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Dinosaurier

Kräne aus Knochen und Muskeln

Von Reinhard Wandtner
 - 18:23
In den Knochen stecken Geheimnisse

Die Dinosaurier sind mindestens 65 Millionen Jahre zu früh ausgestorben. Lebten noch einige, könnten Wissenschaftler hautnah all die Körpermarkmale und Verhaltensweisen studieren, die ihnen heute so große Rätsel aufgeben. Unter den gegebenen Umständen muß man sich mit fossilen Überresten begnügen und versuchen, die in den Knochen verborgenen Hinweise zu entschlüsseln. Immerhin gelingt das mit modernen bildgebenden Verfahren immer besser, und das sogar ohne Beschädigung der wertvollen Relikte. Neue Untersuchungen am Naturhistorischen Museum Basel liefern ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man Dinosaurierknochen dazu bringen kann, so manches Geheimnis der „schrecklichen Echsen“ preiszugeben.

Die Gruppe um Christian Meyer und Daniela Schwarz hat sich die Sauropoden vorgenommen, jene Gruppe von Dinosauriern, der die größten bekannten Landwirbeltiere angehören. Bekannte Vertreter sind die Pflanzenfresser Diplodocus und Brachiosaurus. Diplodocus erreichte eine Länge von dreißig Metern und ein Gewicht von schätzungsweise zwölf Tonnen. Sein Hals war sechs bis sieben Meter lang. Der massige Brachiosaurus dürfte bei ähnlicher Körperlänge sogar achtzig Tonnen gewogen haben. Sein Hals ragte ungefähr elf Meter weit aus dem Rumpf. Auf einen Hals mit solchen Dimensionen wirken gewaltige Kräfte.

Schläuche zur Stabilisierung

Die Baseler Forscher sind nun der Frage nachgegangen, wie die Tiere ein Absacken dieses schweren Körperteils verhinderten. Für den zerstörungsfreien Blick in die Knochen der Halswirbelsäule verwendeten sie zum einen die mit Röntgenstrahlen arbeitende Computertomographie. Die entsprechenden Untersuchungen erfolgten am Kantonsspital Basel und in der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere in Berlin. Zum anderen nutzten sie ein weniger gängiges Verfahren - die Neutronentomographie. Dazu wurden die fossilen Halswirbel in das Paul Scherrer Institut in Villingen (Schweiz) gebracht, wo diese Technik seit mehreren Jahren verfügbar ist und ständig weiterentwickelt wird. Mit Neutronen lassen sich manche Strukturen besonders kontrastreich abbilden.

Die Hals- und Rumpfwirbel von Sauropoden zeichnen sich durch ein komplexes System von Hohlräumen aus. Dieses erinnert an das Luftsacksystem der Vögel. Anhand der genauen Analyse der Hohlräume konnten die Forscher nun auch Rückschlüsse darauf ziehen, wie die Weichteile des Halses beschaffen waren. Offenbar besaßen Sauropoden im Bereich der Halswirbel ein dreiteiliges System aus Luftschläuchen. Prall gefüllt trugen die Schläuche zur Stabilisierung bei. Zusammen mit dem Bänderapparat und den Muskeln konnten so die langen Hälse ohne allzu große Anstrengung vor dem Absacken bewahrt werden.

Ein raffiniertes pneumatisches System

Die pneumatischen Strukturen hatten nach Überzeugung der Baseler Forscher noch zwei weitere Vorteile. Zum einen führten sie durch ihre stützende Funktion dazu, daß weniger Muskelkraft und somit auch weniger Muskelmasse am Hals benötigt wurde. Der Hals konnte daher schlanker und leichter sein, als das seine Ausmaße eigentlich erforderten. Zum anderen trug auch der Umstand, daß die Wirbelknochen große Hohlräume aufweisen, zur Gewichtsverminderung bei. Der Hals von Diplodocus wog den neuen Berechnungen zufolge etwa siebzehn Prozent weniger als bisher angenommen.

Noch stärker dürfte der Brachiosaurus von dem pneumatischen System profitiert haben. Es bescherte ihm offenbar einen um fünfundzwanzig Prozent leichteren Hals. Bei den Hälsen der riesigen Sauropoden handelte es sich demnach gewissermaßen um weitausladende, in Leichtbauweise konstruierte Kräne aus Knochen und Muskeln, die durch ein raffiniertes pneumatisches System gestützt wurden.

Quelle: F.A.Z., 19.10.2005, Nr. 243 / Seite 36
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