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Klimawandel in der Mongolei

Überhitzte Rentiere

Von Diemut Klärner
Aktualisiert am 02.01.2020
 - 15:49
Die Eis-und Schneefelder bieten den Rentieren eine Möglichkeit zur Abkühlung und einen Schutz vor lästigen Insekten. zur Bildergalerie
Von den Folgen des Klimawandels sind auch die Nomaden der Mongolei und ihre Herden betroffen. Droht das Ende einer ganzen Kultur?

Allen Klimakonferenzen zum Trotz: Die Konzentration der klimarelevanten Spurengase in der Atmosphäre steigt weiter stetig an. Kein Wunder also, dass die globale Erwärmung weiterhin zunimmt und sich in letzter Zeit sogar beschleunigt hat. Soll dieser Trend gestoppt werden, dann sind vor allem die großen Emittenten gefragt. Besonders stark betroffen von den Folgen des Klimawandels sind häufig aber gerade jene, die wenig oder nichts zur globalen Erwärmung beitragen.

Zu ihnen zählen die Rentierzüchter, die sich Tsaatan nennen und im äußersten Norden der Mongolei zu Hause sind. Dank des kontinentalen Klimas ist diese Region mit ihrem Mosaik aus Lärchenwald und flechtenreicher Tundra derzeit die südlichste, in der Nomaden mit Rentierherden umherziehen. Ungefähr auf dem Breitengrad von Köln und Dresden gelegen, boten die Berge westlich des Khuvsgul-Sees bisher günstige Lebensbedingungen für Hirten und Herden.

Durch steigende Temperaturen im Sommer ist die Kultur der Tsaatan jedoch akut bedroht. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler um William Taylor vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, Julia K. Clark von der Flinders University in Adelaide und Björn Reichhardt von der Humboldt-Universität in Berlin gekommen. Gemeinsam mit Kollegen aus der Mongolei und den Vereinigten Staaten besuchten sie zu Pferd eine Gruppe mongolischer Rentierzüchter. Deren Sommerquartier liegt weitab aller Fahrwege: ein weites Tal, in dem die Rentierherden etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel üppige Weideflächen finden. In dieser Höhenlage gibt es vor allem an Nordhängen hier und da stattliche Eisfelder, die seit Menschengedenken noch nie komplett abgetaut sind.

Leichtes Spiel für blutsaugende Insekten

Im Gespräch mit den Nomaden erfuhren die Wissenschaftler um Taylor, dass der zu Eis verfestigte Schnee nicht als nur Trinkwasser für Mensch und Tier dient. An heißen Sommertagen finden die Rentiere dort auch Kühlung und Schutz vor lästigen Insekten. Und in der Tat bezeugen archäologische Funde, dass in prähistorischer Zeit Rentiere und Karibus im Hochsommer gern auf Schneefeldern rasteten. Gemsen in den Alpen zeigen manchmal eine ähnliche Vorliebe für eisige Rastplätze. Doch diese sind im Zuge steigender globaler Temperaturen immer rarer geworden. Die durchschnittlichen Sommertemperaturen liegen einem UN-Klimabericht zufolge in der Mongolei bereits 1,5 Grad über denen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wie die Wissenschaftler in der Online-Zeitschrift „Plos One“ berichten, sind die Eisfelder auf den Sommerweiden der mongolischen Rentierzüchter in den vergangenen Jahren stärker geschmolzen als jemals zuvor. Erstmals sind einige davon zeitweilig komplett verschwunden. Dadurch fehlte den von sommerlicher Hitze geplagten Rentieren eine Gelegenheit zur Abkühlung. Außerdem litten die Herden darunter, dass Stechmücken und andere blutsaugende Insekten von den steigenden Temperaturen profitierten. Wenn solche Plagegeister Krankheitserreger übertragen, dürften diese ein leichtes Spiel haben, weil das Immunsystem der Rentiere durch den Hitzestress geschwächt ist.

Archäologische Schätze im Eis

Dazu kommt ein Mangel an Wasser, wenn der Zufluss von den Eisfeldern im Laufe des Sommers immer spärlicher wird. In größere Höhen auszuweichen oder weiter nach Norden zu ziehen, ist für die Tsaatan und ihre Rentierherden keine Option. Im Norden stoßen die mongolischen Nomaden bald an die russische Grenze, und in der näheren Umgebung sind nirgends höhere Berge mit brauchbarem Weideland zu finden.

Wo die Eisfelder noch nicht völlig verschwunden, aber deutlich geschrumpft sind, nutzten William Taylor und seine Kollegen die Chance, nach archäologischen Fundstücken Ausschau zu halten. Dabei stießen sie auf offensichtlich von Menschenhand bearbeitete Weidenzweige, zwei davon möglicherweise einst Teile einer Angelrute. Mit der Radiokarbon-Methode wurde dieses Holz auf Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts datiert. Was bestätigt, dass zu Eis zusammengepresster Schnee im Norden der Mongolei viele Jahrzehnte überdauern konnte.

Vielleicht lassen sich am Rand dahinschmelzender Eisfelder künftig noch mehr und ältere Relikte bergen, die über die Kulturgeschichte der Rentierzüchter Auskunft geben. Währenddessen sieht deren Zukunft düster aus, weil Hirten und Herden auf dauerhaft verfügbare Eisfelder angewiesen sind. Wenn immer wärmere Sommer den Rentieren zu arg zusetzen, wird die Tradition der Nomaden, die jetzt noch von und mit diesen Tieren leben, zwangsläufig zu Ende gehen.(Hier finden Sie weitere Informationen zu dem Projekt und über die beteiligten Forscher.)

Quelle: F.A.Z.
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