Triage für die Bergregionen

Von LAURA SALM-REIFFERSCHEIDT, Fotos NYANI QUARMYNE

3. März 2022 · Sie brauchten Holz, deshalb führten Siedler in Südafrika Akazien, Pinien und Eukalyptus ein. Heute bedrohen diese ­Bäume die ­Ökosysteme und die Wasservorräte des Landes. Eine Reportage über die Rettungsversuche mit Kletterseil und Säge.

Es sind die kleinen, zartgrünen Bäumchen, deren Stämme noch biegsam sind, die Zikhona Gcakamani am meisten frustrieren. Die sind überall, bedecken manchmal ganze Berghänge. Eine der großen Pinien umzusägen sei befriedigender. „Da sieht man, dass man vorankommt“, sagt die 31-Jährige. Sie steht am Rande einer Felswand, einen Schritt weiter ginge es 200 Meter in die Tiefe. Im Tal rollt der Steilhang sanft aus und endet am Ufer des Theewaterskloof-Stausees, des wichtigsten Reservoirs für Kapstadts Wasserversorgung.

„Ich liebe die Natur, die Tiere, und ich liebe es, den vollen See zu sehen. Es ist unsere Aufgabe, den See zu füllen. Wasser ist für alle so wichtig, für die Menschen, die Tiere, für alles hier“, sagt Gcakamani. Um ihre Hüften trägt sie ein Klettergeschirr mit einer Handsäge im Halfter. Über ihre Schulter hat sie einen Sack mit einem Kletterseil geschlungen. Sie und drei Mitglieder ihres Teams suchen sich jeweils eine kräftige Pinie und befestigen ihre Seile am Stamm, um sich dann die Steilwand hinabzulassen. „Wir fangen ganz unten an, sägen die Pinien, die auf dem Felsen wachsen, um und arbeiten uns dann hoch“, erklärt Gcakamani, die ein Spezialteam leitet, das in abgelegenen Bergregionen „Aliens“ entfernt, wie sie invasive und in Südafrika nicht heimische Bäume wie die Pinien nennt.


„Wasser ist für alle so wichtig, für die Menschen, die Tiere, für alles hier.“
ZIKHONA GCAKAMANI

Ein Hubschrauber setzte die Truppe in der Wildnis ab, im Gepäck sind Zelte, Lebensmittel, Seile, Klettergurte, Hand- und Motorsägen.
Ein Hubschrauber setzte die Truppe in der Wildnis ab, im Gepäck sind Zelte, Lebensmittel, Seile, Klettergurte, Hand- und Motorsägen.

Dafür wurde das Team mit einem Helikopter auf einer Lichtung rund 100 Kilometer von Kapstadt entfernt abgesetzt. Fünfzehn Frauen und Männer haben hier ihr Camp aufgeschlagen, Zweierzelte zum Schlafen und ein großes Küchenzelt; einige sind in Erster Hilfe ausgebildet, um die Mahlzeiten kümmert sich ein Koch. Wie lange sie bleiben, ist schwer vorherzusagen, es werden Wochen sein, vielleicht sogar Monate: Sie müssen rund siebzig Hektar vom unerwünschten Bewuchs befreien, wie schnell sie vorankommen, ist abhängig davon, wie dicht die Pinien wachsen und wie gut diese zu erreichen sind. „Manchmal ist es auch zu heiß, dann können wir nur morgens arbeiten“, sagt Gcakamani. Die Gefahr von Hitzschlägen oder Bränden sei sonst zu groß. Gleich am ersten Tag erreichte das Thermometer 37 Grad Celsius – es ist Januar, und in Südafrika herrscht Sommer, aber wenn das Team frühmorgens das Camp verlässt, streift Nebel kalt über die Gesichter.

Beladen mit Wasserkanistern, Kletterausrüstungen, Motor- und Handsägen schlägt sich die Truppe über Felsbrocken und durch Gebüsch einen Hang hinauf, das Terrain kennen sie nur von einer Satellitenkarte. Auf einem Plateau angekommen, beginnen sie mit der Arbeit. Zwei Männer setzen die Motorsäge tief am Stamm an, fällen Baum für Baum. Andere ziehen Sprösslinge aus dem Boden oder bearbeiten die kräftigeren Bäumchen mit einer Handsäge, wieder andere nehmen sich wie Gcakamani mit ihrer Kletterausrüstung die Steilhänge vor. Hunderte Bäume liegen am Ende des Tages danieder, dennoch stehen überall Pinien, egal wohin der Blick fällt. Der Wind trägt ihre Samen kilometerweit in die Ebene.

