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Zugvögel und Klimawandel

Riskante Langstreckenflüge

Von Diemut Klärner
 - 11:34
Kraniche auf ihrem Flug ins Winterquartier.zur Bildergalerie

Zweimal im Jahr begeben sich Zugvögel auf die Reise. Wenn die Brutsaison endet, ziehen sie ins Winterquartier und im Frühjahr wieder zurück in ihr Brutgebiet. Spektakuläre Flugformationen wie bei Kranichen, Wildgänsen oder Staren sind allerdings die Ausnahme. Viele Singvögel machen sich allein auf den Weg, statt in einem Schwarm unterwegs zu sein. Obwohl hauptsächlich tagsüber munter, fliegen sie außerdem meist nachts. Damit können die Alleinreisenden nicht nur tagaktiven Fressfeinden wie Sperbern und Falken aus dem Weg gehen. In kühlen Nächten unterwegs zu sein, hat auch den Vorteil, dass der Körper nicht überhitzt – selbst dann nicht, wenn seine Flugmuskulatur viel Wärme produziert.

Langstreckenflüge, die von der Sahelzone oder noch südlicheren Regionen über die Sahara nach Europa führen, lassen sich freilich nicht in einer einzigen Nacht bewältigen. Auf solchen Flugrouten müssen die Vögel zwangsläufig Zwischenstopps einlegen. An ihren Rastplätzen suchen sie nach Futter, um ihre Energiereserven aufzufüllen. Ebenso wichtig sind jedoch Ruhephasen, in denen sie das Schlafpensum nachholen, das sie während des Nachtflugs versäumt haben. Dass beim Ausschlafen mitunter das Energiesparen auf Kosten der Sicherheit geht, haben Wissenschaftler um Andrea Ferretti von der Universität Wien und Niels C. Rattenborg vom Max Planck Institut für Ornithologie in Seewiesen beobachtet.

Als Forschungsobjekt diente den Biologen die Gartengrasmücke (Sylvia borin), ein kleiner braun gefiederter Vogel, der im dichten Blattwerk von Hecken und Feldgehölzen meist unsichtbar bleibt. Wenn diese Singvögel im Frühjahr übers Mittelmeer fliegen, besuchen etliche von ihnen einen beliebten Rastplatz durchziehender Zugvögel: die Insel Ponza an der Westküste von Italien. Dort haben die Biologen um Ferretti und Rattenborg ein paar Dutzend Gartengrasmücken eingefangen, in einem Käfig einquartiert, und einen Tag lang beobachtet, ehe sie die Vögel wieder frei ließen. Wie erwartet, waren Gartengrasmücken mit üppigen Fettreserven nachts häufig unruhig und schliefen dafür oft tagsüber. Weniger kräftige Artgenossen ruhten lieber nachts.

Gefährlicher Schlaf

Besonders abgemagerte Vögel fielen dadurch auf, dass sie – vor allem in kühlen Nächten – ihren Kopf zum Schlafen gern nach hinten neigten, um ihn an der Schulter tief ins Gefieder zu drücken. Wie Messungen des Sauerstoffverbrauchs zeigten, lässt sich durch diese Körperhaltung einiges an Stoffwechselenergie einsparen. Wenn Gartengrasmücken beim Schlafen lediglich den Hals einzogen, ihr Kopf aber komplett sichtbar blieb, war ihr Energieumsatz deutlich höher. Wie Infrarotaufnahmen belegen, geht über den Kopf, insbesondere über die Augenpartie, enorm viel Wärmeenergie verloren.

Wer seinen Kopf im Gefieder verbirgt, kann solche Verluste vermeiden. Doch das offenkundig seinen Preis. Die Vögel reagieren dann deutlich langsamer auf eine Gefahr. Das zeigte sich, als die Forscher schlafende Gartengrasmücken mit dem Rascheln von Laub konfrontierten. Solch ein Geräusch wirkt bedrohlich, könnte es doch von einem heranschleichenden Raubtier herrühren. Vögel, die ihren Kopf auch im Schlaf aufrecht hielten, wurden davon merklich schneller aufgeschreckt als Artgenossen, die den Kopf an die Schulter gebettet hatten, so dass er größtenteils von Federn verdeckt war. Grasmücken, die so ein Kopfkissen benutzten, brauchten deutlich länger, um sich aufzurichten und die Augen zu öffnen.

