Negative Emissionen

Wie wollen die Parteien Klimaneutralität für Deutschland erreichen?

Von Andreas Frey und Johanna Kuroczik
20.09.2021
, 08:14
Moore taugen nicht nur für Fotos, welche die Nähe der Partei zum Thema Klimaschutz verdeutlichen. Sie speichern Kohlendioxid und sind ein Baustein im Kampf gegen den Klimawandel.
Kein Thema prägt diesen Bundestagswahl so wie der Klimawandel. Deutschland muss klimaneutral werden, in diesem Ziel sind sich fast alle Parteien einig. Doch den optimalen Weg dahin stellt sich jede anders vor. Auf welche Methoden setzten die unterschiedlichen Parteien? Was halten sie von negativen Emissions-Technologien? Und sind ihre Pläne realistisch?

SPD

Im Wahlprogramm beschreibt die SPD ihre „Zukunftsmission“: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sei. Dazu werden CO2-Entnahme-Methoden notwendig sein, teilt die SPD-Fraktion im Bundestag auf Anfrage mit. Die bisherigen Einsatzmöglichkeiten dieser Technologien seien noch mit Unsicherheiten behaftet, das Wissen reiche nicht aus, um zwischen den Methoden zu priorisieren. Man setze darum primär auf natürliche Senken: Moore sollen wiedervernässt und Wälder an den Klimaschutz angepasst werden. Ins Detail geht die Partei auf konkrete Nachfrage zu negativen Emissionen nicht.

Ausführlicher äußert sich die SPD zum Thema Wasserstoff. Hier möchte sie Deutschland bis 2030 zum Leitmarkt machen. Auch die Stahlindustrie oder der Verkehrssektor sollen auf Wasserstoff umgestellt werden. Als Langzeitspeicher soll er die Energieversorgung sichern. Ein europäischer Markt für grünen, also CO2-frei hergestellten Wasserstoff soll gemäß der „nachhaltigen Wasserstoffstrategie“ gefördert werden, vorrangig mit Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Die SPD sagt aber nicht eindeutig, ob bis dahin sogenannter blauer Wasserstoff verwendet werden soll. Der wird aus Erdgas gewonnen, das dabei anfallende CO2 gelangt aber nicht in die Atmosphäre, sondern wird mittels CCS-Technologien entsorgt. Die Sozialdemokraten halten am Kohleausstieg bis 2038 fest, womit das Klimaziel von 1,5-Grad nicht zu erreichen ist.

Die Grünen

Die Grünen setzen bei den negativen Emissionen ausschließlich auf natürliche Kohlenstoffsenken wie Böden oder Wälder, die das CO2 über die Photosynthese in Biomasse fixieren. Die Ökopartei möchte, dass der Atmosphäre Kohlendioxid auf natürliche Weise entzogen wird. Damit diese Wälder oder Moore aber nicht wieder ausgebeutet oder vernichtet werden, wollen die Grünen sie dauerhaft unter Schutz stellen. Doch die Bewahrung von Wäldern liegt nur bedingt in der Hand der Politik, weil der Klimawandel die biologischen Kohlenstoffsenken verletzlich macht und etwa Waldbrände sie in kurzer Zeit in Quellen verwandeln können. Experten gehen davon aus, dass Wälder Kohlendioxid nicht dauerhaft speichern können. Um grundsätzlich weniger auf negative Emissionen angewiesen zu sein, wollen die Grünen die erneuerbaren Energien massiv ausbauen und die Landwirtschaft auf eine nachhaltige Produktion umstellen. „Negative Emissionen sind Bestandteil fast jeglicher Projektionen zur Einhaltung der Pariser Klimaziele“, teilt die Partei auf Anfrage mit. Was sie aber nicht sagt: Der Weltklimarat und die Europäische Union setzen bei den negativen Emissionen auf das technische Verfahren, sogenanntes CCS (Carbon Capture and Storage), bei dem CO2 abgetrennt und dauerhaft gespeichert wird, beispielsweise in Gesteinen (Siehe Seiten 58/59). Ohne CCS lassen sich die Pariser Klimaziele praktisch nicht einhalten, und der Weltklimarat hat diese Art Technologie in seinen Pfaden zu einer Welt, die sich nicht stärker als zwei Grad erwärmt, fest eingeplant. Die Grünen allerdings halten CCS für zu energieintensiv und teuer, außerdem berge es Gefahren für Mensch und Umwelt. CCS könne daher nur allerletzte Option sein, teilen die Grünen mit und befürchten „deutlich nachlassende Anstrengungen“ beim Ausbau der erneuerbaren Energien oder alternativen Produktionsverfahren.

AfD

Zu negativen Emissionen äußert sich die AfD nicht in ihrem Parteiprogramm. Die Partei leugnet, dass der Mensch Grund des Klimawandels ist, und lehnt Klimaschutz ab. Sie will die Kohlekraftwerke weiter betreiben, den Ausbau erneuerbarer Energien erschweren und überhaupt dem Klimawandel „positiv“ begegnen.