Zikhona Gcakamani prüft die Ausrüstung ihres Teams, das in den Bergen über Wochen kampiert, um hier Tag für Tag Pinien abzuholzen.
Zikhona Gcakamani prüft die Ausrüstung ihres Teams, das in den Bergen über Wochen kampiert, um hier Tag für Tag Pinien abzuholzen.

„Invasive Arten sind ein riesiges Pro­blem hier in Südafrika, vor allem in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren“, sagt Louise Stafford von der Naturschutzorganisation The Nature Conservancy. Fremde Pflanzen, auch Neophyten genannt, wurden schon im Jahr 1652 eingeführt, bald nach der Gründung einer Versorgungsstation der Niederländischen Ostindien-Kompanie am Kap der Guten Hoffnung. Die Besatzungen der Schiffe, die hier vorbeikamen, sollten in den Genuss von frischen Früchten, Gemüse und Getreide kommen und von Heilpflanzen wie etwa Scharbockskraut, dessen hoher Vitamin-C-Gehalt sie vor Skorbut schützte. Aus Notizen und Briefen von Jan van Riebeeck, Kommandant des Kaps bis 1662, geht hervor, dass an die hundert Pflanzen importiert wurden, um sie in der Region anzusiedeln. Im 18. und 19. Jahrhundert – mit wachsendem Schiffsverkehr und zunehmenden Niederlassungen von Europäern – kamen weitere Arten hinzu. Erst wurden Eichen gepflanzt, dann Aufforstungsprogramme mit Pinien aus Europa und Nordamerika gestartet, mehrere Eukalyptus- und Akazienarten aus Australien kamen hinzu. Der Bedarf der Kolonialisten an Feuer- und Bauholz wuchs stetig, einheimische, langsamer wachsende Bäume waren in zahlreichen Gebieten schnell dezimiert.  

Khanya Bovungana wiederholt für alle die Sicherheitsregeln, denn die Arbeit am Steilhang ist riskant, und Klettergeschirr muss richtig sitzen.
Khanya Bovungana wiederholt für alle die Sicherheitsregeln, denn die Arbeit am Steilhang ist riskant, und Klettergeschirr muss richtig sitzen.

Mit der Ausweitung der vier „T“, trade, transport, travel and tourism, wie der Umweltwissenschaftler Guy Preston erklärt, der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2020 stellvertretender Generaldirektor in der Umweltbehörde war, werden problematische Arten aus Asien und Südamerika heute eher versehentlich eingeschleppt. Für die vorsätzliche Einfuhr und Handhabung fremder Arten gibt es Regularien und Gesetze, doch auch die seien verbesserungswürdig. Am Beispiel Hawaii erläutert Preston das Problem: Forscher untersuchten, wie Inseln auf natürliche Weise von neuen Arten kolonialisiert werden. Das können etwa Samen sein, die von Vögeln oder auf einem Holzbalken übers Meer getragen werden. Sie kamen zu dem Schluss, dass sich vor dem Einfluss des Menschen nur alle 25.000 bis 50.000 Jahre eine neue Art auf Hawaii ausbreitete. Heute passiert es alle 18 Tage – und dabei habe Hawaii mit die besten Gesetze der Welt, was invasive Arten angeht, meint Preston. Auch Südafrika nimmt das Thema ernst, und laut einem Bericht des Nationalen Biodiversitätsinstituts in Pretoria kosten invasive Arten – darunter Bäume, die Moskitos anziehen, Wespen, die der Forstwirtschaft schaden, und ein Barsch aus Nordamerika, der die Fischbestände dezimiert – das Land rund 6,5 Milliarden Rand pro Jahr, umgerechnet etwa 380 Millionen Euro. Sie sind für ein Viertel des gesamten Biodiversitätsverlustes verantwortlich.


„Invasive Arten sind ein riesiges Problem hier in Südafrika, vor allem in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren.“
LOUISE STAFFORD, Naturschutzorganisation The Nature Conservancy

Rund um Kapstadt ist davon besonders die Fynbos-Vegetation betroffen, eine einzigartige Heidelandschaft, die nur an der Küste und in den Bergen des West- und Ostkaps Südafrikas vorkommt. Sie macht achtzig Prozent der Arten der Kap-Florenregion aus, 6000 davon sind endemisch und nur hier zu finden. Im Fynbos gedeihen mehr als 600 Heidekrautarten, auch Protea, Südafrikas Wappenblume, sowie Rooibos und bilden zusammen einen Lebensraum für zahlreiche Insekten und Vögel. „Die heimischen Tiere haben sich mit den Pflanzen, in deren Schutz sie ihre Brut- oder Rastplätze haben, entwickelt. Führt man jetzt eine neue Art ein, sind die Tiere nicht daran angepasst, diese zu nutzen“, sagt Stafford. Und Preston sieht in invasiven Arten die größte Gefahr für die Biodiversität, „mehr noch als der Klimawandel und die Zerstörung von Lebensräumen“. Treten die drei Faktoren gleichzeitig auf, werde das Problem potenziert.

