Beschleunigte Erderhitzung

Temperaturen in der Arktis steigen schneller als gedacht

Von Joachim Müller-Jung
12.08.2022
, 20:42
Gebrochenes Meereis im arktischen Ozean: Der Klimawandel führt insbesondere an den Polen zu einem starken Anstieg der Durchschnittstemperatur.
Die Arktis hat sich seit den Siebzigerjahren vier Mal stärker erwärmt als der globale Durchschnitt. Das bedeutet: Ihr Eis taut in viel höherem Tempo als angenommen.
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Auf die Frage, welche Regionen auf unserem Planeten ins­gesamt am stärksten von der globalen Erderhitzung verändert werden, gibt es von Klimaforschern seit vielen Jahren dieselbe Antwort: Die Polarregionen ver­ändern sich radikaler als andere Gebiete, insbesondere die von Eis und Wasser geprägte Oberfläche jenseits des Nörd­lichen Polarkreises.

Diese Beobachtung wird nun in einer Studie finnischer Wissenschaftler um Mika Rantanen vom Nationalen Wetterdienst Finnlands in Helsinki bestätigt – und gleichzeitig stark korrigiert: Denn die Arktis hat sich seit den Siebzigerjahren nicht nur zwei- bis dreimal stärker erwärmt als der globale Durchschnitt, was sich längst in exorbitanten Eisschmelzen niederschlägt, sondern sogar viermal so stark.

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Von ihrer Analyse berichten die Forscher in einer aktuellen Studie in der Zeitschrift „Communications Earth & Environment“. Eine in der norwegischen Stadt Tromsø ansässige Forschergruppe, die jüngst die Temperaturdaten für den Arktischen Rat ausgewertet hatte, kam Mitte 2021 noch auf eine Zunahme der durchschnittlichen arktischen Oberflächen­temperatur zwischen 1971 und 2019 um 3,1 Grad. Das würde, gemessen am globalen Mittel, eine Beschleunigung der Erwärmung um das Dreifache bedeuten. Damit lag man schon deutlich über früheren Resultaten und auch klar oberhalb der von den im Weltklimarat IPCC verwendeten globalen Klimamodellen.

Die Gründe dafür liegen offenbar unter anderem darin, dass die Algorithmen der Computermodelle die mit dem globalen Wandel einhergehenden physikalischen Veränderungen seit der Erstbeschreibung des Phänomens der Arktischen Verstärkung in den Achtzigerjahren unscharf erfassen. Auch die aktuellen Klimamodelle bilden offenbar nicht alle Einflussfaktoren korrekt ab, weshalb auch die vierfache Beschleunigung bisher nicht simuliert wird. Woran das genau liegt, bleibt vorerst ungeklärt. Möglich sei, so die Wissenschaftler, dass die Wirkung der Treibhausgase in den Modellen aufgrund der Komplexität der Wechselwirkungen grundsätzlich unterschätzt werde, oder dass die Wärmeflüsse zwischen Land, Meer und Eisflächen insbesondere in der Arktis noch nicht erfasst werden.

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Fast die Hälfte der Eisfäche ist verloren

Tatsächlich hat auch die Dynamik der Meereisschmelze die Wissenschaft überrascht: Seit Ende der Siebzigerjahre sind 40 bis 50 Prozent der Eisflächen verloren gegangen, was vor allem in den Herbst- und Wintermonaten zu überdurchschnittlichen Temperaturen des Arktischen Ozeans führt. Die finnischen Forscher selbst führen ihre höhere Schätzung aber auch auf methodische Abweichungen zurück. Mit ihrer Definition, was als Arktis anzusehen ist, weichen sie von älteren Untersuchungen ab. Sie definierten die Arktis als das gesamte Gebiet, das sich innerhalb des nördlichen Polarkreises befindet. Die Erwärmungsrate wurde von ihnen auch nicht ab Anfang der Siebzigerjahre wie früher, sondern ab 1979 berechnet – dem Jahr, seit dem verlässlichere Satellitenaufnahmen verfügbar sind.

Die Studie liefert somit weitere Hinweise dafür, dass die Einschätzungen von Klimaforschern und des IPCC im Hinblick auf die Geschwindigkeit der Erderhitzung tendenziell sogar noch zu vorsichtig sind – und die Krise sich damit vielerorts noch schneller als gedacht zuspitzen dürfte.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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