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Erderwärmung

Viele Gletscher sind nicht mehr zu retten

Von Joachim Müller-Jung
 - 18:42

Der weltweite Rückgang der Gletschermassen ist nicht mehr aufzuhalten. Um mindestens 36 Prozent werden die Eismassen in den Bergen schmelzen. Und auch eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau, wie es im Pariser Klimavertrag angepeilt ist, könnte das Abschmelzen vieler alpiner Gletscher nicht mehr abwenden. Das haben die Modellrechnungen der weltweiten Gletscherflächen außerhalb der Polargebiete ergeben. Ben Marzeion und Nicolas Champollion vom Institut für Geographie der Universität Bremen sowie Georg Kaser und Fabien Maussion von der Universität Innsbruck haben ihre Studie in der Zeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht. Ihr Fazit: Für die Gletscher sei es 5 nach 12.

Das abschmelzende Gletschereis trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei, wenn auch langfristig deutlich weniger als das Abschmelzen der polaren Eismassen. Auf „kurze“ Sicht, sprich: bis zum Ende dieses Jahrhunderts, wirken sich die unterschiedlichen Temperaturziele nur marginal auf den Meerespegelanstieg aus. Über das aktuelle Jahrhundert hinaus macht es jedoch sehr wohl einen Unterschied, ob man eine Absenkung der Treibhausgasemissionen langsamer vorantreibt und damit zwei Grad erreicht, oder ob man tatsächlich die maximal 1,5 Grad Erwärmung schafft und damit deutlich weniger Treibhausgase emittiert.

Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zufolge zeigt die Studie, „dass im Einklang mit den ambitionierten Zielen des Pariser Abkommens – den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 1.5 °C bis 2 °C zu begrenzen – von den übrig gebliebenen Gletschern langfristig 38 bis 48 Prozent erhalten werden könnten. Der Unterschied im Schmelzen zwischen dem 1.5 °C- und dem 2 °C-Szenario macht auf längere Sicht also immerhin etwa 10 Prozent Unterschied aus – exklusive der Unsicherheiten – bezogen auf die heute noch vorhandene Gletschermasse.“

Andere Klimaforscher wie Christoph Schneider von der Humboldt-Universität zu Berlin warnen auch davor, die errechnete Zwangsläufigkeit der Eisschmelze im politischen Diskurs gegen das ambitioniertere 1,5-Grad-Ziel einzusetzen: Die kurzfristige Entwicklung liefere jedenfalls „keine argumentative Basis“, die Erwärmung nicht doch auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Das Schicksal der Gletscher werde maßgeblich durch die heutigen Emissionen geprägt, betonen auch die Studienautoren aus Bremen und Innsbruck: „Umgerechnet auf ein 2016 in Deutschland neu zugelassenes Durchschnittsauto bedeutet es: Alle fünfhundert Meter Autofahrt geht ein Kilo Gletschereis verloren“, so Ben Marzeion von der Universität Bremen.

Bei der Betrachtung der globalen Trends bleiben außerdem die regional sehr großen Unterschiede in den alpinen Gebieten der Erde außen vor. Tobias Bolch vom Institut für Geographie der Universität Zürich: „Ich möchte hervorheben, dass der Unterschied (Anm.: zwischen 2 Grad und 1,5 Grad Erwärmung) insbesondere für kleinere temperierte Gletscher, bei denen größere Bereiche nahe des Schmelzpunktes liegen – wie zum Beispiel viele Gletscher der Alpen – einen entscheidenden Unterschied macht.“ Mit anderen Worten: Die Alpen verändern sich umso schneller und gravierender, je laxer wir klimapolitisch auf den Klimawandel reagieren. Zudem, so PIK-Forscher Albrecht, „können schon kleine Unterschiede in der globalen Mitteltemperatur regional darüber entscheiden, ob der Landwirtschaft beispielsweise in Indien oder Usbekistan im Sommer ausreichend Schmelzwasser zur Verfügung steht oder eben nicht.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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