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Flüsterndes Wasser

Text und Fotos von JOACHIM MÜLLER-JUNG
Video: F.A.Z.

29.10.2019 · Der Mississippi, Sinnbild uramerikanischer Größe, ist fest im Griff des Anthropozäns. Ein interkulturelles Forschungsprojekt spürt dem Menschenwerk nach. >zur englischen Version

M innesota, im September. Symbolisch soll dieser Ort sein, mystisch, sagt man: „Mississippi Headwater“. Es ist die Stelle, an der angeblich jeder Amerikaner das große Land mit seinem bescheidenen Anfang entdeckt: die Quelle von „Old Man River“. Erwachsene waten andächtig im seichten Wasser, Kinder springen ausgelassen von Stein zu Stein und bleiben doch erstaunlich leise, so als wollte keiner das Flüstern des klaren Wassers überstimmen.

Der wenige Meter breite Damm aus Kieselsteinen, über den das klare Wasser des Itasca-Sees an dieser Stelle tritt, ist die erste, erfreulich naturbelassene Hürde, die einer der mächtigsten Ströme der Erde zu überwinden hat. Das Flussbett ist hier noch vollkommen intakt. „Wie eine Reise zurück in eine andere Zeit“, wird sich später John Kim an diesen Ort und die ersten Meter auf dem wild mäandernden Strom erinnern.


„Wie eine Reise zurück in eine andere Zeit“
JOHN KIM

  • Das Quellgebiet des Mississippi liegt im Norden des Bundesstaates Minnesota, nicht weit von der Großen Seen und der kanadischen Grenze.
  • Die Landschaft im Mississippi-Quellgebiet ist extrem dünn besiedelt, oft menschenleer und nur durch wenige Straßen zersiedelt.
  • Das „Headwater“, die Eintrittstelle des Wassers aus dem Lake Itasca ins Flussbett des Mississippi, ist für amerikanische Bürger ein magischer Punkt, zu dem viele Familien Familienausflüge machen.
  • Die amerikanische Künstlerin Erika Schläger dos Santos aus Minneapolis sitzt am Rande des Lake Itasca, dem Quellgebiet des Mississippi.
Grafik: F.A.Z.

Wir sind im Kanu im Norden Minnesotas, die Wildwestanmutung ist hier keine Fassade. Hier, wo der Mississippi seinen Anfang nimmt, die ersten von 3778 Kilometern bis zum Golf von Mexiko und die Vereinigten Staaten einmal von Nord nach Süd durchschneidend, ist der Startpunkt eines einmaligen deutsch-amerikanischen Forschungsprojektes: „Mississippi: ein anthropozäner Fluss“. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt, das als eine der wenigen großen Institutionen schon vor vielen Jahren das Thema „Anthropozän“ für sich entdeckte, hat sich vorgenommen, den identitätsstiftenden Strom der neuen Welt als pars pro toto für die planetaren Veränderungen durch den Menschen über ein Jahr hinweg zu studieren.


Es wird eine große interkulturelle Forschungsreise, etappenweise über mehrere Tage auf dem Fluss paddelnd und dann wieder in größeren Abständen in fünf „Feldstationen“ nachsinnend. Zweck der ungewöhnlichen Expedition: dem Menschenwerk von der Vormoderne bis in die Gegenwart nachspüren. Den Teilnehmern geht es darum, die planetare Dimension, die das Anthropozän als neue Erdepoche seit dem historischen Postulat des Mainzer Atmosphärenchemikers und Nobelpreisträgers Paul Crutzen auszeichnet, auf Augenhöhe mit den Erdbewohnern zu bringen. Regionale und lokale Perspektiven statt globaler Dimension. Deshalb also die Stippvisite im unverfälscht scheinenden Oberlauf, die später – im zweiten Teil unserer Reportage – den anthropozänen Kontrast zum hochindustrialisierten Flussleben am Unterlauf bei New Orleans liefert. Es ist eine Forschungsreise ohne den Anspruch, den rigiden naturwissenschaftlichen Maßstäben empirischer Forschung zu genügen, sondern den Diskurs zu starten. Dabei deshalb: Künstler, Autoren, politische Aktivisten und Wissenschaftler mit ganz unterschiedlichen Interessen, vor allem aber auch Studenten des „River Semester“ an der Augsburg University in Minneapolis. Ihre erste Mission: Paddeln üben.


