Krankheit Retinitis pigmentosa

Blinde sehend machen

Von Hans Christoph Böhringer
30.11.2021
, 16:56
Einen Zebrastreifen wieder erkennen können, soll durch die Methode von José-Alain Sahel für blinde Menschen künftig wieder möglich werden.
Auch einen Durchbruch gibt es nur in kleinen Schritten: Der französische Augenarzt José-Alain Sahel verbindet bei der Behandlung Erblindeter Gentechnik und Elektronik. Was kann dieses Verfahren erreichen?
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Wenn es um spektakuläre Entwicklungen in der Medizin geht, hat der französische Augenarzt José-Alain Sahel mehr zu bieten als viele seiner Kollegen, die sich weltweit seit Jahrzehnten an der Behandlung von Erblindeten versuchen. Sahels Auftritte in Berlin waren deshalb mit besonderer Spannung erwartet worden. Das liegt auch daran, dass der an der University of Pittsburgh und am Augeninstitut der Sorbonne Université in Paris tätige Forscher zwei besondere Hightech-Verfahren anwendet: Er kombiniert die anspruchsvolle Optogenetik mit künstlichen Sehprothesen. Gentechnik und Elektronik also.

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In der Zeitschrift Nature Medicine hatte Sahel vor einiger Zeit über die Behandlung des ersten Patienten berichtet, und auf der Falling Walls Conference hat er die dazu passenden spektakulären Bilder geliefert. Sein erster Vortrag bildete im vierten Stock des Radialsystems den Auftakt für das Charité-Symposium – eine ideale Gelegenheit, die therapeutischen Fortschritte seines Verfahrens auch im Dialog mit Kollegen wie dem Charité-Forscher und Systembiologen Oliver Zeitz oder Peter Hegemann von der Humboldt-Universität in aller Ausführlichkeit und Tiefe auszutauschen. Wie wichtig solche Begegnungen am Ende für die Einführung in den medizinischen Alltag werden können, zeigte sich hier besonders gut. Denn auch ein noch so hochrangig publiziertes Forschungsergebnis lässt viele Fragen offen. Unsicherheiten bleiben. Von der klinischen Routine ist deshalb auch Sahels Ansatz, an der Genkrankheit Retinitis pigmentosa erblindete Patienten wieder sehend zu machen, noch weit entfernt.

Seine experimentellen Erfolge aber waren mehr als geeignet, die Falling-Walls-Teilnehmer zu beeindrucken. Bei Retinitis pigmentosa handelt es sich um eine schon lange von Genetikern untersuchte Krankheit, an deren Entstehung mehr als siebzig unterschiedliche Gene beteiligt sein können. Immer geht das Augenlicht verloren, weil die Sehzellen – die fürs Hell-Dunkel-Sehen zuständigen Stäbchen und die Zapfen fürs Farbsehen – sukzessive degenerieren. Ohne intakte Sehzellen aber erzeugt das auf die Netzhaut fallende Licht keine Bilder im Kopf.

Keine Heilung aber ein Silberstreif

Die Optogenetik ist ein vor dreißig Jahren erstmals entwickeltes Verfahren der Gentechnik. Gene werden mit einer Art Lichtschalter versehen und sind damit von außen regulierbar. Entscheidend ist, dass die wichtigsten bei Retinitis-Patienten defekten Gene in den Sehzellen ersetzt werden und immer dann aktiv werden können, wenn Licht auf die Netzhaut fällt.

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Bei den vorklinischen Primatenversuchen und den ersten neun Patienten, die Sahels Gruppe bisher therapiert hat, wurden unterschiedliche optogenetische Ansätze verfolgt. Sahel machte deutlich, wie langwierig die erfolgreiche genetische „Instandsetzung“ in der Netzhaut gedauert hat, weil Proteinkonstrukte und die Vektoren für die Übertragung der Gene optimiert werden mussten. Auch dies ein Ausdruck dafür, wie komplex die Behandlung einer einzelnen Krankheit sein kann, wenn die zugrunde liegenden genetischen Ursachen so unterschiedlich sein können. Ein wichtiges Instrument ist zudem die elektronische Brille, eine Art Kameraauge, das die Bilder vor dem Kopf der Patienten erfasst und auf die Netzhaut gezielt projiziert.

