Aufgeweckt wie die Bären

Von NIKE HEINEN
Der Nachwuchs kommt während der Winterruhe zur Welt, die Mutter produziert auch dann genügend Milch. Foto: Juniors

08.03.2019 · In den Alpen wird es immer wärmer. Das könnte den Winterschlaf der Braunbären stören, die dort wieder zahlreicher vorkommen. Und den Skifahrern Begegnungen der unverhofften Art bescheren.

E s ist ein ruhiger Dienstagmorgen an der Titlis-Gondelbahn im Schweizerischen Engelberg. Die ersten Skifahrer sitzen in den Liften, die hoch zur Gerschnialp führen. Der Schnee ist schon reichlich feucht, dazwischen blitzt Erde, aber sie wollen die letzten Wochen der Skisaison 2018 noch einmal auskosten. Zwei Mitarbeiter des Pistendienstes steigen aus der Raupe, um an einer Piste Stangen einzusammeln. Da schaut einer zufällig nach oben in den Hang. Und sieht einen Bären, wie er durch den Firn trottet.

Foto: Dorling Kindersley: Dave King

Rund um die Gerschnialp ist so ein typisches Weglabyrinth, wie es die meisten Skigebiete unten in der Waldzone haben. Flache Skiwege kreuzen Tiefschneehänge, die Abfahrten für die schnellen Fahrer, die von weiter oben kommen, sammeln sich hier. Über dieses Plateau rattern gleich zwei Bahnen mit Gondeln, eine große, eine kleine. Außerdem gibt es drei flache Schlepplifte für die kleinen Kinder, einen Schlittenweg, Schneewanderwege, ein Restaurant. Das ist Skizirkus in Reinform. Menschenrevier, eindeutig. Und trotzdem trottet der Bär ausgerechnet hier entlang.


Was ist da los? Bringt der Klimawandel die Bären so durcheinander? Seit einigen Jahren denken Bärenforscher darüber nach, was der Klimawandel eigentlich für die großen Raubtiere bedeutet. „Wärmere Temperaturen verändern ihr Überwinterungsverhalten“, schrieben die Wissenschaftler vom United States Geological Survey zum Abschluss einer Studie an 51 Schwarzbären Anfang 2018. „Die Dauer der Ruhezeit verkürzt sich. Wir erwarten, dass es deshalb mehr Konflikte zwischen Menschen und Bären geben wird.“


„Die Dauer der Ruhezeit verkürzt sich. Wir erwarten, dass es deshalb mehr Konflikte zwischen Menschen und Bären geben wird.“
WISSENSCHAFTLER VOM UNITED STATES GEOLOGICAL SURVEY

Auf der Gerschnialp dienstags um halb zehn: M29 läßt sich vom Skibetrieb nicht stören. Foto: Kantonspolizei Nidwalden

Vergleichbare Daten gibt es auch für jene Art von Braunbären, die auf der Gerschnialp gesichtet wurde. Biologen tauften sie Ursus arctos, nordischer Bär, weil sie sich so hervorragend an die bisher üblichen frostigen Temperaturen im hohen Norden angepasst hatten. In Sibirien, Norwegen oder Alaska überstehen sie Wintertemperaturen bis zu minus 70 Grad Celsius. Dazu machen sie sich im Winter irgendwo für ein paar Monate unsichtbar, zum Beispiel in einer Höhle oder eingegraben in einer Bodensenke mit einer Decke aus Laub und Zweigen. Der Zustand, in den sie dort fallen, ist eine Art Kalorienspar-Schlaf und derzeit Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Er hat wenig vom normalem Schlaf. Die Tiere senken ihre Körpertemperatur ab, auf bis zu 31 Grad Celsius. Statt zu fressen, zu trinken und Reste davon wieder auszuscheiden, scheinen sie auf einen körperinternen Kreislauf umzustellen. Sie leben in der Zeit in ihrem Bau nur von ihrem eigenen Fett und müssen nie, weder für große noch für kleine Bären. Würde ein Mensch keinen Urin mehr ausscheiden, hätte er sofort zu viel Harnstoff im Blut und erlitte eine lebensbedrohliche Verschiebung des pH-Werts.

