Bild: IStock

Ein Wald am Limit

Von SUSANNE WEDLICH
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3. April 2022 · Mangroven sind so viel mehr als nur ein wirres Dickicht in der Gezeitenzone. Ihr Ökosystem ist spektakulär – als Hotspot der Biodiversität und als ein Verbündeter in der Klimakrise. Auf Exkursion in Singapur.

Dan Friess erscheint in voller Montur, obwohl an diesem Tag keine Forschungsarbeiten anstehen. Er wird nicht von den Holzstegen klettern, welche die Mangroven von Sungei Buloh an der Nordküste Singapurs durchziehen. Er wird weder Sedimentfallen kontrollieren noch Baumumfänge messen oder Proben aus dem Schlamm ziehen. Sein festes Schuhwerk wird bei Ebbe nicht im schmatzenden Untergrund versinken, die Khakihose nicht von der anrauschenden Flut durchtränkt. Aber der Mangrovenforscher und Professor für Küstengeographie ist gerüstet, um dieses freudlos matt erscheinende und nach faulen Eiern riechende Naturparadies in seiner ungeahnten Pracht vorzustellen. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit im Schlendergang.

Dan Friess erforscht, ob Mangroven dem Anstieg des Meeres gewachsen sind. Und wo sie sich für „Blue Carbon“-Projekte eignen würden.
Dan Friess erforscht, ob Mangroven dem Anstieg des Meeres gewachsen sind. Und wo sie sich für „Blue Carbon“-Projekte eignen würden. Bild: Noah Wedlich

„Der da sieht wirklich gut aus“, sagt Friess schon bald und deutet auf einen Baum mit schütterer Krone und einem weit ausladenden Geflecht dürrer Wurzeln. Untrainierte Augen sehen ein eher mickriges Gewächs, das angeschlagen wirkt, wie die ganze Umgebung. Der Eindruck täuscht. Mangrovenwälder gedeihen in den Gezeitenzonen tropischer und subtropischer Küsten. Dort herrschen extreme Bedingungen, die den Bäumen und vielen Bewohnern eine amphibische Lebensweise abverlangen, die bizarre Formen annehmen kann: In Mangroven laufen Fische über Land, und Krebse übernachten in Baumkronen. Zweimal täglich steht alles unter Salzwasser, was nur wenige von mehr als 70.000 Baumarten weltweit überstehen. Die Definition der „echten Mangroven“ variiert, doch meist zählen dazu rund siebzig Arten aus vielleicht fünfzehn Pflanzenfamilien. Im Vergleich zu den Mangrovenwäldern in Mittelamerika oder Westafrika gelten die in Südostasien als besonders divers, wobei Indonesien die größte Ausdehnung verzeichnet. Gut die Hälfte aller Man­grovenarten kommt in Singapur vor, dreißig sind es im 130 Hektar großen Schutzgebiet von Sungei Buloh. Das macht den Stadtstaat zu einem perfekten Standort für Mangrovenforscher wie Friess, der ursprünglich aus Großbritannien stammt und den es vor zwölf Jahren an die hiesige Universität zog. „Vor der Pandemie hatten wir eine Tagung in Singapur“, erzählt er. „Manche Kollegen kamen aus Ländern mit nur drei Mangrovenarten. Kein Vergleich zur Diversität hier, wo manchmal drei Spezies direkt nebeneinander stehen.“ Wie sich diese Vielfalt erhalten konnte, ist erstaunlich, denn ihr ursprüngliches Gebiet wurde stark beschnitten.


„Manche Kollegen kamen aus Ländern mit nur drei Mangrovenarten. Kein Vergleich zur Diversität hier, wo manchmal drei Spezies direkt nebeneinander stehen.“
Dan Friess, Mangrovenforscher und Professor für Küstengeographie

