<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>

Warum brannte Australien?

Von ANDREAS FREY
Die Feuersaison begann 2019 früh: Schon im September loderten einzelne Brandherde. Damals bestand noch Hoffnung, sie schnell zu löschen. Foto: EPA

22. März 2020 · New South Wales gilt endlich als feuerfrei, aber die Buschbrände waren verheerend. Und Forscher haben nun die Frage untersucht, inwiefern der Klimawandel an der Katastrophe schuld ist.

V ielleicht ist es der Bluthimmel, der am Ende in Erinnerung bleiben wird, jener leuchtend rote Horizont, den man sonst nur aus Endzeitfilmen kennt. Es gibt unzählige Aufnahmen davon, eine zeigt einen Bewohner des Ferienortes Mallacoota, wie er auf seiner Veranda steht und auf das Feuer wartet. Der Mann trägt Schutzanzug zum Akubra-Hut, den Schal hat er weit ins Gesicht gezogen. Seine Waffe gegen das Höllenfeuer hält er in der linken Hand. Es ist ein handelsüblicher Wasserschlauch.

Das also ist Australien im südhemisphärischen Sommer 2019/2020, dem Sommer des großen Feuers. Aus der Ferne blickt man auf ein Land, das unwirklich erscheint, dystopisch, flimmernd vor Hitze, so als kämen die Aufnahmen aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Inzwischen sind die größten Brände gelöscht, doch die Bilder brennen weiter in den Gemütern. Die Apokalypse, vor der Klimaforscher seit Jahrzehnten warnen, sie scheint gekommen. Dabei hat der Kampf gegen den Klimawandel gerade erst begonnen.

Tiere flüchten vor der Katastrophe, die schon im November nicht mehr abzuwenden war. Eine Hitzewelle und anhaltende Trockenheit schüren die Flammen weiter. Foto: Getty


Wer auf Australien blickt, der erkennt nicht nur die Brände und das Leid, das die verstörenden Bilder transportieren, man erkennt auch etwas anderes. Geschichten von Gut und Böse zum Beispiel, von Verantwortung und Ignoranz, von Panik und Dummheit. Noch nie im Diskurs über den Klimawandel waren die Positionen verhärteter, extremer, populistischer. Das Reden über die Brände ist hochpolitisch, das Feuer hat das Land gespalten. So ist der Kampf gegen den Klimawandel mehr denn je ein weltweiter Kampf um die Deutungshoheit, sind die Bilder aus Australien zu Sinnbildern geworden, in denen man nur das sieht, was man sehen will.

Die Entwicklung ist erstaunlich, denn die Kernfrage erscheint eigentlich recht einfach: Zeigen die Bilder bloß eine fürchterliche Laune der Natur? Schließlich vergeht auf dem extremen Kontinent kein Jahr ohne Buschfeuer. Viele Pflanzen im Outback sind seit Äonen daran angepasst, manche sogar darauf angewiesen, dass es immer mal wieder brennt. Oder sind die Brände dieses Sommers in ihrem Ausmaß eine Folge der von den Menschen zu verantwortenden Erwärmung des Planeten?

Die Antwort fiel bislang immer unbefriedigend aus. In der Regel blieb die Gretchenfrage des Klimawandels unbeantwortet. Ein einzelnes Ereignis könne nicht dem Klimawandel zugeordnet werden, hieß es von Seiten der Klimaforscher lange Zeit, kurzum: Sie wussten es nicht. Sie versuchten lange Zeit vergeblich zu trennen zwischen den ganz normalen Launen des Wetters und dem Einfluss des Menschen.

Das Jahr 2019 endet dramatisch: Tausende Australier müssen ihre Häuser verlassen, die Einsatzkräfte kämpfen weiter, wie hier am Silvesterabend in New South Wales. Foto: AFP


In Australien kommt ein Problem erschwerend hinzu. Die Wissenschaftler müssen nicht nur die Atmosphäre auf einen menschlichen Einfluss untersuchen, sondern auch die Vegetation. Denn wo und wie sehr es brennt, hängt vom Waldmanagement ab, von Böden, von der Landnutzung und nicht zuletzt von irgendwelchen Idioten, die gerne Feuer legen. Aber ebenso richtig ist, dass es die Atmosphäre ist, die Bedingungen schafft und darüber entscheidet, wie anfällig ein Habitat ist, Feuer zu fangen. Und ohne Dürre hätten die aktuellen Brände sicherlich nicht dieses Ausmaß erreicht.

