Gletscherschwund

Auf Sterbebegleitung in den Alpen

Von Andreas Frey
20.11.2017
, 08:00
Kaum noch ein Schatten seiner selbst: Die Reste des Pizolgletschers in der Ostschweiz.
Nirgendwo zeigt sich der Klimawandel deutlicher als im Gebirge. Seit der Jahrtausendwende schmelzen die Gletscher deutlich schneller als erwartet. Eine Besichtigung vor Ort.
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Als wir uns im Frühherbst vornahmen, den Pizol in der Ostschweiz zu besteigen, hielt ich das noch für eine gute Idee. Der kleine Gletscher hat in diesem Hitzesommer besonders gelitten. Schauen wir mal nach, ob es ihn überhaupt noch gibt, dachte ich. Das Ziel liegt zudem nicht besonders hoch, mickrige 2800 Meter. Ich ging von einem Spaziergang im Gelände aus.

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Jetzt stapfe ich mit weichen Knien durch den Schnee, ramme jeden Schritt fest hinein, versuche konzentriert zu bleiben und bloß nicht an den Abgrund zu denken, der sich neben mir auftut. Ein paar Meter vor mir müht sich Matthias Huss ab. Sein Gang ist schwer, aber sicher. Schrittweise kommt er voran, links, rechts, links, rechts. Mit dem Wanderstock in der rechten Hand stützt er sich ab. Auf den Schultern trägt er Eisenstangen und Handbohrer. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, zu unserem Ziel in Sichtweite. Der Pizolgletscher. Oder das, was nach diesem Sommer davon übrig geblieben ist: Ein paar Eisflecken lassen sich am gegenüberliegenden Hang noch erkennen. Der Gletscher scheint Geschichte zu sein. Er bewegt sich einfach nicht mehr fort. Huss sieht meinen Blick, hebt die Augenbrauen. Sollen wir umdrehen?

Der Gletschervermesser Matthias Huss ist von Berufs wegen gut zu Fuß.
Der Gletschervermesser Matthias Huss ist von Berufs wegen gut zu Fuß. Bild: Andreas Frey

Ausflüge in den Schnee sind für Matthias Huss nichts Ungewöhnliches. Er leitet das Schweizer Gletschermessnetz, immer im Früh- und Spätjahr erklimmt er für die ETH Zürich und die Universität Fribourg zahlreiche Berge und vermisst das Eis. Er liebt seinen Job, jedes Mal, wenn er wieder einen Fuß auf einen Gletscher setze, betrete er eine eigene Welt, sagt er. Von Ende August an ist er tagelang in der Schweiz unterwegs, rund hundert Gletscher stehen auf seiner Liste. Er muss sich beeilen, das Hochgebirge hält für die Forscher nur ein kleines Zeitfenster parat. Bricht früh der Winter ein, wird der Weg zum Ziel immer beschwerlicher und gefährlicher.

Bleibt der Schnee aus, ist der Gletscher der Sonne direkt ausgeliefert

Das Jahr war extrem. Erst der schneearme Winter, dann die frühe Hitze. Von Ende Mai bis Ende Juni herrschte in den Alpen eine der längsten Hitzephasen der vergangenen Jahrhunderte. Ungünstigere Bedingungen kann es für einen Gletscher nicht geben. Denn Schnee wirkt wie eine Decke, reflektiert die Sonnenstrahlen und schützt so das Eis. Fällt im Winter zu wenig oder ist er zu früh wieder weg, hat der Gletscher ein Problem. Sobald der Schnee geschmolzen ist, knallt die Sonne direkt auf das Eis. Deshalb werden die Verlustraten in diesem Jahr rekordverdächtig sein.

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Mittlerweile steht die Bilanz fest: Zwar reicht die Schmelze nicht an das Horrorjahr 2003 heran. Doch in diesem Jahr haben die Schweizer Gletscher zusammen mehr Eis verloren als im Hitzesommer 2015 und ähnlich viel wie 2011. Das Jahr 2017 gehört damit zu den drei, vier schmelzintensivsten Jahren in den vergangenen hundert Jahren.

Noch zögern wir, unsere Tour abzubrechen. Dabei sah zunächst alles gut aus. Der Aufstieg von der Bergstation bis zum Pass war kein Problem, die Aussicht wie gemalt: Im Westen erhob sich die Alviergruppe, im Osten die Drei Schwestern, am Horizont schimmerte in der Ferne der Bodensee. Doch je höher wir kamen, desto mühsamer wurde es. Aus Schneeresten wurde eine geschlossene Schneedecke, am Pass sanken wir dann erstmals ein. Wir können allerdings nicht behaupten, dass wir nicht gewarnt wurden. Oben am Gipfel habe es stark geschneit, hat die Frau in der Talstation gesagt. Matthias Huss hat artig genickt. Und nicht lange überlegt. Mit der nächsten Seilbahn ging es hoch.