Singapur liegt rund 140 Kilometer vom Äquator entfernt und war einst ganz von tropischer Vegetation bedeckt, aus der vom späten 18. Jahrhundert an erst chinesische Siedler und dann die britischen Kolonialherren Kleinholz machten. So wurde Platz für Plantagen geschaffen, in denen Gewürze und später auch Gummi gewonnen wurde. Mangrovenwälder säumten weiterhin die Küsten, bis auch sie den Zuchtanlagen für Fische und Garnelen weichen mussten oder trockengelegt wurden: Weniger als ein Zehntel der ursprünglichen Fläche blieb übrig, wie auch vom Tropenwald Singapurs nur ein kleiner Rest, der mit seiner saftig grünen Vegetation leicht zu lieben ist. Anders die Mangroven. Sie entsprechen nicht dem Tropenklischee, auch wenn über dem Feuchtgebiet Sungei Buloh meist eine drückend schwüle Hitze steht und Insekten mit schrillem Gezirpe die Geräuschkulisse bestimmen. Mangroven sind ein Ökosystem für Fortgeschrittene, dessen sprödem Charme aber immer mehr Menschen erliegen. „Ich hätte nie vermutet, dass Mangroven einmal so populär werden“, sagt Friess und meint nicht nur die Horden von Städtern, die diese Wälder während der Pandemie als Ausflugsziel entdeckten. Mangroven gelten mittlerweile als Hotspot der Artenvielfalt, als kostbare Schutzzonen für Küsten und als Klimaretter. Sie sind eine Brücke zwischen verschiedenen Sphären. Das lässt sich räumlich verstehen: „Hier kommen die Luft, das Land und das Meer mit jeweils eigenem Artenreichtum zusammen“, erklärt Friess. Und man kann es zeitlich denken, die Mangroven als Quelle neuen Lebens für marine Habitate, weil etliche Meerestiere, von der Garnele bis zum Hai, sich hier ihre Brutkammern und Kinderstuben einrichten. Darüber hinaus schützen Mangroven die Küsten vor Erosion und Sturmschäden, indem sie die Wucht der Wellen abfangen. Heute stehen die Gebiete vor allem als Kohlenstoffsenken im Fokus, auch für Dan Friess, der an der National University of Singapore forscht – dort im Labor und an Küstensäumen weltweit. Mangroven können Kohlenstoff über lange Zeit speichern, und zwar in Mengen, die um ein Vielfaches höher liegen, als es andere Waldtypen vermögen. Wie alle Pflanzen entnehmen sie mit zunehmender Biomasse der Atmosphäre Kohlendioxid, doch der wichtige Unterschied in der Bilanz ist dem übelriechenden Schlamm zu verdanken.

Mit jeder Flut werden Partikel aus dem Meer angespült, darunter kohlenstoffreiche Teilchen, die sich im Wurzelgeflecht verfangen, absinken und verdichten. Auf diese Weise bilden sie den schlammigen, sauerstoffarmen Untergrund – ein Milieu für Mikroorganismen, die Schwefelverbindungen freisetzen, organischen Abfall jedoch nicht abbauen: Biomaterial bleibt mitsamt gebundenem Kohlenstoff vermutlich über Jahrtausende im Sediment der Mangrovengebiete begraben; das von Sungei Buloh reicht bis zu zwanzig Meter tief. Weltweit gibt es derzeit Bemühungen, diese Prozesse gezielt zu nutzen und zu fördern. Wer Mangrovengebiete schützen oder wiederherstellen möchte, braucht jedoch präzise Zahlen und Messmethoden, mit denen sich auch Friess intensiv beschäftigt, um zu klären: Wo lagert wie viel des Kohlenstoffs? Und wann kommt er frei?

Der Schlüssel zum Verständnis ist die Vegetation, was sich im Fachbegriff „Mangrove“ widerspiegelt, der das Ökosystem ebenso wie jeden einzelnen Baum darin bezeichnet, und beides steht unter dem Einfluss der Gezeiten. „Die Bäume sind an das Meerwasser angepasst, brauchen es aber nicht“, erklärt Friess. „Eigentlich hassen oder tolerieren sie es.“ Nur ignorieren können sie es nicht, weil es ihnen sonst den Halt rauben, sie ertränken und vergiften würde. Studien zufolge können Man­grovenbäume maximal ein Drittel der Zeit geflutet sein; in trockenen Phasen ringen sie mit aller Kraft um Luft. Wie alle Pflanzen produzieren sie per Photosynthese Sauerstoff, müssen für ihr Wachstum aber auch Luft über die Wurzeln aufnehmen. Kein Problem in gut durchlüftetem Erdboden, im wassergetränkten Schlamm hingegen schon.