Ganze 450 Meter liegt die Quelle des Mississippi über dem Niveau im gewaltigen Mündungsdelta am Meer. Langsam, an vielen Stellen fast unmerklich, sucht sich das Wasser seinen Weg, der zuerst in einer großen Schleife durch fast unberührtes Gelände führt. Sandiges Schwemmland, Riedgras, Simsen und meterhohes Röhricht säumen die Ufer. Wir steigen an der unwegsamen, von Buschland zugewachsenen Landestelle „Coffee Pot“ knapp unterhalb der Quelle am Itasca-See in die sieben Kanus.

  • Insgesamt sieben Kanus, die teilweise mit Solarpanels für die Stromversorgung der elektronischen Geräte ausgerüstet waren, bildeten die Kolonne für die Anfangsetappe der Anthropozän-Forschungsreise, die von der Quelle des Mississippi bis zur Mündung in New Orleans führen soll.
  • Expeditionsleiter und Umweltpolitikforscher Joe Underhill von der Augsburg University erkundet eine Einstiegsstelle am Mississippi-Oberlauf für die sieben Kanus.
  • Der mäandernde Mississippi-Oberlauf führt über dichtes Marschland zuerst nach Norden.
  • Vom Koch zum Anthropozän-Student: Steven Diehl arbeitet sich mit dem Kanu durch den an dieser Stelle zugewachsenen Mississippi-Fluss.
  • Künstler und Medienwissenschaftler John Kim hatte seine „Umweltstation“ (Vordergrund) immer mit an Bord seines Kanus.

Dawn Gaagigeyaashiik Goodwin, Beerenpflückerin und Tochter eines südamerikanischen Priesters und so etwas wie die Verkörperung des indianischen Widerstands gegen die Anthropozän-Exzesse der amerikanischen Ölindustrie, hat an dieser Stelle mit einem Beschwörungsritual den Vorhang von der Fassade der unberührten Natur gerissen: „Linie 3 werden wir verhindern.“ Es geht um eine der umstrittensten Ölpipelines im Land. Was die Aktivistin da noch nicht wissen kann: Wenige Tage später wird der Minnesota Supreme Court den langjährigen Widerstand gegen die Leitung in ihre Grenzen weisen. Schon bald sollen jeden Tag 120 Millionen Tonnen Erdöl aus dem benachbarten Kanada zu den Raffinierien im Mittleren Westen fließen. Sieben weitere Pipelines führen schon durch das Mississippi-Einzugsgebiet im Norden. Auf dem ruhig dahinfließenden Wasser freilich ist von dem Menschenwerk nichts zu erkennen. Wie überhaupt der Umweltfrevel leckender Ölleitungen in der dünnbesiedelten Wildnis-Idylle, in der das Leben der Indianer und das der kolonialen Nachfahren auf schmale Siedlungen zusammenschrumpft, wie ein ferner, böser Dämon. Man stolpert fast nur in Gesprächen über die Spuren des Anthropozäns.

Video: F.A.Z.

John Kim, Künstler und Medienwissenschaftler aus St. Paul, hat die schwierige Aufgabe übernommen, die Fahrt durch das Flussgeschlängel digital aufzubereiten. In einem wasserdichten Gehäuse, das er auf dem Gepäck im Kanu plaziert, sitzen Gyroskope, GPS-Empfänger und allerlei Sensoren. Wasserbewegung, Luft- und Wasserqualitätsparameter werden aufgezeichnet, und wann immer irgendwo das Funkloch in dieser gottverlassenen Gegend es zulässt, in Echtzeit auf die Website des Anthropozän-Projekts gespielt. Die Selbstvermessung eines interkulturellen Feldexperiments.

Bis hinunter nach New Orleans soll John die Aufzeichnung vom Fluss fortsetzen. Für die einheimischen Mitfahrer ist die Kanufahrt freilich viel mehr als ein Experiment. Es ist die Kontaktaufnahme mit einem Freund. Shanai Matteson, Aktivistin aus dem kleinen Örtchen Palisades flussabwärts, lebt ihre „Verwandtschaft zum Fluss“, wann immer sie das Ufer in der Nähe ihres Elternhauses verlässt: „See you later“, ruft sie ihm zu. Eine trügerische Nostalgie.

  • Dreamteam und amerikanische Künsttlerprominenz aus Chicago: Installationskünstlerin Claire Pentecost und ihr Partner Brian Holmes, ein bekannter Autor und Anthropozän-Künstler waren Teilnehmer der ersten Mississippi-Etappe.
  • Die Vegetation entlang des extrem langsam fließenden „Old Man's River“ ändert sich immer wieder, der Reichtum an subarktischen Wildarten ist hier besonders groß.
  • Der Norden ist schon nah am Winter: Student Steven Diehl und Cornelia Wagner vom Berliner HKW wärmen sich zwischen zwei Kanu-Etappen am Lagerfeuer.
  • Trinkwasseraufbereitung am Ufer während eines Campingaufenthaltes.