FDP

Hinsichtlich ihrer Klimaziele könnte man die FDP als nicht übermäßig ambitioniert bezeichnen. Man möchte dem Klimawandel mit „German Mut“ begegnen, nicht mit „German Angst“, heißt es im Wahlprogramm. Die Freien Demokraten wollen sich an der EU orientieren und deshalb erst im Jahr 2050 klimaneutral werden. Das 1,5-Grad-Ziel ist damit nach Ansicht von Experten allerdings nicht zu erreichen. Sehr ambitioniert ist die FDP hingegen bei der Förderung ingenieurtechnischer und marktwirtschaftlicher Lösungen für das Klimapro- blem. Bei den negativen Emissions-Technologien möchte die Partie alle Optionen verfolgen, aber keine favorisieren, teilt die Fraktion mit. Sie vertraut auf Innovationskraft und Ingenieurskunst. Die FDP setzt auf Wälder als natürliche Senken, geht aber nicht davon aus, dass diese ausreichen werden, da natürliche Senken keine dauerhafte Bindung von Kohlendioxid gewährleisten können. Daher setzen die Liberalen beim Klimaschutz dann doch recht entschieden auf CCS-Verfahren, „weil CCS zwingend notwendig für das Erreichen der Pariser Klimaziele ist“. Die Negativemissionen sollen in erster Linie zum Ausgleich unvermeidbarer Restemissionen in Indus- trie und Landwirtschaft genutzt werden. Als Übergangslösung schließt die FDP den Einsatz für schwer vermeidbare Industrieemissionen aber nicht aus. Die Liberalen sind offen für den Einsatz von grünem sowie von blauem Wasserstoff.

CDU/CSU

Die CDU/CSU formuliert in ihrem Programm zur Bundestagswahl viele Klimaziele, bleibt aber unkonkret, wie sie den Weg in eine klimaneutrale Welt genau gestalten will. Die Fraktion hält wie ihr gegenwärtiger GroKo-Partner an der Treibhausgasneutralität bis 2045 und dem Kohleausstieg 2038 fest, womit die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels faktisch unmöglich wird. Sie setzt auf natürliche CO2-Speicher, im Bundes-Klimaschutzgesetz wurde die natürliche Senkenfunktion der Wälder hervorgehoben. Zur Aufforstung sollen widerstandsfähige und robuste Bäume genutzt werden, teilt die Fraktion mit. Ob Wälder und Moore aber für Netto-Null reichen, sei schwer vorherzusagen, erklärt Marie-Luise Dött, die umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Man setzt deswegen auch auf technische Lösungen und will Möglichkeiten zur Abscheidung und Speicherung von CO2, also CCS, fördern und zeigt sich offen gegenüber neuen Technologien. Interessant ist, dass Unternehmen und Branchen künftig selbst entscheiden sollen, ob sie negative Emissionen nutzen wollen. Experten zufolge sollte negative Emissionen jenen Branchen vorbehalten sein, die positive nicht vermeiden können, wie etwa die Landwirtschaft oder die Zementindustrie. Insofern raten viele auch von der Nutzung blauen Wasserstoffs ab, den die Unionsfraktion für eine Übergangszeit akzeptieren möchte. Bei diesem Verfahren wird aus Erdgas Wasserstoff gewonnen, das dabei freiwerdende CO2 aber aufgefangen und über CCS gelagert.

Die Linke

Die Linke gibt sich ambitionierter als die anderen Parteien und fordert Klimaneutralität bis 2035. Allerdings nur durch Emissionsreduktionen, etwa durch eine „vollständige Dekarbonisierung der Volkswirtschaft“. „Sonst wird die Nutzung fossiler Brennstoffe unnötig verlängert“, sagt Lorenz Gösta Beutin, der energie- und klimapolitische Sprecher der Linksfraktion, auf Anfrage. Technologien zum Erzielen negativer Emissionen lehnt die Partei ab, sie seien risikobehaftet, unerforscht und zu teuer.

Besonders die Abscheidung und Speicherung von CO2 in der Erdkruste, also das sogenannte CCS, will die Partei in Deutschland verbieten, denn es sei zu gefährlich. Zahlreiche Experten, wie auch der Weltklimarat und die Europäische Union, meinen, dass eine globale Klimaneutralität ohne den Einsatz von Technologien wie CCS nicht zu erreichen ist.

Die Linke lehnt die Herstellung von blauem Wasserstoff aus Erdgas ab, bei dem das entstehende Kohlendioxid aufgefangen und gespeichert wird. Grüner Wasserstoff, für den allein erneuerbare Energie eingesetzt wird, soll dort zum Einsatz kommen, wo eine Elektrifizierung nicht möglich ist. Die Linken setzen auf natürliche Maßnahmen zur CO2-Entnahme: Böden, Humus, Moore, Grünland und Wälder sollen renaturiert, ausgeweitet und geschützt werden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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