Mangrovenwälder säumen die Küsten in den Tropen und Subtropen. Nur rund siebzig Baumarten können die extremen Bedingungen in der Gezeitenzone aushalten. Das Satellitenbild zeigt die Sundarbans von Indien und Bangladesch – mit rund 10.000 Quadratkilometern das größte Mangrovengebiet der Erde.
Mangrovenwälder säumen die Küsten in den Tropen und Subtropen. Nur rund siebzig Baumarten können die extremen Bedingungen in der Gezeitenzone aushalten. Das Satellitenbild zeigt die Sundarbans von Indien und Bangladesch – mit rund 10.000 Quadratkilometern das größte Mangrovengebiet der Erde. Bild: NASA

Die verbreiteten „Api Api“ beispielsweise, wie Schwarze Mangroven der Gattung Avicennia traditionell genannt werden, produzieren eine Vielzahl bleistiftdünner Luftwurzeln: Ein nur drei Meter hoher Baum kann bis zu 10. 000 solcher sogenannter Pneumatophoren ausbilden. Sie stellen eine der Strukturebenen des komplexen Wurzelwerks. Auf den ersten Blick wirken Api Api zierlich, aber sie besitzen robuste Wurzelstränge, die sich vom Stamm aus durch den Schlamm winden und nach unten zusätzliche Ankerwurzeln bilden – für mehr Halt im weichen Untergrund. Prägnant sind die über dem Boden stehenden Pneumatophoren, die bei jeder Gelegenheit Luft aufnehmen und für den nächsten Tauchgang halten. Bis zu vierzig Prozent des Wurzelgewebes dienen den Luftkammern, ein Trick, den noch andere Mangroven-Arten beherrschen, etwa die der Gattung Rhizophora: Das sind die besonders häufigen und auch als „Bakau“ bekannten Bäume, deren ausladende und oft übermannshohe Stelzwurzeln sich in Kaskaden immer weiter verästeln. Mit ihren Spitzen krallen sie sich im Schlamm fest, unterstützt von Luftwurzeln, die aus der Krone nach unten wachsen und sich ebenfalls fest verankern können, wenn sie den Boden einmal erreichen. So entsteht in dichten Rhizophora-Beständen ein undurchdringliches Dickicht, das unser Bild von Mangroven prägt wie wohl kein anderer Baumtyp dieses Ökosystems.

Aber die wuchernden, atmenden und stützenden Wurzeln können noch mehr. Sie dienen als besonders feine Filter, um damit einer weiteren großen Herausforderung zu trotzen: Jede Flut bringt ein Übermaß an Salz, das sich teilweise im Boden ablagert. Damit es den Wurzeln nicht die Flüssigkeit entzieht und das Gewebe schädigt, haben Mangrovenbäume eine spezielle Membran entwickelt, durch die nur Wasser dringt. Avicennia-Arten können Salz auch problemlos emportransportieren und es über spezielle Drüsen in ihren Blättern ausscheiden. Die sich darauf bildende Kruste wäscht der nächste Tropenschauer einfach ab.

Meer, Land und Luft: Im Dickicht der Wurzeln treffen drei Sphären aufeinander, in den Mangroven suchen die unterschiedlichsten Tiere nach Nahrung, beziehungsweise Beute.
Meer, Land und Luft: Im Dickicht der Wurzeln treffen drei Sphären aufeinander, in den Mangroven suchen die unterschiedlichsten Tiere nach Nahrung, beziehungsweise Beute. Bild: F1Online

Derart gewappnet können sich die verschiedenen Mangrovenbäume dem Wechsel der Gezeiten stellen, wenn auch an jeweils unterschiedlichen Standorten. Api Api etwa gedeihen in der äußersten Zone, wo sie höhere Salzkonzentrationen und die ungebremste Wucht der anrollenden Wellen abbekommen. „Das muss ein Avicennia sein“, sagt Dan Friess angesichts eines einzelnen Baums, der in weiter Ferne allein und bis zur Krone im Wasser steht: „Sie werden leicht beschädigt, heilen aber auch schnell wieder. Rhizophora-Bäume, die in der Zone dahinter wachsen, sind zwar robuster, können Schäden aber nur schwer reparieren.“ Zusammen mit den Api Api übernehmen die Bakau einen extrem wichtigen Service des Ökosystems: Ein Student aus Dan Friess’ Labor hat berechnet, dass manche Mangrovenwälder bis zu 75 Prozent der Energie von Wellen und Stürmen abfangen können, die sonst ungehindert und mit aller Gewalt anlanden würden.