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In den ersten klinischen Versuchen ging es nun darum, die ersten Schritte zur Erlangung des Augenlichtes zu gehen. Was die Blinden damit gewinnen, ist noch lange nicht das, was viele unter Heilung verstehen. Unbewegliche Gegenstände und Körper sind für die Patienten eine besondere Herausforderung. Was sie am besten wahrnehmen, sind vor allem die Veränderungen der Lichtintensität, die durch Bewegungen sichtbar werden. Die räumliche Auflösung ist gering. Ein Silberstreif also, mehr nicht, sondern bescheidene Fortschritte, die freilich von den Patienten selbst wie ein Geschenk angenommen werden, so Sahel – und den Betroffenen wie Wunder vorkommen müssen.

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„Unsere Forschung kann wahrscheinlich einigen angeboren Blinden helfen“

Wie lange braucht es, Professor Sahel, bis einer Ihrer Patienten, die ihre Sehkraft krankheitsbedingt verloren haben, diese neue Art des Sehens erwirbt?

Beim ersten Patienten – inzwischen gibt es mehrere – gab es mehrere Schritte. Vor der Behandlung, vor der Injektion, testen wir die Brille. Wir wissen aus Tierstudien, dass es vier Monate braucht, bis das Protein seine Wirkung entfaltet. Danach müssen die Patienten lernen, mit den Brillen umzugehen. Wenn sie das können, fangen sie an zu lernen und fangen an, Umrisse zu erkennen. Dieser Prozess dauert ein paar Monate, aber mit mehr Training könnte es schneller gehen.

Ist es wahrscheinlich, dass die Technik der Optogenetik auch für Patienten mit angeborener Blindheit funktioniert?

Möglich. Wir haben es noch nicht getestet. Wir arbeiten im Moment mit Leuten, die früher einmal sehen konnten, denn wir wollen nicht noch eine zusätzliche Schwierigkeit hinzufügen. Menschen mit angeborener Blindheit könnten mit dieser Therapie zwar große Umrisse erkennen, aber höhere Auflösung wird vielleicht nicht erreicht. Könnte man das trainieren und die Auflösung verbessern? Vielleicht ja. Unsere Forschung – diese, die an der künstlichen Retina und die Gentherapie – kann wahrscheinlich einigen angeboren Blinden helfen.

Gibt es ein Limit für die visuelle Information, die man mit dieser Methode verarbeiten kann?

Wir könnten wahrscheinlich den Informationsfluss erhöhen. Wir wissen noch nicht, ob wir Sehschärfe erzielen können mit dieser Art von Technologie. Aber wir arbeiten auch daran. Zumindest werden Patienten Objekte erkennen und diese greifen können, oder sie werden Zebrastreifen erkennen.

Mit Sehschärfe meinen Sie . . .?

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Lesen. Große Buchstaben, kleine Buchstaben. Das ist uns mit Retina-Implantaten gelungen, aber noch nicht mit Optogenetik. Wir arbeiten aber daran.

Ist Sehen in Farbe auf die Weise auch möglich?

Momentan arbeiten wir nur mit einer Wellenlänge, daher ist es schwarz-weiß. Theoretisch könnten wir zwei oder drei unterschiedliche Wellenlängen benutzen. Wir könnten Farbe haben, aber das ist ein Projekt weit in der Zukunft.

Und was ist mit dem Sichtfeld, gibt es da Einschränkungen?

Das ist eine wichtige Frage. Im Moment hat ein Patient vielleicht weniger als zehn Grad Sichtfeld. Er muss sich bewegen und „scannen“, um ein Objekt ganz zu sehen. Aber theoretisch könnten wir größere Teile der Retina behandeln und ein größeres Sichtfeld bekommen.

Was ist der nächste Schritt?

Ich denke, das Wichtigste ist, die Auflösung zu verbessern, sodass die Patienten Aufgaben mit größerer Genauigkeit erledigen können. Wir verbessern die Brille, weil die der externe Teil der Therapietechnik ist und modifiziert werden kann. Wir forschen aber auch daran, wie man die Stimulation verbessert und wie man gezielter Retinazellen behandelt.

Was könnte man mit dieser Technologie schließlich erreichen?

Nun, es ist meiner Meinung nach nicht möglich, ein Niveau zu erreichen, auf dem die Patienten normal sehen könnten. Aber es ist möglich, dass sie dadurch eine Menge Aufgaben selbständig erledigen können werden. Das Ziel ist, ihnen Unabhängigkeit zurückzugeben.

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Quelle: F.A.Z.
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