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Seit Jahren beschleunigt sich das große Schmelzen

Es ist wie verhext in diesem Jahr. Lange fiel überhaupt keine Flocke vom Himmel, und dann schneite es rekordverdächtig schon im September. Aber es ändert trotzdem nichts: Sterbebegleitung nennt Huss seine Touren. Das ist weniger scherzhaft gemeint, als es klingt. Die Lage der Gletscher ist ernst, seit einigen Jahren beschleunigt sich das große Schmelzen. Vor allem Lagen unter 3000 Metern werden schon bald eisfrei sein. Der Pizol ist eines der ersten Opfer des Klimawandels; zwei Drittel seines Eises hat er seit 2006 verloren.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung der Eisriesen, hat sich die gesamte Gletscherfläche in der Schweiz von 1735 Quadratkilometern auf 890 halbiert. Von den einst 2150 Gletschern, die man im Jahr 1973 registriert hatte, sind bereits 750 verschwunden. Der Klimawandel schlägt im Hochgebirge besonders stark zu, hier erwärmt sich die Luft doppelt so schnell wie im Flachland. Deshalb dürfte selbst vom Eisgiganten der Alpen, dem Aletschgletscher, Ende des Jahrhunderts nur noch ein Zehntel übrig sein.

Aktuelle Messungen zeigen, dass es bei den Nachbarn in Österreich nicht viel besser ausschaut. „Heuer waren die Verluste besonders hoch“, teilt die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik mit. Die Pasterze am Großglockner, Österreichs größter Gletscher, verlor innerhalb eines Jahres zwei Meter an Eisdicke. Aus Deutschland fehlen zwar aktuelle Zahlen, doch von den fünf bayerischen Gletschern werden in absehbarer Zeit vier verschwunden sein, sagt der Geograph Wilfried Hagg von der Universität München. Einzig der Höllentalferner auf der Nordseite der Zugspitze könnte noch ein paar Jahrzehnte existieren. Die anderen vier, darunter die beiden Schneeferner auf dem Zugspitzplatt, werden bis Mitte des Jahrhunderts verloren sein.

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Die Gletscher machen sichtbar, was der Mensch mit dem Klima anrichtet

Das Blaueis unterhalb des Hochkalters im Berchtesgadener Land und der Watzmanngletscher hingegen liegen schon jetzt im Sterben. Das Blaueis ist mittlerweile in zwei Teile zerbrochen, Restlebenszeit: maximal ein paar Jahre. Der Watzmanngletscher hat es strenggenommen bereits hinter sich, ist der Erderwärmung erlegen. Bilder zeigen ein paar letzte gefrorene Flecken; „totes Eis“, wie Glaziologen sagen. Denn ein Gletscher muss sich fortbewegen, um als solcher zu gelten. Sonst ist er Geschichte. Auch der Watzmanngletscher ist ein Opfer des menschengemachten Klimawandels.

Tatsächlich hat sich die Schmelze in den gesamten Alpen seit der Jahrtausendwende beschleunigt. Das Tempo überrascht sogar die Experten. „Das ging alles viel schneller und dramatischer als erwartet“, sagt der Berner Gletscherhistoriker Heinz Zumbühl. Seit einigen Jahren kann man den Eisriesen beim Sterben förmlich zusehen. Und nirgends lassen sich die Folgen der Erderwärmung besser verfolgen als im Hochgebirge. Die Gletscher machen sichtbar, was der Mensch mit dem Klima der Erde anrichtet. Es ist ein Abschied in Zeitlupe, aber im Gegensatz zu anderen schleichenden Veränderungen lässt sich der große Umbruch mit dem bloßen Auge verfolgen.

Wie könnte das einmal aussehen – die Alpen ganz ohne Eis? Eine Zukunft, in der man von oben auf eine grau-schroffe Geröllhalde blickt statt auf weiß glitzernde Berggipfel? Selbst Forscher, die ihr ganzes Leben mit den Eisriesen verbracht haben, können sich das nur schwer vorstellen.