Allein die meteorologischen Fakten haben es in sich: Das Jahr 2019 war das heißeste und trockenste seit Aufzeichnungsbeginn, um 1,52 Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Zudem fielen lediglich 278 Liter Regen pro Quadratmeter – vierzig Prozent der Menge, die dort üblicherweise vom Himmel kommt. Am heißesten und trockensten war es im Süden und Osten. Die Städte Sydney, Canberra, Brisbane und Hobart vermeldeten neue Wärmerekorde, teilweise stieg das Thermometer in den Metropolen auf fast fünfzig Grad Celsius. Werte, die man nach den Klimamodellen erst in zwanzig oder dreißig Jahren erwartet hätte.

Anfang November geraten die Brände nördlich von Sydney außer Kontrolle. Foto: AFP

Das Ausmaß der Feuer ist gewaltig: Insgesamt 186.000 Quadratkilometer sind verbrannt, eine Fläche halb so groß wie Deutschland. Mehr als 6000 Häuser wurden zerstört, mindestens 34 Menschen starben und schätzungsweise anderthalb Milliarden Tiere. Am schlimmsten wüteten die Flammen in New South Wales im Südosten des Landes, wo die Rauchschwaden über Wochen am Himmel standen, und erst Anfang März meldete die Feuerwehr, es gebe dort nach 240 Tagen derzeit keine aktiven Busch- oder Grasfeuer mehr. Noch verheerendere Brände gab es in Australien nur in den Jahren 1974/75 und 2002, allerdings in Gebieten, in denen Feuer jedes Jahr vorkommen und zum natürlichen Kreislauf gehören.

Doch wie sehr hat der Mensch durch seine Emissionen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe in diesem natürlichen Kreislauf die Gewichte verschoben? In der vergangenen Woche hat sich eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern zu Wort gemeldet, die in der Lage ist, Antworten zu den Bränden in Australien zu geben. Die Gruppe selbst hat sich den Namen „World Weather Attribution“ gegeben, sie gehört zum noch jungen Zweig der Attributionsforschung, auch Zuordnungsforschung genannt. Ihre Aufgabe ist es, Extremwetterlagen dem Klimawandel zuzuordnen. Ziel ihrer Arbeit ist es nicht, zu zeigen, dass es den Klimawandel gibt. Sondern zu untersuchen, ob und wie die zusätzliche Wärme auf das Wetter und damit auf Natur und Mensch genau wirkt.

Die Feuerwehr ist rund um die Uhr im Einsatz, Freiwillige arbeiten bis zur Erschöpfung. Foto: Getty


Mitbegründerin dieser Forschungsgruppe ist die in Kiel geborene Klimaforscherin Friederike Otto, die das Institut für Umweltveränderungen an der University of Oxford leitet. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie eine Methode entwickelt, um den Klimawandel im Wetter von heute aufzuspüren. Dazu vergleichen sie das Wetter in einer Welt ohne Klimawandel mit der heutigen Welt mit Klimawandel. Sie vergleichen also das alte Klima mit dem neuen Klima, analysieren die Atmosphäre einmal mit konstantem Anteil von Treibhausgasen und einmal mit dem zusätzlichen Anteil, den der Mensch seit Beginn der Industrialisierung in die Luft geblasen hat.

Ist das schon aufwendig genug, kommt in Australien noch ein Problem hinzu: die enorme Schwankungsbreite des Wetters. Extreme Ausschläge sind typisch für Teile des Kontinents, zwischen Dürre und Flut gibt es nicht sehr viel. Deshalb müssen die Forscher die natürliche Schwankungsbreite des Wetters erst einmal kennen, bevor sie die vom Menschen verursachte Klimaänderung herauslesen können. Das ist schwieriger als gedacht, wie die jüngsten Untersuchungen zeigten. Und das, obwohl sich die Forscher auf Wetter und Klima konzentrierten und den Einfluss der Vegetation außen vor ließen.

