Bewaldete Sahelzone

Der Traum von der großen grünen Mauer

Von Rebecca Hahn
Aktualisiert am 20.10.2020
 - 12:14
Pflanzen heißt Hoffnung haben. Ein Mädchen wässert einen Gemeinschaftsgarten für Mitarbeiter der „Great Green Wall“ in Mbar Toubab, Senegal.zur Bildergalerie
In Westafrika gedeihen am Südrand der Sahara mehr Bäume als erwartet. Tatsächlich wird die Sahelzone grüner. Die Frage ist, ob das den Menschen auch dauerhaft etwas nutzt.

Manchmal sieht man vor lauter Wüste die Bäume nicht. Mit diesem Satz lassen sich in etwa die Forschungsergebnisse zusammenfassen, die der Geograph Martin Brandt von der Universität Kopenhagen und seine Kollegen in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlicht haben. Anhand von hochauflösenden Satellitenbildern zählten sie zum ersten Mal freistehende Bäume außerhalb bewaldeter Regionen in Westafrika. Auf 1,3 Millionen Quadratkilometern im Süden Mauretaniens sowie Teilen der sich südlich anschließenden Staaten Senegal, Gambia und Mali – einem Gebiet, das Abschnitte der Sahara, der Sahelzone und der subfeuchten Areale des südlichen Westafrikas umspannt – erfassten Brandt und seine Mitautoren mehr als 1,8 Milliarden Bäume. Dieses Ergebnis ist einigermaßen unerwartet. Vor allem in der Wüste stehen davon mehr als bislang gedacht. Bedeutet das, um die fragilen Landschaften am Südrand der Sahara ist es besser bestellt als erwartet?

Spätestens seit den Dürreperioden in den 1970er und 1980er Jahren wird die Vegetation der Sahelzone genau beobachtet. 2018 stellten amerikanische Forscher fest, dass die Sahara sich seit 1920 um rund zehn Prozent ausgedehnt hat. Das nährte die Befürchtung, die weitere Ausbreitung der Wüste und der Verlust fruchtbarer Böden könnten Millionen von Menschen in der Sahelzone ihrer Lebensgrundlage berauben.

Bäume sind hier vor allem potentielles Feuerholz

So spielen Holzressourcen für die ländliche Bevölkerung im Sahel eine wichtige Rolle, vor allem Feuerholz zum Kochen. „In der Sahelzone kochen achtzig bis neunzig Prozent der Menschen mit Holz“, sagt Hannelore Kußerow, Biogeographin an der Freien Universität Berlin. Die Holzressourcen zu managen ist umso wichtiger, als manche Staaten der Sahelzone einige der höchsten Geburtenraten der Welt verzeichnen. Bislang blieben einzeln stehende Bäume jedoch unter dem Radar der Forscher, weil herkömmliche Satellitenbilder nur Gruppen von Bäumen erfassen.

Die neue Studie liefert erstmals eine detaillierte Kartierung einzelner Bäume. Mit Hilfe eines Algorithmus durchsuchten die Forscher hochauflösende Satellitenbilder des Untersuchungsgebiets entlang eines Gradienten von null bis tausend Millimeter Niederschlag pro Jahr auf Bäume mit einer Kronenfläche von mindestens drei Quadratmetern. Je feuchter der jeweilige Landschaftsabschnitt, umso häufiger wurden die Wissenschaftler fündig. Doch selbst in den sehr trockenen und trockenen Gebieten zählten sie noch 0,7 bis nahezu zehn Bäume pro Hektar. Von dem Ergebnis sind die Wissenschaftler selbst überrascht: „Man denkt, die Sahara besteht nur aus Sand und Steinen“, sagt Martin Brandt. „Aber es gibt Gegenden mit einer sehr hohen Baumdichte, obwohl dort kaum Regen fällt. Das ist faszinierend.“

Allerdings ist eine solche Baumzählung zunächst einmal nur eine Momentaufnahme. Um Aussagen treffen zu können, wie sich der Baumbestand entwickelt, bedürfte es ähnlicher Untersuchungen über längere Zeiträume hinweg, sagt Brandt. Lokale Studien verdeutlichten aber durchaus, dass die Baumdichte – verglichen mit den Dürreperioden vor einigen Jahrzehnten – wieder zunehme. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, zeigt sich hingegen ein etwas anderes Bild. Wenn man sich Unterlagen und Kartenmaterial aus den 1950er Jahren anschaue, gebe es deutliche Hinweise darauf, dass die Vegetation damals noch wesentlich dichter gewesen sei, sagt Hannelore Kußerow. Damals habe es noch mehr Niederschläge als heute gegeben – und wesentlich weniger Menschen, die Holz einschlagen.

Der Klimawandel kann auch anders

Das beobachtete „Greening“, das Ergrünen der Sahelzone, trat erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf. Nach den Dürrejahren fiel wieder mehr Niederschlag, so dass sich einige der ausgedörrten Landschaften wieder etwas erholen konnten.