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Kein Job für schwache Gemüter

Das geht Matthias Huss nicht anders. Drei Tage vor unserem Aufstieg war er mit einem Kollegen und einem Bergführer auf dem Findelgletscher im Wallis unterwegs. Der Hubschrauber setzte die drei auf dem Eis ab, von da an ging es zu Fuß in der Seilschaft weiter. Der Findelgletscher ist ein Gigant im Vergleich zum Pizol. Der Talgletscher hat eine ausgeprägte Zunge, ist etwa sieben Kilometer lang und ziemlich steil. Gleich daneben erhebt sich majestätisch das Matterhorn. Huss ging voraus, die Seilschaft kam gut voran. Dann öffnete sich plötzlich das Eis unter seinen Füßen. Huss sackte fünf Meter in die Tiefe – Neuschnee hatte eine Gletscherspalte bedeckt. Baumelnd hing er am Seil, unter ihm ging es noch zwanzig Meter tiefer. Sein erster Gedanke war: „Ich darf mein Arbeitsgerät nicht verlieren.“ Doch alles ging gut, der Bergführer zog ihn sicher heraus. Was blieb, war der Muskelkater.

Gletschervermessung ist Knochenarbeit. Aber daran führt kein Weg vorbei. Aufnahmen von Satelliten und Flugzeugen reichen den Wissenschaftlern nicht. Sie wollen nicht nur wissen, wie weit sich eine Gletscherzunge zurückgezogen hat und wie viel Länge Eis verlorengegangen ist. Solche Bildervergleiche sind beliebt, um Laien das Ausmaß der Erderwärmung vor Augen zu führen. Was Huss und seine Kollegen interessiert, ist vielmehr das Volumen der Gletscher, ob das Eis also dicker oder dünner geworden ist. Glaziologen sprechen von Massenbilanz.

Dazu bohren die Forscher immer im Herbst an bestimmten Stellen des Gletschers Stangen meterweit in das Eis. War das Jahr sehr heiß, ragen sie ein Jahr darauf wie Kerzen aus einer Torte. An der Position erkennt der Glaziologe dann, wie viel Eis im Sommer getaut ist und wie sich die Massenbilanz eines Eispanzers verändert hat. Und die ist seit Jahren durchweg negativ. Die Schneefälle im Winter reichen nicht mehr aus, um die Schmelze des Sommers zu kompensieren. Allein in diesem Jahr entspricht der Massenverlust dem Zweieinhalbfachen des Trinkwasserverbrauchs in der Schweiz.

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Die letzten Geheimnisse kommen ans Tageslicht

Mit dem Rückzug der Eisriesen geben die Gletscher ihre letzten Geheimnisse frei. In diesem Sommer verging beinahe kein Monat, ohne dass eine Leiche gefunden wurde. Auf dem Tsaufleuron-Gletscher im Wallis entdeckte ein Bergführer ein Ehepaar, das seit 75 Jahren als vermisst galt. Weitere Leichenfunde gab es am Mont Blanc, auf dem Hohlaubgletscher und in Tirol. Zudem stieß man auf Flugzeugteile und Munition. Auch Matthias Huss hat schon allerhand entdeckt. Im Wallis schaute einmal ein ganzer Baumstamm aus dem Eis, zudem fand er eine gut erhaltene Zeitung von 1967 sowie eine Bügelflasche voll Bier. Die Bierflasche nahm er mit nach unten, die Zeitung ließ er liegen.

Wir wollen heute am Pizol kein Risiko mehr eingehen. Nach einem kurzen Wortwechsel entscheiden wir uns für den Abbruch der Tour. Wir kehren um. Wäre ich nicht dabei gewesen, wäre Huss wohl trotzdem hochgegangen. Aber der Schweizer Glaziologe ist freundlich genug, das nicht offen zu sagen.

Auf dem Marsch nach unten passieren wir immerhin einen Blockgletscher. Dabei ist dieser Begriff falsch, eigentlich handelt es sich bloß um ein verbackenes Eis-Schutt-Gemisch, ein typisches Phänomen des alpinen Permafrosts. Das Eis gibt den Hängen Halt, die großen Felsblöcke schützen es vor dem Abschmelzen. Doch langsam beginnt es auch hier zu tauen. Dadurch wird das Gelände vielerorts instabil. Die Folgen sind Steinschläge, Muren, Lawinen und schrumpfende Grundwasservorräte. Und der Verlust eines ganzen Landschaftstyps.

Schaut man hinunter nach Sargans, erinnert das kastenförmig ausgehobelte Tal daran, wie mächtig der Eisstrom einmal war. Das eherne Gesetz, dass Gletscher kommen und gehen und kein Mensch sie daran hindern kann, gilt nicht mehr. Diesmal gehen sie durch sein Werk für immer.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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