Auf eine drohende Gefahr so spät zu reagieren, ist riskant. Es kann schnell zu spät sein, um einem Angreifer zu entwischen. Da sich Gartengrasmücken als Alleinreisende nicht auf wachsame Nachbarn verlassen können, müssen sie auch im Schlaf möglichst aufmerksam bleiben. Den Kopf in wärmendem Gefieder zu vergraben, leisten sie sich deshalb wohl nur im Notfall, nämlich dann, wenn Singvögel mit den Energiereserven so sparsam wie möglich haushalten müssen, um zu überleben.

Angesichts des Klimawandels wird sich die Reisezeit vieler Zugvögel in naher Zukunft zum Teil deutlich verlängern. Etliche Fernreisende werden schon in wenigen Jahrzehnten – so die Prognose einer britischen Forschergruppe – einen zusätzlichen Zwischenstopp auf dem Weg in ihr Brutgebiet einlegen müssen. Christine Howard von der Durham University und ihre Kollegen stützen sich dabei auf das, was derzeit über die Flugrouten und den Energiebedarf verschiedenartiger Zugvögel bekannt ist sowie auf klimatische Rahmenbedingungen in den heutigen Winterquartieren und Brutgebieten. Die verwendeten Klimamodelle stammen aus dem aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC.

Viele Zugvögel bleiben auf der Strecke

Wie die Forscher um Howard in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, werden hauptsächlich Zugvögel, die schon jetzt extrem weite Strecken zurücklegen, noch deutlich länger unterwegs sein. Damit trifft es gerade jene Tiere, die im Sommer wie im Winter von Insekten leben und unter einem spärlich gewordenen Nahrungsangebot leiden. Für den farbenprächtigen Bienenfresser (Merops apiaster), derzeit vor allem südlich der Alpen anzutreffen, sagen die britische Forscher beispielsweise voraus, dass er in fünf Jahrzehnten etwa tausend Kilometer weiter fliegen muss. Wegen einer zusätzlichen Pause wird er mehr als vier Tage länger unterwegs sein. Der stimmgewaltige Sprosser (Luscinia luscinia), ein östlicher Verwandter der Nachtigall, dürfte dann rund achthundert Kilometer mehr zurücklegen und seine Reise um mindesten fünf Tage verlängern.

Howard und ihre Kollegen weisen darauf hin, dass Zugvögel umso gefährlicher leben, je länger sie auf Reisen sind. Auf dem Weg zwischen Winterquartier und Brutgebiet bleiben viele auf der Strecke. Gefahr droht nicht nur von tödlichen Netzen und Gewehren, scharfen Krallen und spitzen Zähnen. Auch Wetterkapriolen können sich in unbekanntem Gelände als fatal erweisen. Zudem fehlt es dort oft gerade dann an passender Verpflegung, wenn der Bedarf hoch ist, weil kräftezehrende Langstreckenflüge zu leisten sind. Darüber hinaus erhöht eine längere Reise das Risiko, zu spät im Brutgebiet anzukommen.

Dass der Frühling aufgrund des Klimawandels im Durchschnitt zunehmend früher beginnt, macht weitgereisten Zugvögeln bereits seit Jahrzehnten zu schaffen. Schon vor dreizehn Jahren berichteten Zoologen um Christiaan Both vom Netherlands Institute of Ecology in Heteren über die Folgen eines schlechten Timings, und zwar am Beispiel des Trauerschnäppers (Ficedula hypoleuca), eines kleinen schwarz-weißen Fliegenschnäppers, der in Baumhöhlen brütet. Wo erst spät im Jahr zahlreiche Raupen herumkrabbelten, schrumpften die Trauerschnäpper-Populationen nur wenig oder gar nicht.

Wo das Nahrungsangebot schon viel früher im Jahr optimal war, hatten sie dagegen binnen zwei Jahrzehnten um rund 90 Prozent abgenommen. Selbst Trauerschnäpper, die zehn Tage früher mit dem Brüten begannen als die meisten ihrer Artgenossen, kamen hier zu spät, um ihren Nachwuchs optimal versorgen zu können. Zugvögel, die ohnehin eher kurze Strecken zurücklegen, zeigen sich mitunter flexibler als Langstreckenflieger. Mönchsgrasmücken zum Beispiel überwintern mittlerweile oft in Dänemark, den Niederlanden oder Großbritannien statt nach Südeuropa oder Afrika zu ziehen. Doch selbst wenn es der Menschheit gelingen sollte, den Klimawandel in nächster Zeit spürbar zu bremsen, wird die Anpassungsfähigkeit von Zugvögeln langfristig auf eine harte Probe gestellt.

Quelle: F.A.Z.
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