Die Bindungen zum Fluss scheinen nun für die Einheimischen umso stärker zu werden, je mehr das Umland von den anthropozänen Einflüssen bedroht wird. Dämme, Minen, Fabriken – auch hier im hohen Norden findet der mächtige Fluss, dessen Einzugsgebiet die Größe des indischen Subkontinents erreicht, keine Ruhe mehr. Der Indigenenanwalt Frank Bibeau, ein Chippewa-Angehöriger und damit Vertreter des größten Indianerstammes im Norden der Vereinigten Staaten, schildert den Kampf der Einheimischen gegen die industrielle Verwertung, die jenseits des Mississippi-Gebietes kaum jemand wahrnimmt. Der berühmte Wildreis, von dem die Menschen hier leben und eine Million Tonnen allein in Minnesota jedes Jahr ernten, und auch die berühmten Omega-3-reichen Weißfische, die sie aus dem Wasser holen, seien trotz Dutzender Verträge immer stärker gefährdert. Wo der Mississippi entspringt, sagt er, sei „das Herz des Universums“. Dass dieses Herz für die Chippewa seit jeher nicht am Lake Itasca, sondern am Lake Leech nur ein paar Seen südlicher davon liegt, erscheint in diesem Moment wie eine volkstümliche Marotte. Sie weist zurück in die prämodernen und vorkolonialen Zeiten, als die unterschiedlichen Kulturen noch in ihren eigenen, unberührten Territorien existierten – und der Anbruch des Anthropozäns noch Generationen entfernt war.


Nächstes Kapitel:

Teil 2 der Reportage: Ein Interview mit Bernd Scherer, Intendant im Haus der Kulturen der Welt



Der Frevel fällt nicht vom Himmel

Im Anthropozän ist die Destabilisierung die große Gefahr und der Klimawandel nur ein Teil davon. Über den Versuch, das Erdsystem neu zu denken.

Bernd Scherer
Intendant im Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Foto: Joachim Müller-Jung

Ein internationales Forscherteam hat in „Science“ durch Auswertung gewaltiger archäologischer Datensammlungen den Nachweis geführt, dass die radikale Umgestaltung der Erde durch den Menschen schon viel früher als gedacht, nämlich schon vor dreitausend Jahren begonnen hat. Das war lange vor den Atomtests, der Intensivlandwirtschaft und der globalen Plastikschwemme. Sollte die Anthropozän-Arbeitsgruppe ihren Entschluss überdenken, den Beginn des vom Menschen geprägten Zeitalters auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu legen?
Nein, denn der Beginn des Anthropozäns, so sagen uns die Erdwissenschaftler, ist dadurch gekennzeichnet, dass das Erdsystem aus der Balance geraten ist. Dieser Übergang wird durch die Befunde und Kurven der „Great Acceleration“, zu Deutsch: der großen Beschleunigung abgebildet, die den exponentiellen Anstieg menschlicher Eingriffe ins Erdsystem nach 1950 darstellt. Es besteht ein qualitativer Unterschied zwischen der Entwicklung davor und danach. Die archäologischen Befunde, die nachweisen, dass der Mensch schon davor einen großen Einfluss hatte, reichen aus meiner Sicht nicht aus, um diese Kernaussage in Frage zu stellen. Gleichwohl ist es für mich als Philosophen natürlich interessant, wie es zum Anthropozän kam. Es fiel ja nicht vom Himmel. Vielmehr gab es eine Reihe von Entwicklungen der Menschheitsgeschichte, ob Kolonialismus, die Erfindung der Dampfmaschine oder auch der Ackerbau verbunden mit Tierzucht und Entwicklung neuer Pflanzen, die sehr bedeutend sind, aber eben nur Vorgeschichten auf dem Weg zum Anthropozän markieren.

