Neue Studie

Immer mehr Menschen von Hochwasserfluten bedroht

Von Manfred Lindinger
04.08.2021
, 20:14
Menschen waten durch das Hochwasser, das im Juli durch starke Monsunregen in der philippinischen Provinz Rizal verursacht wurde.
Der Anteil der Bevölkerung, der in von Hochwasser gefährdeten Gebieten lebt, wächst weltweit. Dadurch sind immer mehr Menschen von Extremwetterereignissen und deren Folgen betroffen.

Überschwemmungen an Flussläufen und Küstenregionen gehören weltweit zu den häufigsten und verheerendsten Naturkatastrophen. Menschen verlieren in den Fluten ihr Hab und Gut und ihr Leben. Die Schäden gehen bisweilen in die Milliarden. Welche Auswirkungen Hochwasser auch in gemäßigten Zonen haben können, zeigen nicht zuletzt die jüngsten Überflutungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Klimaforscher rechnen damit, dass im Zuge der Erderwärmung die Extremwetterereignisse häufiger werden und somit auch die Zahl der Hochwasserereignisse – zum Leidwesen der in den überschwemmungsgefährdeten Gebieten lebenden Bevölkerung.

Eine aktuelle Studie amerikanischer Forscher, die in der Zeitschrift Nature erschienen ist, zeigt, dass weltweit immer mehr Menschen in den von Überflutung bedrohten Regionen leben und damit direkt von Hochwasserereignissen bedroht sind. So sei der Anteil der Weltbevölkerung seit der Jahrtausendwende in diesen Gebieten schätzungsweise um 34,1 Prozent (86 Millionen Menschen) gestiegen, schreiben Beth Tellman vom Earth Institute an der Columbia University in New York und ihre Kollegen. Das seien zehn Mal so viele Menschen, wie man bislang dachte. Und der Trend werde sich aufgrund von Migration und Bevölkerungswachstum bis 2030 noch weiter verstärken, glauben die Forscher.

In ihrer Studie haben die Forscher um Tellman mehr als 12.700 Satellitenaufnahmen ausgewertet und daraus 913 Karten von Überschwemmungsgebieten in 169 Ländern erstellt. Die Daten stammen von amerikanischen Satellitenbeobachtungen aus den Jahren 2000 bis 2018. Für jedes Hochwasserereignis schätzten die Forscher – unter Zuhilfenahme geographischer Datensätze der Bevölkerungsdichte – die überflutete Fläche und die Anzahl der dort lebenden Menschen ab.

Nur ein Teil der Hochwasserfluten erfasst

Die Analyse ergab, dass im Untersuchungszeitraum insgesamt zwischen 255 und 290 Millionen Menschen weltweit von Überschwemmungen betroffen waren. Die überflutete Fläche betrug etwa 2,23 Millionen Quadratkilometer. Die häufigsten Hochwasserereignisse ereigneten sich in Asien (398, davon 52 in China und 85 in Indien), in Nord- und Südamerika (223, davon 98 in den USA) in Afrika (143), Europa (92) und Ozeanien (57). Die meisten Überschwemmungen waren von Starkregen, tropischen Stürmen und damit verbundenen Überflutungen, aber auch Eis- und Schneeschmelzen sowie Dammbrüchen verursacht worden.

Allerdings habe man nur die größten Hochwasserereignisse erfassen können, räumen die Forscher ein. Kleinere Überschwemmungen seien in der Datenbank, der Global Flood Database, nicht enthalten. Als Grund nennen Tellman und ihre Kollegen die begrenzte Auflösung der Satellitenbeobachtungen von 250 Metern.

Für 57 Länder, unter anderem in Nordamerika, Zentralasien und Zentralafrika, prognostizieren die Forscher um Tellman in den kommenden Jahren einen erheblichen Anstieg des Anteils der Bevölkerung der Überschwemmungen ausgesetzt ist. Als Gründe geben sie unter anderem die zunehmende Versiegelung der Böden und den Klimawandel an. Zudem wachse in einigen Regionen die Bevölkerung besonders in von Überflutung gefährdeten Gebieten stark an.

In einem Begleitartikel zur Studie, der ebenfalls in Nature erschienen ist, kommentiert Brenden Jongman, zuständig für das Risikomanagement von Umweltkatastrophen bei der Weltbank, die Methode der Forscher: Diese hätten eine noch nie dagewesene Anzahl validierter Ereignisse kartiert, einschließlich verschiedener Hochwassertypen, die in früheren Analysen nicht berücksichtigt worden seien. Darunter sind Dammbrüche, lokale Niederschlagsereignisse und Schneeschmelzen: „Der von den Autoren geschätzte Anstieg des Prozentsatzes der Menschen, die weltweit von Überschwemmungen betroffen sind, ist dadurch zehnmal so hoch wie in früheren Schätzungen“, schreibt Jongman.

Trotz des düsteren Trends, sei der Studie auch etwas Positives zu entnehmen: „Die Fähigkeit, mit Überschwemmungen umzugehen und auf sie zu reagieren, ist im Laufe der Zeit gestiegen.“ Jongman nennt viele Faktoren, die sowohl Überschwemmungen vorbeugen, als auch deren Auswirkungen abfedern könnten.

Dazu zählt er Investitionen in Hochwasserschutz, Entwässerungsinfrastruktur und Frühwarnsysteme zusammen mit verbesserten Baustandards, Programmen zur Unterstützung der von Überschwemmungen betroffenen Menschen und schließlich auch eine verstärkte Politik zur Durchsetzung einer risikoorientierten Flächennutzungsplanung. Allerdings müssten die Maßnahmen auch umgesetzt werden.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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