Die Ausgrabungen von Qatna

Im Reich der geräucherten Monarchen

Von Ulf von Rauchhaupt
23.09.2009
, 11:12
In der altsyrischen Stadt Qatna wurde vor sieben Jahren eine unberührte Königsgruft entdeckt. Nun sind die dreitausend Jahre alten Funde ausgewertet und zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Doch das Grab ist nicht die einzige archäologische Sensation dieser Ausgrabungen.

Tell Mishrife, Syrien. In die Unterwelt ging es links die Treppe hinunter, durch die Tür, dann den abschüssigen Gang entlang. Zwei weitere schwere Holztüren waren zu öffnen, dann sah man rechter Hand einen Schacht. Heute steht dort wieder eine Holzleiter, wie damals, vor Jahrtausenden. Peter Pfälzner klettert sie behende hinab, bis nur noch seine üppigen Locken zu sehen sind, die dem Archäologen auch in der gleißenden Sonne Syriens den Hut ersparen.

Dort, wo es nun hingeht, braucht aber niemand einen Hut. Am Grunde des Schachts öffnet sich ein niedriger Durchlass in eine wohnzimmergroße Kammer, gerade hoch genug, um darin zu stehen. Wie ihre drei Seitenkammern ist sie in den anstehenden Fels geschlagen: fleckiger, bröseliger Mergel. Kein Putz, keine Bemalung.

"Das ist nicht Ägypten", sagt Pfälzner. "Der nackte Stein sollte zeigen: Hier ist das Totenreich, und das ist kein schöner Ort." Und doch, am 10. November 2002 war diese finstere Stätte für den 49 Jahre alten Professor von der Universität Tübingen das Paradies. An diesem Tag hatte sein syrisch-deutsches Grabungsteam besagten Schacht an der Nordseite der bronzezeitlichen Palastanlage in dem Siedlungshügel Tell Mishrife bei der syrischen Stadt Homs so weit freigelegt, dass der Hohlraum im Fels sichtbar wurde. Die Archäologen leuchteten mit einer Taschenlampe hinein - und sahen wunderbare Dinge.

Das Kipsu-Ritual

Der Lichtkegel huschte über steinerne Bänke, Keramik, Alabastervasen, einen Sarkophag. Gold sollte man auch noch finden und allerhand andere Dinge mehr. Man hatte die unberaubte Grablege eines altsyrischen Königtums gefunden. Nach siebenjähriger Arbeit sind die wichtigsten Funde nun wissenschaftlich aufgearbeitet und vom 17. Oktober an im Stuttgarter Landesmuseum zu sehen. Doch wie auch der kommende Woche erscheinende Begleitband zur Ausstellung deutlich macht: Die materiellen Schätze sind es nicht allein, was Qatna so besonders macht.

Da gibt es noch ganz andere Aspekte. Etwa den für die alten Qatnäer bedauerlichen, für Archäologen aber umso erfreulicheren Umstand, dass man es hier mit einem definierten Zerstörungshorizont zu tun hat. "Hier auf dieser Kante", sagt Pfälzner und tritt an die Ecke eines basaltenen Sarkophags, "hatte jemand eine Keramikschale abgestellt, ziemlich kippelig. Über 3300 Jahre lang stand sie da, bis wir kamen." Tatsächlich war dies kein versiegeltes Grab nach Pharaonenart. Bis wenige Tage vor der Zerstörung des Palastes um das Jahr 1340 vor Christus (siehe "Der Untergang der Stadt Qatna") waren die Kammern ständig für einen bizarren Totenkult betreten worden.

Nach der Deutung Pfälzners und seiner Kollegen könnte es sich um eine Ausprägung des aus Keilschrifttexten bekannten "Kispu"-Rituals handeln: Dabei stiegen die Königsfamilie und andere Würdenträger zum Mondphasenwechsel - also ein- oder zweimal im Monat - hinab zu den verstorbenen Königen und brachten ihnen Speiseopfer dar. In Qatna ging man offenbar weiter: Man speiste zusammen mit den Toten. Darauf weisen etwa Berge alltagstauglichen Geschirrs hin. "Es waren Hunderte von Schüsseln und Krügen" sagt Pfälzner, zeigt aber sogleich auf eine niedrige Steinbank in der Ecke. "Nur dort, die war frei. Und unter der Bank lagen abgenagte Tierknochen."

Geröstete Könige?

