Seltenes Wetterphänomen

Stürmische Grüße aus der Wüste

Von Horst Rademacher
28.04.2022
, 10:21
Mitte April wiederholte sich das Wetterphänomen: Hinter der Pfarrkirche St. Dionysius in Munderkingen geht am Morgen die Sonne auf und beleuchtet den Saharastaub, der in der Luft liegt.
Orange gefärbter Himmel: Im März wurden große Mengen an Saharastaub nach Europa transportiert. Das führte zu ungewöhnlichen Effekten in der oberen Atmosphäre.
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Der blutrot gefärbte Himmel während der Dämmerungen über Deutschland Mitte März und die dichte, sehr hohe Cirrusbewölkung an diesen Tagen waren die Folge eines außergewöhnlichen Wetterereignisses: hohe Konzentrationen an Saharastaub in der Troposphäre. Es kommt sehr selten vor, dass derart große Staubmengen aus der Sahara bis weit nach Nordeuropa transportiert werden. In der spanischen Region Andalusien wurden Rekordwerte von bis zu 3700 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen. Selbst über der Wetterwarte Hohenpeißenberg in Bayern lag die Konzentration noch bei 170 Mikrogramm und war damit mehr als dreimal so hoch wie der von der Weltgesundheitsorganisation als noch „gesund“ empfohlene Grenzwert von 45 Mikrogramm.

Dass Staub aus der Sahara mit Höhenwinden bis nach Mitteleuropa geweht wird, ist an sich nicht ungewöhnlich. Die nordafrikanische Wüste ist nämlich weltweit die größte Quelle von Aerosolpartikeln in der Troposphäre. Schätzungen zufolge gelangen durch Winderosion jährlich mehr als 1,8 Milliarden Tonnen Saharastaub in die Luft. Nach Messungen des Deutschen Wetterdienstes am Hohenpeißenberg ist ein Teil davon im Durchschnitt an etwa 30 Tagen im Jahr, vor allem im Frühling, über der Wetterwarte messbar – allerdings fast immer nur in geringen Konzentrationen.

Mitte März wirbelte jedoch ein Sturm südwestlich des Ahaggar-Gebirges in Algerien und in Mali sehr große Mengen an Saharastaub auf, der dann von dem Tiefdruckgebiet Celia in Richtung iberische Halbinsel geweht wurde. Ein weiteres Tiefdruckgebiet transportierte anschließend noch mehr nach Mitteleuropa und Skandinavien, von wo sich der Staub dann weiter im Uhrzeigersinn in Richtung Osteuropa und schließlich bis zum Schwarzen Meer ausbreitete.

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Geschlossene Decke von Cirruswolken

Das Besondere daran war nicht nur die große Menge an Feinstaub in der Atmosphäre, sondern auch, dass dieser die gesamte Troposphäre durchdrungen hatte. In den höheren Troposphärenschichten reagierten die Partikeln mit dem Wasserdampf. Die Staubpartikeln dienten nämlich als Sublimationskeime für die Wassermoleküle, die an ihnen zu kleinen Eiskristallen gefroren. Es bildeten sich derart viele Eiskristalle, dass aus ihnen Cirruswolken entstanden, die wiederum eine dichte Wolkendecke in der oberen Troposphäre formten.

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Auf den Wetterbildern des amerikanischen Erdbeobachtungssatelliten Terra und des europäischen Sentinel-3-Satelliten sind diese Cirruswolken als geschlossene Wolkendecke zu sehen, die sich im Osten vom Balkan über Polen bis nach Finnland erstreckt und gleichzeitig über ganz Deutschland, Frankreich und der iberischen Halbinsel die Sonne verdunkelt. Die von der massiven Sublimation ausgelösten Temperaturänderungen in der hohen Troposphäre erzeugen eigene Luftbewegungen, die Meteorologen als „staubinduzierte barokline Stürme“ bezeichnen.

Dieses seltene Wetterphänomen wurde erst vor wenigen Jahren erstmalig beschrieben und ist seitdem nur einige Male über der Wüste Gobi und der Sahara beobachtet und gemessen worden. Bislang galt einer dieser Stürme im März 2015 als das stärkste dieser Ereignisse. Damals dehnten sich die von Wüstenstaub initiierten Cirruswolken als dichte Schicht über 3500 Kilometer vom östlichen Mittelmeer bis nach Asien aus. Obwohl sich die ebenfalls an Saharastaub sublimierte Cirruswolkendecke im März dieses Jahres nicht so weit ausdehnte, enthielt sie womöglich noch mehr Staub als der Sturm vor sieben Jahren.

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Quelle: F.A.Z.
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