Evolutionsbiologie

Krokomutanten

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 16:44
Auf die Familie der Krokodile kann man sich evolutionsbiologisch verlassen: Seit Millionen von Jahren hat sich bei ihnen relativ wenig getan.
Wir hatten durchaus Hoffnung in Sars-CoV-2: neben allen schlechten Eigenschaften schien es immerhin wenig mutationsfreudig. Jetzt wissen wir es besser – und schauen wehmütig auf die Krokodile.

Wenn man sich etwas hätte wünschen können – einen moderaten Wunsch im Rahmen der realistischen Möglichkeiten –, dann vielleicht, dass sich Sars-CoV-2 evolutionär so ähnlich verhält, wie wir es von den Krokodilen kennen. Diese Reptilien haben sich seit dem frühen Jura vor 200 Millionen Jahren ihrem grundsätzlichen Körperaufbau nach kaum verändert, und das bei sehr übersichtlichem Variantenreichtum: Nur 24 Arten gibt es. Lächerlich wenige also, verglichen mit Dinosauriern oder den heute lebenden Schuppenechsen, die jeweils auf rund 10 000 Arten kommen.

Die Hintergründe dieser evolutionären Konstanz hat aktuell eine Studie in „Communications Biology“ auf der Grundlage eines phylogenetischen Modells untersucht: Demnach haben sich die Krokodile gemessen an ihrer Körpergröße über lange Zeiträume nur sehr wenig entwickelt. Offenbar hatten sie einen so effizienten und vielseitigen Entwicklungsstatus erreicht, dass größere Anpassungen nur dann nötig wurden, wenn diese durch Änderungen ihrer Umgebung, etwa klimatischer Art, wirklich erforderlich wurden.

Für die Krokodile und unser Auskommen mit ihnen ist das vermutlich erfreulich. Auch Sars-CoV-2 hatte man anfänglich für nicht übermäßig mutationsfreudig gehalten: Eine halb so große Änderungsrate wie das Grippevirus, ein Viertel so stark wie das HI-Virus, das waren die Einschätzungen der Experten auf der Grundlage genetischer Sequenzierungsdaten. „Solange fast jeder auf dem Planeten empfänglich ist, gibt es vermutlich für das Virus wenig evolutionären Anpassungsdruck, eine bessere Übertragbarkeit zu entwickeln“, war noch im September in „Nature“ zu lesen. Mittlerweile wissen wir es leider besser und müssen feststellen, dass das Virus seine Chance, das Krokodil im Virenspektrum zu werden, wohl vertan hat.

Über die Entstehungskontexte der Mutationen wird noch spekuliert. Klar ist aber: Wo es viele Infizierte gibt, gibt es viele Mutationen. Und tatsächlich mag man sich kaum ausmalen, welche Krokodilmonster heute die Erde bevölkern würden, wenn es in der Erdgeschichte zu einem Zeitpunkt auch nur annähernd so viele Krokodile wie Sars-CoV-2-Partikel gegeben hätte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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