Im Anthropozän-Projekt und mit dem Mississippi-Projekt, das Sie im Rahmen des Deutschlandjahres Wunderbar Together2018/2019 in den Vereinigten Staaten mit Katrin Klingan und Christoph Rosol sowie dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte vorangetrieben haben, verwenden Sie den Begriff, als wäre die naturwissenschaftliche Frage geklärt. Warum wollen Sie nicht warten, bis die Arbeit der Naturwissenschaftler abgeschlossen ist?
Der naturwissenschaftliche Prozess läuft gut. Aber er wird noch einige Jahre dauern. Die Naturwissenschaften überprüfen die materiellen Veränderungen, die in den letzten Jahrhunderten stattgefunden haben, wie der Kohlendioxid-Ausstoß, Veränderung der Methanwerte, aber auch die Verbreitung von Plastik, die Versäuerung der Meere. Für die formale Bestimmung des Anthropozäns ist es aber irrelevant, welche kulturellen, sozialen und politischen Entwicklungen zu diesen materiellen Veränderungen geführt haben. Die Naturwissenschaften abstrahieren deshalb genau von diesen Aspekten der Prozesse. Für uns als kulturelle Institution ist es aber von entscheidender Bedeutung, sich genau mit diesen politischen, kulturellen und sozialen Bedingungen auseinanderzusetzen. So hängt die planetare Verbreitung der Radionuklide in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die einen zentralen Marker für das Anthropozän aus geologischer Sicht darstellen, mit den Atomwaffenversuchen und dem Kalten Krieg zusammen. Die massive Veränderung des Stickstoffkreislaufs hängt eng mit der industriellen Landwirtschaft und auch der Grünen Revolution zusammen, in der westliche Anbaumethoden in die Länder des globalen Südens exportiert wurden. Indem wir diese Dimension in die Anthropozän-Debatte einbringen, erweitern wir den naturwissenschaftlichen Diskurs um die gesellschaftliche Dimension.

Trotzdem ist der Anthropozän-Begriff draußen immer noch vielen fremd, der Klimawandel aber ein großes Thema. Woran liegt das?
Das Anthropozän adressiert Fragen unserer Existenz, nicht nur partikulare Probleme. Viele anthropozäne Prozesse sind nach außen unsichtbar, weil sie sowohl zeitlich wie räumlich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entzogen sind. Wir haben zwar die Instrumentarien entwickelt, lokale Prozesse in Gang zu setzen, die andere Teile der Welt verändern, zum Beispiel den durch Treibhausgase angetriebenen Klimawandel, wir haben aber nicht die Wahrnehmungssysteme entwickelt, die es erlauben zu verstehen, was das für andere Gesellschaften bedeutet. Erst der Sommer 2018 hat bei vielen aufgrund unmittelbarer Erfahrung ein erstes Verständnis über die Veränderung unserer Lebensbedingungen in Gang gesetzt. Aus meiner Sicht ist es gerade die Aufgabe von Kulturinstitutionen, das Nichtsichtbare sichtbar zu machen.

Sind die Naturwissenschaften für Ihren Ansatz überhaupt vonnöten?
Entscheidend ist, dass unsere bisherigen Wissenssysteme bisher nur unzureichend auf diese grundlegenden Transformationsprozesse vorbereitet sind. Wir haben es mit einer ganz neuen Verknüpfung von kulturellen und natürlichen Prozessen zu tun. Das bedeutet, wir müssen unsere Wissensproduktionsprozesse neu justieren.

Sie meinen, mehr über die Fächergrenzen hinweg zusammen forschen?
Der disziplinären Forschung gelingt es in der Tat immer weniger, den stets dynamischeren Gegenstandsbereichen gerecht zu werden. Diese Art der Forschung wird den sich permanent verändernden Realitäten nicht mehr gerecht. Wir wollen aber auch den naturwissenschaftlichen Prozess beschleunigen. Deshalb stellen wir Mittel zur Verfügung, damit die Bohrungen, Probenahmen und Sedimentanalysen stattfinden können und nicht noch mal zehn Jahre vergehen. Parallel dazu entwickeln wir dieses Kunst- und Kulturprojekt.

Bernd Scherer, Intendant im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, während der Mississippi-Tour des Anthropozän-Projekts


Sehen Sie, dass außerhalb des HKW schon ähnlich breit gedacht wird?
Durchaus. Wir haben etwa im Kontext unseres Anthropozänprojekts ein Curriculum-Projekt entwickelt, das neue Methoden und Arbeitsformen der Wissensgenerierung im Hinblick auf anthropozäne Fragestellungen entwickelt. An diesem weltweiten Projekt haben sich bereits mehrere hundert Forscher, Künstler und auch soziale und politische Aktivisten in verschiedener Form beteiligt, renommierte Forscher wie eine völlig neue Generation. Auch bei dem Mississippi-Projekt wird dies ganz konkret. Wir arbeiten hier mit Universitäten von Chicago über Philadelphia, Minneapolis, St. Louis bis nach New Orleans zusammen. Weltweit sind Wissenschaftszentren in Südkorea, Australien, Südafrika und auch in Europa und den Vereinigten Staaten beteiligt. Einige der Universitäten haben unsere Campus-Idee übernommen.

