Bekämpfung der Wüstenbildung

Gesunde Böden dürfen nicht als Selbstverständlichkeit gesehen werden

Von Oliver Becht
08.05.2022
, 15:33
 Um sie herum nichts als Not und Staub: Kinder im von Hunger bedrohten Süden Madagaskars
Eine Zeitenwende ist auch in der Bodengesundheit nötig, heißt es in dem UN-Bericht „Global Land Outlook“. Restaurierungen von Naturflächen könnten Millionen Arbeitsplätze schaffen.
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Den Böden der Erde geht es schlecht. Zum zweiten Mal hat die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) einen „Global Land Outlook“ veröffentlicht – die größte Zusammenstellung an Informationen, die jemals zu diesem Thema erarbeitet worden ist. Siebzig Prozent der weitweiten Landfläche seien demnach nicht mehr in natürlichem Zustand, vierzig Prozent sogar stark geschädigt, was sich in abnehmender Produktivität und schwächeren Ökosystemdienstleistungen niederschlage. Die Bedeutung dieser Zahlen ist immens: Laut UNCCD hängt inzwischen die Hälfte des globalen Bruttoinlandsproduktes direkt vom Zustand der Böden ab.

Drei im Bericht vorgestellte Szenarien zeigen, dass die kommenden Jahre viel Gestaltungsspielraum bieten – nach oben und nach unten. Eine „Business as usual“-Variante geht von anhaltenden Trends in der Ausbreitung und Durchführung intensiver Landwirtschaft aus. Die Folgen wären bis ins Jahr 2050 eine um 12 bis 14 Prozent verringerte landwirtschaftliche Produktivität, zusätzlich geschädigte Böden von der Größe Südamerikas sowie zusätzliche Kohlenstoffemissionen in Höhe von 69 Gigatonnen, was die Konzentration in der Atmosphäre um immerhin ein Achtel erhöhen würde. Ländliche Gebiete, indigene Völker und Frauen seien von den Folgen besonders stark betroffen. „Wir müssen damit aufhören, gesunde Böden als Selbstverständlichkeit zu betrachten“, sagt Ibrahim Thiaw, Exekutivsekretär der UNCCD. Er plädiert für großflächige Restaurierung, nennt sie „eine wirkungsvolle und kosteneffektive Maßnahme, um Wüstenbildung, Erosion und landwirtschaftlichen Produktivitätsverlust zu bekämpfen.“

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Biodiversitätsverlust ist unumgänglich

Zwei weitere Szenarien zeigen die potenziellen Effekte von Thiaws Vorschlag. Wird die Bodenqualität auf einer Fläche von 50 Millionen Quadratkilometern – was etwa einem Drittel der weltweiten Landfläche entspricht – gezielt verbessert, könnten landwirtschaftliche Produktivität gerade in vielen Entwicklungsländern um bis zu 10 Prozent steigen und zusätzliche 17 Gigatonnen Kohlenstoff gebunden werden. Werden weitere vier Millionen Quadratkilometer unter Schutz gestellt, die für Wasserregulierung und weitere Ökosystemdienstleistungen von besonderer Bedeutung sind, nimmt insbesondere der projizierte Biodiversitätsverlust weiter ab. Verglichen mit der „business as usual“-Alternative dürften durch Landnutzungsänderungen etwa dreißig Prozent weniger Arten verloren gehen.

„Dass selbst bei diesen höchst ambitionierten Szenarien dennoch weiterhin Lebewesen aussterben, zeigt, in welcher Lage wir sind und wie dringend gehandelt werden muss“, sagt Adrian Newton, Ökologe an der Universität Bornemouth. Newton weist genau wie viele seiner Kollegen darauf hin, dass Ökosystemrestaurierungen auch aus ökonomischer Sichtweise sinnvoll seien. Der UNCCD-Bericht zitiert Studien, die für jeden in die Restaurierung von Wäldern gesteckten US-Dollar einen langfristigen Nutzen im Wert von 7 bis 30 US-Dollar erwarten. Weiterhin würden Millionen neuer Arbeitsplätze entstehen. Erfolge gibt es schon: Der „Global Land Outlook“ beschreibt hunderte Fallbeispiele aus aller Welt, bei denen Ökosysteme verschiedenster Art mit messbaren Effekten renaturiert worden sind. Mal geht es verbesserte Stadtplanung und Dachbegrünungen in der Großstadt, mal um die Renaturierung ganzer Graslandschaften und Feuchtgebiete.

