Gesundheitsforschung

Es knirscht noch im Gebälk

Von Joachim Müller-Jung
29.11.2021
, 17:54
Im neu eingerichteten Werk in Marburg prüft ein Mitarbeiter von Biontech die Impfstoffproduktion.
Trotz mRNA-Impfstoffen, Gen-Schere und Big Data: Die Fortschritte durch Gesundheitsforschung sind noch längst keine Selbstläufer.
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Der Tag für die „Breakthroughs“, die prominentesten der wissenschaftlichen Durchbrüche, begann mit stehenden Ovationen. Sonderapplaus für die Mainzer Medizinerin und Forscherin Özlem Türeci. Darin kam offenbar nicht nur ihr Mitwirken als Mitgründerin von BioNTech zum Ausdruck und damit die Verneigung des Pu­blikums vor dem historischen Durchbruch, der mit der Zulassung des ersten mRNA-Impfstoffs in der Covid-19-Pandemie verbunden ist. Es war auch viel Dankbarkeit zu spüren. Ihr Impfstoff hat die Welt verändert, mutmaßlich schon jetzt Millionen Menschenleben gerettet. Türeci und ihr Ehemann und Partner bei BioNTech, der Immunologe Ugur Sahin, waren die Leuchttürme in einer illustren Reihe von Gesundheits- und Sozialforschern, die den Lebensbezug wissenschaftlicher Exzellenz auf der Falling- Walls-Konferenz besonders greifbar machten.

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So einfach jedoch, wie das auf den ersten Blick klingt – Wissenschaft kann heilen –, ist es eben auch in der schon vielfach automatisierten Medizinforschung nicht. Gesundheit ist jedem wichtig, aber wissenschaftlich ist es noch immer kein Vorläufer. Türeci hat es auf den Punkt gebracht: „Um Mauern niederzureißen, muss man vorbereitet sein.“ Die lange Reise des BioNTech-Paares auf dem Weg zum mRNA-Erfolg begann in den frühen Neunzigerjahren mit der Entwicklung von Krebsimpfstoffen. Die Idee war, maßgeschneiderte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Tumortherapien zu entwickeln. Man gewinnt die genetischen Daten des Tumors, konstruiert einen Impfstoff, der die entsprechende Information in der biochemischen Kopie – der mRNA – enthält, und sorgt dafür, dass diese genetisch programmierte Information in den Körper des Patienten gelangt, wo der daraus erzeugte Krebsbaustein das Immunsystem zur Gegenwehr stimuliert.

Wissen war nie wertvoller

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Ein genialer Plan, in der Theorie. Programmierbare Werkzeuge, die quasi die Selbstheilung einleiten. Das Problem: mRNA, die kleine Schwester und Kundschafterin des entscheidenden Gens mit der Bauanleitung, wird ungeschützt im Körper so schnell abgebaut, dass sie kaum wirkt. Türeci schilderte eindringlich, wie viele Hürden, Mauern gewissermaßen, zu überwinden waren, bis das Konzept für klinische Versuche reif war. „Molekulares Engineering“, die genetische Optimierung durch chemisches Design, war die Hauptaufgabe für viele Jahre. Zuerst ging es darum, die Menge des in der mRNA programmierten Proteins tausendfach zu steigern, dann kam der „Bodyhack“: Es musste sichergestellt werden, dass das nun vor dem Abbau geschützte Protein in die richtigen Zellen zum richtigen Ort gelangt. Solche sogenannten dendritischen Zellen warten in den Lymphknoten auf ihren Einsatz. Schließlich ging es darum, den Impfstoff zu beschleunigen und hochzuskalieren. Vor sieben Jahren brauchte es für die Herstellung der für eine mRNA-Krebsimmuntherapie benötigten Vakzinmenge drei bis fünf Monate, fünf Jahre später waren es knapp drei bis fünf Wochen.

Aufklärung muss besser werden

Fast zwei Generationen hatte es also gedauert, bis aus der Idee der Krebsimmuntherapie mit mRNA ein Konzept wurde, das nun nicht nur klinisch – wenn auch noch experimentell – einsetzbar schien, sondern sogar als allgemeines neues Impfprinzip Anerkennung fand. Der Durchbruch freilich kam nicht in der Tumorforschung, sondern mit dem globalen Unglück der SARS-CoV-2-Pandemie. Türeci war die Schilderung dieses steinigen wissenschaftlichen Werdegangs wichtig, weil ihr wichtig war, was in vielen Falling-Walls-Debatten um medizinische Fortschritte immer wieder zur Sprache kam: Durchbrüche sind selten exakt planbar, aber vor allem kommen sie fast nie über Nacht. Im Gegenteil: Gerade in der Gesundheitsforschung gilt es, „wissenschaftliche Ökosysteme“ zu bilden, in denen das Ausbrüten der guten Ideen erst gedeihen kann. Gemeint sind Netzwerke, die auch über das eigentliche Fachgebiet – hier die Immunologie – hinaus bei der Lösung des Problems helfen können.