Für das Umland Kapstadts ist die Fynbos-Vegetation typisch, eine Heide mit Tausenden Pflanzenarten wie diese Protea neriifolia.
Für das Umland Kapstadts ist die Fynbos-Vegetation typisch, eine Heide mit Tausenden Pflanzenarten wie diese Protea neriifolia. Foto: Nyani Quarmyne
Phaenocoma prolifera, die einzigartige Kap-Strohblume, ist in Südafrika am Westkap heimisch und schmückt pink die Fynbos-Heide.
Phaenocoma prolifera, die einzigartige Kap-Strohblume, ist in Südafrika am Westkap heimisch und schmückt pink die Fynbos-Heide. Foto: Nyani Quarmyne

Durch Neophyten schwindet nicht nur die Biodiversität, sie beeinflussen auch die Wildfeuer. Die Fynbos-Landschaft muss alle zwölf bis fünfzehn Jahre brennen, um sich zu verjüngen. Werden die Intervalle kürzer, kann das dazu führen, dass Pflanzenarten, die erst nach vielen Jahren Samen hervorbringen, aussterben. Nun brennt es aber immer häufiger, Verursacher ist oft der Mensch. Und die Feuer werden noch weniger kontrollierbar, wenn sich Bäume in der Heidelandschaft ausbreiten, die mehr Biomasse besitzen und wesentlich intensiver brennen. Dadurch verbrenne organisches Material im Boden, sagt der Umweltwissenschaftler David Le Maitre: „Die Erde sieht danach aus wie Talkum-Puder und kann leicht weggeweht oder weggewaschen werden.“ Und weil Pinien, Akazien und Eukalyptus viel Harz enthalten, kann das nach einem Feuer in den Boden eindringen und eine wasserabweisende Schicht bilden. „Wenn dann der Regen kommt, kann er nicht schnell genug oder gar nicht im Boden versickern“, sagt Le Maitre, und das führe zu Erosion. Auch können sich die Baumharze explosionsartig entzünden, sodass sich glühende Piniennadeln, Rinde oder Eukalyptus-Äste von den Bäumen lösen, die vom Wind kilometerweit getragen werden und woanders neue Feuer entfachen können. So sei es auch beim Brand in der Universität von Kapstadt geschehen, der im letzten April für Schlagzeilen sorgte. Glut von brennenden Pinien nördlich des Geländes entzündete Palmen und wilden Wein, der außen an der Bibliothek rankte. Arten, die laut Le Maitre nicht hierher gehören.


„Die Erde sieht danach aus wie Talkum-Puder und kann leicht weggeweht oder weggewaschen werden.“
DAVID LE MAITRE

Wildfeuer gehören dazu, doch in jüngster Zeit wüten sie häufiger und auch intensiver, oft zum Nachteil angestammter Gewächse.
Wildfeuer gehören dazu, doch in jüngster Zeit wüten sie häufiger und auch intensiver, oft zum Nachteil angestammter Gewächse.