Mangroven sichern aber nicht nur das Überleben von Küstenbewohnern, sondern bereichern seit jeher deren Alltag. Weiter landeinwärts bildet zum Beispiel Nyireh aus der Gattung Xylocarpus massive Brettwurzeln aus. Sie gehören zu den geschätzten Holzlieferanten unter den Mangroven, ihre Rinde und die Früchte dienen traditionell medizinischen Zwecken. Ähnlich begehrt ist die Nipa-Palme Nypa fruticans. Sie ist eine Diva unter den Mangroven, die eher auf den hinteren, behaglicheren Plätzen zu finden ist, weil sie nicht viel Salz verträgt und dort gut liegen kann: Ihr gedrungener Stamm wächst horizontal im Schlamm, daraus sprießen aufrecht die bis zu neun Meter hohen Palmwedel. Damit werden Dächer gedeckt, aus den Blüten wiederum Alkohol und Palmzucker gewonnen, während man die unreifen Samen in Sirup zu dem sehr beliebten Dessert „Attap chee“ verkocht.


„Wir wissen immerhin, dass die Keimlinge ein paar trockene Tage brauchen, um Wurzeln zu schlagen. Sonst werden sie von der Flut mitgerissen. Oder von Krebsen gefressen.“
Dan Friess

Nipa-Palmen besiedeln die Grenze der Gezeitenzone und werden nicht immer zu den echten Mangrovenpflanzen gezählt, dabei beherrschen sie deren ungewöhnliche Fortpflanzungsstrategie der botanischen Viviparie, des „Lebendgebärens“: Die Samen keimen noch am Elternbaum – oder erreichen dort ein fortgeschrittenes Reifestadium – und werden mit Nährstoffen versorgt, obwohl sie bereits Photosynthese betreiben. Diese sprießenden Früchte, im Fachjargon einzeln Propagule genannt, erinnern bei Rizophora-Arten an lange Schoten und können an die fünfzig Zentimeter erreichen; darin ist der spätere Baum bereits mit Stamm, Wurzel und Krone angelegt. Wenn sich die Sprösslinge schließlich lösen und ins Wasser fallen, lassen sie sich vertikal aufgerichtet forttragen, bis sie auf einen geeigneten Platz zum Wurzeln stoßen, was Monate dauern kann. Falls sie es schaffen, geht es schnell, wie am zarten Laub vieler Bäumchen zu erkennen ist, doch auch in Sungei Buloh liegen etliche gescheiterte auf dem Schlamm. „Wahrscheinlich haben nur wenige Erfolg“, sagt Friess. „Genaue Zahlen haben wir nicht, und ich halte es für eine Lebensaufgabe, das zu klären. Wir wissen immerhin, dass die Keimlinge ein paar trockene Tage brauchen, um Wurzeln zu schlagen. Sonst werden sie von der Flut mitgerissen. Oder von Krebsen gefressen.“

Mangrovensprossen auf der Suche nach einem Ankerplatz.
Mangrovensprossen auf der Suche nach einem Ankerplatz. Bild: Soleada Resolana

In diesem Ökosystem müssten Krebse eigentlich wie Schnecken, Muscheln oder junge Echsen und Fische vor allem um ihr eigenes Leben fürchten, denn in den Mangroven werden sie von Raubtieren des Meeres, der Luft und des Landes gejagt. Zu den Jägern zählen die Weißbauchseeadler, die häufig am Himmel über Sungei Buloh kreisen und alles fressen, was sie in die Fänge bekommen. Der König der Lüfte über Singapurs Mangroven kann eine Flügelspannweite von mehr als zwei Metern erreichen und wirkt majestätisch, solange er den Schnabel hält: Sein zaghafter Schrei klingt wie die Hupe an einem Kinderfahrrad. Lautstärker und farbenprächtiger sind die Eisvögel, die ausladende Äste als Ansitz nutzen, um im Sturzflug Fische aus dem Wasser zu holen. Außerdem schweben Reiher in Scharen ein, die mit ihrem schneeweißen Gefieder nicht so recht in die graue Schlammlandschaft passen. Sie profitieren jedoch von der reichhaltigen Beutepalette ebenso wie die Zugvögel, denen Sungei Buloh regelmäßig als Rastplatz dient, was wiederum den Anstoß gab, im Jahr 2002 das „Sungei Buloh Wetland Reserve“ als ein Schutzgebiet einzurichten. Ein Glücksfall für die damals noch unterschätzten Mangroven.

