Klimaerwärmung

Optimismus ist unangebracht

EIN KOMMENTAR Von Ulf von Rauchhaupt
15.08.2021
, 09:00
Die Extremwetterlagen bleiben uns auf jeden Fall: Die Loire im Sommer 2019
Das 1,5-Grad-Ziel ist praktisch schon verfehlt. Die Erde wird ein anderer Planet werden. Besser, wir stellen uns jetzt schon darauf ein.
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Der sechste Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC ist keine erfreuliche Lektüre, insbesondere, wo es um das Ziel geht, die von der fossil befeuerten Industrialisierung hervorgerufene Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Gelänge das, blühte dem Planeten lediglich eine dauerhaft etwas höhere Rate extremer Wetterereignisse, und vielleicht würden sogar einige tropische Korallenriffe überleben.

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Doch so glimpflich kommen wir nicht davon. Die 1,5 Grad sind faktisch nicht zu schaffen. Das optimistischste Szenario, das die Forscher durchgerechnet haben, heißt SSP1-1.9 und wurde eigens als ein möglicher Weg zusammengestellt, den Politik, Wirtschaft und Gesellschaften zu beschreiten hätten, damit es bei den 1,5 Grad bleibt. Doch selbst unter diesem Szenario werden die 1,5 Grad „more likely than not“ – das bedeutet: mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent – bis zum Jahr 2040 erreicht werden.

Nur wird das ungern kommuniziert. Lieber operieren Aktivisten und Politiker mit den verbleibenden weniger als 50 Prozent Wahrscheinlichkeit und rufen, es sei zu schaffen – wenn man nur sofort damit beginne, sich bei der Senkung der CO₂-Emissionen ganz doll anzustrengen. Das verkennt, was SSP1-1.9 voraussetzt: Nettoemissionen von exakt null Tonnen CO₂ von dem Jahr 2055 an.

Danach muss für jeden neuen Sack Zement und jeden Flug eines kerosinbetriebenen Rettungshubschraubers der dabei frei gewordene Kohlenstoff wieder aus der Luft entfernt werden – durch Aufforsten von Flächen, von denen nicht klar ist, ob sie zur Verfügung stehen, oder mit Technologien, die bislang nicht praktikabel sind. Ja, die Hälfte aller Staaten der Welt haben sich heute Reduktionsziele gesetzt, welche 1,5 Grad oder mehr verhindern könnten – aber nur, wenn die andere Hälfte, also auch China und Australien, sich diese Ziele ebenfalls setzt und alle sie dann auch strikt einhalten.

Es ist wichtig, zu betonen, dass trotzdem jede einzelne Tonne nicht emittiertes CO₂ die Erde vor noch Schlimmerem bewahrt. Kohle und Erdöl dürfen keine Zukunft haben. Doch es ist Träumerei, zu glauben, der Planet werde der bleiben, der er ist. Das wird er nicht. Und wenn wir nicht jetzt schon danach planen, werden am Ende die Kosten, das Leid und der Unfrieden über die Schuldfrage nur noch größer.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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