Eine noch dramatischere Folge invasiven Pflanzenwuchses mussten vor vier Jahren alle Bewohner Kapstadts erfahren. „Es war unheimlich. Die Menschen hatten Angst. Es wurde über nichts anderes geredet. Wir haben den Himmel immer nach auch nur der kleinsten Wolke abgesucht“, erinnert sich Louise Stafford an das Jahr 2018, dem drei Winter mit nur wenig Regen vorausgegangen waren. Im Januar kündigte die Bürgermeisterin damals an, dass die Vier-Millionen-Metropole ihre kommunale Wasserversorgung abstellen müsse, wenn sich die Lage nicht bessere; Berechnungen zufolge wäre im April der Füllstand aller Talsperren unter 13,5 Prozent gefallen. Kapstadt gewinnt Wasser zu rund 95 Prozent aus Regenwasser, das oberirdische Einzugsgebiete in der umliegenden Region speist. Gespeichert wird es in fünf großen und einigen kleineren Stauseen. Wäre die gefürchtete „Stunde null“ eingetreten, hätten die Bewohner der Stadt ihre Tagesration von 25 Litern an Verteilungspunkten abholen müssen. Zeitweise musste man sich bereits mit fünfzig Litern begnügen. Zum Vergleich: Der Verbrauch pro Kopf liegt in Deutschland bei rund 130 Litern täglich. In Kapstadt waren alle Bereiche gezwungen, den Wasserkonsum stark zu reduzieren, benachbarte Gemeinden halfen aus, und dank hoher Niederschlagsmengen lagen die Talsperren im Juli wieder über vierzig Prozent ihrer Kapazität. „Es war ein Risiko für die Gesundheit, für die politische Stabilität“, sagt Stafford. Vor allem die Landwirtschaft litt, machte 5,9 Milliarden Rand Verlust, 30.000 Jobs gingen verloren.


„Es war unheimlich. Die Menschen hatten Angst.“
LOUISE STAFFORD, Naturschutzorganisation The Nature Conservancy

Grund für den Mangel an Wasser war nicht nur die lange Dürreperiode, sondern auch ein rasch steigender Bedarf. Die Bevölkerung von Kapstadt wächst im Schnitt um 2,6 Prozent pro Jahr. Damit steigt der Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten, und der Anbau von Wein und Zitrusfrüchten ist sehr wasserintensiv. Und dann sind da noch die Neophyten in den wichtigsten Einzugsgebieten: „Hätten wir keine invasiven Bäume in diesen Gebieten gehabt, hätten wir die ‚Stunde null‘ um rund zwei Monate nach hinten schieben können“, sagt Stafford. Dem Land gehen durch invasive Arten jedes Jahr 1,44 bis 2,44 Milliarden Kubikmeter Oberflächenwasser verloren. Wird nichts unternommen, könnte diese Zahl noch um fünfzig Prozent steigen.

Die fremden Baumarten reichen mit ihren Wurzeln tiefer ins Erdreich und nehmen pro Hektar rund zwanzig Prozent mehr Wasser auf als die Fynbos-Vegetation, über ihr Laub geht auch mehr Wasser durch Verdunstung verloren. Was jedoch nicht zu mehr Regen wie in den Tropen führt: „Im Amazonas hat man zum Beispiel ein lokales Klima. Hier ist das nicht so“, erklärt Guy Preston. „Wasser, das durch die Evapotranspiration abgegeben wird, wird weggeblasen und regnet dann über dem Indischen Ozean oder Madagaskar ab. Es fällt nicht hier. Der Forstsektor hat die Idee gefördert, Bäume zu pflanzen sei gut fürs Wasser. Dabei ist es das Allerschlimmste, was man tun kann.“

Die Bergkette der „Zwölf Apostel“ ist Teil des Tafelberg-Nationalparks und erstreckt sich entlang der Atlantikküste: spektakuläre Heimstätte einzigartiger Pflanzen.
Die Bergkette der „Zwölf Apostel“ ist Teil des Tafelberg-Nationalparks und erstreckt sich entlang der Atlantikküste: spektakuläre Heimstätte einzigartiger Pflanzen.

Dass Neophyten „zu viel Wasser trinken“, wie es Zikhona Gcakamani formuliert, wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts vermutet, als sich Bauern über die nachlassenden Wassermengen in Bächen und Flüssen beschwerten. Um dem Verdacht nachzugehen, dass Bäume, die flussaufwärts wuchsen, daran schuld seien, startete in den 1930er-Jahren eine hydrologische Studie: Wassereinzugsgebiete in Jonkershoek östlich von Kapstadt wurden miteinander verglichen, bevor im Abstand von acht Jahren eines nach dem anderen mit Pinus radiata aufgeforstet wurde. Bis heute arbeiten Forscher mit den Daten: „Wir haben die Ergebnisse dieses Experiments herangezogen, um zu modellieren, was passiert, wenn diese Bäume noch größere Flächen in einem Einzugsgebiet übernehmen“, sagt der Ökologe Brian van Wilgen, emeritierter Professor der Stellenbosch-Universität und des Centre of Excellence for Invasion Biology, der sich seit gut einem halben Jahrhundert mit dem Thema beschäftigt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Der Wasserfluss würde sich um dreißig Prozent reduzieren, mindestens.