Welchen Mehrwert bringt die Wissensproduktion gemeinsam mit Künstlern?
Es geht im Wesentlichen darum, die Welt anders sehen zu lernen, Zusammenhänge zu erkennen, die die wissenschaftlichen Disziplinen aufgrund ihres Zuschnitts nicht thematisieren. Die Imaginationskraft von Künstlern erlaubt es unmittelbar, nicht sichtbare Entwicklungen erfahrbar zu machen, also das, was im Wissenschaftsbereich über Skalierung läuft, erlebbar zu machen. Aber auch gesellschaftlich engagierte Aktivisten spielen eine wichtige Rolle, da es darum geht, gesellschaftlich relevante Problemfelder zu definieren, an denen dann die Wissensprozesse ansetzen.

Wer kann die unterschiedlichen Herangehensweisen zusammenführen, die Philosophie?
Für mich ist die Philosophie keine Fachdisziplin wie die Chemie oder die Geschichtswissenschaft, sondern eine reflexive Tätigkeit, die über die Grundlagen unserer Erkenntnisweisen nachdenkt. Sie ist besonders in Zeiten der Transformation gefragt, in denen die bestehenden Zeichensysteme und Wissensformen nicht mehr adäquat sind. In diesem Sinne kommt der Philosophie in der Entwicklung anthropozäner Weltperspektiven eine besondere Rolle zu. Ja, in diesem Sinne ist unsere derzeitige Arbeit eine philosophische Praxis.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.


Nächstes Kapitel:

Teil 3 der Reportage aus dem dramatisch veränderten Mündungsgebiet des Mississippis lesen Sie hier:


Geschundene Wasser

Fahrrinnenvertiefung im Hafen von New Orleans, Mississippi. 2019

Wie Rassismus und Sklaverei die kulturelle Saat für die ökologischen Krisen unserer Tage legten. Teil drei unserer Reportage über den Mississippi als Fluss des Anthropozäns führt in den berüchtigten Petrochemie-Streifen im Süden.

D ie letzte Etappe im Kanu war eine ökologische Offenbarung: Weißkopfseeadler, die über das nacheiszeitliche Schwemmland mit der dichten Marschlandschaft glitten, schreckhafte Gänse und Wasserschildkröten, die sich ihrerseits unerschrocken am Ufer sonnten, selbst das träge fließende Wasser des Mississippi schluckte gierig jeden Sonnenstrahl und lag bis zum Grund im gleißenden Licht.

Von diesen beseelten letzten Stunden auf dem „Old Man River“ werden wir noch Tage zehren müssen. Wie auch von dem starken Plädoyer, das Erika Schläger dos Santos, die Künstlerin und Aktivistin aus Minneapolis mit dem tief sitzenden Cowboyhut, auf drei Zetteln Papier am letzten Lagerfeuer hinterlassen hat: „Ein autonomes natürliches Geschöpf, eine lebendige Welt“ sei dieser Körper aus Wasser, eine Lebensader, die den Entdeckern dieses Kontinents als Superhighway gedient hatte, „zusammengesetzt aus Milliarden Mikro- und Makroorganismen, die empfindsam sind und dennoch ungeschützt der menschlichen Ökonomie ausgeliefert werden“. Dieses Geschöpf, meint Erika, verdiene Zivilrechte wie jede andere Person auch.


„Ein autonomes natürliches Geschöpf, eine lebendige Welt, zusammengesetzt aus Milliarden Mikro- und Makroorganismen, die empfindsam sind und dennoch ungeschützt der menschlichen Ökonomie ausgeliefert werden“
ERIKA SCHLÄGER DOS SANTOS

Die Natur besitzt aber keine entsprechenden Rechte. Auch das gehört zur Tragik des Anthropozäns: dass die Natur völkerrechtlich nie mit aller Konsequenz vor der Zerstörung geschützt wurde und ihre Ressourcen und Dienstleistungen der Gratiskultur des modernen Menschen zugeschlagen wurden. Politisch hat der Mensch die Wildnis auf Respektabstand gehalten, Ausbeutung ohne Reue. Es ist diese anthropozentrische Haltung, die uns nach dem Ende der Kanufahrt in Minnesota am anderen Ende des Flusses, 3778 Kilometer südwärts im Bundesstaat Louisiana, nicht mehr loslassen will. Denn auch hier im Süden suchen wir nach den Spuren des frühen Anthropozäns, dieser noch formal zu beschließenden Erdepoche, in welcher der Mensch als geologische Macht und Gestalter keine Konkurrenz mehr zu fürchten hat.

Der Eingang zum Whitney-Museum außerhalb von New Orleans, das als eines der authentischsten Orte für die Sklaverei- und Kolonialgeschichte im Süden der Vereinigten Staaten gilt.