Nun lagen dort aber Leichen - es wurden Skelettreste von 19 bis 23 Menschen gefunden. Lange wollte den Archäologen nicht in den Kopf, wie jemand hier inmitten verwesender Leiber auch nur einen Bissen herunterbringen konnten. Dann machte Carsten Witzel von der Universität Hildesheim, der Anthropologe im syrisch-deutschen Team, eine Entdeckung: Veränderungen im Kollagen, die darauf deuten, dass die Knochen längere Zeit Temperaturen von bis zu 250 Grad Celsius ausgesetzt gewesen waren. "Offenbar wurden die Toten erhitzt, vielleicht auf Rosten über Feuer oder glühender Holzkohle, so dass sich ihre Körper wie Dörrfleisch verfestigten." Und vielleicht, so Pfälzner, geschah das ja gerade, um die Geruchsentwicklung für die Teilnehmer des Kispu erträglich zu halten.

Noch steht die Theorie von den gerösteten Königen unter Vorbehalt, denn die Knochen aus der Gruft sind schlecht erhalten. Zudem scheint man mit den Toten nicht nach unseren Maßstäben der Pietät umgesprungen zu sein: Kaum ein Knochen lag noch im anatomischen Verband, viele fehlten - darunter fast alle Schädel, als ob sie bewusst entnommen worden wären. Im östlichen Nebenraum lagen die Gebeine knöcheltief und zerbrochen, als sei man regelmäßig darauf herumgetrampelt.

Um die Könige mit diesem rätselhaften Verhältnis zu ihren Ahnen besser zu verstehen, müssen wir aus der modrigen Kühle wieder heraufsteigen zur inzwischen in der Mittagshitze glühenden Oberwelt. Sie besteht aus einer löchrigen Lehmlandschaft, die es einem zunächst schwermacht, sich vorzustellen, dass sich hier einmal einer der prächtigsten Paläste Syriens erhob.

Der Reichtum der Zedernwälder

Es ist ein Gewirr von Mauern und Fundamenten aus antikem Lehmziegelwerk und Resten von Häusern, deren Bewohner 1982 von der Antikenverwaltung in ein neues Dorf außerhalb des Tell umgesiedelt worden waren. Vielerorts ist dieses Chaos zudem von Grabungsschnitten verschiedener Tiefe überzogen. Erst allmählich ordnen sich dem Besucher die Strukturen. Am einfachsten ist das dort, wo die Gebäudekonturen zur Konservierung einige Lehmziegellagen hoch aufgemauert wurden. An einer Stelle formen sie ein gewaltiges Quadrat. "Die Audienzhalle", sagt Pfälzner. Ihr Dach ruhte auf vier mächtigen Holzsäulen, und diese dürften über zehn Meter hoch gewesen sein. "Es ist der größte bekannte überdachte Raum im alten Vorderasien."

Dann überschlagen sich die Superlative. Hinter der Halle lag ein Thronsaal, der an Größe nur noch vom viel jüngeren Saal Nebukadnezars II. übertroffen wird - und dahinter eine weitere Halle, die mit 20 Meter Breite damals eigentlich kaum noch zu überdachen war. "Das ging nur mit den größten Zedernstämmen" erklärt Pfälzner - und ist damit bei einer der ökonomischen Grundlagen dieser architektonischen Protzerei: In der Mittelbronzezeit geboten die Herrscher von Qatna über die im Gilgamesch-Epos besungenen Zedernwälder des Libanons und waren damit in einer Position wie heute die Ölscheichs. Weder in Ägypten noch in Mesopotamien gab es damals nennenswerte Wälder. Bausüchtige Potentaten in Memphis, Assur oder Babylon mussten ihr Bauholz importieren - und Qatna kassierte.

Die andere Einnahmequelle war der Handel. Um das Jahr 2000 vor Christus begann sich Mesopotamien nach Westen hin zu orientieren. Statt aus Oman kam das Kupfer für die bronzezeitlichen Kulturen dort nun aus Zypern, allerlei Luxusgut aus der Ägäis oder Ägypten. Und das kam den Königen entlang den Handelsstraßen zugute. Wie wir aus Keilschriftarchiven wissen - allen voran dem im berühmten Palast in Mari -, waren das im 18. Jahrhundert vor Christus vor allem zwei: der in Aleppo residierende Herrscher von Jamchad, der die Euphrat-Route kontrollierte, und der König von Qatna.

Den Masterplan im Blick

Damit aber standen Jamchad-Aleppo und Qatna in direkter Konkurrenz. Außer durch Säbelgerassel (siehe "Altsyrische Erbfeindschaft") mussten die Rivalen sich ihrer jeweiligen Duodezfürsten auch durch Prunk versichern. War die gewaltige, noch heute von weitem sichtbare Wallanlage, mit der sich die Stadt Qatna wohl spätestens im 19. Jahrhundert vor Christus umgab, noch militärisch motiviert, diente der Königspalast wohl nicht zuletzt der kulturellen Machtdemonstration. Waren seine gigantomanischen Hallen also das Ergebnis einer Art quatnäischen Apollo-Programms im Kalten Krieg mit Aleppo?

