Aktueller UNEP-Bericht

Wie eine Sandkrise noch abgewendet werden kann

Von Oliver Becht
29.04.2022
, 16:09
Sandabbau im hessischen Gambach
Das UN-Weltumweltprogramm warnt vor zu starker Sandförderung. Die Umsetzung zehn konkreter Forderungen soll entgegenwirken: Auf der Liste stehen ein Abbauverbot an Küsten sowie der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft.
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Wie Sand am Meer ist der nach Wasser am zweit häufigste verbrauchte Rohstoff der Welt schon lange nicht mehr vorhanden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich der globale Sandverbrauch auf jährlich 40 bis 50 Milliarden Tonnen verdreifacht, zeigen Erhebungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Die warnenden Stimmen werden immer lauter. „Industrielle Sandförderung hat längst ein Ausmaß erreicht, das die natürliche Nachbildung bei weitem übersteigt“, sagt Jerry Tasantab, Geograf an der Universität Newcastle in Australien. Würde die jährlich geförderte Menge zu einer 27 Meter hohen und 27 Meter breiten Wand verarbeitet werden, könnte diese mittlerweile exakt einmal rund um den Erdball reichen.

Ein aktueller Bericht des UNEP – „Sand und Nachhaltigkeit: 10 strategische Empfehlungen zur Abwendung einer Krise“ – weist eindrücklich auf die Schattenseiten solcher Zahlen hin. Sand müsse als strategische Ressource begriffen werden, die nicht nur als zentraler Baustoff, sondern auch als wichtiger Baustein natürlicher Ökosysteme von Bedeutung ist. Zehn konkrete Empfehlungen werden im Bericht vorgestellt, die auf eine „nachhaltigere Nutzung von Sand“ abzielen und politische Vertreter auf jeglichen Ebenen adressieren. „Die Förderung von Sand ist in vielen Weltregionen kaum oder gar nicht reguliert“, sagt Pascal Peduzzi, Koordinator des Berichts und Direktor des UNEP-Zentrums für Umweltinformationen in Genf. „Obwohl das Thema medial immer präsenter wird, spielt es für viele Schlüsselakteure scheinbar keine Rolle. Das gilt für Regierungen, finanzielle Institutionen und den gesamten Bausektor.“

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Bevor das Weltumweltprogramm 2014 den ersten Bericht zu einer möglichen Sandkrise veröffentlicht hatte, erzählt Peduzzi, sei das Thema kaum diskutiert worden. Seitdem ist es in erster Linie das Wissen um ökologische Folgen, das große Fortschritte gemacht hat: Zahlreiche Studien zeigen, wie Sandentnahmen Küsten anfälliger für Erosion, Versalzung und Flutereignisse machen, Lebensräume zerstören und durch Trübung des Wassers den Stoffwechsel von Pflanzen einschränken. Jerry Tasantab untersucht die Folgen in Ghana und berichtet von erodierenden Küsten und toten Flüssen. „Die schützende Funktion von Ghanas 550 Kilometer langen Küste ist kaum noch intakt“, sagt er. „Schuld daran ist in erster Linie die Sandförderung.“

Es braucht neue Gesetzte

Die zehn Forderungen des UNEP, ausgearbeitet im Rahmen einer Resolution auf der UN-Generalversammlung im Jahr 2019, gliedern sich in drei Typen. Von allen relevanten Akteuren seien bestimmte Prinzipien zu beachten: Es brauche nationale und internationale Aktionsfahrpläne, einen Paradigmenwechsel hin zu regenerativem und zirkulärem Denken sowie Partizipation aller relevanter Akteure vor Ort. Als institutionelle und rechtliche Voraussetzungen nennt der Bericht neue Gesetze, die auf eine steigende Nutzung alternativer Rohstoffe abzielen sollen und den Sandabbau an Küsten generell verbieten könnten. Das UNEP nennt ein solches Verbot „die kostengünstigste Maßnahme, um Küstengebiete vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.“

