FAZ plus ArtikelVulkanismus

Noch ein Lied von Eis und Feuer

Von Ulf von Rauchhaupt
29.08.2021
, 09:00
Ein Flug über Aufschlüsse des 3292 Meter hohen  Mount Waesche im Marie-Byrd-Land in der Westantarktis. Dieser Vulkan spuckte womöglich zuletzt  vor 8000 Jahren und ist   vielleicht noch immer leicht aktiv.
Vergletscherte Vulkangebiete werden aktiver, wenn die gefrorene Last schwindet. Die größten Feuerberge schlummern ausgerechnet unter den Eismassen der Westantarktis.
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Wenn die Katla ausbricht, geschehen seltsame Dinge. Die Besitzerin des Hótel Vík, die so die rätselhaften Vorgänge in der Netflix-Serie „Katla“ kommentiert, ist fiktiv. Der Ort Vík í Mýrdal im Süden Islands aber ist es nicht und auch nicht die Gefahr, die von der Katla ausgeht. Dieser zuletzt 1918 ausgebrochene Vulkan liegt unter einem Gletscher. Sollten sich größere Teile davon bei einem neuerlichen Ausbruch verflüssigen, könnten sie die gesamte malerische 750-Seelen-Gemeinde über Nacht in den Atlantik spülen.

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Island ist ein Eldorado für Wissenschaftler an der Schnittstelle von Vulkanologie und Glaziologie. Vulkane wie Gletscher sind leicht zugänglich, und es gibt ein starkes öffentliches Interesse an ihrer Erforschung – seit dem Ausbruch eines Nachbarvulkans der Katla unter dem Gletscher Eyjafjallajökull im März 2010 auch über Island hinaus. Aber Gletschervulkanologie hat möglicherweise auch globale Aspekte. Seit den 1990er Jahren zeigen viele Untersuchungen, wie sich die Vulkanaktivität auf Island einst um ein Vielfaches erhöhte, nachdem sich die Gletscher im Zuge der Erwärmung am Ende der jüngsten Eiszeit zurückgezogen hatten. Ähnliche Befunde gibt es inzwischen auch aus anderen Weltgegenden, etwa aus dem östlichen Kalifornien. Auch dort begannen nach dem Rückzug des Eises Vulkane heftiger zu rauchen, und das aus einem recht plausiblen physikalischen Grund: Schmelzpunkte sind in der Regel druckabhängig. Wenn das Eis verschwindet, kommt es zu einer Entlastung der Erdkruste, was in Vulkangebieten zur Bildung neuer Gesteinsschmelzen führen kann, die sich dann ihren Wege ins Freie bahnen. Das wirft die Frage auf, welche Folgen der durch den Klimawandel in Gang gesetzte weltweite Gletscherschwund mancherorts für den Vulkanismus hat. Das gilt insbesondere für die größte vergletscherte Vulkanregion der Erde, die Westantarktis.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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