Arktisluft über Deutschland

Erinnerungen an 1978 werden wach

Von Andreas Frey
06.02.2021
, 21:18
Schneeschmelze und Regen bescheren der Mitte Deutschlands im Jahr 2021 schon Anfang Februar Hochwasser, und dem Norden droht, was eine Grenzwetterlage 1979 anrichtete.
Dem Norden droht ein Schneechaos, der Süden Deutschlands gibt sich fast schon frühlingshaft. Und in der Mitte herrscht Dauerregen und Hochwasser. Schuld an dieser Situation ist ein besonderes Wetterphänomen.
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Als Winterkrimi haben Meteorologen die aktuelle Wetterlage schon vor Tagen beschrieben, selbst der sonst eher sachlich-spröde Deutsche Wetterdienst sprach von einem „absoluten meteorologischen Highlight“ und „einer denkwürdigen Wetterentwicklung“. Und in der Tat ist das, was sich derzeit über der Nordhälfte des Landes zusammenbraut, ein Wetterereignis, wie man es nur alle paar Jahrzehnte erlebt. Ein veritabler Schneesturm wird über den Norden hinwegfegen, die Meteorologen rechnen mit zwanzig bis dreißig Zentimeter Neuschnee in kurzer Zeit, mancherorts sogar mehr. Jedenfalls steht der Nordhälfte ein heftiger Wintereinbruch bevor.

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Nach Corona könnte nun das Wetter zum wichtigsten Grund werden, besser zu Hause zu bleiben. Der Deutsche Wetterdienst warnt bereits eindringlich vor Autofahrten oder dem längeren Aufenthalt im Freien; in den besonders betroffenen Regionen haben die Behörden die höchste Unwetterwarnstufe ausgerufen. Der Verkehr könnte komplett zusammenbrechen, Stromausfälle sind nicht ausgeschlossen. Das Leben könnte vielerorts zum Erliegen kommen.

Wie genau der Winterkrimi am Ende ablaufen wird und welche Regionen durch Sturm und Schnee stark beeinträchtigt sein werden, war zunächst noch nicht abzusehen. Ein Grund hierfür ist die knifflige Konstellation der Hoch- und Tiefdruckgebiete über Mitteleuropa, die über den Fortgang der Extremwetterlage entscheidet. Es handelt sich um ein Gerangel gegensätzlicher Luftmassen: Eiskalte Arktisluft prallt auf Frühlingswärme aus dem Mittelmeer – über Deutschland bildet sich eine scharfe Luftmassengrenze und teilt das Land in zwei Hälften. Während im Norden ein Schneesturm wütet, wird es im Süden überraschend frühlingshaft.

Wetterlage wurde zu Katastrophenfall

Grenzwetterlagen nennen Meteorologen solche Konstellationen. Die sind deshalb besonders knifflig, weil minimale Positionsveränderungen der Hochs und Tiefs große Auswirkungen auf das Wetter haben. Verschiebt sich beispielsweise das Tief, das vom Atlantik hereinzieht, nur minimal nach Norden, kann die sehr warme Mittelmeerluft weiter nach Norden vordringen. Zieht es hingegen südlicher, erfasst die arktische Kälte dann auch den Süden des Landes.

Für Schneefreunde gibt es jedenfalls gute Gründe, aus dem Häuschen zu sein. Und Meteorologen schauen gespannt auf ein Ereignis, das ihnen mal wieder in Erinnerung ruft, weswegen dieser Beruf so interessant ist. Als Chiffre dient ihnen ein Datum, das sich in jedem Lehrbuch der Meteorologie findet: Silvester 1978, auch bekannt als Schneekatastrophe in Norddeutschland, oder: die Mutter aller Grenzwetterlagen.

