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Fast Fashion schadet dem Klima

Shopping ist schlimmer als Steakessen

Von Andreas Frey
Aktualisiert am 07.01.2020
 - 12:41
Mehr als 60 Textilartikel kauft jeder Deutsche im Jahr - und wirft davon fast 40 im Laufe eines Jahres wieder weg.
Die Modewelt rast, die Menschen kaufen mehr Klamotten denn je: Mehr als fünf Prozent der globalen Emissionen werden allein für neue Kleider verbraucht. Recycling hilft dagegen kaum, doch neue Materialien sind vielversprechend.

Wer einen SUV fährt, muss sich rechtfertigen. Wer eine Kreuzfahrt unternimmt, ohnehin. Und Fleisch verzehren kann man nur noch mit Gewissensbissen. Am unmoralischsten im Zeitalter der Klimakrise scheint aber das Fliegen zu sein. Wer ein Flugzeug betritt, begeht scheinbar die Ursünde der postmodernen Konsumgesellschaft. Da fliegt das schlechte Gewissen automatisch mit, Stichwort Flugscham.

Eine der wirklich großen Klimasünden lauert allerdings woanders, dort, wo nur wenige Verbraucher welche vermuten dürften. Die Rede ist nicht vom Heizen, Essen, Stromverbrauch. Sondern vom Shoppen. Denn die Bekleidungs- und Textilindustrie verursacht mehr Emissionen als Fliegen und Schifffahrt zusammen, mehr als fünf Prozent der globalen Emissionen werden allein für neue Kleider verbraucht, Tendenz steigend.

Wer braucht sechzig Textilartikel im Jahr?

Und die Modeindustrie boomt: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Absatz an neuer Kleidung mehr als verdoppelt, mehr als hundert Milliarden neue Teile werden jedes Jahr produziert. Fast wöchentlich werfen die großen Anbieter neue Kollektionen auf den Markt, sie produzieren immer billiger und immer schneller, mehr, als man je tragen könnte. Die Welt befindet sich im Klamottenrausch. Fast Fashion nennen Experten dieses Geschäftsmodell, es wird betrieben von den großen Modeketten wie H&M und Zara, Letztere gehört zum spanischen Multikonzern Inditex. Fast Fashion kurbelt den Umsatz an, der Kunde schaut häufiger vorbei, weil sich das Sortiment ständig ändert – und greift zu.

Das Phänomen begann vor etwa zwanzig Jahren. Heute shoppen die Deutschen wie verrückt, mehr als sechzig Artikel kauft jeder und jede pro Jahr, nur Briten und Amerikaner kaufen noch mehr. Das passt zum Trend, weltweit erhöht sich der Absatz von Kleidung. Ein Grund hierfür ist der zunehmend beliebte Online-Handel. Neue Blusen oder Jeans sind dort nur einen Klick entfernt – und der Umtausch meist kostenlos. Ein Ende dieses Geschäftsmodells ist jedenfalls nicht in Sicht. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar hoch, dass die Produktion schneller Mode in den nächsten Jahren weiter zunimmt. Im Vergleich zum Jahr 2000 soll sich der Ressourcenverbrauch der Modeindustrie bis zum Jahr 2050 verdreifachen, so die Schätzung in einem Editorial des Fachjournals „Nature Climate Change“ vom Januar 2018.

Vierzig Prozent der Klamotten werden gar nicht getragen

Doch der Rausch hat seinen Preis. Für Klima, Wasser, Böden und Näherinnen ist Fast Fashion eine Katastrophe; die ungebremste Produktion von Klamotten verschlingt Ressourcen, verschleißt Menschen, vergiftet ganze Ökosysteme und damit die Lebensgrundlage von Millionen. Hierzulande ist Kleidung hingegen längst entwertet, zu Spottpreisen erhält man heute Shirts oder Shorts. Die Billigmentalität hat Folgen: Was heute noch Trend ist, wird morgen weggeschmissen. Nach einem Jahr sind sechzig Prozent aller Kleidungsstücke bereits im Müll, rechnen die Autoren in „Nature Climate Change“ vor. Umgerechnet sind das ein Müllwagen voller Kleidung pro Sekunde, die auf der Deponie oder in der Müllverbrennungsanlage landen. Viele Klamotten werden zudem nur einmal getragen, wenn überhaupt. „Vierzig Prozent der produzierten Bekleidung wird überhaupt nicht verkauft und damit nicht genutzt“, sagt der Textilingenieur Kai Nebel von der FH Reutlingen, eine der ältesten und renommiertesten Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die Textilien erforscht.