Ein 2,6 Kilometer langer Hauptweg führt die Besucher jetzt in weitem Bogen um zwei große Weiher einer stillgelegten Aquakultur. Diese werden als kaum bewachsenes Feuchtgebiet für die Vögel erhalten – Mangroven müssen sich vorerst mit schmalen Randstreifen begnügen. Allerdings könnte sich das irgendwann ändern, schließlich stehen Bäume derzeit hoch im Kurs: Eine Million Sprösslinge will Singapur bis 2030 pflanzen. Eine nationale Anstrengung, um in der Stadt für Kühlung zu sorgen, wenn durch den Klimawandel die Temperaturen weiter steigen. Mangroven bieten zudem Schutz vor Erosion und könnten gar den steigenden Meeresspiegel ausgleichen.

Der Mensch profitiert also von den Mangroven, ohne die zahlreiche der daran gut angepassten Tierarten nicht überleben könnten. Und kein Lebewesen dürfte das amphibische Dasein zwischen den Gezeiten wohl besser repräsentieren als die Schlammspringer. Diese Fische aus der Familie der Grundeln haben das Gesicht einer trübseligen Kröte, und es scheint, als wäre der Körper wie aus einem biologischen Baukasten bestückt, mit Teilen, die an Land oder eben im Wasser praktisch sind. Die Kugelaugen auf der Kopfoberseite helfen, aus dem Wasser zu spähen und darin verborgen zu bleiben. Die starken, von kräftigen Muskeln getragenen Brustflossen werden beim Landgang gebraucht, um den Körper, der im Fall der Art Periophthalmodon schlosseri knapp dreißig Zentimeter messen kann, in kleinen Hopsern über den Schlamm zu wuchten. Und die dicken Backen? Schlammspringer können über ihre feuchte Haut und die Schleimhäute im Maul Sauerstoff aufnehmen. Weil das nicht genügt, brauchen sie große Kammern für ihre Kiemen, in denen sie auch Wasser zum Atmen speichern. Es sind bizarre Wesen mit bizarren Lebensgewohnheiten, wie die berüchtigte Rauflust der Männchen. Die Stege und Aussichtsplattformen in Sungei Buloh sind gute Logenplätze, um ihre Kämpfe zu beobachten. Oft ruhen sie auch einfach am Rand der selbst ausgehobenen kreisrunden Pools, in denen die Weibchen ihre Eier ablegen und die Jungfische aufwachsen. Mit jeder Flut droht aber die Gefahr, dass sich Raubfische nähern oder andere Jäger aus ihren Verstecken wagen. Im dichten Gewirr aus Wurzeln und Blättern, wenn die Sonne blendet und das Wasser glitzert, sind sie nur schwer zu erkennen.

  • Salzwasserkrokodile kehrten vor ein paar Jahren zurück in Singapurs Feuchtgebiet Sungei Buloh.
  • Mangrovenottern sind hochgiftig und gut getarnt, manche olivgrün gefärbt, andere fast dunkelbraun.
  • Langschwanzmakaken ignorieren Besucher, solange die keinen Proviant bei sich tragen.
  • An Land bewegen sich Bindenwarane unbeholfen, doch es sind geschickte Kletterer
  • Salzwasserkrokodile kehrten vor ein paar Jahren zurück in Singapurs Feuchtgebiet Sungei Buloh. Bild: Noah Wedlich
  • Mangrovenottern sind hochgiftig und gut getarnt, manche olivgrün gefärbt, andere fast dunkelbraun. Bild: Noah Wedlich
  • Langschwanzmakaken ignorieren Besucher, solange die keinen Proviant bei sich tragen. Bild: Noah Wedlich
  • An Land bewegen sich Bindenwarane unbeholfen, doch es sind geschickte Kletterer Bild: Noah Wedlich


