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Luftverschmutzung

Es muss nicht nur der Diesel sein

Von Klara Keutel
 - 09:20

Von sauberer Luft können viele Menschen nur träumen. In der globalen Rangliste der Gesundheitsrisiken gehört die Luftverschmutzung inzwischen zu den sechs wichtigsten Faktoren neben Mangelernährung oder Tabakkonsum, dicht gefolgt von Alkohol. Mehr als vier Millionen Tote im Jahr 2016 gehen darauf zurück, schätzten im Herbst zuletzt Epidemiologen in „The Lancet“, in 195 Ländern gehöre sie zu den Top Ten der Todesursachen.

Schadstoffe in der Atemluft belasten die Lunge und das Herz-Kreislauf-System. Zu viel eingeatmeter Feinstaub, Stickstoffdioxid (NO₂) und Ozon verkürzen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich das Leben von 450.000 Menschen in Europa. In Deutschland spricht man von mehr als 70.000 Opfern. Allein 6.000 vorzeitige Todesfälle seien 2014 auf Herz-Kreislauf–Erkrankungen zurückzuführen, die mit einer NO₂-Langzeitexposition in Verbindung stehen, heißt es in einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes. Dem Stickstoffdioxid seien außerdem 437.000 Diabetes-Fälle und 439.000 Asthmaerkrankungen zuzurechnen. Die Studie stößt auf Kritik, weil die Berechnung von vorzeitigen Todesfällen in ihrer Methodik umstritten ist; dass Luftverschmutzung gesundheitliche Folgen hat, steht dennoch fest.

Für die Luftbelastung werden meist Kraftfahrzeuge verantwortlich gemacht, insbesondere Dieselautos. Doch die wurden gerade in jüngster Vergangenheit viel sauberer. Deshalb lenken Forscher jetzt das Augenmerk auf weitere Verdächtige. So konnten amerikanische Chemiker kürzlich in „Science“ nachweisen, dass Produkte wie Farben, Kosmetika und Reinigungsmittel einen beachtlichen Beitrag leisten. Solchen Alltagsmitteln entweichen demnach in amerikanischen Städten mindestens genauso viele flüchtige organische Verbindungen wie Kraftfahrzeugen. Diese Substanzen gelten als wichtige Vorläufer für Feinstaub und Ozon.

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Flüchtige organische Verbindungen, abgekürzt VOCs, können Alkane, Alkohole, Ester, aromatische und halogenierte Verbindungen sein. Man findet sie in den verschiedensten Industrie- und Konsumprodukten, etwa in Autolack und Reinigungsmitteln, in Haarspray, Wandfarbe, Düngemitteln und in Duftkerzen. Sie werden bei Verbrennungsprozessen in Kraftfahrzeugen oder in der Industrie und bei der Lebensmittelverarbeitung freigesetzt, aber auch von Pflanzen. Sie verdampfen oft schon bei Zimmertemperatur und sind deshalb praktisch überall in der Luft. Manche Vertreter, wie die gebräuchlichen Lösungsmittel Benzol oder Toluol, gelten als direkt gesundheitsschädlich. Sie greifen die Lunge an und können krebserregend wirken. Eine vor kurzem im „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlichte Studie untermauert dieses Risiko. Von 6.000 Frauen, die über zwanzig Jahre hinweg an der European Community Respiratory Health Survey teilnahmen, litten jene häufiger unter Lungenproblemen, die als Putzkraft arbeiteten oder generell häufiger putzten. Dadurch waren sie auch eher solchen Lösungsmitteln ausgesetzt.

Die meisten VOCs sorgen jedoch nur indirekt für Ärger. Aus ihnen entstehen sekundäre organische Aerosole, aus denen sich Feinstaub zu großen Teilen zusammensetzt. Wenn Stickstoffdioxid in der Luft vorkommt, können sie auch Ozon bilden. Ihre Hauptquellen waren über lange Jahre Verkehr und Industrie. Um diese kümmerte sich die Politik auch entsprechend, teils mit beachtlichem Erfolg. Heute betragen die VOC-Abgase im Verkehr weniger als ein Zwölftel der im Jahr 1990 verzeichneten Emissionen.