Diese Zahlen führten unter anderem dazu, dass das Problem zur Agenda der Regierung von Nelson Mandela gehörte, der nach Abschaffung der Apartheid 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. Als Minister für Wasser und Forst wurde Kader Asmal ernannt, ein Jurist, der auf das Justizministerium gehofft hatte, erinnert sich Preston. „Er sagte, alles was er über Wasser wisse, sei, dass er es als Eis in seinem Whisky nimmt.“ Trotzdem verstand Asmal, welchen wirtschaftlichen Schaden invasive Bäume anrichteten, und er wusste auch, dass die Menschen in seinem Land Arbeit brauchten. Daher rief er mit Preston, seinem Sonderberater, ein Programm ins Leben, das beides zugleich angehen sollte: „Working for Water“ bezahlt Menschen dafür, dass sie die Landschaft von invasiven Pflanzenarten befreien.

Nicht jeder Gebirgszug sei noch zu retten, sagt der Ökologe Brian van Wilgen, man müsse sich auf ausgewählte fokussieren.
Nicht jeder Gebirgszug sei noch zu retten, sagt der Ökologe Brian van Wilgen, man müsse sich auf ausgewählte fokussieren.

Aus diesem Programm gingen weitere Arbeitsprogramme wie „Working on Fire“ und „Working for Wetlands“ hervor. Laut Ahmed Khan, der diese heute leitet, sollen in diesem Jahr 41.000 Menschen davon profitieren, gegen invasive Pflanzen vorzugehen. Das Budget liege für 2022 bei rund einer Milliarde Rand, etwas mehr als 58 Millionen Euro. Im ganzen Land laufen an die fünfhundert Projekte, die sich mit der Dezimierung von Neophyten beschäftigen. Über die Erfolge und Herausforderungen des Programms verfasste Brian van Wilgen einen Bericht, und er sieht Bedarf, nachzubessern: Invasive Pflanzen haben schätzungsweise 80.000 Quadratkilometer eingenommen – weniger als fünf Prozent dieser Fläche konnten durch die bisherigen Maßnahmen davon befreit werden. Working for Water habe zu viele Projekte an zu vielen Orten laufen, um wirklich effektiv zu sein, meint van Wilgen, stattdessen müsse man sich auf ausgewählte Zonen fokussieren. „Ich glaube, wir haben jetzt den Punkt erreicht, wo wir eine Art Triage machen müssen.“ Man könne nicht mehr jeden Gebirgszug retten, sondern müsse sich entscheiden.

In diesen Fällen kommt nun The Nature Conservancy (TNC) ins Spiel, denn die Organisation hat anhand von Analysen jene Orte identifiziert, wo der Nutzen die Kosten deutlich überwiegt, würde man die invasiven Arten entfernen. Die erste Wahl fiel auf ein Gebiet von 54.300 Hektar – und zwar dort, wo die wichtigsten Wassereinzugsgebiete für die Staudämme Wemmershoek, Theewaterskloof und Berg River liegen; ihre Seen liefern fast drei Viertel des Oberflächenwassers für den Großraum Kapstadt. Unter der Leitung von TNC sollen die Neophyten aus diesem Gebiet innerhalb von sechs Jahren entfernt werden. So lassen sich jedes Jahr 55 Milliarden Liter Wasser retten – die Kapstadt in zwei Monaten verbraucht. Im Verlauf von drei Jahrzehnten ließe sich die Menge auf 100 Milliarden Liter steigern. Dafür ist eine regelmäßige Nachbearbeitung nötig, denn die Samen manch invasiver Pflanzenart können Jahre im Boden überdauern und jederzeit wieder austreiben; nach einem Feuer sind sie oft die ersten, die sprießen. Um das Projekt umzusetzen, schloss sich TNC mit weiteren Naturschutzorganisationen, Regierungsbehörden und Sponsoren wie Coca-Cola und Levi Strauss, die einen hohen Wasserbedarf haben, zum Greater Cape Town Water Fund zusammen. Solche Wasserfonds setzen vor allem auf „grüne Lösungen“ wie die Restauration von Feuchtgebieten, eine nachhaltige Landwirtschaft oder den Schutz von natürlichen Wäldern, um Wasserquellen zu erhalten und die Wassermenge zu erhöhen. Mit TNC-Unterstützung wurden seit 2000 weltweit 43 solcher Wasserfonds ins Leben gerufen.