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Natürlich muss man mit solchen Begriffen und Vergleichen behutsam umgehen, aber die Parallelen der aktuellen Situation zum Jahreswechsel 1978/79 sind frappierend. Damals bildete sich ebenfalls eine scharfe Luftmassengrenze über der Ostsee, die langsam südlich zog. Im Norden sackte die Temperatur um zwanzig Grad ab, tagelang fiel Schnee, während in Freiburg plus 15 Grad gemessen wurden. Vor allem Schleswig-Holstein versank in den Schneemassen, Dutzende Ortschaften konnten weder mit der Eisenbahn noch mit dem Auto erreicht werden und waren von der Außenwelt abgeschnitten. Zudem brachen Strom- und Telefonnetze zusammen. Als Katastrophenfall wurde die Wetterlage eingeordnet, nicht so sehr wegen des starken Schneefalls, sondern: Der Sturm hinterließ meterhohe Schneewehen, die das öffentliche Leben regelrecht erstickten

Die Bilder dieses historischen Wintereinbruchs hat der Hamburger Wettermoderator Frank Böttcher bis heute nicht vergessen. Vom Fenster aus sah er damals zu, wie dieser veritable Blizzard durch die Straße fegte. Böttcher beschreibt heute den Schneesturm als einen Schlüsselmoment, ein Wetter, das über seinen Berufswunsch entschied. Er wurde Meteorologe, und am Mittwoch trommelte Böttcher die Nachrichtenmedien zu einer Pressekonferenz zusammen, um über die außergewöhnliche Lage zu informieren. Sein Fazit: So schlimm wie 1978/79 werde es nicht kommen, dafür seien die Temperaturen nicht niedrig genug. Aber das Potential für ordentlich Winterwetter habe die Lage allemal.

Wegen des Wintereinbruchs kam es bereits am Samstag zu Verspätungen und Zugausfällen.
Wegen des Wintereinbruchs kam es bereits am Samstag zu Verspätungen und Zugausfällen. Bild: dpa

In Süddeutschland wird man von der grimmigen Kälte wahrscheinlich wenig spüren, hier hat sich der Schnee mittlerweile großflächig verflüssigt – und füllt die großen Flüsse. Mitte Januar noch zog ebenfalls eine Luftmassengrenze über das Land, damals versank der Süden im Schnee. Allerdings wurde es weder bitterkalt, noch gab es Schneeverwehungen, und Tauwetter setzte bald ein.

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Trotz den oft malerischen Schneelandschaften fällt dieser Winter bislang eher zu mild aus als zu kalt. Um wenige Zehntel Grad liegt die Temperatur über dem Durchschnittswert der Jahre 1991 bis 2020, im Vergleich zum alten Klimamittel von 1961 bis 1990 ist es sogar um mehr als ein Grad zu warm. Der Februar dürfte diesen Wert zwar noch drücken, von einem strengen Winter wie in den sechziger und achtziger Jahren ist diese Saison jedoch sehr weit entfernt.

Am Rhein, wie hier in Köln, steigen die Pegel weiter an.
Am Rhein, wie hier in Köln, steigen die Pegel weiter an. Bild: dpa

Stattdessen fällt dieser Winter aber ziemlich dunkel aus; die Sonne zeigte sich im Dezember und Januar nicht einmal halb so oft, wie es zu erwarten wäre. Daran sind kräftige Tiefdruckgebiete schuld, die diesen Winter dominierten und je nach Position feucht-milde oder nasskalte Phasen brachten, die der Sonne nur selten eine Lücke ließen. Der heftige Wintereinbruch, der jetzt bevorsteht, könnte wiederum auf das Konto eines Wetterphänomens in der höheren Atmosphäre gehen, einer plötzlichen Stratosphärenerwärmung.

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Polarwirbel treibt den Jetstream an

Dieses Phänomen spielt sich nicht wie üblich in der Wetterschicht der Troposphäre ab, sondern in der Luftschicht darüber, der Stratosphäre, zwischen 10 und 50 Kilometer Höhe. Jedes Winterhalbjahr bildet sich über der Arktis dort der Polarwirbel, der wie ein riesiger Kreisel stoisch rotiert. Er dreht sich als gigantisches Tiefdruckgebiet gegen den Uhrzeigersinn und bewegt so die Luft mit der Erddrehung von West nach Ost. Die starken Westwinde reißen auch tiefere Windgürtel mit, darunter den für unser Wetter so wichtigen Jetstream, der auf der oberen Etage der Troposphäre bläst.