Ein vergleichbarer Rückgang lässt sich aber nicht bei den Haushalts- und Industrieprodukten beobachten. Der Wandel vollzieht sich langsamer, zumal die Menschen zunehmend mehr Kosmetika verbrauchen. Dieser Trend im Markt der Eitelkeiten könnte erklären, warum Haarspray und ähnliche Konsumprodukte dem Auto vielleicht bald den Rang ablaufen, wenn es um bestimmte Luftschadstoffe geht. Obwohl sie nur vier Prozent aller petrochemischen Erzeugnisse ausmachen, verursachen sie der „Science“-Studie zufolge 53 Prozent der VOC-Emissionen, während Dieselabgase nur für ein Prozent verantwortlich sind und Benzinabgase für 19 Prozent. Gemessen wurden diese Werte in Los Angeles, sie gelten als repräsentativ für nordamerikanische Städte. „Das Ergebnis der Studie ist für uns an sich nichts Neues“, sagt Marion Wichmann-Fiebig, Leiterin der Abteilung Luft beim Umweltbundesamt. Man sei sich des großen Beitrags der Alltagsprodukte bewusst. In Deutschland beobachte man ähnliche Entwicklungen wie in den Vereinigten Staaten. „Uns besorgt allerdings weniger der mögliche Beitrag zum Feinstaub, sondern mehr der zur bodennahen Ozonbildung.“ Die vergleichsweise niedrigen Ozonwerte am Boden spielen in der hiesigen Debatte nur selten eine Rolle. Doch nach Ansicht der Expertin sollte man sie nicht aus den Augen verlieren: Auch unter den derzeit empfohlenen Grenzwerten seien negative gesundheitliche Folgen nicht auszuschließen.

Für die amerikanischen und kanadischen Forscher sind die Ergebnisse Grund genug, mehr Aufmerksamkeit für die Emissionen aus Konsumgütern zu fordern. In Europa hat man das Problem bereits erkannt, die Ende 2016 erlassene EU-Richtlinie für nationale Emissionshöchstmengen ist ein Beispiel dafür. Darin wird bis 2030 eine Senkung der VOC-Emissionen um vierzig Prozent gefordert. Wie das erreicht werden soll, bleibt den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen. Sie müssen das Ziel bis zum Sommer gesetzlich verankern und bis 2019 eine sogenannte Minderungsstrategie verabschieden. „In Bezug auf VOCs ist die neue Richtlinie zur deutschlandweiten Reduktion leider etwas vage“, sagt Wichmann-Fiebig. Vorgeschrieben sei nur eine Verminderung der Gesamtsumme aller VOC-Emissionen in Deutschland. So werde außer Acht gelassen, dass manche der Substanzen potenter sind als andere und dass in Städten mehr davon entweichen als auf dem Land.

„Wir wollen sowohl beim Produzenten als auch beim Verbraucher ansetzen“, sagt Wichmann-Fiebig. Zum Beispiel könnten Lösungsmittel noch häufiger als bisher durch wasserlösliche Substanzen ersetzt werden. Allerdings gelten solche Produktvorschriften meist auf EU-Ebene, und dort mangelt es bisher an verbindlichen Regelungen. Gleichzeitig will man die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf das Problem lenken, damit sie Waren ohne Lösungsmittel bevorzugen. Das geht schon heute, wenn man Produkte mit dem Symbol des „Blauen Engels“ wählt.

Die nun in „Science“ veröffentlichte Studie zeigt außerdem, dass das Phänomen Luftverschmutzung nach wie vor nicht vollständig verstanden ist. „In der Luft sind einige tausend, wenn nicht zehntausend verschiedene Verbindungen anzutreffen“, sagt der Atmosphärenchemiker Thomas Karl von der Universität Innsbruck. Auch wenn man sich nur die Primär-Emissionen anschaue, blieben noch Hunderte Komponenten übrig. Nicht alle lassen sich mit den herkömmlichen Verfahren nachweisen, zudem sind viele flüchtig und reagieren schnell weiter. Nicht immer sei klar, wie. Thomas Karl und seinen Mitarbeitern gelang es zuletzt mit ausgetüftelten Messmethoden immerhin, die Innsbrucker Luft besser zu verstehen. Sie schufen eine Art chemischen Fingerabdruck der städtischen VOC-Emissionsquellen und lieferten so weltweit erstmals ein detailliertes Bild. Mit solchen Erkenntnissen könnten auch die Klimamodelle der Forscher verfeinert werden. Denn die aus den VOCs entstehenden sekundären organischen Aerosolen beeinflussen auch die Sonneneinstrahlung und die Wolkenbildung in der Atmosphäre.

Auch für die Luftqualität gilt: Will man sie nachhaltig verbessern, muss man wissen, was darin herumschwirrt und wie es sich verhält. Dann kann spezifischer reguliert und aufgeklärt werden. Grund zur Panik besteht laut Wichmann-Fiebig allerdings nicht. VOCs aus Alltagsprodukten stellen keine akute Gefahr für den Menschen dar. Und in Innenräumen hilft schon regelmäßiges Lüften, um die Konzentration deutlich zu reduzieren.

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Quelle: F.A.S.
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