So viele Pinien wie möglich aus dem Einzugsgebiet des Theewaterskloof-Stausees zu entfernen, das ist hier das Ziel, denn die invasive Art entzieht der Landschaft enorm viel Wasser.
So viele Pinien wie möglich aus dem Einzugsgebiet des Theewaterskloof-Stausees zu entfernen, das ist hier das Ziel, denn die invasive Art entzieht der Landschaft enorm viel Wasser.
Ob am Steilhang oder in Bauchlage: Die Arbeiter sind gut ausgerüstet und haben alle ein Sicherheitstraning am Seil absolviert.
Ob am Steilhang oder in Bauchlage: Die Arbeiter sind gut ausgerüstet und haben alle ein Sicherheitstraning am Seil absolviert. Foto: Nyani Quarmyne
Khanyisa Mzayifani hatte sich an der Felswand abgeseilt, um sich dann langsam wieder hochzuarbeiten – und Pinie für Pinie zu fällen.
Khanyisa Mzayifani hatte sich an der Felswand abgeseilt, um sich dann langsam wieder hochzuarbeiten – und Pinie für Pinie zu fällen. Foto: Nyani Quarmyne

Der Greater Cape Town Water Fund benötigt 372 Millionen Rand (21,5 Millionen Euro) in den ersten sechs Jahren, danach weitere 300 Millionen für die Nachbearbeitung. Damit ist die Flächenbetreuung über insgesamt dreißig Jahre nicht gerade günstig, doch die manuelle Entfernung invasiver Pflanzen, um mehr Wasser zu gewinnen, kostet laut Stafford nur ungefähr ein Zehntel der von der Stadt Kapstadt geplanten Investitionen in Entsalzungsanlagen, Abwasserrecycling oder Brunnenbohrungen. Und so schickt TNC seit 2019 Spezialteams wie jenes von Zi­khona Gcakamani in ausgewählte Gebiete rund um Kapstadt. Auch mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen, besonders für Frauen, und alle erhalten eine Ausbildung am Seil für ihre Einsätze in den Bergen.

„Bevor ich diesen Job angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, wie viel Wasser uns die Pinien jeden Tag wegnehmen“, sagt Zanele Njilana, eine Freundin und Kollegin von Gcakamani. Das Problem sei viel zu wenigen bewusst. Ihre Mutter verstehe ihren Job nicht, sie halte es für Verschwendung, dass Geld ausgegeben wird, um Bäume zu fällen – und einfach liegen zu lassen. Aber es lohnt sich nicht, das Holz aus schwer zugänglichen Gebieten abzutransportieren, um es zu nutzen. Wenn möglich, werden die Stämme gestapelt, das vereinfacht die Nachsorge und schränkt Wildfeuer ein. Obwohl die Arbeit hart ist, kommen Gcakamani und die Kollegen darüber ins Schwärmen, loben die Ruhe, die Natur, den Teamgeist. Die meisten sind die einzigen Verdiener in ihrer Familie und kommen aus der Provinz Ostkap, wo die Arbeitslosigkeit bei fast fünfzig Prozent liegt. Auch Gcakamani, die 2010 ihre Mutter verlor, daraufhin die Schule abbrach und sich als Tagelöhnerin in einer Ziegelfabrik verdingte, um den kleinen Bruder und die Großmutter durchzubringen. Irgendwann kam sie nach Kapstadt, lebte in einer Township in einer Wellblechhütte und fing beim Regierungsprogramm „Working on Fire“ an. Sie schlug Brandschneisen und löschte Feuer, bis sie von einer offenen Stelle bei einer Subunternehmerin hörte, deren Teams für den Greater Cape Town Water Fund arbeiten. Das habe ihr Leben verändert.

„Bevor ich diesen Job angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, wie viel Wasser uns die Pinien jeden Tag wegnehmen“, sagt Zanele Njilana. Ihr Arbeitstag beginnt frühmorgens, wenn der Nebel noch kalt übers Gesicht streift, denn nachmittags erreicht das Thermometer 37 Grad Celsius und mehr.
„Bevor ich diesen Job angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, wie viel Wasser uns die Pinien jeden Tag wegnehmen“, sagt Zanele Njilana. Ihr Arbeitstag beginnt frühmorgens, wenn der Nebel noch kalt übers Gesicht streift, denn nachmittags erreicht das Thermometer 37 Grad Celsius und mehr.