Nicht so Meister Petz. Er beherrscht die Kunst des folgenlosen Harnverhalts. Um die Physiologie dahinter aufzuklären, schlich sich 2013 ein Team aus Nephrologen und Kardiologen des schwedischen Karolinska Instituts an winterschlafende Bären heran. Erst beschossen sie die schlafenden Tiere mit Betäubungspfeilen, dann nahmen sie ihnen Blut ab. Sie fanden klare Anzeichen dafür, dass die Nieren ihre Arbeit fast eingestellt hatten. Was noch in die Blase tropfte, sickerte von dort zurück ins Blut. Dennoch wiesen die Bären keine lebensbedrohliche Übersäuerung auf.

Aus der Winterruhe erwacht Foto: AFP

Warum? Unter anderem wegen der Bakterien, die die Raubtiere im Darm horten. Bären lassen im Winter die Stickstoffabfälle aus ihrem Urin bis in den Darm wandern, damit sie dort von Mikroorganismen wieder in verwertbare Aminosäuren verwandelt werden. Deswegen verlieren überwinternde Bären auch keine Muskelmasse, obwohl sie bis zu sechs Monate lang von nichts als ihrem Fett leben müssen. Die Winterruhe ist keine Notlösung, sondern eine Regenerationsstrategie. Und sie wird genutzt, um auch den Nachwuchs zu versorgen. Die physiologische Kreislaufwirtschaft ist nämlich so effektiv, dass sogar die Milchproduktion bei frischgebackenen Bärenmüttern sichergestellt ist. Sie bekommen ihre Kinder quasi im Schlaf.

In den Alpen verschwinden die Gletscher, in Alaska das Eis. Überall wachen Bären zu früh auf. Und ob nun wegen der deswegen fehlenden Milch oder durch die Gefahren außerhalb der Höhle – es gibt auch schon Hinweise darauf, dass kürzere Winterruhezeiten die nächste Bärengeneration in Gefahr bringen.


„In einem milden Winter könnte so ein früh aufgewachter Bär dann auch mal auf einer Skipiste herumstehen.“
KARINE PIGEON, WILDTIERZOOLOGIN

Die erste Forscherin, die sich fragte, was das zunehmende Tauwetter eigentlich mit dieser ausgeklügelten Überwinterungsstrategie der Raubtiere macht, war die Wildtierzoologin Karine Pigeon. Für ihre Doktorarbeit an der Laval-Universität untersuchte sie im kanadischen Alberta, wie der Klimawandel den Schlaf der Grizzlies – einer nordamerikanischen Unterart der Braunbären – verändert. Pigeon erfasste Schneehöhen und Außentemperaturen und sichtete das Nahrungsangebot. Bären fressen sich im Herbst noch einmal richtig fett, in Alberta gibt es zwar keine Lachse, aber reichlich süße Beeren.

Problembär Bruno macht 2006 Bayern unsicher, er wurde daraufhin erschossen. Foto: dpa

Pigeons Ergebnisse lassen vermuten: Es gibt keine innere Uhr, die die Bären zum meteorologisch passenden Zeitpunkt in den Sparschlaf sinken lässt. Stattdessen ist es wohl der Hunger, der den Schlafschalter umlegt. „Das Nahrungsangebot ist entscheidend“, sagt sie. „Je mehr Beeren es gab, desto später gingen die Tiere schlafen.“


Beim Aufwachen scheint es anders zu sein: Hier liefern die Temperaturen die Signale. Je höher die Schneedecke im März noch liegt, desto länger schlafen die Bären. Je höher die Außentemperatur, desto früher wachen sie auf. Es sind Unterschiede von bis zu zehn Tagen, die Pigeon von Jahr zu Jahr beim Aufwachzeitpunkt ausmachen konnte – je nach Härte des Winters. „In einem milden Winter könnte so ein früh aufgewachter Bär dann auch mal auf einer Skipiste herumstehen“, sagt sie. „Das passiert aber nur, wenn er einen guten Grund dafür hat, zum Beispiel, wenn er dort Essen riecht.“


In den Alpen überlebten die letzten drei Bären im Trentino. Heute leben dort wieder rund siebzig Exemplare. Die meisten stammen von neun slowenischen Bären ab, die vor etwa 15 Jahren angesiedelt wurden. Bei ihnen gibt es noch keine Untersuchungen, die die wärmer gewordenen Winter mit ihren Ruhezeiten in Beziehung setzen. Aber die Alpenbären scheinen ohnehin kürzer zu schlafen als ihre nordamerikanischen Brüder – vielleicht, weil sie nicht Lachs und Beeren zum Fettfressen haben, sondern vor allem Bucheckern. „Nach unserer Erfahrung ziehen sich die Bären von Ende November bis März in ihren Bau zurück“, sagt Claudio Groff, der Raubtierkoordinator bei der Provinzregierung im Trentino. Es gibt also ohnehin eine Überschneidung mit der Skisaison.


