Trockenheit in Deutschland

Schon wieder ächzen die Böden nach Wasser

Von Oliver Becht
12.05.2022
, 21:28
Goldene Ernten, auch das hat der Sommer 2018 gezeigt, gibt es unter den extremeren Klimabedingungen der Zukunft vor allem für einige wenige Spezialisten.
Der trockene Frühling in Nord- und Ostdeutschland wird zum Problem, weil er ein bereits gebildetes Niederschlagsdefizit weiter verstärkt. Experten fordern einen strategischen Umgang mit Wasser.
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Die Schlagzeilen klingen vertraut: Ernteeinbrüche in der Landwirtschaft, erhöhte Waldbrandgefahr, sinkende Grundwasserpegel. Einmal mehr sehen sich Teile Deutschlands im Frühjahr 2022 mit einer Trockenheitsperiode auseinandergesetzt. „Schauen wir auf den Frühling, der jetzt zu fast 75 Prozent vorbei ist, wurde das Regensoll erst zu 42 Prozent erfüllt“, sagt Meteorologe Dominik Jung, Geschäftsführer des Wetterdienstes Q.met. Referenz ist der Zeitraum 1961-1990. In fast allen Regionen Norddeutschlands und Teilen der Mitte seien in den ersten Maitagen kaum mehr als zehn, teilweise nicht einmal fünf Liter pro Quadratmeter Regen gefallen. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigt, dass in großen Teilen Brandenburgs und Sachsen-Anhalts extreme oder außergewöhnliche Dürre herrscht. Ursächlich für den neusten Trockenheitsschub ist ein anhaltender Hochdruckeinfluss über Teilen Nord- und Mitteleuropa, das laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) bereits Ende April gut absehbar gewesen sei. „Eine Blockadewetterlage“, sagt Jung. „Ein Hoch, das alle Regentiefs vom Atlantik abblockt.“

Direkt von rekordverdächtigem und außergewöhnlichem Wetter zu sprechen, sei dennoch falsch, so DWD-Agrarmeteorologin Corina Schube. Datenreihen des DWD zeigen, dass deutschlandweit im April sogar mehr Regen gefallen ist als in den dreizehn Jahren zuvor. In den nördlichen Bundesländern liegen die Zahlen ähnlich niedrig wie in den vergangenen Jahren. Jung weist auf das Niederschlagsdefizit hin, das nach den trockenen Jahren 2018, 2019 und 2020 noch immer mitgeschleppt werden. „Wir bräuchten eigentlich mal zwei oder drei nasse Winter, um das auszugleichen.“ Bleiben diese aus, verschärft sich das Problem mit jeder neuen Dürreperiode weiter.

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Verzögertes Pflanzenwachstum kann aufgeholt werden - wenn es mehr regnet

Klimarekonstruktionen des UFZ zeigen, dass die Trockenheit im Zeitraum 2018-2020 in den vergangenen zweihundertfünfzig Jahren tatsächlich einmalig gewesen ist. „2021 war dann aber wieder gar kein Problem“, sagt Andreas Marx, Klimaforscher am UFZ. „Wir sollten jetzt nicht bei jeder Trockenperiode reflexartig annehmen, dass das die Normalität ist.“ Auch im April 2014 habe in großen Teilen Deutschlands Dürre geherrscht, „am Ende des Jahres hatten wir dann aber überdurchschnittliche Erträge. Pflanzen brauchen nicht immer gleich viel Wasser. Verzögertes Wachstum kann auch aufgeholt werden, wenn es im Sommer dann mehr und zu den richtigen Zeitpunkten regnet.“

Folgen der erneuten Trockenheit zeigen sich dennoch schon jetzt, und zwar nicht nur in Deutschland. Zwischen Januar und Mai lagen die Niederschläge in Frankreich 30 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zwanzig Jahre, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Vertreter des Anbauinstituts Agronom. In ersten französischen Regionen sind Wasserrestriktionen bereits in Kraft getreten. Im April stellte die Regierung 100 Millionen Euro zur Verfügung, um die Folgen der Dürre abzuschwächen. Besonders problematisch, sagt UFZ-Sprecher Marx, sei die Situation bei Sommerkulturen, die bereits ausgetrieben haben. „Da droht die Gefahr, dass diese jetzt vertrocknen.“ Wintergetreide gelangt dank längerer Wurzeln auch in tiefere Bodenschichten, in denen noch ausreichend Wasser vorhanden ist.

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In Deutschland ist Schleswig-Holstein ein Hotspot der Trockenheit. Das Bundesland sah sich, bevor am Mittwoch und Donnerstag wieder geringe Regenmenge fielen, einer wochenlangen Dürreperiode ausgesetzt. Auf Getreide- und Rapsfeldern seien immer mehr Schäden zu beobachten, berichtet Daniela Rixen, Sprecherin der Landwirtschaftskammer. Viele Standorte müssten künstlich beregnet werden. „Was wir jetzt brauchen, ist ein ergiebiger, aber nicht zu heftiger Landregen.“ Sollte dies in den kommenden Tagen nicht nennenswert geschehen, sind erste Ertragsbußen zur Ernte 2022 bereits vorprogrammiert. „Alle Kulturen brauchen in den nächsten Wochen dringend Niederschläge, damit die Ertragsbußen nicht zu groß werden“, ergänzt Gerald Burgdorf, Leiter des Fachbereichs Pflanzenbau bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Auch bei Kartoffeln hänge die Qualität direkt von der Wasserversorgung ab.