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Nachhaltige Mode?
Wie unsere Kleidung die Umwelt belastet

Umso erstaunlicher ist es, wie die Branche ihre glänzende Reputation bis heute halten konnte – und mittlerweile ganz ungeniert ihr Image weiter aufpoliert, indem sie vorgeblich auf Nachhaltigkeit setzt. Wie es hinter der makellosen Fassade aussieht, konnte alle Welt im April 2013 sehen. Als in Bangladesch eine Textilfabrik einstürzte, starben 1135 Menschen, vor allem Näherinnen. Rana Plaza, wie das achtgeschossige Gebäude hieß, sollte zum Fanal werden. Die Modeindustrie versprach Besserung. An den miserablen Arbeitsbedingungen hat sich bis heute trotzdem nur wenig geändert. Meist ging alles weiter wie immer. Die Textilindustrie gehört weiterhin zu den dreckigsten Branchen überhaupt.

Eine intransparente Branche

Die schlechten Arbeitsbedingungen sind ein Problem, doch auch die Klimabilanz der Textilindustrie sieht nicht viel besser aus. 1,2 Milliarden Tonnen CO2 bläst die Branche jedes Jahr in die Luft, das entspricht der Treibhausgasbilanz von ganz Russland, so lautet das Fazit des Environmental Audit Committee des britischen Parlaments aus diesem Jahr. Der Grund: Die Energie für Fabriken wie Rana Plaza wird hauptsächlich aus Kohle gewonnen. Zudem müssen neue Modekollektionen schnell zum Kunden, bevor ein Trend vorüberzieht. Deshalb setzt die Branche vor allem auf Luftfracht. Was die Klimabilanz weiter verschlechtert.

Wie schlecht es um die Klima- und Ökobilanz von Kleidern steht, kriegen die Verbraucher aber in der Regel nicht mit. Ein Grund hierfür liegt in der Intransparenz der gesamten Branche. Die Produktion ist wie die Verantwortung hauptsächlich nach Asien outgesourct, undurchsichtige Firmengeflechte und dubiose Fabriken erhalten die Aufträge für die großen Modekonzerne des Westens, die Lieferketten sind kaum zu durchdringen. Das Einzige, womit der Verbraucher in Berührung kommt, ist das Produkt selbst. Den oft tadellosen Stoffen sieht man ihre schmutzige Herkunft allerdings nicht an.

Dabei sind die ökologischen Folgen gravierend. Baumwolle zum Beispiel ist durstig und sensibel, eine Pflanze des Malvengewächses bedarf Badewannen voller Wasser und Pestizide, um überhaupt etwas hervorzubringen, was sich ernten lässt. Für ein T-Shirt werden zwei- bis dreitausend Liter Wasser benötigt, für eine Jeans achttausend Liter. Für das Bleichen, Färben, Waschen werden Grundwasser-Vorräte angezapft, seit Jahren sinken die Pegel in den Produktionsstandorten. Kläranlagen gibt es nur selten, häufig sickert die Brühe einfach zurück in den Boden. Obwohl nur auf 2,5 Prozent der weltweiten Ackerflächen Baumwolle angebaut wird, werden auf Baumwollfeldern zehn bis zwanzig Prozent aller weltweit ausgebrachten Pestizide versprüht, schätzen Umweltverbände. Kaum eine Pflanze wird häufiger mit Spritzmitteln behandelt, kaum eine Pflanze verursacht mehr Umweltfolgekosten. Für das, was der Baumwollanbau anrichtet, ist der Aralsee im heutigen Kasachstan das beste, zugleich dramatischste Sinnbild. Nach Jahrzehnten der Wasserentnahme, der meist ungeklärten Einleitung von Düngemitteln, Chemikalien und Pestiziden ist vom einst viertgrößten See der Welt nur noch eine giftige Salzlache übrig.

Der Boom einer Fast Fashion wäre mit Baumwolle allein niemals möglich gewesen. Die Naturfaser macht nur rund ein Viertel der globalen Produktion aus, insgesamt werden heute weltweit zu rund siebzig Prozent vor allem Kunstfasern verarbeitet, teilt Andreas Engelhardt mit, Schweizer Textilexperte aus Appenzell Ausserrhoden. Engelhardt erstellt jedes Jahr den Report „The Fiber Year“ über die Produktion aller Chemie- und Naturfasern. Seit Jahren beobachtet er eine starke Zunahme von synthetisch hergestellten Fasern. Zu achtzig Prozent handelt es sich dabei um Polyester.

Nicht zuletzt Kunstfasern müllen die Weltmeere zu

Die Welt trägt also Plastik. Etwa jedes zweite Kleidungsstück wird aus Polyester hergestellt. Polyethylenterephthalat, kurz PET, knittert nicht, reißt nicht, bleibt formstabil, widersteht UV-Strahlung und nimmt kaum Wasser auf. Zudem ist die Produktion der Kunstfaser konkurrenzlos billig, technisch einfach und massenhaft verfügbar, sagt der Reutlinger Textilingenieur Kai Nebel. „Die Produktion muss schnell gehen bei bis zu 24 Kollektionen im Jahr.“

Hergestellt wird Polyester überwiegend in China. Die Kunstfaser wird aus Erdölprodukten gewonnen, daher ist auch ihre Klimabilanz so miserabel. Ihre sonstige Umweltbilanz ist nicht viel besser: Da die langen Molekülketten besonders zäh und fest sind, braucht es Jahrhunderte, bis sie abgebaut werden. Übrig bleibt vorwiegend Mikroplastik, das sich in Gewässern und Böden anreichert.

