Weltnaturgipfel in Kunming

Die Ergebnisse reichen nicht aus

Von Johannes Vogel
28.10.2021
, 17:26
Die Blumenwiese – Sinnbild für Biodiversität
Eine Woche lang wurde im chinesischen Kunming über die Zukunft des Naturschutzes diskutiert – mit Ergebnissen, die nicht ausreichen. Ein Gastbeitrag.
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Am Ende seines Lebens sagte Charles Darwin, er wünschte, er hätte mehr für seine Mitgeschöpfe getan. Konnte der jüngste Weltnaturgipfel im chinesischen Kunming dazu beitragen, dass uns diese Einsicht Darwins nicht auch erst kurz vor Toresschluss erhellt?

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Der Gipfel stand für eine Woche im Fokus globaler Aufmerksamkeit und zeigte, dass Natur überlebenswichtig ist. So ernährt der weltumspannende Ozean 20 Prozent der Weltbevölkerung und schenkt uns in jedem zweiten Atemzug den Sauerstoff. 75 Prozent unserer Nahrungspflanzen werden von Mücken, Bienen, Faltern oder Vögeln bestäubt. Pflanzen heilen vier Milliarden Menschen. Allein 70 Prozent der Medikamente gegen Krebs sind Naturprodukte oder von ihnen inspiriert. Grüne Oasen in der Stadt helfen nicht nur gegen Hitzestau, sie tragen nachweislich zu einem besseren Umgang der Menschen miteinander bei. Die Liste ist lang.

Während sich die Welt virtuell in Kunming traf, wurde die Natur — und damit unsere Zukunft — mit viel zu vagen Absichtserklärungen abgespeist. Vielleicht war es naiv, zu hoffen, dass dieser Gipfel das komplexe Thema Natur konstruktiv aufgreift und die Reporte des Weltklima- und Weltbiodiversitätsrates bedenkt, messbare Ziele beschließt und die Staaten sich verbindlich zum Handeln verpflichten. Schon 2010 einigte sich die Weltgemeinschaft auf die sogenannten Aichi-Ziele zum Schutz der Biodiversität und Natur, und wie beim Klimaschutz wurden diese Ziele kaum erreicht. In Kunming wurden sie jetzt noch nicht substanziell gestärkt. Aber der richtige Gipfel folgt im Frühjahr 2022 — es bleibt also genug Zeit, globale Koalitionen für einen tiefen Wandel zu schmieden.

Botaniker, Manager und Biodiversitätsforscher: Johannes Vogel
Botaniker, Manager und Biodiversitätsforscher: Johannes Vogel Bild: imago images/Eibner

Lösungen können nicht verordnet werden

Natur wird immer noch als unendliche Ressource, als ausbeutbare Quelle betrachtet. Drei Viertel aller Landflächen und zwei Drittel des weltumspannenden Ozeans hat der Mensch so grundlegend verändert, dass natürliche Lebensräume zerstört worden sind. Der menschengemachte Klimawandel und die globale Mobilität begünstigen die Ausbreitung von Arten und Krankheitserregern in neue Gebiete.

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Dabei gibt es klare Handlungsempfehlungen. Der Bericht für politische Entscheidungsträger des Weltbiodiversitätsrates ist – wie die Berichte des Weltklimarates – eine solide wissenschaftliche Basis für unser zukünftiges Handeln und für alle anstehenden Verträge. Wir können es uns beim Schutz der Natur nicht noch einmal erlauben, dass Jahrzehnte verstreichen, bis es von einer wissenschaftlichen Erkenntnis zu den ersten richtigen Ansätzen politischen Handelns kommt. Unser Land hat dazu alles, was es braucht. Die Dreieinigkeit von Nachhaltigkeit, Digitalität und Teilhabe sowie Gerechtigkeit können Deutschland als modernes Wirtschafts- und Wissenschaftsland zu einem weltweiten Vorbild unter den Demokratien machen.

Aber Lösungen können nicht verordnet werden. Sie können nur gemeinsam von allen, deren Kompetenzen es braucht, gestaltet werden. Wir brauchen einen Kulturwandel in Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Eine neue offene Wissenschaft ist dabei zentral. Sie muss disziplinübergreifend gestaltet werden, ehrlichen Dialog und Partnerschaften mit Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft anstreben und so Wissen für wirksame Lösungen gemeinsam kreieren. Action is better than non-action: Noch besteht die Möglichkeit, nicht in Darwins Fußstapfen treten zu müssen.

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Der Autor ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde und Professor für Biodiversität und Wissenschaftsdialog an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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