Für jeden Arbeitstag bekommt sie als Gruppenleiterin 410 Rand, 24 Euro. Sie und ihr Mann Abongile Mfene, der ein anderes Team leitet, konnten sich letztes Jahr mit ihren Ersparnissen ein Haus in einer ruhigen Straße der Township Khayelitsha kaufen. Im Februar 2021 kam ihre Tochter Awomi zur Welt, nach drei Monaten kam die Kleine jedoch schon zur Schwiegermutter ans Ostkap. „Das war schmerzhaft, aber ich muss arbeiten gehen, damit wir sie versorgen können. Ich bin stark geblieben, weil ich will, dass sie eines Tages ein besseres Leben hat. Sie soll nicht so leiden, wie ich es musste.“ Ist Awomi zehn oder zwölf Jahre alt und selbständiger, wollen ihre Eltern sie nach Kapstadt holen.

Manchen verhelfen die invasiven Bäume zu einer Lebensgrundlage, andere nehmen sich den Wildwuchs in ihrer Freizeit vor. Am Rande der Kogelberg-Biosphäre, nur wenige Kilometer vom Küstendorf Betty’s Bay entfernt, steht deshalb Michael Burns gebückt und sprüht ein blaues Pflanzengift auf den Stumpf einer abgesägten Weidenblatt-Akazie, einer australischen Art: „Das muss man machen, sonst kommen sofort Triebe nach.“ Der Biologe trifft sich jeden Mittwoch mit einer bunt gemischten Gruppe, überwiegend Rentner aus der Gegend, um in ausgelassener Stimmung Pinien und Akazien mit Astscheren, Ketten- oder Handsägen den Garaus zu machen. Sie nennen sich „hardcore hackers“, im ganzen Land gibt es solche Gruppen, diese ist seit fast siebzig Jahren aktiv. Die Arbeit wirke therapeutisch, meint Burns: die frische Luft, mit Freunden etwas zu unternehmen und gleichzeitig Gutes für die Umwelt zu leisten.

Die „hardcore hackers“, wie sich eine Gruppe von Freiwilligen nennt, ziehen regelmäßig los, um invasiven Baumarten mit Astscheren, Ketten- oder Handsägen den Garaus zu machen, hier zum Beispiel am Rande der Kogelberg-Biosphäre.
Die „hardcore hackers“, wie sich eine Gruppe von Freiwilligen nennt, ziehen regelmäßig los, um invasiven Baumarten mit Astscheren, Ketten- oder Handsägen den Garaus zu machen, hier zum Beispiel am Rande der Kogelberg-Biosphäre.

In den letzten Jahren hat es hier riesige Brände gegeben; 2019 gingen achtzig Häuser in Flammen auf, Menschen starben. „Ohne Zweifel lag das an der angesammelten Biomasse der hoch entflammbaren invasiven Bäume“, sagt Burns und zeigt auf braune Knubbel an den Ästen der gefällten Akazie: Uromycladium tepperianum, ein Rostpilz, der das Wachstum von Weidenblatt-Akazien beeinträchtigt und als eine effektive Biowaffe im Kampf gegen die invasive Art gilt. Diese Form der Bekämpfung hat sich in Südafrika seit 1913 etabliert. Damals wurde die Schildlaus Dactylopius ceylonicus importiert und auf Opuntia monacantha losgelassen – Kakteen, die vom Westkap bis Durban Weideflächen überwuchert hatten, deren Ausbreitung aber auf diese Weise in wenigen Jahren unter Kontrolle gebracht wurde. In der Forschung und Anwendung der biologischen Schädlingsbekämpfung ist Südafrika heute führend.

Ein Grund, warum invasive Pflanzen sich oft ungehindert ausbreiten könnten, sei, dass jene natürlichen Feinde fehlen, die sie in ihrer Heimat kontrollieren, erklärt der Entomologe Martin Hill. Er hat 2017 das Center for Biological Con­trol an der Rhodes-Universität in Grahamstown gegründet und befasst sich mit den aufwendigen Studien, die der Einführung geeigneter Pilze oder Insekten vorausgehen müssen. Erst in den Herkunftsländern, um ihre Wirtsspezifität zu testen, sie sollen ja nur eine Pflanzenart angreifen. „Insekten sind nicht wie wir. Sie sind dem, was sie essen, sehr treu“, sagt Hill. Hat man einen passenden Fressfeind gefunden, wird dieser unter strengen Auflagen nach Südafrika eingeführt und unter Quarantäne im Labor getestet. Das könne drei bis fünf Jahre dauern. Erst wenn alle gesetzlichen Regularien strikt erfüllt sind, entlässt man sie in die freie Wildbahn. Laut Hill wurden in Südafrika bereits mehr als fünfzig Neophyten, darunter die Wasserhyazinthe, ein paar Akazien und Gestrüpp von Hakea sericea, mithilfe natürlicher Feinde bekämpft. Allerdings behindern Interessenkonflikte den Erfolg solcher Maßnahmen.