Manchmal wirkt eine Wurzel auffällig hell und besonders elegant gewunden. Das könnte dann eine Hundskopf-Wassertrugnatter (Cerberus rynchops) sein, die ebenfalls hervorragend an die Mangroven angepasst ist. Sie verschließt ihre Nasenöffnungen unter Wasser und kann überschüssiges Salz über Drüsen an der Oberlippe ausscheiden. Und mit flachen, hoch am Kopf stehenden Augen verfolgt sie ein ähnliches Versteckspiel wie ihre Lieblingsbeute, die Schlammspringer. Menschen wird sie kaum gefährlich, im Gegensatz zur Mangrovenotter (Trimeresurus purpureomaculatus), die in einer unglücklichen Kombination dafür bekannt ist, aggressiv und hochgiftig zu sein. Sie lauert im Blattwerk und zwischen Wurzeln unbeweglich auf Beute, zu der neben Echsen und Fröschen sogar Vögel zählen. Manche verschwinden deshalb in den bis zu zwei Meter hohen Schlammburgen, die der Große Maulwurfskrebs (Thalassina anomala) auftürmt. Dieser sieht aus wie eine Riesengarnele, lebt verborgen im Untergrund und recycelt Nährstoffe aus dem Schlamm, was dem ganzen Ökosystem nützt. Als Schlüsselart gilt T. anomala wegen der Burgen, in denen andere Krebse ebenso Zuflucht suchen wie Muscheln, Schnecken, Würmer oder Spinnen. Manche bauen an oder nutzen fertige Gänge, durch die jedoch auch Schlangen ihren Weg finden.

Dann bleibt nur die Flucht nach oben, auf die Bäume, was Turmschnecken rechtzeitig vor der Flut in Angriff nehmen, während Krebse oft einen kurzfristigen Sprint hinlegen. Tagsüber klammern sie sich direkt über der Wasserlinie fest, vermutlich um hungrigen Vögeln zu entgehen. Erst nachts steigen sie in die Baumkronen, um Blätter zu fressen. Eine clevere Taktik, wenn Gefahr aus jeder Richtung droht.


Jedes Jahr ein paar Millimeter mehr Sediment: „Das klingt nicht nach viel, könnte aber genau dem hier zu erwartenden Meeresanstieg entsprechen.“
Dan Friess

Einen Räuber aber fürchten alle: Seit einigen Jahren gibt es in Sungei Buloh wieder Salzwasserkrokodile. Besucher können diese mehr als fünf Meter langen Reptilien aus der Distanz beobachten, wie sie im Uferschlamm ruhen oder als dunkle Schatten im Wasser ihre Kreise ziehen. Aber Mangrovenforscher können den Sicherheitsabstand nicht immer wahren: „Grundsätzlich vermeiden wir Touren in der Dämmerung und Nacht, wenn Krokodile und Schlangen am aktivsten sind“, sagt Friess. Außerdem müssen alle Teilnehmer vorab Schulungen machen und werden angehalten, jede Baumwurzel zu prüfen, an der sie sich abstützen möchten, ob sie nicht möglicherweise zubeißt.

Nervenaufreibend ist dieser Forschungsbereich ohnehin, denn meist lassen sich die komplexen Zusammenhänge in den Mangroven wie wohl in jedem Ökosystem nur in mühevoller Kleinarbeit enthüllen. So verfolgte Dan Friess über einen Zeitraum von zwölf Jahren in Sungei Buloh – mittels im Schlamm versteckter Sensoren –, wie viel Sediment sich zwischen den Mangrovenwurzeln ablagert. Mit den inzwischen höheren Fluten werden mehr Partikel angeschwemmt, entscheidend ist jedoch die Frage, ob die nun verstärkte Sedimentierung zumindest mit einem moderaten Anstieg des Meeresspiegels Schritt halten könnte. Wenn nicht, würden die Man­grovenbäume künftig tiefer und länger unter Wasser stehen – und zu stark belastet. „Die Sedimentierung legt jedes Jahr um ein paar Millimeter zu“, erklärt Friess. „Das klingt nicht nach viel, könnte aber genau dem hier zu erwartenden Meeresanstieg entsprechen.“