So lange dauert es in der Regel nicht, bis die winzigen Partikel in der Umwelt landen. Denn eine Waschmaschine spült pro Waschgang Abertausende Mikrofasern ins Abwasser. Wie viele davon global gesehen am Ende in Seen, Flüsse und Meere gelangen, darüber gibt es nur Schätzungen. Vor allem Sport- und Funktionskleidungsstücke werden hauptsächlich aus Kunststofffasern hergestellt, Fleece beispielsweise verliert bis zu einem Fünftel seines Gewichts über das Tragen und Waschen. Diese Fasern und Partikel werden hierzulande in den Kläranlagen mehrheitlich zurückgehalten. Wie groß das Problem grundsätzlich ist, wird gerade an mehreren deutschen Instituten im Projekt „Textile Mission“ erforscht. Am Ende kommt es also auf die Abwasserreinigung an, ob und wie viele Kunstfasern in der Umwelt landen.

Hoffnung auf neue Fasermaterialien

In Europa ist das Problem eher zu vernachlässigen. Aber gerade in Asien wird Abwasser weiter ungeklärt in die Ozeane gespült. Nur so ist es zu erklären, warum nach Angaben der Weltnaturschutzunion (IUCN) mehr als ein Drittel und damit der größte Teil dieser in die Ozeane eingetragenen Partikel aus dem Waschen von synthetischen Textilien stammt.

Für das ernsthafte Plastikproblem unseres Planeten ist also die Textilindustrie mitverantwortlich. Die Industrie fahndet deshalb seit Jahren nach neuen Fasermaterialien, ein Hoffnungsträger ist Lyocell, das aus Zellulose gewonnen wird. Ihr Rohstoff ist nachwachsend, die Umweltfolgen ihrer Verarbeitung überschaubar. Für Viskose gilt das zwar nur bedingt, dennoch hat auch diese Faser ähnliche Vorteile. Lyocell und Viskose könnten daher tatsächlich die Zukunft sein, glaubt auch Textilexperte Engelhardt. Beide hätten sich „sehr dynamisch“ entwickelt.

Noch am Anfang steht hingegen ein Material namens Ioncell, das Textilien wirklich nachhaltig gestalten könnte: Im Dezember 2018 präsentierte sich Jenni Haukio, die Gattin des finnischen Präsidenten Sauli Niinistö, auf einem Empfang in einem eleganten elfenbeinfarbenen Abendkleid. Man sah dem Stoff nicht an, dass er aus alten Zeitungen, Baumwollresten und Holz gemixt wurde. Forscher der Universität von Helsinki haben Ioncell so entwickelt, dass im Vergleich zu Viskose weniger aggressive Chemikalien nötig sind, und abgelegte Stoffe können erneut recycelt werden. Geplant ist, eine erste Produktlinie in diesem Jahr auf den Markt zu bringen.

Mischgewebe ist modern aber kaum zu recyceln

Die Forschung nach neuen Materialien mag Erfolge verzeichnen, doch den Boom von Kunstfasern wie Elastan verhindert das nicht. Sie wird T-Shirts und Jeans beigemischt, weil sie Kleidungsstücke elastisch macht (Stretch). Die dehnbare Kunstfaser erschwert aber das Recycling, Elastan lässt sich hinterher nur schwer von Baumwolle trennen. Sortenreines Garn kann daraus nicht mehr werden. Das ist einer der Gründe, warum das Recycling von Kleidungsstücken bis heute kaum funktioniert. Ein anderer Grund ist, dass es meist teurer ist, alte Fasern wiederzuverwerten als neue zu produzieren. Die Recyclingrate jedenfalls ist gering, sie beträgt derzeit nur zwölf Prozent.

Zudem widerspricht das Geschäftsmodell von Fast Fashion dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Es ist auf Umsatz ausgerichtet und nicht auf Wiederverwertung. Diese Mentalität könnte am Ende nicht nur Klima und Umwelt gefährden, sondern selbst die Unternehmen. Einige der großen Fast-Fashion-Anbieter sind bereits in Schwierigkeiten geraten, manche sogar pleitegegangen. Sie können mit dem Tempo nicht mehr mithalten. Zudem ist im Internet eine Konkurrenz erwachsen, die den großen Modemarken Sorgen bereitet. Als Ultra Fast Fashion werden diese Start-ups bezeichnet: Diese Unternehmen produzieren fast täglich neue Kleidung, immer die neuesten Trends. Und sind damit äußerst erfolgreich – ganz besonders bei der Jugend.

Quelle: F.A.S.
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