Eine knappe Autostunde von New Orleans entfernt, in der „Whitney Plantation“, beginnt diese Suche. Es ist die Suche nach den Wegbereitern des Anthropozäns. Geistige Brandstifter muss man sie wohl nennen. Bernd Scherer, der Intendant des Berliner „Hauses der Kulturen der Welt“, sieht sie als die „Wurzeln der Barbarei“ im Anthropozän. Andere nennen Orte wie Whitney „America’s Auschwitz“. Wir gehen jetzt weit zurück ins frühe 18. Jahrhundert, also gut 150 Jahre vor den Zeitpunkt, an dem das Anthropozän nach gegenwärtigem Stand – um das Jahr 1950 nämlich – offiziell begonnen haben soll. Mit der Sklaverei begann für viele Kulturwissenschaftler und Historiker jene ältere Beziehung des Menschen zur Natur und seiner selbst, die der Industrialisierung ihren Stempel aufgedrückt hat. Ashley Rogers sieht in den Sklavenfarmen einen „ersten agroindustriellen Komplex“, Fabriken, sie seien Teil des ökologischen Albtraums, der in die Jetztzeit führe. Was sie damit meint, werden wir in vielen Facetten auf unserer Rundreise im Mündungsdelta des Mississippi noch genauer erkunden. Fürs Erste lassen wir uns von Ashley, der Direktorin des Whitney Museums, die Verbindung von Sklaverei und Anthropozän genauer erläutern.

Im Jahr 1721, zwei Jahre nachdem die ersten afrikanischen Gefangenen als Sklaven nach Louisiana gebracht wurden, erreichte der deutsche Auswanderer Ambroise Heidel zusammen mit drei Geschwistern die Bucht des heutigen New Orleans. Von den zweihundert Passagieren an Bord des französischen Schiffs überlebten nur vierzig. Zusammen mit Tausenden anderen Deutschen und Franzosen, die in Louisiana anlandeten, gründeten sie am Mississippi ihre Siedlungen. „German Coast“ wurde das Gebiet zwischen dem heutigen Baton Rouge und New Orleans bezeichnet. Drei Jahre nach ihrer Ankunft besaßen die Heidels ein Hausschwein und ein Stück Farmland, das jede Saison 15 Barrel Getreide abwarf. 1730 arbeiteten drei Sklaven für sie – der Anfang einer Indigo-Plantage, die bald darauf „Habitation Haydel“ genannt, nach einem Streit mit Indigenen ans Westufer des Mississippi verlegt und schließlich für viele Generationen von Haydel-Nachfahren zur Quelle ihres Reichtums wurde.

Gedenktafeln erinnern auf dem Museums-Gelände am Rande des Mississippi an die Hunderten Opfer auf der ehemaligen Plantage.
Das fast original erhaltene Herrenhaus auf dem Gelände der Gedenkstätte, die zum Whitney-Museum gehört.

Das erst vor wenigen Jahren eröffnete Whitney Museum hat viele Gebäude der Sklavenhalterfamilie restauriert und die schreckliche Geschichte der Sklaverei im Süden Louisianas aus der Sicht der Ausgebeuteten aufgearbeitet. Nie weniger als 350 Menschen wurden von 1752 an auf dem bald zur Zucker- und Reisplantage ausgebauten Gelände unter vielfach menschenunwürdigen Verhältnissen ausgebeutet – mindestens 100.000 sollen es am Ende allein in Louisiana bis zu den ersten Aufständen und der Sklavenbefreiung Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gewesen sein. Die Großindustriealisierung des Mississippi-Unterlaufs, die bis heute anhält, hatte mit den seriell an den Mississippi-Ufern angelegten Plantagen ihren Anfang genommen. Louis Chude-Sokei, ein Afrika-Wissenschaftler von der Boston-University, erklärt das Phänomen aus seiner Sicht in einem Essay mit dem Titel „Rasse und Technosphäre“: Der Begriff Rasse verfolge den technologischen Wandel in die Moderne bis heute „wie ein Spuk“. Der Sklavenhandel beraubte die Afrikaner ihrer eigentlichen Natur, indem er nichtmenschliche Waren aus ihnen machte und die spätere Technik damit in der „Rasse“, dem Kolonialismus und der Sklaverei verankerte. Die Entmenschlichung wurde demzufolge zur Vorbedingung der Moderne. Whitney-Direktorin und Historikerin Ashley Rogers spricht konsequenterweise von den „Sklavenfabriken“ am Mississippi.