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Ugur Sahin hatte den Begriff Forscher-Ökosysteme ebenso verwendet wie einen Tag vorher in einer Circle-Debatte die Chemie-Nobelpreisträgerin und Miterfinderin der „Gen-Schere“ CRISPR/Cas, Emmanuelle Charpentier. Verbündet euch, so konnte man den Aufruf der in Berlin tätigen französischen Max-Planck-Direktorin in der Runde verstehen, „bildet Forschergemeinschaften“, sagte sie. Und sie meinte das keineswegs nur aus Gründen der Effizienzsteigerung und der Beschleunigung des wissenschaftlichen Prozesses, der den Patienten schnell zugutekommen sollte, sondern aus einer Art Notwehr heraus.

Die Gesichter von der deutschen Vorzeigefirma gaben auf der Falling Walls einen Einblick in den Durchbruch in der mRNA-Forschung.
Die Gesichter von der deutschen Vorzeigefirma gaben auf der Falling Walls einen Einblick in den Durchbruch in der mRNA-Forschung. Bild: dpa

Tatsächlich sieht die Medizinforschung trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge wie der mRNA-Impfstoffe immer noch Mauern vor sich, die für viele unüberwindbar scheinen. Dazu zählen Fehlkommunikation und auch Vertrauensdefizite, die längst nicht erst mit den „Querdenkern“ und Impfgegnern in der Pandemie sichtbar wurden. Maria Leptin, die Biologin und Präsidentin des Europäischen Forschungsrates, erkennt darin unter anderem auch das eigene Versagen des Wissenschaftsbetriebs. Der Nutzen von Gentherapien etwa und Digitalmedizin würde am Ende denen zu wenig verständlich gemacht, die wenig Zeit, Bildung oder Möglichkeiten haben, sich mit wissenschaftsnahen Themen zu beschäftigen. „Es gibt in unseren Gesellschaften ein komplettes Missverständnis über die Risiken in vielen Bereichen. Darauf gibt es bisher keine Antworten, auch von der Politik nicht“, sagte Leptin. Auch Charpentier sieht die „Überreaktion“ vieler Menschen in der Pandemie mit Sorge. Der Mainzer Kliniker und Zelltherapieforscher Christoph Huber, auch er einer der Mitgründer von BioNTech, hält einen langfristigen „kulturellen Wandel“ für nötig, wenn die Gesellschaft in der breiten Masse von den Fortschritten der medizinischen Revolutionen unserer Tage profitieren solle, „doch das braucht seine Zeit“. An den positiven Vorbildern kann es wohl nicht liegen. Louis Pasteur, Robert Koch, „wir haben doch die Erfolgsgeschichten, die es braucht, um damit schon in den Schulen mit der Aufklärung zu beginnen“.

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„Brecht endlich die Mauern der Überbürokratisierung ein“

Die Mauern der fehlerhaften Kommunikation also, eine der großen Baustellen der Wissenschaften, die mit der Beschleunigung des Forschungsbetriebs nicht eben kleiner zu werden scheint. Die Konsequenzen tragen weniger die Grundlagenforscher, die zu stärken vor allem das Anliegen Ugur Sahins war. Die Auswirkungen spüren und fürchten vor allem die Akteure auf der Anwenderseite. Oscar-Werner Reif vom Pharmazulieferer Sartorius hält einen modernen marktwirtschaftlichen Ansatz für realistisch: Akzeptanz durch Beschleunigung. Indem der Nutzen für immer Menschen sichtbar und auch selbst erlebbar wird, könnten die Hemmschwellen sinken. Vor einiger Zeit habe es noch eine breite Ablehnung von genbasierten Verfahren gegeben, wie sie etwa die mRNA-Technik bietet, „inzwischen ist sie als Lebensretter anerkannt“. Für den Chef der Konzernforschung kommt es deshalb bei der Suche nach neuen wissenschaftlichen Durchbrüchen darauf an, die geschäftlich riskanteren und ethisch möglicherweise umstrittenen, aber technologisch vielversprechenderen Fortschritte wie die Gen-Schere noch stärker als bisher finanziell zu fördern. Auch Sahin sieht die Transformation des biomedizischen Fortschritts erst vollendet, wenn es gelänge, sich entscheidend stärker zu vernetzen, insbesondere auch mit den Ländern des globalen Südens – und wenn es gelänge, nicht zuletzt die Bürokratie abzubauen.

Das war gewissermaßen das Stichwort für den Circle zu Gesundheitsdaten. Denn die datengetriebene Medizin, die etwa über die Gewinnung von Genomdaten eng verknüpft ist mit der molekularbiologischen Forschung, für die BioNTech und Charpentier stehen, sieht sich seit Jahren mit ähnlichen Vorbehalten wie die Biomedizin konfrontiert. Stichwort Datenschutz und potentieller Missbrauch persönlicher Informationen. Erwin Böttinger vom Hasso-Plattner-Institut hatte deshalb im Daten-Circle die Formel ausgegeben: „Brecht endlich die Mauern der Überbürokratisierung ein.“ Dabei war in der Debatte zuvor unschwer herauszuhören, dass diese Mauern keineswegs nur von der Politik oder Verbraucherorganisationen gefordert oder aufgebaut werden. Denn die Selbstverwaltung des Gesundheitsbetriebs hatte ihren Anteil daran, dass die Möglichkeiten einer Big-Data-Medizin mit ihren Segnungen und Risiken bisher nur ungenügend ausgeleuchtet worden sind im Land.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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