Quelle: Zeng et al., 2021, Current Biology/ F.A.Z. Bearbeitung Sieber

Ein Ergebnis, das weniger schlecht als erwartet ausfällt, wirkt schnell wie ein Hoffnungsschimmer. „Wir brauchen gute Nachrichten“, sagt Friess. „Wir können nicht nur Schreckensszenarien verbreiten, wenn wir die Leute motivieren wollen.“ Und es gibt einiges zu feiern. Bis zur Jahrtausendwende galten Mangrovengebiete als stark unter Druck, verloren kontinuierlich an Ausdehnung. Das gilt zwar nach wie vor, doch nicht zuletzt wegen ihrer neuen Rolle als Klimaretter hat sich der Schwund stark verlangsamt: Schätzungsweise 0,1 Prozent der Mangrovenfläche gehen jedes Jahr noch verloren, ein Verlust, der immerhin geringer ist als befürchtet. Zudem wird heute in einigen Ländern viel Geld in den Erhalt oder die Aufforstung der jeweiligen Mangrovengebiete investiert, was aber gut geplant sein muss.

Das Aufforsten von Mangroven ist eine heikle Sache, denn man kann keine Samen ziehen und lagern, sondern muss mit reifen Sprösslingen arbeiten.
Das Aufforsten von Mangroven ist eine heikle Sache, denn man kann keine Samen ziehen und lagern, sondern muss mit reifen Sprösslingen arbeiten. Bild: Reuters

„Das ist gerade bei Mangroven wichtig, weil wir keine Samen ziehen oder lagern können, sondern auf die Propagulen angewiesen sind“, sagt Friess. „Gehen die millionenfach in einem Gebiet ein, fehlen sie an anderer Stelle – und können nicht ersetzt werden.“ Erfolgsaussichten müssten außerdem präzise vorhersagbar sein und die jeweiligen Bedingungen messbar, weil Unternehmen vermehrt in „Blue Carbon“-Projekte investieren, in denen es um küstennahe Kohlenstoffsenken geht. Und das könnte bedeuten, dass manche Konzerne nur ihr Umweltimage aufpolieren wollen, ob das dazu ausersehene Projekt nun sinnvoll und gut durchdacht ist oder nicht. Auch auf politischer Ebene bestehe Klärungsbedarf, meint Friess: „Wenn ein Unternehmen in ein Mangrovenprojekt investiert, wer bekommt dann die begehrte Kohlenstoffersparnis gutgeschrieben, die Firma oder das Land?“

Küstennahe Kohlenstoffsenken, zu denen Mangroven, Seegraswiesen und Algenwälder zählen, sollten vermutlich sowieso als Einheit gesehen werden, als „seascape“, weil alles zusammen- und voneinander abhängt. Aber auch jeweils für sich betrachtet, müssen pessimistische Szenarien bei allen Ansätzen zum Erhalt und Schutz berücksichtigt werden. Ein starker Anstieg des Meeresspiegels könnte Mangroven landeinwärts zwingen. Um ihnen Platz zu schaffen, müssten betroffene Staaten also am besten schon jetzt angrenzende Flächen kaufen, die sich leicht umwandeln lassen. „Ich trage einen norddeutschen Namen, und meine Vorfahren haben wohl über Jahrhunderte Küstenland trockengelegt“, sagt Friess. „Ich würde hier den Prozess umkehren, Land abtragen und Gräben für das Meerwasser anlegen und so in gewisser Weise etwas gutmachen.“ 

Jahr für Jahr schrumpft die Fläche der Mangrovenwälder, weil an ihrer Stelle dann zum Beispiel Aquakulturen für Fische oder Garnelen angelegt werden.
Jahr für Jahr schrumpft die Fläche der Mangrovenwälder, weil an ihrer Stelle dann zum Beispiel Aquakulturen für Fische oder Garnelen angelegt werden. Bild: Sabine Templeton