„Die Bären beobachten sehr genau, wo wir uns aufhalten, und suchen sich dann etwas nachweislich Einsames.“
CLAUDIO GROFF

Für Groff ist es trotzdem ganz erstaunlich, dass der Schweizer Bär mitten im Skigebiet stand. In den vergleichsweise kleinen Alpen leben die Bären viel näher beim Menschen als die Grizzlies in den Rocky Mountains. Überall treiben sich Wanderer und Skifahrer herum, dauernd riechen sie Menschen, dauernd hören sie sie. Groff: „Sie haben sich darauf spezialisiert, ganz unauffällig zu bleiben.“ So müssen die Überwinterungsplätze, die sich die Alpenbären suchen, vor allem ein Kriterium erfüllen: an einem Hang liegen, der so steil und mit so viel Felsbrocken gespickt ist, dass ein Auftritt zweibeiniger Affen dort nicht zu erwarten steht. „Die Bären beobachten sehr genau, wo wir uns aufhalten, und suchen sich dann etwas nachweislich Einsames.“

Tatzenspuren eines Bären im Schnee Foto: Amt für Wald und Landschaft

„Dass dieser Bär da war, merken wir meistens nur an Tatzenabdrücken und daran, dass irgendwo Haare hängen.“
Josef Walker, der Jagdverwalter im Kanton Uri

Der Bär von der Gerschnialp heißt M29. Auch er stammt aus dem Trentino. Es handelt sich um ein Männchen, inzwischen sechs Jahre alt und seit vier Jahren in der Schweiz unterwegs. Bei den Wildhütern ist er als typischer Vertreter seiner Art bekannt, ein „besonders heimlicher Zeitgenosse“. Einmal suchte er im Bienenstock nach Larven, einmal schlug er sich auf einer verlassenen Alp den Magen mit einem würmerzerfressenen Schafsrest voll. „Dass dieser Bär da war, merken wir meistens nur an Tatzenabdrücken und daran, dass irgendwo Haare hängen. Und manchmal trottet er oben in weiter Ferne am Berg“, sagt Josef Walker, der Jagdverwalter im Kanton Uri, wo M29 die meiste Zeit unterwegs ist.

Die Zeugen des vorjährigen Bärenauftritts – ein Wirt, der gerade mit seinen Kindern auf dem Weg zu seinem Gasthaus war sowie die beiden Pistenarbeiter – berichteten dem in Engelberg zuständen Wildhüter Klaus Hurschler, dass der Bär vollkommen unerschrocken wirkte, obwohl die Pistenraupe nur hundert Meter neben ihm hielt. „Er ist einfach weitergetrottet“, sagt Hurschler. „Neben der Piste zum nächsten Waldstück.“ Und über den Berg zurück Richtung Uri. Seitdem ist fast ein Jahr vergangen, und M29 ist wieder der unauffällige Bär, der er war; außer Haaren und Spuren ward nichts mehr von ihm gesehen.

Ein Bär wurde in der Gemeinde Eriz gesichtet. Es ist der erste Nachweis eines wilden Bären im Kanton Bern seit mehr als 190 Jahren. Wo sich das Tier aktuell aufhält, ist unklar. Der Bär von Eriz ist sehr scheu, er hat sich bisher völlig unauffällig verhalten. Foto: Jagdinspektorat des Kantons Bern

Also gar kein Problem für Skitouristen? Josef Walker hat trotz der Heimlichkeit der Winterschläfer leise Bedenken. Die Schweiz hat zurzeit wohl nur drei Bären vorzuweisen, aber es ist zu erwarten, dass immer mehr kommen. Hier finden sie ebenfalls Bucheckern im Herbst und unwegsame Schlafplätze in den Bergen. Aber was, wenn die Bären wegen der steigenden Temperaturen früher aufwachen, dann aber draußen noch nicht genug Nahrung zu finden ist? Außerhalb vom Trentino gibt es einen Umstand, der sie dann direkt in die Touristenzentren locken könnte. Im Bärenkernland sind alle Wander- und Skigebiete längst flächendeckend mit bärensicher verschließbaren Müllplätzen ausgestattet. Auf Schweizer Bergsportplätzen ist das bisher nur im Rätisch sprechenden Grenzgebiet zum Trentino geschehen. Überall sonst sind die überzähligen Wurstbrote der Skifahrer frei zugänglich. Und aus Nordamerika weiß man, dass es etwas gibt, das Bären noch mehr lieben als saftige Beeren: die Überreste menschlicher Jausen.


