Green New Deal

Mehr Disruption, bitte!

Von Petra Ahne
12.11.2021
, 11:32
Auch der grüne Wald ist vom Klimawandel bedroht und würde von einem „Green New Deal“ profitieren.
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In der Debatte um die Klimakrise wird oft von einem „Green New Deal“ gesprochen. Angelehnt an den „New Deal“ aus den dreißiger Jahren soll ein zukunftsfähiges Zusammenleben ermöglicht werden. Ein Podiumsgespräch führt Licht ins Dunkeln.
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Welche Begriffe bleiben im Gedächtnis, wenn eine Runde aus Unternehmern, Wissenschaftlern und Regierungsvertretern über den „Green New Deal“ diskutiert – also über Ideen, wie man, angelehnt an Franklin D. Roosevelts New Deal aus den 30er-Jahren, Wirtschaft und Gesellschaft auf eine fundamentale Wende einstimmt, hin zu einem klimaneutralen Wirtschaften und Leben?

Disruption, Experiment, Chancen, all diese Worte fielen mehrfach bei der 50-minütigen Diskussion in der Lecture Hall des Radialsystems, aber auch: Vertrauen. Diesen Begriff brachte Kumsal Bayazit, CEO von Elsevier, ins Spiel, und er wurde von den anderen Gesprächsteilnehmern zustimmend aufgegriffen. „Trust is the coin of the realm“, zitierte Bayazit den von ihr bewunderten amerikanischen Politiker und früheren Außen-, Arbeits- und Finanzminister George Shultz, der im Februar mit 100 Jahren starb – sehr frei übersetzt mit: Vertrauen ist die Währung, mit der man etwas erreichen kann.

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Wie man dieses Vertrauen der Menschen gewinnen kann, die eine Transformation erleben werden, bei der auch Gewohnheiten abgelegt werden müssen, dafür hatte Mark Ferguson ein Beispiel. In Irland, wo Ferguson die Science Foundation Ireland leitet und auch die Regierung in Wissenschaftsfragen berät, haben sich „Citizen Assemblies“ eta­bliert, bei denen zufällig ausgewählte Bürger zusammenkommen und über gesellschaftlich relevante Themen beraten. Ein solches Beteiligungsverfahren führte 2018 dazu, dass Irland 2018 sein Abtreibungsrecht änderte, nach 100 Jahren. Man dürfe die Menschen nicht unterschätzen, sagte Ferguson, und müsse sie miteinbeziehen. Möglicherweise würden sich dann auch Einstellungen ändern, die laut Fergusons Ansicht vor allem auf Vorbehalten beruhen, zum Beispiel die Ablehnung von genetisch modifizierten Pflanzen. „Vielleicht sehen das die Menschen anders, wenn sie verstehen, dass man damit die Umwelt schützen kann.“ Das Beispiel passte zu Ferguson, der den Umbau hin zu einem klimaneutralen Wirtschaften vor allem mit technischen Innovationen verbindet. Gefragt, welche Maßnahme er sofort umsetzen würde, damit das 1,5-Grad-Ziel erreicht wird, sagte er, man müsse eine kommerzielle Verwendung für Kohlendioxid finden. Er erwähnte die Reprogrammierung von E.-coli-Bakterien, sodass sie Kohlendioxid aufnehmen und in Zucker verwandeln können. Ein Forscherteam in Israel hat dahin gehend erste Erfolge.

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Die Jugend will grüne Produkte

Die Natur selbst nannte bei der Antwort auf die Frage nach wichtigen Maßnahmen im Kampf gegen die Klimaerwärmung nur Andrea Noske, Referatsleiterin im Bundesministerium für Bildung und Forschung: „Die Natur kann es“, sagte sie und sah einen Mix aus naturbasierten und technischen Lösungen als richtigen Weg.

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Die Notwendigkeit, Standards zu schaffen, brachten Martin Heinig von SAP und Dieter Wegener von Siemens ins Spiel. Martin Heinig sagte, Aufgabe der Politik sei es nun, einen Rahmen festzulegen, der wiederum auf die Industrien Druck ausübt, und das mache der europäische Grüne Deal schon sehr gut. Das Ziel eines möglichst kleinen ökologischen Fußabdrucks im eigenen Handeln müsse Unternehmen antreiben.

Dieter Wegener ging es handfest an und legte ein digitales Typenschild auf den Tisch, wie es Siemens derzeit entwickelt. Per QR-Code erhält man alle Informationen zu einem Produkt, auch was die CO2-Bilanz betrifft. Er urteilte ebenfalls positiv über Brüssels Green Deal, der ein guter Weg sei, Nachhaltigkeit zu einem zentralen Faktor zu machen. Als Rahmenwerk helfe der Green Deal Deutschland und Europa, in globalem Rahmen wettbewerbsfähig zu sein. Nachhaltige Produkte würden sich dann von selbst durchsetzen, sagte er: „Die junge Generation hat verstanden, sie möchte grüne Produkte, und zwar richtige, kein Greenwashing.“ Es müsse jetzt nur alles schnell gehen. „Die Technologien sind da, wir können sie sofort anwenden.“

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Menschen, die Problemlöser

Da stimmte ihm Mark Ferguson zu, Tempo sei jetzt wichtig, und das heiße eben auch, dass man eingefahrene Bahnen verlassen müsse: „Lasst uns experimentierfreudig, unternehmerisch und disruptiv sein!“ Es gehöre zu Experimenten, dass sie manchmal fehlschlagen, „aber manche erweisen sich dann auch als wirklich interessant“.

Der New Deal, das Programm, das Amerika in den 30er-Jahren den Weg aus der Wirtschaftskrise weisen sollte, kam in der Diskussionsrunde nicht zur Sprache und auch nicht, was genau die Podiumsteilnehmer mit dem davon inspirierten und in Mode gekommenen Schlagwort vom „Green New Deal“ verbinden. Aber die zugleich vage und konkrete Aussicht auf einen unausweichlichen und grundlegenden Wandel, der alle Lebensbereiche erfassen wird, stand im Raum. Und ein gewisser Optimismus, den Kumsal Bayazit so zusammenfasste: „Das ist das, was wir Menschen tun: Wenn Probleme auftauchen, lösen wir sie.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahne, Petra
Petra Ahne
Redakteurin im Feuilleton.
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