Der vermehrte Regen warf die Frage auf, ob der Sahel durch den Klimawandel möglicherweise dauerhaft von feuchteren Bedingungen profitieren könnte. Wie Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung 2017 herausfanden, nimmt gemäß mancher Berechnungen bei einer Erhöhung der Oberflächentemperatur der Ozeane der Regen im Sahel ab einem gewissen Schwellenwert tatsächlich stark zu. Die meisten Modelle zeigen im Durchschnitt aber nur einen schwachen Trend zu etwas mehr Regen in der Sahelzone bei wärmeren Temperaturen. Ein anderer Faktor allerdings könnte – zumindest für einen gewissen Zeitraum – für eine grünere Sahelzone sorgen: Einige Klimamodelle zeigen, dass eine höhere CO₂-Konzentration in der Luft das Pflanzenwachstum womöglich anregt – vorausgesetzt allerdings, es steht gleichzeitig genug Wasser zur Verfügung.

Kampf gegen die Wüstenbildung
Der grüne Wall von Afrika

Bislang scheint im Sahel vor allem widerstandsfähiges Gestrüpp vom Klimawandel zu profitieren. „Die Niederschlagsmuster in der Sahelzone haben sich verändert“, sagt Brandt. Es komme häufiger zu Starkregen, und die Niederschläge seien ungleichmäßiger verteilt. Fällt zu viel Regen in zu kurzer Zeit, kann die Vegetation das Wasser kaum verwerten. „Generell nehmen in Trockengebieten dürreresistente Büsche und Sträucher zu“, sagt Brandt. Teilweise seien so auch wertvolle Bäume durch Büsche verdrängt worden.

In den betroffenen Ländern wird deshalb aufgeforstet. Ein besonders ambitioniertes Projekt ist die „Great Green Wall“, eine 2007 von der Afrikanischen Union ins Leben gerufene Initiative. Dabei soll ein knapp achttausend Kilometer langer und fünfzehn Kilometer breiter Streifen aus Bäumen angepflanzt werden, einmal quer durch Afrika von Senegal im Westen bis Äthiopien im Osten. Als gigantische grüne Mauer sollen die Bäume der weiteren Ausdehnung der Sahara Einhalt gebieten. Außerdem sollen bis 2030 hundert Millionen Hektar karge Flächen wieder fruchtbar gemacht werden. So lautete zumindest der ursprüngliche Plan. Nach etwas mehr als einem Jahrzehnt zeigt sich: Es werden wohl eher Mauerabschnitte entstehen als eine durchgängige grüne Mauer. Das Projekt geht langsamer voran als erhofft, in manchen Staaten droht es ganz zu scheitern.

Bislang sind rund fünfzehn Prozent der geplanten Flächen mit Bäumen bepflanzt worden. Große Fortschritte wurden in Äthiopien gemacht. Dort wurden laut Angaben der Vereinten Nationen fünfzehn Millionen Hektar Land wiederhergestellt. Auch in Nigeria wurden fünf Millionen Hektar wieder fruchtbar gemacht, und in Senegal wachsen mittlerweile 11,4 Millionen neu gepflanzte Bäume. Dazwischen aber behindern Terrorismus, Krieg und Korruption das Projekt. „Die Green Wall Initiative ist natürlich eine vernünftige Sache“, sagt Hannelore Kußerow. „Nur können Sie so ein Vorhaben in Kriegsgebieten nicht umsetzen.“

Kritiker werfen der grünen Mauer ohnehin seit Jahren vor, dass sie einen entscheidenden Faktor außer Acht lässt: Nicht allein die Sahara ist dafür verantwortlich, dass fruchtbarer Boden in der Sahelzone verschwindet. Auch unausgewogene Landnutzung ist in manchen Regionen ein Problem. Zu wenig thematisiert werden aus Kußerows Sicht die hohen Geburtenraten in einigen Sahel-Staaten. Das sei ein heikles Thema, aber man müsse sich – und den Partnern vor Ort – die Frage stellen, wie so viele Menschen zukünftig ernährt werden sollen. „Wenn Millionen von Menschen auf Holz angewiesen sind, um ihr Essen zu kochen, führt das zu hohen Abholzungsraten“, sagt Kußerow. Nach fast vierzig Jahren Forschungstätigkeit in der Region stimme sie diese Entwicklung wenig zuversichtlich.

Martin Brandt bewertet den Einfluss des Bevölkerungswachstums als weniger dramatisch. „Es gibt Gebiete, zum Beispiel im Niger, in denen der Druck auf die Böden und die Baumressourcen zu hoch wird“, sagt er. Häufig zieht es aber besonders die jungen Menschen vom Land weg in die Städte. Außerdem sei die ländliche Bevölkerung bereit, die Natur, von der sie abhänge, zu beschützen, so Brandt. Das zeige sich unter anderem daran, dass die Zahl der Bäume auf Feldern zunehme, weil Landwirte wieder vermehrt die traditionelle Agroforstwirtschaft praktizierten. Bei dieser Anbaupraxis bleiben Bäume auf den Feldern stehen, um den Boden vor Erosion und Austrocknung zu schützen. Die Blätter vieler Baumarten düngen zudem die Äcker. So profitieren die Landwirte von höheren Erträgen und zusätzlichen Einnahmen durch die Früchte der Bäume.

Am Ende zählt für die Sahelzone jeder Baum – ob als Teil der grünen Mauer gegen die Wüste oder als schützendes Blätterdach über dem Acker.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hahn, Rebecca
Rebecca Hahn
Freie Autorin in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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