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Weiterhin, hält der Bericht fest, brauche es international anerkannte Regelungen für die Förderung auf hoher See sowie klare Zugangsberechtigungen auf nationaler Ebene. „Eine Möglichkeit zur praktischen Umsetzung von Politikmaßnahmen besteht darin, von der Klimapolitik zu lernen und einen Preisaufschlag auf Sand einzuführen“, sagt Michael Hübler, Volkswirt an der Universität Gießen. „Entweder könnte eine Steuer auf Sand erhoben oder als innovative Maßnahme eine Art Zertifikathandel eingerichtet werden.“ In Großbritannien wurde eine derartige Steuer bereits eingeführt. Hübler hat in einer im vergangenen Jahr erschienenen Publikation gemeinsam mit Frank Pothen entsprechende Maßnahmen untersucht. Wie im Falle der Klimapolitik sei es ökonomisch effizient, den Preisaufschlag über Ländergrenzen hinweg zu vereinheitlichen, so Hübler. Eine Besteuerung der Sandextraktion wirke effektiver als Sandausfuhr- oder Einfuhrzölle.

„Zumindest auf dem Papier nimmt die Regulierung von Sandabbau in den meisten Weltregionen tendenziell zu“, sagt Philippe LeBillon, Geograf an der Universität British Columbia. Ausreichend seien die Bemühungen allerdings noch lange nicht. „Besonders schwierig ist die Lage in Ländern, die mit starker Urbanisierung und einer hohen Zahl an Bauprojekten zu kämpfen haben.“ Peduzzi erwartet, dass die Nachfrage nach Sand mit anhaltendem Bevölkerungswachstum, voranschreitender Verstädterung und dem Ausbau von Infrastruktur weiter steigen wird. „Wenn unseren Empfehlungen gefolgt wird, können die negativen Umweltfolgen allerdings abgeschwächt werden.“ Unabdingbar sei die stärkere Nutzung alternativer Materialien wie maschinell zerkleinertem Gestein, Erzsand oder recycelten Baustoffen verschiedenster Art. Produkte und Bauwerke müssten zudem von Anfang so geplant werden, dass im Idealfall jegliche Materialien wiederverwendet werden können.

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„Ein gewisses Momentum“

Die Forderungen, die das Weltumweltprogramm in einem zweijährigen Prozess ausgearbeitet hat, enthalten nicht nur Prinzipien und Strukturen, sondern auch eine Auflistung ganz konkreter Maßnahmen. Sandvorkommen müssten in jedem einzelnen Land genaustens kartiert und reguliert werden, heißt es, so dass illegaler Abbau idealerweise nicht mehr möglich ist. Bei jedem Bauprojekt seien Verantwortlichkeiten für die Rohstoffquellen festzulegen, und unvermeidbare Umwelteingriffe durch Kompensationen auszugleichen. Peduzzi ist guter Dinge, dass die Vorschläge möglichst umfassend umgesetzt werden. Er sprich von einem gewissen Momentum, dass insbesondere seit der UN-Generalversammlung im Jahr 2019 herrsche. „Mit der damaligen Resolution haben die Länder Sandabbau erstmals als drängendes Umweltproblem anerkannt“, sagt er. „Das ist ein großer Schritt.“

Der Bericht soll, nach eigener Darstellung, „einen internationalen Veränderungsprozess einleiten und sektorenübergreifendes Handeln auslösen“. Die Koordination übernehmen könnte ein neu geschaffenes „Global Sand Center“, das jeglichen Sandabbau überwacht und protokolliert sowie internationale Standards festlegt. Die positive Nachricht des Berichts versteckt sich ganz am Schluss: Eine Sandkrise sei noch abwendbar. Es müssen nur zeitnah die entsprechenden Strukturen geschaffen werden.

Quelle: FAZ.NET
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