Eisberg bricht ab

Die Signale der Erderwärmung sind unübersehbar

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 16:00
Gletscherabbruch am 79N im Nordosten von Grönland: Das Eis erwärmt sich von unten wie von oben.
Von dem größten Gletscher im Nordosten Grönlands ist ein für dortige Verhältnisse riesiger Eisberg abgebrochen. Das in die Bucht abgedriftete Eis ist größer als die französische Hauptstadt Paris.

Die Saison der Eisschmelze in der Arktis hat in diesen Tagen ihren Höhepunkt erreicht und dabei nur knapp den Rekord aus dem Jahr 2012 verfehlt. Mit unter vier Millionen Quadratkilometern ist die übrig gebliebene Meereisfläche so gering wie lange nicht mehr. Nur einmal in den vergangenen Dekaden, im Jahr 2012, wurde eine noch etwas geringere Resteisfläche registriert.

Besonders dramatisch ist in diesem Jahr die Eisschmelze entlang der Nordostpassage. Die Hitzewelle mit teils tropischen Temperaturen über Sibirien hat diesen Teil des Nordpolarmeers praktisch monatelang eisfrei werden lassen, während sich im Norden Grönlands und über Nordamerika das Polareis zuletzt noch hat halten können.

Die Signale der Erderwärmung sind in diesen Tagen aber auch an diesen Orten unübersehbar: Von dem größten Gletscher im Nordosten Grönlands, dem 79N, ist ein für dortige Verhältnisse riesiger Eisberg abgebrochen, der sich inzwischen mehrfach geteilt hat. Mit einer Fläche von rund 110 Quadratkilometern ist das in die Bucht abgedriftete Eis größer als die französische Hauptstadt Paris. Der Gletscherabbruch zeichnete sich schon im vergangenen Jahr ab, als auf ganz Grönland von Süd bis Nord so viel Eis geschmolzen war wie in keinem Jahr davor und sich riesige Schmelzwasserseen bildeten. An der Peripherie vieler Gletscher bildeten sich tiefe Rinnen und Brüche, die sich mit Schmelzwasser füllten und durch das Gefrieren im Winter das Schelfeis unter Spannung setzten. Zudem erwärmen sich die Schelfeisflächen durch das erwärmte Polarmeerwasser von der Unterseite.

Arktis im Wandel
Der tiefe Sturz des hohen Nordens

Den Abbruch am Rand von 79N meldete der dänische Geological Survey (GEUS) am Montag. Nach Angaben der Wissenschaftler belegt auch dieses Ereignis den raschen Klimawandel. In der betreffenden Region seien die Temperaturen seit 1980 um drei Grad gestiegen. Gegenüber dem Zeitraum von 1997 bis 2006 hat sich der Eismassenverlust Grönlands in der zurückliegenden Dekade mehr als verdoppelt. Das Schmelzwasser Grönlands liefert zur Zeit den größten Beitrag zum jährlichen globalen Meeresspiegelanstieg von knapp vier Millimeter.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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