieart auch andere Patienten profitieren können, wird derzeit intensiv erforscht.

NICOLA VON LUTTEROTTI

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2002, Nr. 116 / Seite N2
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