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„Die Fallbeispiele zeigen, dass Renaturierungen in nahezu allen Kontexten und Größenordnungen umgesetzt werden können“, sagt Thiaw. „Jedes Land sollte dringend eine entsprechende Agenda entwickeln.“ Sogenannte Landschädigungsneutralität - ein Zustand, in dem die Ökosystemdienstleistungen von Böden mindestens stabil bleiben – ist mittlerweile von mehr als einhundert Staaten als offizielles Ziel formuliert worden. Bis 2030 sollen, so bisherige Zusagen, insgesamt 10 Millionen Quadratkilometer geschädigtes Land restauriert werden. Bislang ist das im Vergleich zu dem von der UNCCD empfohlenen Szenario nur ein Fünftel der geforderten Fläche. Der Bericht formuliert allerdings die Hoffnung, dass bereits getroffene Versprechungen der Staatengemeinschaft nur der Anfang seien.

Wer finanziert die Maßnahmen?

Ohne Hürden werden sich die Wunschszenarien nicht umsetzen lassen: Schutzmaßnahmen auf einem Drittel der Erdoberfläche würden eine weitere Ausbreitung der Landwirtschaft unmöglich machen und mit Blick auf wachsende Bevölkerungszahlen eine durchschnittliche Ertragssteigerung von 9 Prozent bedingen. Lebensmittelpreise dürften bei erfolgreicher Umsetzung insbesondere in Süd- und Südostasien steigen, projiziert der Bericht. Dass es Stand heute noch an Finanzierung fehlt, sei dagegen ein leicht zu lösendes Problem: Von der UNCCD zitierte Erhebungen zeigen, dass im Jahr 2019 nur fünfzehn Prozent aller landwirtschaftlichen Subventionen positive Auswirkungen auf Bodenqualität, Biodiversität und Arbeitsplatzstabilität hatten. Mehrfach fordert der Bericht Umwidmungen und neue Finanzierungsmodelle.

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Die Umsetzung einzelner Restaurierungsprojekte besitze trotz positiver Fallbeispiele noch viel Luft noch oben. Häufig habe das Ignorieren von ökonomischen und sozialen Faktoren zu Enteignungen, erzwungener Migration, Ressourcenkonflikten und dem langfristigen Scheitern von Maßnahmen geführt. „Indigene Völker und lokale Gemeinschaften beweisen seit langer Zeit, dass sie etwas von Landnutzung verstehen“, sagt Mitautorin Miriam Medel. „Dass wir ihre Rechte schützen und das vorhandene Wissen zur Planung nutzen, ist für den Erfolg von Bodenschutzmaßnahmen unumgänglich.“

An dramatischen Formulierungen fehlt es im Bericht nicht. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit habe es eine derartige Ansammlung an umweltbezogenen Risiken und Gefahren gegeben, heißt es direkt am Anfang. Die einzige Antwort sei noch schnelleres Handeln auf allen politischen Ebenen sowie von jedem einzelnen Akteur. „Genau, wie Covid-Impfstoffe in den vergangenen zwei Jahren in nie dagewesener Geschwindigkeit getestet und verbreitet worden sind, müssen wir auch Renaturierungen angehen“, sagt UNCCD-Wissenschaftler Barron Orr. Die Vereinten Nationen haben die aktuelle Dekade unlängst der Restaurierung von Ökosystemen gewidmet. Bis ins Jahr 2030 soll eine weltweite Bewegung angestoßen werden, die zur Finanzierung und Umsetzung großflächiger Projekte führt. Das Thema habe ein gewisses Momentum, freut sich Thiaw. Genau das gelte es jetzt zu nutzen.

Quelle: FAZ.NET
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