Ungeahnte Vielfalt

Ein gigantischer Schatten unter Wasser, eine tiefe Spur im Schlamm: Manchmal lassen sich die Krokodile in Singapurs Feuchtgebiet Sungei Buloh nur erahnen. Auf Dauer können sich die riesigen Reptilien allerdings nicht verbergen und zeigen sich auch gern beim Sonnenbad am Ufer. Damit zählen sie zu den großen Ausnahmen, denn ein wichtiger Teil der Man­grovenfauna konnte erst in einer langwierigen Studie erschlossen werden, die 2021 in BMC Biology erschien. Dafür hatten Wissenschaftler aus Singapur und anderen Ländern mehr als 140.000 Insekten aus rund 8.500 Arten erfasst – aus Mangrovenwäldern wie auch aus anderen Habitaten in Südostasien. Das selbst für die Experten überraschende Ergebnis: Mangroven sind ein wahrer Hotspot für die Insektenvielfalt. Allein in den stark fragmentierten Mangroven Singapurs wurden mehr als 3.000 Arten nachgewiesen. Gut die Hälfte davon kommt nur in Mangroven und sonst nicht einmal in den angrenzenden Küstenwäldern vor. Das liegt unter anderem daran, dass viele der Spezies an die extremen Bedingungen hier angepasst sind. So gibt es zum Beispiel weniger Pflanzenfresser und mehr räuberische Insekten. Zum Vergleich: In Sungei Buloh wird die Vogelwelt auf gut 200 Arten geschätzt, und Fische dürften es um die 100 sein.

Der Nachweis einer derart großen und eigenen Insektenfauna in einem global bedrohten Habitat unterstreiche, wie wenig von der globalen Insekten-Biodiversität bekannt sei, schließen die Forscher. Ihre Analysen sind wichtig, weil sie die lang gehegte Hypothese widerlegen, Mangroven mit ihrer vergleichsweise geringen Pflanzenvielfalt müssten daher ebenso insektenarm sein. Das Ergebnis hat aktuelle Relevanz, da weltweit ein dramatischer Artenverlust unter Insekten zu beobachten ist. Und es liefert einen weiteren Grund, Mangroven und ihre Biodiversität zu schützen. Susanne Wedlich

Blatt für Blatt

Wir nehmen Bäume meist als selbstverständlich war, obwohl sie unentbehrlich für unser Überleben sind – und nicht nur als Obstproduzenten oder Kohlenstoffspeicher. Das „European Journalism Centre“ vergibt 2021 acht Recherchestipendien an europäische Medien, um die Berichterstattung über globale Entwicklungsthemen zu fördern. Zu den ausgewählten Bewerbern gehören drei Projekte deutscher Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; insgesamt beläuft sich die Förderung auf 900.000 Euro, unterstützt von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Mit diesem „European Development Journalism Grant“ wird das F.A.S.-Wissenschaftsressort im Team mit freien Autoren und Fotografen in den kommenden Monaten das Projekt „Baumpalaver“ verfolgen, das daran angelehnt ist, dass sogenannte Palaverbäume traditionell das Zentrum afrikanischer Dörfer darstellen. Mit einer Artikel-Serie wollen wir, in loser Folge, den Blick auf Bäume an sich lenken, deren Funktion und Bedeutung für uns Menschen deutlich machen. Nicht nur als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch als Hilfsmittel, mit dem Menschen ihren Lebensstandard, ihre Gesundheit und ihre Umwelt nachhaltig verbessern können: Wie tragen Wälder zu unser aller Gesundheit und Wohlbefinden bei? Was passiert mit Dörfern oder Städten, denen es an Bäumen mangelt? Und wie hängen Ökosysteme zusammen, gerade in Anbetracht von Epidemien, wenn Menschen zunehmend in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eindringen, Wälder zerstören?

All diesen Fragen möchten wir in verschiedenen Ländern nachgehen und in Reportagen Menschen vorstellen, deren Ideen die Entwicklung ihrer Gemeinschaften, Dörfer und Städte nachhaltig vorantreiben.
Sonja Kastilan

Die Reportage ist Teil des „Baumpalaver“-Projekts der F.A.S., die Recherche wurde durch einen „European Development Journalism Grant“ des European Journalism Centre ermöglicht.

Das Projekt kann in der F.A.S. und auf FAZ.net verfolgt werden.

Invasive Pflanzen Triage für die Bergregionen
Klimaforschung Morgendämmerung im Regenwald



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