Durch den Rauch erscheint die Sonne im Dezember über der Oper in Sydney rot. Foto: EPA


Eindeutig ist das Ergebnis nicht: Die vom Menschen verursachte Erderwärmung hat das Risiko von brandgefährlichen Wetterlagen, den sogenannten Fire Weather Index, um mindestens dreißig Prozent im Vergleich zum Jahr 1900 erhöht. Sehr wahrscheinlich liegen die Werte noch deutlich darüber, schreiben die Forscher, denn die Klimamodelle hatten Schwierigkeiten, den Effekt korrekt wiederzugeben. Zudem wäre die Hitzewelle vor Weihnachten 2019 in einer Welt ohne Klimawandel nur halb so wahrscheinlich eingetreten und selbst dann wohl ein bis zwei Grad kühler ausgefallen. Die Forscher nehmen auch hier an, dass die Klimamodelle den Effekt unterschätzen und sich die Wahrscheinlichkeiten extremer Hitzewellen im heutigen Klima mehr als nur verdoppelt haben. Nachweislich verlängern extrem hohe Temperaturen die Brandsaison und erhöhen so das Feuerrisiko. In einer zwei Grad wärmeren Welt wäre ein solches Szenario wie in diesem australischen Sommer viermal wahrscheinlicher als im Jahr 1900.

Anders verhalten sich die Einschätzungen zur Dürre: Trotz der außergewöhnlichen Trockenheit über Südostaustralien fanden die Forscher keinen Klimatrend, weder im Gesamtjahr 2019 noch in der Trockenzeit zwischen September und Februar. Nicht der Mensch hat die extreme Dürre ausgelöst, sondern die Natur. Die Atmosphäre kann eine solch extreme Regenarmut selbst produzieren, sie gehört zur natürlichen Schwankungsbreite des australischen Wetters.

F.A.Z.-Karte sie.

Diese Erkenntnis überrascht nicht. Schon im Sommer 2019 beobachteten Meteorologen zwei ungewöhnliche Wetterphänomene in der Region, die zu extremer Trockenheit über Australien führen können. Das eine Phänomen ist der Indische-Ozean-Dipol, eine Meeresanomalie des Indischen Ozeans, welche vom globalen Wetterphänomen El Niño beeinflusst wird und sich auf die Atmosphäre auswirkt. Im vergangenen Jahr war sie besonders stark, wodurch das Ozeanwasser vor Java und Sumatra kälter war als gewöhnlich. Das verursacht üblicherweise Wärme und Trockenheit über Südaustralien, während es auf der anderen Seite des Indischen Ozeans, in Ostafrika, kühler und feuchter ist. Diese Kombination bereitet in den afrikanischen Ländern den Nährboden für verheerende Heuschreckenplagen.


Das zweite Wetterphänomen, das zur Dürre beigetragen hat, bezeichnen Meteorologen als plötzliche Stratosphärenerwärmung: Mitten im südhemisphärischen Winter 2019 ereignete sich über der Antarktis ein sehr seltenes Phänomen, das die normale Zirkulation störte. Es verschob den Höhenwind in Richtung Norden, dadurch regnete es an der Südostküste Australiens seltener. Die plötzliche Stratosphärenerwärmung trat auch im Dürrejahr 2002 auf, weshalb der australische Klimaforscher Harry Hendon schon im September eine lange Dürre vorausgesagt hatte. Anfang Oktober 2019 erschien zudem eine Studie über diesen Mechanismus in „Nature Geoscience“. Niemand hätte von der extremen Dürre überrascht sein müssen.