  • Die DuPont/Denka Chemiefabrik am Mississippi, nicht weit von New Orleans, von der River Road aus gesehen. Die petrochemnische Fabrik liegt neben der Gemeinde St. John und ist einer der umstrittensten Betriebe im „Cancer Alley“
  • Industrie-Eldorado am Unterlauf: Riesige Frachtschiffe aus Übersee landen täglich zu Dutzenden an dem über bald hundert Kilometer langen Gürtel mit Petrochemie-Anlagen an.
  • Anwalt Frank Bibeau informiert die Anthropozän-Reisenden über die Proteste der einheimischen und an vielen Orten vorwiegend indigenen Bevölkerung gegen die Öl-Pipeline-Projekte im Norden Minnesotas.

Es ist diese fast bruchlose Kontinuität des kolonialen Industrialisierungsprozesses, der die Sklaverei heute in den Mittelpunkt auch des ökologischen Diskurses rückt. Auf dem Land entlang des Mississippi, auf dem die Sklavenhalter ihren Wohlstand durch Ausbeutung mehrten, siedelten allein zwischen 1909 und 1913 an die 150 Erdölfirmen und bald darauf die ersten Petrochemie-Betriebe. Heute bilden die siebzig Kilometer zwischen Baton Rouge und New Orleans am Mississippi eine der größten Verdichtungen petrochemischer Unternehmen weltweit. „Cancer Alley“ – „Krebs-Allee“ – hat man den Chemiestreifen entlang des Mississippi in den Medien bezeichnet. Der Mississippi selbst ist, von denselben Firmen durch Hunderte Kanäle zur Schiffbarmachung eingedeicht und tausendfach umgeleitet, mittlerweile auch als Fluss nicht mehr wiederzuerkennen. Jede Stunde soll im Mündungsgebiet eine fußballfeldgroße Fläche Land verlorengehen, bis 2050 addieren sich der Nasa zufolge die Landverluste auf 5000 Quadratkilometer. Es ist die Folge von Absenkungen des Untergrunds, Sedimentausschwemmungen in den Golf von Mexiko und schließlich dem durch den Klimawandel forcierten steigenden Meeresspiegel. Der Mississippi, von den einen als Naturwunder verehrt und wie eine Person behandelt, ist an dieser Stelle zum Superhighway der Chemie- und Ölindustrie verdinglicht – und auch nördlich davon ein menschengemachtes Großbauwerk, das von mehr als 40.000 Dämmen eingehegt wird. Damit ist vor allem das Mississippidelta ein absoluter Brennpunkt des Anthropozäns – historisch gesehen, aber eben auch sehr konkret in unserer Gegenwart.

Die Proteste gegen den Ausbau und die Erneuerung der Pipelines im Norden der Vereinigten Staaten werden vor allem von seit Jahrhundert dort lebenden Indigenen-Stämmen getragen.

Man gewährt uns Zugang in die Shintech-Fabrik kurz hinter Baton Rouge, auf das Gelände einer ehemaligen Zuckerplantage. Der von seinem Vizepräsidenten Danny Cedotal als „größte PVC-Fabrik der Welt“ bezeichnete Betrieb gehört zu einem japanischen Konzern und wurde erst im Jahr 2005 gebaut. Produktionsmenge: 1,4 Millionen Tonnen jährlich, Konzernumsatz 14 Milliarden Dollar. Konkurrent Formosa Plastics, ein taiwanischer PVC-Hersteller, hat vor, weiter südlich für 330 Millionen Dollar seine Anlage auszubauen. Für Umwelt- und Naturschützer wie die aus Deutschland übergesiedelte Lehrerin Renate Heurich, die drei Jahre früher in Rente gegangen ist, damit sie zusammen mit anderen Gruppen Proteste und Kampagnen gegen den Ausbau der Mississippi-Petrochemie vorantreiben kann, ist das „der helle Wahnsinn“. Der Widerstand wachse täglich, sagt sie. Auch weil der Staat offenbar auf jede Begrenzung verzichtet. Reglementierung? „Die Firmen können ansiedeln, wo sie möchten und Land verfügbar ist“, gibt Shintech-Vizedirektor Cedotal zu verstehen. Fracking-Gas, der Grundstoff für die Ethylen-Produktion, das zusammen mit dem in Pipelines angelieferten Chlorgas aus einer Salzfabrik das PVC bildet, sei so billig wie nie. Sein Unternehmen plane deshalb – selbstverständlich „unter Einhaltung der strengsten Umweltstandards“ – eine Erweiterung für 1,5 Milliarden Dollar. 125 neue Jobs verspricht der Chemieingenieur. Alle würden aus der Umgebung angeheuert, aber dazu müsse das Fabrikgelände am Mississippi-Ufer nun mal dringend erweitert werden. Zwölf Häuser müssten abgerissen werden. Deshalb also die Goodwill-Fabrikführung.