Der Eisbär hat es auch nicht leicht

Klimawandel und Nahrungsmangel machen ihm das Leben in der Arktis immer schwerer.

Von CORD RIECHELMANN

A ls Mitte vergangener Woche der Notstand auf der russischen Arktisinselgruppe Nowaja Semlja aufgehoben wurde, hat das wahrscheinlich sowohl Menschen wie Eisbären beruhigt. Seit Dezember waren bis zu 52 Eisbären regelmäßig um und in Beluschja Guba, der Hauptsiedlung der Inselgruppe, aufgetaucht. Die Bären waren nicht nur zwischen den Häusern hin- und hergelaufen, sie sollen auch in Häuser eingedrungen sein und Einwohner angegriffen haben. Von größeren Verletzungen oder Todesfällen auf beiden Seiten wurde allerdings nichts gemeldet.

Die russischen Behörden haben trotz der bedrohlichen Lage am Schutzstatus der Eisbären festgehalten und sie nicht zum Abschuss freigegeben. Nicht näher bezeichnete Spezialkräfte haben sie vertrieben und damit die Lage zumindest vorübergehend entschärft. Mit weiteren Versuchen der Bären, in menschliche Siedlungen einzudringen, muss man auf Nowaja Semlja allerdings rechnen, denn keiner der beiden Gründe, die für das merkwürdige Verhalten der Bären verantwortlich gemacht werden, lassen sich auf die Schnelle beseitigen. Weder die ausufernden Müllhalden auf den Inseln, die die Bären durch ihren Geruch anlocken und leichte Futtersuche versprechen, noch das durch den Klimawandel verursachte, immer schnellere Schmelzen des Pack- und Treibeises auf dem Arktischen Meer werden von heute auf morgen der Vergangenheit angehören.

Eisbären außer Rand und Band: Szenen von der russischen Insel Nowaja Semlja. Foto: Instagram

Neu an der ungewöhnlichen Ansammlung der Bären war im Grunde sowieso nur ihr Auftritt in großen Gruppen. Das wird die Bären selbst nicht weniger verunsichert haben als die Menschen, denen sie begegneten. Denn auch wenn die bis zu dreihundert Kilogramm schweren Eisbären die wesentlich kleineren Menschen bestimmt nicht als kräftemäßig ebenbürtig einschätzen, werden sie doch nicht wissen, wie mit diesem Gegenüber routinemäßig umzugehen ist. Eisbären müssen in einem langwierigen und schwierigen Prozess lernen, wie sie ihre Beute erkennen, finden und vor allem überwältigen können. Was bei den Ringelrobben, Beluga- und Narwalen, von denen sie sich hauptsächlich ernähren, bestimmt nicht leicht ist. Menschen jedenfalls gehören nicht zum gewohnten Nahrungsspektrum, und das allein schon deshalb, weil diese ihren Lebensraum normalerweise nicht mit Eisbären teilen, die den größten Teil des Jahres auf dem jetzt dahinschmelzenden Meereis verbringen.

Gefahrlos ist das Leben der Eisbären in den riesigen Eisweiten der Arktis nicht. Der Grund dafür ist sozusagen bärenimmanent. Bei keiner anderen Säugetierart ist das regelmäßige Töten und Fressen von Jungtieren häufiger dokumentiert worden als unter Braun- und Eisbären. Die Jungen scheinen schlicht zum Nahrungsspektrum der Männchen zu gehören, was auch unter einzelgängerischen Säugetieren eine Ausnahme darstellt, weil es zum Beispiel bei Tigern so nie beobachtet worden ist. Wahrscheinlich haben viele schon in Tierfilmen Bilder von Eisbärinnen gesehen, die, wenn sie auch nur am Horizont einen männlichen Bären erblicken, supernervös werden, sich klein machen und ihre Jungen irgendwie vor dem Männchen in Sicherheit zu bringen versuchen. Würde der körperlich Stärkere nämlich die Jungen ergreifen, würde er sie töten und auffressen, unabhängig davon, ober er nun der Vater ist oder nicht.