"Das Ganze folgte einem Masterplan", sagt Peter Pfälzner. "Wer den Wall gebaut hat, muss bereits auch den Palast konzipiert haben." Auch das spricht in Pfälzners Augen für eine frühe Datierung des Königspalastes im frühen 18. Jahrhundert vor Christus, eine Deutung, die nicht alle seine Kollegen teilen. Daniele Morandi Bonacossi von der Universität Udine, der ebenfalls mit den Syrern zusammen in Qatna gräbt, und sein syrischer Partner Michel Al-Maqdissi glauben, dass der Palast gut 150 Jahre jünger ist - unter anderem deswegen, weil ihre Grabungen etwas weiter östlich die Fundamente zweier Gebäude zutage förderten, die um 1700 vor Christus zu einem Palast vereinigt wurden, der hundert Jahre später wieder aufgegeben wurde. "Zu der Zeit wurde dieser Ostpalast wohl zu klein", sagt der hochgewachsene Italiener. "Und die Elite hat sich den großen Palast gebaut."

Doch in den Augen Peter Pfälzners ist der Königspalast eindeutig nach dem Vorbild von dem in Mari konzipiert, der bereits 1750 vor Christus zerstört worden war. "Man hat Mari kopiert, aber ins Monumentale vergrößert. Allein der Thronsaal ist dreimal so groß." Ein anderer Einwand Pfälzners gegen eine junge Datierung ist eine soeben veröffentlichte Radiokarbondatierung von Gebälk, dessen Holz demnach zwischen 2000 und 1800 vor Christus geschlagen wurde. Es war bei der Zerstörung in die Brunnenanlage des Palastes gestürzt und dort durch die Nässe erhalten geblieben - im Vorderen Orient ein archäologischer Glücksfund, der dem der Königsgruft kaum nachsteht.

Viele Fragen offen

Birgt Qatna noch weitere solcher Schätze? Die Grubenlandschaft, in der Heike Dohmann-Pfälzner die Arbeiten leitet, hat im vergangenen Jahr wieder einen zutage gefördert. Anders als ihrem Ehemann sieht man der blonden Frau ihren Beruf wenigstens ein bisschen an: Sie trägt zwar auch keinen Hut - nur eine Kufiya, ein "Palästinensertuch", hat sie dabei, für den Fall, dass Wind aufkommt und den feinen Lehmstaub aufwirbelt -, dafür einen Ledergürtel mit Holster, in dem Pinsel und Spachtel stecken. Öfter als diese braucht sie im Moment ihr Arabisch, um das gute Dutzend Helfer zu dirigieren. "Grabungen", sagt sie, "sind zum guten Teil Management."

Der Schatz des Nordwestflügels, den Peter Pfälzner nun stolz präsentiert, ist ein architektonischer: "Ein Hanggeschoss unter dem Fußbodenniveau des Hauptpalastes", erklärt er, "zwölf Räume mit zweieinhalb Meter hoch erhaltenen Mauern. Aber ihr Fußboden liegt auf Dachbalken, und darunter ist ein weiteres Geschoss." Zwei erhaltene Geschossebenen - das ist bei einem dermaßen alten Lehmziegelbau äußerst ungewöhnlich.

Allerdings werfen die Räume darin weitaus mehr Fragen auf, als sie beantworten. Manche sind ohne jeden Zugang von irgendeiner Seite. Einer war mit Küchenabfällen gefüllt, in einem anderen fanden sich Knochen eines Elefanten. Warum lagern sie hier, in einem sonst mit Erde verfüllten Keller? Auch die Pfälzners haben keine Idee, was das zu bedeuten hat. Wie alle professionellen Archäologen halten sie sich mit Spekulationen lieber zurück - auch wenn es hier in Qatna an jeder Ecke etwas gibt, was nach einer erklärenden Hypothese schreit.

Nicht zuletzt ist das auch diese Königsgruft. Denn seltsam: Die Grabkammern mussten bereits beim Bau des Palastes angelegt und dann auch gleich benutzt worden sein. Über vierhundert Jahre lang wurden dort Mitglieder der Herrscherfamilie bestattet. Gefunden wurden dort aber die Reste von gerade mal zwei Dutzend Bestattungen aus den letzten 50 Jahren vor der Zerstörung. Was ist mit den anderen passiert? Vielleicht ist dieses Rätsel jetzt gelöst. Wie diese Woche bekannt wurde, fanden die Archäologen vor wenigen Wochen eine zweite, unberührte Grabkammer (Grabkammer von Qatna: Da war einst ein König mit seinem Gefolge).

Die Schätze von Qatna sind vom 17. Oktober bis 14. März 2010 im Landesmuseum Stuttgart zu sehen. Der prächtige Begleitband „Schätze des alten Syrien“ erscheint am 24. September im Theiss-Verlag.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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