Ist der Polarwirbel intakt, treibt er den Jetstream an, das Wetter ist dann stürmisch und mild, wie beispielsweise im Februar und März vor einem Jahr. Doch hin und wieder, im Schnitt alle zwei Jahre, erhitzt sich die Stratosphäre plötzlich. Innerhalb weniger Tage kann es in diesen Höhen schlagartig wärmer werden, mit massiven Konsequenzen für die vorherrschende Strömung. Der Polarwirbel beginnt zu trudeln, mitunter wird er in zwei kleinere Wirbel zerschlagen. In der Folge kann die Zirkulation über der Nordhalbkugel komplett zusammenbrechen, daraufhin herrscht Ostwind in der Höhe. Und damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass am Erdboden eisige Polarluft nach Süden ausbricht.

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Exakt ein solches Phänomen beobachteten Atmosphärenforscher am 5. Januar. Nach einer plötzlichen Erwärmung drehte der Wind in 36 Kilometer Höhe von West auf Ost, die normale Zirkulation auf der Nordhalbkugel brach zusammen. Ob der heftige Wintereinbruch nun damit zusammenhänge, sei schwierig zu sagen, erklärt die Atmosphärenforscherin Daniela Domeisen von der ETH Zürich. Ob und wie sich das Signal von der Stratosphäre bis in die Wetterschicht durchpaust, ist ein bis heute unvollständig verstandener Prozess.

Sonnenschein und eher milde Temperaturen herrschen derzeit  im Voralpenland wie hier am Spitzingsee.
Sonnenschein und eher milde Temperaturen herrschen derzeit im Voralpenland wie hier am Spitzingsee. Bild: dpa

Allerdings scheint nun die Phase gekommen zu sein, in der auf der Nordhalbkugel jene arktischen Kaltluftvorstöße beginnen, die typisch für das Phänomen sind. Nicht nur Europa muss sich auf einen klirrend kalten Februar gefasst machen, sondern auch Nordamerika. Dort flutet in den nächsten Tagen ebenfalls arktische Eisluft den Kontinent, bis hinunter nach Mexiko könnte es frostig werden, und rund um die Großen Seen dürfte das Thermometer tiefer als minus zwanzig Grad rutschen. Im Vergleich dazu wird Deutschland wohl noch glimpflich davonkommen.

Übernachtungsmöglichkeiten für gestrandete Bahn-Reisende

Wegen des erwarteten heftigen Wintereinbruchs in Teilen Deutschlands hat die Bahn in mehreren Städten Übernachtungsmöglichkeiten für gestrandete Reisende organisiert. Auf diese Weise sei man etwa in Hamburg, Hannover, Münster, Kassel und Leipzig vorbereitet, falls Kunden ihr Reiseziel mit dem Zug nicht mehr erreichen könnten, sagte eine Sprecherin am Samstagabend. Auch das Servicepersonal an den Bahnhöfen sei verstärkt worden. Außerdem wolle man Reisenden mit Taxigutscheinen helfen, ihr Ziel womöglich doch noch zu erreichen.

Reisende sollten sich vor der Abfahrt auf jeden Fall informieren, ob ihr Zug fährt – entweder im Internet, in der Bahn-App oder unter der extra eingerichteten Hotline 08000 996633. Die Bahn hatte bereits vorher gewarnt, dass der erwartete Wintereinbruch zu Einschränkungen im Schienenverkehr führen könne. Die Menschen sollten sich an die Empfehlung des Deutschen Wetterdienstes halten und wenn möglich zu Hause bleiben, sagte eine Sprecherin. (dpa)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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