Hinzu kommt, dass auch die Kämpfe zwischen erwachsenen männlichen Bären tödlich enden können. In der Regel frisst dann der Sieger den Verlierer auf. Auch das kommt bei anderen Tierarten, Wölfen oder Löwen etwa, so gut wie nie vor. Verhaltensbiologen, die damit begannen, den Kannibalismus der Bären systematisch zu untersuchen, hat das insofern verstört, als sie das Verhalten wegen seiner Regelmäßigkeit nicht pathologisieren konnten. Der sich kannibalisch verhaltende Bär war offensichtlich weder verrückt noch eine Ausnahme. Eisbären haben aber auch ein so reduziertes Mimik- und Ausdruckspotential, dass sie nicht einmal Unterlegenheit unmissverständlich artikulieren können. Erwachsene Eisbären gehen sich also vernünftigerweise in ihren riesigen Territorien aus dem Weg, auch wenn diese sich überschneiden.

Treffen müssen sich Bärinnen und Bären dennoch. Zumindest hin und wieder. Das tun sie zu Paarungszwecken im Frühjahr, wobei die Paarung ohne große Werberituale sachlich vollzogen wird. Bärinnen können den Zeitpunkt der Geburt durch die Verzögerung der Einnistung des Eies in der Gebärmutterwand selbst genau terminieren. Was dazu führt, dass sich bei fast allen Eisbärinnen die befruchteten Eier im Herbst zur gleichen Zeit in die Gebärmutterwand einnisten. Das ist wichtig, weil sie nur so sicher sein können, ihre Jungen in geschützten, tiefen und mit Lüftungsschächten versehenen Winterschlafhöhlen zur Welt zu bringen. Die Mütter versammeln sich dazu in regelrechten Kinderstuben auf dem Festland, etwa auf der Wrangelinsel zwischen dem westlichen Alaska und der russischen Arktis. Dass die Bärinnen alle etwa zur gleichen Zeit mit ihrem Nachwuchs die Höhlen verlassen, hat mehrere Vorteile für die Jungen. Denn Bärenmütter verhalten sich generell fürsorglich gegenüber Jungtieren. Es kann vorkommen, dass sie ihre Kinder austauschen, fremde Junge adoptieren, oder die Jungen suchen sich selber andere Mütter. Junge Bären bleiben über einen langen Zeitraum abhängig von ihren Müttern. Vor allem müssen sie die richtigen Jagdtechniken erlernen. Es kann Jahre dauern, bis ein Eisbär durch Beobachtung seiner Mutter die lebenswichtige Technik des Robbenfangs gelernt hat, die darin besteht, der Beute an ihren Atemlöchern aufzulauern.

Mit dem Rückgang des Eises in der Arktis verschwindet aber für die Robben die Notwendigkeit, sich Atemlöcher im Eis freizuhalten, an denen die Bären sie fangen können. Eine Zeitlang können die Bären die größer werdenden Abstände zwischen den Schollen des Treibeises, auf denen sie einen Großteil ihres sommerlichen Lebens verbringen, noch überwinden. Sie können dank ihrer mit Schwimmhäuten versehenen übergroßen Tatzen ausgezeichnet schwimmen und tauchen und dabei bis zu hundert Kilometer zurücklegen, bis sie wieder Boden unter den Füßen erlangen. Nur für junge Bären sind solche Strecken kaum zu bewältigen. Für ihre Mütter gibt es also fast keine andere Möglichkeit, als vom Eis auf das Festland auszuweichen. Dort ist die Nahrungssuche mit Jungen aber noch beschwerlicher als ohnehin schon. Walkadaver, an denen es schon immer zu Eisbäransammlungen kam, lassen sich nicht alle Tage finden und werden auch in Zukunft nicht häufiger auftreten. Und Kolonien von Walrossen, wo sich in Notzeiten kranke und Jungtiere erbeuten lassen, scheiden bei der Aufzucht des eigenen Nachwuchses ebenfalls aus. Dazu sind die alten Walrosse einfach zu aggressiv und wehrhaft. Schmackhaft riechender menschlicher Müll ist unter solchen Bedingungen eine verlockende Alternative.

08.03.2019
Quelle: F.A.S.