Aber es ist kompliziert: Die eine ultimative Ursache für die verheerenden Buschfeuer in Australien gibt es nicht. Der Klimawandel hat insofern zu den Buschbränden beigetragen, als er den Kontinent bereits deutlich erwärmt und Hitzewellen intensiviert hat. Dadurch verlängert sich die Vegetationsperiode. Mit den bekannten Folgen: Die Pflanzen verbrauchen mehr Wasser – und die Böden trocknen weiter aus.

Noch im Januar müssen Bewohner bedrohter Gebiete evakuiert werden. Die Armee hilft. Foto: Reuters

Die Attributionsforscher diskutieren auch den direkten Einfluss des Menschen, ohne diesen quantitativ zu berechnen: Dazu gehört etwa das Waldmanagement, die Feuerökologie, veraltete Infrastruktur wie Strommasten und die unkontrollierte Landnutzung, die sich in der Abholzung von Wäldern und der Errichtung neuer Siedlungen zeigt. Und dennoch bescheinigten die Forscher dem Land am Dienstag in einer Videopressekonferenz, eigentlich gut auf die Katastrophe vorbereitet gewesen zu sein. Australier haben einst gelernt, mit dem Feuer zu leben. Doch in diesem Jahr mussten sie schmerzlich erfahren, dass in Zeiten des Klimawandels auch Höllenfeuer in ihrem Land wüten können.


Nächstes Kapitel:

Gespenstische Stille




Gespenstische Stille

Von CORD RIECHELMANN
Zumindest für diesen Koala auf Kangaroo Island kommt die Rettung im Januar rechtzeitig. Foto: 1.6679204

Mehr als zwölf Millionen Hektar Land haben die Brände in Australien verwüstet, mehr als eine Milliarde Tiere starben in den Flammen.

M ehr als zwölf Millionen Hektar Land haben die Brände in Australien verwüstet, mehr als eine Milliarde Tiere starben in den Flammen. Und obwohl die starken Regenfälle in den vergangenen Wochen die Feuer eindämmen konnten, lodern sie an einigen Stellen weiter. Das Schlimmste, so viel steht fest, scheint vorerst überstanden zu sein.

Für manche Tierarten, die in der abstrakt wirkenden Opferzahl von einer Milliarde zusammengefasst sind, lassen sich auch konkretere Angaben machen. So schätzt die Forschergruppe Biolink in einer Studie für den International Fund for Animal Welfare die Zahl der in den Feuern umgekommenen Koalas allein in New South Wales auf mindestens 5000, was etwa elf Prozent der dortigen Population entspreche – von der seien nun im Verlauf der letzten drei Generationen bis zu zwei Drittel verschwunden; landesweit gehen Experten von 25.000 verendeten Koalas aus. Bedenkt man, dass diese sich nur alle anderthalb bis zwei Jahre fortpflanzen, kann man sich ausmalen, wie lange es dauert, bis sich ihre Populationen erholen. Voraussetzt, große Brände bleiben über lange Perioden aus, von der zudem notwendigen Aufforstung der Eukalyptuswälder, in und von denen die Koalas leben, mal zu schweigen. Den Schätzungen zufolge müssen Koalas als vom Aussterben bedroht angesehen werden, in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets ist ihr Verschwinden bis 2050 sehr wahrscheinlich.

Dabei handelt es sich bei Koalas um Tiere, für die wegen ihrer Beliebtheit wirklich alles getan wird, was getan werden kann. Überall in Australien bemühen sich Tierpfleger, Tierärzte und Freiwillige um verletzte oder verwaiste Koalas. Manche Tierheime können schon keine jungen Koalas mehr aufnehmen, weil ihnen die Wollbeutel, in denen sie gewärmt und gehalten werden, ausgegangen sind. An Bildern von geretteten Koalas konnten sich die Menschen gar nicht sattsehen. Um die Welt gingen auch Fotos, die zeigten, wie Karotten aus Hubschraubern abgeworfen wurden, mit denen die Regierung von New South Wales zumindest den Hunger der bedrohten, seltenen Felskängurus lindern wollte. Selbst Meldungen von zehntausend Kamelen, die im Bundesstaat South Australia zum Abschuss freigegeben wurden, weil sie die Lebensmittel- und Wasservorräte in Aborigine-Gemeinden plünderten, wurden von den Australiern als Sofortmaßnahmen ohne Proteste akzeptiert. Will man sich über die Zeit nach den Bränden Gedanken machen, werden auch die einst von europäischen Kolonisatoren eingeschleppten Tiere wie Kaninchen, Kamele, Schafe und Rinder samt Umweltbelastungen eine Rolle spielen müssen. Natürlich bestehen Zusammenhänge zwischen den Waldrodungen und einer immer intensiveren Viehzucht, die ganze Regionen beeinflussen.