„Die Firmen können ansiedeln, wo sie möchten und Land verfügbar ist“
SHINTECH-VIZEDIREKTOR CEDOTAL

Umweltaktivistin Wilma Subra vertritt die Bürger von St- John's und die „Union of Concerned Citizens“ in der umweltrechtlichen Auseinandersetzung mit dem Kunststoffhersteller Denka und den Behörden Lousianas.

Weiter südlich, wieder an der River Road am Westufer des Mississippi, nicht weit von Whitney Plantation. Hierher begleitet uns Wilma Subra in die Baptisten-Gemeinde St. John’s. Als „Cancer Town“ hat dieser nur einige hundert Einwohner zählende Fleck schon weltweit Schlagzeilen gemacht. Wilma, die 76 Jahre alte weiße Rentnerin und Umweltaktivistin, fährt zweimal pro Monat zwei Autostunden, um die Gemeinde in der Kapelle zu versammeln und die Tragödie hernach in die Welt hinauszutragen. Fünfzig Mal so hoch wie im Landesdurchschnitt sei die Krebsrate in St. John’s. Verantwortlich dafür soll die vom japanischen Multi vor wenigen Jahren gekaufte DuPont-Neoprenfabrik an der River Road sein. Chloropren und mindestens achtzehn weitere Chemikalien würden in die Luft und ins Wasser freigesetzt, die allesamt den Grenzwert der amerikanischen Umweltbehörde EPA überschreiten. An diesem Tag, an dem die Anthropozän-Forscher aus unterschiedlichen Universitäten entlang des Mississippi und aus Deutschland in die Kapelle von St. John’s geladen werden, präsentieren Wilma und die „Union of Concerned Citizens“ den Schriftverkehr mit den Behörden und einigen der Opfer. „Jeder in dieser Gemeinde hat inzwischen Menschen verloren, die an Krebs gestorben sind“, sagt der 78-jährige ehemalige Bauarbeiter und Jazzmusiker Robert Taylor. Nur ein paar hundert Meter vom Zaun spielen jeden Tag Dutzende Kinder auf dem Schulhof der Fifth-Ward-Grundschule. Wane James, ein 59 Jahre alter Mann aus der Gemeinde, Krebspatient, hat fünf Jahre in der Denka/DuPont-Fabrik gearbeitet, von 29 Kollegen würden nur noch drei leben. Überprüft werden kann das nicht.


„Jeder in dieser Gemeinde hat inzwischen Menschen verloren, die an Krebs gestorben sind“
ROBERT TAYLOR

Der Staat hat Chloropren zwar als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft, dennoch traut er den Berichten aus der Gemeinde nicht. Seine eigene Krebsstatistik fällt lange nicht so dramatisch aus – weil, so widersprechen die St.- John’s-Gemeindemitglieder, die Kinder mit Krebs nicht mehr hier leben, sondern zur Behandlung nach Tennessee verlegt werden und die erwachsenen Patienten ans Anderson nach Houston. Seit 2016 misst die Umweltbehörde in regelmäßigen Abständen. Die Chloropren-Höchstwerte nahe der Schule liegen demnach mit 66 bis 151 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft um ein Vielfaches über dem offiziellen Grenzwert von 0,2 Mikrogramm. Es sind die höchsten vom amerikanischen Umweltbundesamt jemals ermittelten Chloropren-Messwerte. Doch weder wird die Schule geschlossen, wie es der Wunsch der Gemeinde ist, noch gibt es trotz Beschwichtigungsversuchen von Denka eine Einigung. Stattdessen hat Denka inzwischen die EPA verklagt. Begründung: Der Grenzwert sei toxikologisch unbegründet und viel zu niedrig angesetzt. Die Leidtragenden sind Menschen, die ihre Häuser und Wohnungen in direkter Nachbarschaft der Petrochemiefabriken nicht verlassen wollen oder können. Seit Generationen leben sie da, fast alle haben schwarze Hautfarbe. Denn viele sind direkte Nachfahren der Sklaven, die früher auf den Plantagen gearbeitet haben, wo heute internationale Multis ihre Exportgeschäfte machen.

Die Reportage ist im Zuge des Projektes „Mississippi. An Anthropocene River“ entstanden, das vom Haus der Kulturen der Welt und vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte zusammen mit zahlreichen internationalen Partnern entwickelt wurde und vom Auswärtigen Amt als Teil der Initiative #WunderbarTogether gefördert wird. Die Luftaufnahmen am Oberlauf des Mississippi hat der in Minneapolis lebende Filmkünstler Steve Rowell zur Verfügung gestellt.
Quelle: F.A.Z.