In diese Heidelandschaft gehören weder Pinien, Akazien noch Eukalyptus: Es ist das Reich der Fynbos-Vegetation.
In diese Heidelandschaft gehören weder Pinien, Akazien noch Eukalyptus: Es ist das Reich der Fynbos-Vegetation.

Denn Pinien oder Akazien wurden einst nach Südafrika gebracht, weil sie einen wirtschaftlichen Wert hatten, einen Nutzen, der nach wie vor besteht. Auf der einen Seite stehen also jene, welche die Ausbreitung kontrollieren wollen, auf der anderen Seite die, die von den Bäumen profitieren. Im Fall der Pinien sträubt sich zum Beispiel der Forstsektor, der rund 160.000 Menschen Arbeit bietet, gegen die Einführung von Schädlingen. Eine Lösung sei, solche auszuwählen, die nur Zapfen oder Samen angreifen, nicht aber das Holz. Plantagenbesitzer hätten dann keine Verluste zu befürchten und die Teams in den Bergen endlich eine Chance, dort der rasanten Ausbreitung Herr zu werden.


„Wir können nicht einfach Pflaster über etwas kleben, nachdem wir so lange nichts unternommen haben.“
LOUISE STAFFORD, Naturschutzorganisation The Nature Conservancy

„Ich wünsche mir vom globalen Norden, seine Einstellung zu ändern und nicht einfach pauschal zu sagen: Wir begrünen Afrika“, sagt Martin Hill, dem es wichtig ist, das Thema Aufforstung differenzierter zu betrachten, denn die langfristigen Auswirkungen seien sonst enorm. Auch Louise Stafford von TNC steht dem aktionistischen Pflanzen von Bäumen skeptisch gegenüber: „Der falsche Baum am falschen Ort wird zu einer Gefahr“, könne sich in der Landschaft wie ein Tumor ausbreiten und großen Schaden anrichten. „Wir können nicht einfach Pflaster über etwas kleben, nachdem wir so lange nichts unternommen haben.“ Viel wichtiger sei, existierende heimische Wälder, Gras- und Savannenlandschaften langfristig zu regenerieren.

Blatt für Blatt

Wir nehmen Bäume meist als selbstverständlich war, obwohl sie unentbehrlich für unser Überleben sind – und nicht nur als Obstproduzenten oder Kohlenstoffspeicher. Das „European Journalism Centre“ vergibt 2021 acht Recherchestipendien an europäische Medien, um die Berichterstattung über globale Entwicklungsthemen zu fördern. Zu den ausgewählten Bewerbern gehören drei Projekte deutscher Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; insgesamt beläuft sich die Förderung auf 900.000 Euro, unterstützt von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Mit diesem „European Development Journalism Grant“ wird das F.A.S.-Wissenschaftsressort im Team mit freien Autoren und Fotografen in den kommenden Monaten das Projekt „Baumpalaver“ verfolgen, das daran angelehnt ist, dass sogenannte Palaverbäume traditionell das Zentrum afrikanischer Dörfer darstellen. Mit einer Artikel-Serie wollen wir, in loser Folge, den Blick auf Bäume an sich lenken, deren Funktion und Bedeutung für uns Menschen deutlich machen. Nicht nur als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch als Hilfsmittel, mit dem Menschen ihren Lebensstandard, ihre Gesundheit und ihre Umwelt nachhaltig verbessern können: Wie tragen Wälder zu unser aller Gesundheit und Wohlbefinden bei? Was passiert mit Dörfern oder Städten, denen es an Bäumen mangelt? Und wie hängen Ökosysteme zusammen, gerade in Anbetracht von Epidemien, wenn Menschen zunehmend in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eindringen, Wälder zerstören?

All diesen Fragen möchten wir in verschiedenen Ländern nachgehen und in Reportagen Menschen vorstellen, deren Ideen die Entwicklung ihrer Gemeinschaften, Dörfer und Städte nachhaltig vorantreiben.
Sonja Kastilan

Die Reportage ist Teil des „Baumpalaver“-Projekts der F.A.S., die Recherche wurde durch einen „European Development Journalism Grant“ des European Journalism Centre ermöglicht.

Das Projekt kann in der F.A.S. und auf FAZ.net verfolgt werden.

Abholzung Ein fast verlorenes Paradies
Naturschutz in Benin Von allen Göttern und guten Geistern verlassen . . .
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