Ökologen und Forstwissenschaftler fordern deshalb ein nie dagewesenes Aufforstungsprogramm: Zehn Millionen Hektar und zwei Milliarden Eukalyptusbäume sollen nach ihren Vorstellungen bepflanzt beziehungsweise angepflanzt werden, um die Koalas und etliche andere Tierarten zu retten. Was wie eine Höchstforderung klingt, wäre vermutlich eher das Minimum. Die Feuer haben dieses Mal nicht nur Eukalyptuswälder verbrannt, die sich vergleichsweise leicht aufforsten lassen, die Flammen griffen auch auf die Regenwälder über, die aufgrund ihrer ständigen Feuchtigkeitszirkulation eigentlich wenig bis gar nicht brennen. Jetzt setzten die Feuer aber durch ihre Intensität und extreme Dauer an die fünfzig Prozent der uralten Gondwana-Regenwälder in Brand.

Was das bedeutet, lässt sich an einer urtümlichen Baumart, der Wollemie (Wollemia nobilis), veranschaulichen: Die Wollemie, ein sogenanntes lebendes Fossil, kommt nur noch in kleinen Gebieten vor. Wo genau, verschweigt die Regierung von New South Wales. Um diese letzten Bäume ihrer Art vor dem Flammen zu retten, schickten die Verantwortlichen ein Feuerwehrspezialteam in die geheime Schlucht. Denn so viel hat man inzwischen verstanden: Gerade in komplexen Regenwälder kommt das, was weg ist, nicht wieder. Für Australien, einen der artenreichsten Kontinente und Heimat vieler nur hier vorkommenden Spezies, heißt das aber auch, dass die Brände wahrscheinlich Arten auslöschten, die man noch nicht einmal kannte.

Nach Berechnungen des Biologen Mike Lee von der Flinders University in Adelaide könnten nahezu siebenhundert Insektenarten nun für immer verschwunden sein. Der Ökologe Michael Clarke schilderte in einem Interview mit dem Fachmagazin Nature die gespenstische Stille im Wald nach einem Feuer. Clarke erzählte aber auch von der Improvisationsfähigkeit vieler Tiere. So hätten Biologen immer wieder beobachten können, dass Wallabys, also kleinere Kängurus, und Vögel wie die Leierschwänze in Wombatbauten geflüchtet seien, um dort das Ende der Feuer abzuwarten. Unheimlich werden Clarks Erzählungen dadurch, dass er ausmalt, was die Tiere später erwartet: verbrannte Erde, die keine vom Feuer verschonten Oasen mehr übrig gelassen und nichts als den Hungertod zu bieten hat. Im Gegensatz zu früheren Bränden herrscht rundum Not, und für sowieso schon sehr seltene Arten, zum Beispiel den Rabenkakadu oder das Langfuß-Kaninchenkänguru, bedroht das ihre Existenz. Selbst den schnellen Falken und Plattschweifsittichen ließen die Flammen kaum Fluchtmöglichkeiten. Früher konnten sie sich in Städten neue Lebensräume suchen, heute sind diese von anderen Vogelarten bevölkert und die Parks ausgelastet.