Verstärkte Trockenheit ist ein globales Problem

Nicht nur deutsche Böden sehnen sich in diesen Tagen nach Wasser. Carlo Buontempo, Direktor des Copernicus Climate Change Service (C3S), spricht mit Blick auf die vergangenen zwei Monate von außergewöhnlicher Trockenheit im südlichen Skandinavien, Italien, dem Balken, der Türkei und Teilen des Kaukasus. Verglichen mit dem Referenzzeitraum 1961-1990, ergänzt der DWD auf Anfrage, sei es im April 2022 zusätzlich in Großbritannien, Bolivien, Teilen Brasiliens, Mexiko, Teilen der USA, Kanada, Namibia, Kenia, Nordaustralien und Neuseeland ungewöhnlich trocken gewesen.

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Erneut wird deutlich, dass sich die Folgen nicht nur auf Äckern abspielen. „Über die vergangenen Jahre hat sich ein Grundwasserdefizit kumuliert“, sagt Uwe Müller, Vizepräsident der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft (DWA). In Sachsen hätten im April 78 Prozent aller Messstellen unter Monatsmittelwert gelegen, im Schnitt 38 Zentimeter. „Geringere Grundwasserneubildung hat Folgen für die Wasserversorgung, sowohl privat als auch industriell, Pegelstände von Flüssen und Seen und damit natürlich auf die Schifffahrt und andere Nutzungen.“ Eine Rolle spiele auch, dass durch steigende Durchschnittstemperaturen mehr Wasser verdunste. Im vergangenen Jahr zeigten Daten der Satellitenmission GRACE, dass Deutschland mit einer jährlichen Menge von 2,5 Gigatonnen zu den Regionen mit dem weltweit größten Wasserrückgang zählt. Schuld daran, schreibt die DWA in einem aktuellen Politikmemorandum, seien nicht nur Dürreperioden und der Klimawandel. Es brauche einen völlig neuen und besseren Umgang mit der Ressource Wasser, eine sorgfältige Planung langfristig angelegter Maßnahmen. All das fehle bislang.

Alarm schlägt auch die Feuerwehr: In immer mehr Landkreisen musste die höchste Waldbrandwarnstufe 5 ausgerufen werden. Die negativen Niederschlagsbilanzen würden das Risiko für Vegetationsbrände in Nord- und Ostdeutschland stark ansteigen lassen, sagt Jens Motsch, Mitglied im Fachausschuss „Einsatz, Löschmittel, Umweltschutz“ der Deutschen Feuerwehren. Ungünstig sei der Zeitpunkt: „Generell besteht zwischen Mitte März und Ende Mai eine sehr große Brandgefahr, da sich die Vegetation gerade erst entwickelt.“ Forstwirten bereitet der Borkenkäfer Sorge, der bei Trockenheit ideale Bedingungen vorfindet. In weiten Teilen des Bundesgebietes, ergänzt DWD-Sprecherin Schube, habe sich auf leichten Böden zudem die Winderosionsgefahr erhöht.

Langfristige Planung, kein Aktionismus

Während Überschwemmungen und Orkane in Deutschland als Naturkatastrophen gelten, wird Trockenheit als „Naturkatastrophe gleichgestellter widriger Witterungsverhältnisse“ angesehen. Zuständig sind, solange nicht wie im Fall der Dürre 2018 ein Ereignis von nationalem Ausmaß erklärt wird, die Länder. In seinem aktuellen Politikmemorandum warnt der DWA eindringlich, die Maßnahmen bei kurzfristigem Aktionismus nach Katastrophenereignissen zu belassen. Es brauche „eine nachhaltige Verfolgung strategischer wasserwirtschaftlicher Ziele in allen Zeiten, unterlegt mit einer verlässlichen, langfristigen Finanzierung.“ Die Errichtung von Regenwasser-Zisternen sollte beispielsweise verpflichtend geregelt werden, um gleichzeitig Grundwasserressourcen zu schonen und Hochwasserspitzen vermeiden zu können.

Der Wetterausblick des DWD fällt wenig optimistisch aus. In vielen Teilen des Landes seien in der kommenden Woche kaum mehr als 5 bis 10 Liter Regen pro Quadratmeter zu erwarten. Im äußersten Norden könne immerhin auf bis zu zwanzig Liter gehofft werden. Dennoch: Viele Dürrefolgen werden sich so eher noch verstärken. Das Niederschlagsdefizit wächst und wächst.

Quelle: FAZ.NET
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