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Warum die Klima-Gegenwart so anders ist

Von Joachim Müller-Jung
29.08.2020
, 18:31
Stabil war das Klima auch vor Jahrmillionen nicht, doch neue Belege aus Eisbohrkernen zeigen: Nie wurde die Erwärmung durch Treibhausgase in der Luft so radikal beschleunigt wie heute.

Vor wenigen Tagen passierte der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ den Nordpol. „Eisfreies Wasser über weite Strecken“, notierte Kapitän Thomas Wunderlich auf der Twitter-Timeline der „Mosaic“-Expedition, „das ist historisch in dieser Region.“ Mit fünf bis sieben Knoten konnte sich das Forschungsschiff nah am Pol fortbewegen, umgeben, wie die Bilder des Fotografen Steffen Graupner zeigen, von dünnem Packeis, das übersät ist von dunkelblau schillernden Schmelzwassertümpeln. „Es ist erschreckend zu sehen, wie dünn das Meereis ist und wie schnell es schmilzt“, kommentierte Expeditionsleiter Markus Rex den Endspurt der historischen Mosaic-Polarexpedition.

Persönliche Eindrücke und Beschreibungen wie die der Polarforscher sind das eine – das andere ist die große Debatte um die Einordnung solcher „historischer“ Beobachtungen. Wie außergewöhnlich also ist das, was die Arktisforscher augenscheinlich auch emotional beschäftigt? Anders gefragt: Relativiert sich das mit dem Klimawandel am Ende vielleicht doch noch, wenn man sich die Klimageschichte der Erde erst einmal genauer ansieht – aus der Vogelperspektive und eben nicht mit dem eigenen, notwendigerweise begrenzten Blick? In diese Richtung ging in den vergangenen Wochen auch eine heftige Twitter-Debatte rund um die Paläoklimatologie. Das Relativieren der aktuellen Erderwärmung gipfelte in der absurden These, die Paläoklimatologie als wissenschaftliche Disziplin werde aus dem Klimadiskurs hinausgedrängt, politisch ins Abseits gestellt, und so könne die Wahrheit nun mal nicht ans Licht kommen – dass nämlich die in den vergangenen Jahrzehnten zweifelsfrei dokumentierte Erderwärmung in Wirklichkeit gar nicht so ungewöhnlich sei und dass sie auch mit dem ebenso unbestreitbaren Anstieg der Treibhausgase wenig zu tun habe.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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