Australiens Vegetation kann Feuer trotzen – und ergrünt neu, wie hier in New South Wales. Foto: EPA

Die Brände haben die Situation noch verschärft, doch für Vögel wird es in Australien ohnehin ungemütlich. Am 21. Dezember 2019 erregte ein Tweet der Ökologin Martine Maron, Professorin für Umweltmanagement an der University of Queensland, weltweit Aufsehen. Zu sehen war ein Bild von zwei am Boden liegenden Gelbhaubenkakadus. Die Vögel hatten bei 48,9 Grad Celsius in der südlichen Region Western Victoria einen Hitzeschock erlitten und waren tot vom Baum gefallen. Wie Maron in einem Interview erzählte, waren auch Koalas beobachtet worden, die sich an Menschen wandten, um Wasser zu erbitten. Maron bezeichnet solches Verhalten als nicht normal, es seien durch den Hitzestress ausgelöste Verhaltensänderungen, die Tiere in ihrer Not zumindest die richtigen Adressaten aufsuchen lässt. Die Hilfe von Menschen ist in diesem Fall ihre einzige Chance. Nach Wasser bettelnde Koalas sind insofern ein geeigneter Indikator für das Ausmaß der Katastrophe, als sie nicht nur an Hitze gewöhnt sind, sondern auch als daran angepasst gelten. Extreme Hitzewellen, wie sie infolge des Klimawandels beobachtet werden, setzten auch ohne Feuer vielen Tieren zu. So ist 2018, im Jahr vor den gewaltigen Bränden, ein Drittel der Gesamtpopulation der seltenen Brillenflughunde durch die Hitze getötet worden. Die Vegetation ist in Australien an natürliche Feuersbrünste angepasst, und die Beziehungen zwischen Feuer und Fauna sowie Flora sind komplex – die aktuellen Verhältnisse können jedoch nur als katastrophal beschrieben werden, das lässt wenig Gutes für die Zukunft erahnen. Selbst wenn Brände hier zur Entfaltung von Vegetation und Tierwelt gehören, sind sie in ihrer jetzigen Häufigkeit und Intensität tödlich. Und in ihrem Ausmaß unübertroffen – 21 Prozent der gemäßigten Mischwälder Australiens wurden nach neuesten Berichten der Behörden vernichtet. Zum Vergleich: Der jährliche Verlust an Forst-Ökosystemen weltweit liegt bei fünf Prozent, in einigen tropischen Regionen Asiens und Afrikas zwischen acht und neun Prozent.

Auch weil die Ausmaße wahrscheinlich noch zu niedrig benannt werden, haben sich achtzig Forscher des Australian Research Council in einem offenen Brief an die Regierung gewendet. Die Forscher fordern darin, Maßnahmen zur Emissionsreduzierung nicht länger als wirtschaftlich destruktiv zu bezeichnen. Das entbehre zum einen jeder Grundlage und sei zum anderen nicht „mit dem traditionellen Optimismus und Einfallsreichtum Australiens oder mit historischen Erfahrungen vereinbar“. Der Klimawandel, so der Tenor des Briefs, stehe erst am Anfang und erfordere deshalb konzentriertes kollektives Handeln, das sich nicht im Feuermanagement und Sofortmaßnahmen, so löblich die seien, erschöpfen dürfe. Das vorrangige Ziel müsse das Erreichen von Netto-Null-CO2-Emissionen sein.

Zugleich sieht es wenig rosig für Australiens Wildnis aus. Abholzungen und Rodungen von Wäldern und naturnahen Gebieten haben in den letzten Jahren zugenommen. Im April 2020 endet in Tasmanien ein Moratorium über 356.000 Hektar Wald. Es war Folge einer Art von Waldfriedensabkommen, das 2013 dreißig Jahre teils erbitterter Kämpfe zwischen Umweltschützern und Regierung, Polizei sowie Forstindustrie beendete. Nun wurde ausgerechnet dieses Waldstück zum „Future Potential Production Forest“ erklärt, zur Sicherung von Wachstum und Arbeitsplätzen in der Holzindustrie. Nach Aufforstung im Sinne der Ökologen sieht das nicht aus. Hinzu kommt, dass in Tasmanien die Waldbrände bis heute anhalten. Ob die Öffentlichkeit hinschaut oder nicht.


18.03.2020
Quelle: F.A.S.

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.