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Vom Verzehr wird abgeraten

Von HANS ZIPPERT

13.10.2016 · Fledermäuse und Flughunde sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können. Sie haben auch sonst erstaunliche Eigenschaften. Und halten uns Tonnen von Insekten vom Hals. Nur essen sollte man sie besser nicht.

An einem Freitagabend haben sich im hessischen Karben fast vierzig Menschen eingefunden, um mehr über die nächtlichen Jäger zu erfahren. Der diensthabende Experte vom Nabu warnt gleich zu Beginn: „Fledermaus-Garantie gibt’s heute Abend nicht.“ Fledermäuse sind keine besonders dankbaren Beobachtungsobjekte. Sie lassen sich nicht anlocken, huschen in der Dämmerung blitzschnell vorbei, und wenn man sie genauer bestimmen will, braucht man einen Bat-Detektor. Das ist ein Gerät, das die Fledermaussprache ins menschlich Hörbare übersetzt.

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Der große Abendsegler, Spannweite bis 400 mm, jagt mit bis zu sechzig Kilometern pro Stunde durch die Morgen und Abenddämmerung.

Allenfalls Kinder und Jugendliche können noch die Laute des Großen Abendseglers identifizieren. Der ist im vergleichsweise niedrigfrequenten 18-Kilohertz-Bereich unterwegs, den ein jugendlicher Mensch gerade noch wahrnehmen kann, weil seine Hörknöchelchen noch nicht so versteift sind. Vor zehn Jahren hat man in Großbritannien einen Ultraschall-Störgeräuschsender entwickelt, dessen Ziel es ist, mittels hoher Frequenzen herumlungernde Teenager zu vertreiben. Falls es jemals gelingen sollte, den Großen Abendsegler abzurichten, könnte man ihn vielleicht zur Bekämpfung der Jugendkriminalität einsetzen.
Ein Kind beginnt, unruhig zu werden: „Ich will aber jetzt eine sehen.“ Der didaktisch versierte Naturschützer versucht, den Sechsjährigen abzulenken, und fragt ihn, ob denn die Fledermaus ein Vogel sei. Der junge Mensch überlegt eine Weile und erklärt dann: „Das sind Flugsaurier.“ Allgemeine Heiterkeit, warum denn auch nicht? Merkwürdig genug ist die Fledermaus. Der Exkursionsleiter weiß das und hebt zu Erklärungen an. Der Samen der Männchen kann mehrere Monate im Fortpflanzungstrakt der Weibchen aufbewahrt werden, erst bei günstiger Witterung beginnt der Fötus in der Gebärmutter zu wachsen. Die Weibchen finden sich zu Wochenstuben zusammen, in denen die Jungtiere geboren und gemeinsam aufgezogen werden. Die Tragzeit ist vom Nahrungsangebot abhängig. Sollte es wenig zu fressen geben, regelt das Weibchen Kreislauf und Stoffwechsel herunter. Die Tragzeit kann dadurch zwischen vierzig und siebzig Tagen variieren. Im Frühjahr bringen sie dann meist ein Junges zur Welt. Je nach Zählweise gibt es zwischen 23 und 28 Arten in Deutschland, 19 davon wurden schon in Hessen gesichtet.

„Da is’ eine“, ruft eine Dame aufgeregt, aber außer ihr hat keiner etwas gesehen. Aus einer Schachtel wird eine mumifizierte Fledermaus geholt. Wir dürfen sie uns alle mal anschauen und erkennen, dass es sich im Prinzip um eine kleine Maus mit Flügeln handelt. Trotzdem wäre die Bezeichnung Fledertier korrekter, mit Mäusen haben sie nämlich kaum etwas zu tun. Nach den Nagetieren sind Fledermäuse und Flughunde die größte Säugetiergruppe, weltweit existieren mindestens 1100 Arten, es werden aber ständig neue entdeckt. Heute Abend in Karben werden wir genau eine zu Gesicht bekommen, nämlich das Große Mausohr.

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Das große Mausohr nimmt sogar das Rascheln von Laufkäfern im Bodenlaub wahr. Spannweite 350 bis 430 mm.

Trotz der – im Vergleich zur Vogelbeobachtung – wenig spektakulären Sichtungsmöglichkeiten stehen bei Veranstaltungen wie der alljährlichen Nabu-Batnight Menschen hypnotisiert unter Straßenlaternen, auf alten Friedhöfen, in verlassenen Meiereien oder auf Brücken und versuchen, im schummrigen Restlicht noch irgendetwas zu erkennen. Bat-Detektoren werden flehentlich gegen den Abendhimmel gehalten, und wenn auch nur von ferne ein knatterndes oder klickendes Geräusch zu hören ist, wird vor Freude geseufzt. Die Fledermaus lässt das eher kalt, laute Menschenmengen stören sie genauso wenig wie Straßenlaternen oder vielbefahrene Straßen, was ihr häufig genug zum Verhängnis wird. Außer dem menschlichen Gestaltungswahn haben Fledermäuse nicht allzu viele Feinde. Windräder gehören dazu, denn sie erzeugen einen Druck, der ihre Lungen platzen lässt. Eulen, Wander- und Turmfalken genehmigen sich hin und wieder mal eine Fledermaus. Und in den Tropen lauert eine hochspezialisierte Schlangenart vor Fledermaushöhlen und greift die Tiere beim Ausfliegen ab.
Auch wenn die Fledertiere uns im Knochenbau erstaunlich gleichen, überwiegen die Unterschiede. Die Fledermaus ist nicht etwa der einzige Vogel, der ein Säugetier ist, sondern neben den verwandten Flughunden das einzige Säugetier, das fliegen kann. Fledermäuse hängen tagsüber mit dem Kopf nach unten in Höhlen, Bäumen oder Dachstühlen. Ihre Hinterbeine sind durch eine Drehung im Hüftgelenk andersherum ausgerichtet und enden in fünf bekrallten Zehen. Diese dienen in der Ruhephase zum Aufhängen im Quartier, wobei eine besondere Konstruktion der Krallensehnen ein passives Festhalten ohne Muskelanspannung ermöglicht – dadurch bleiben selbst tote Tiere hängen.

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Zwergfledermaus ist mit einer Spannweite von 180 bis 240 mm kleiner als eine Streichholzschachtel. Die Breitflügelfledermaus lebt sehr versteckt, zum Beispiel in Dehnungsfugen. Spannweite 315 bis 381 mm.

Fledermäuse finden ihre Beute durch Ultraschallortung. Sie können bis zu 1200 Mücken in der Stunde vertilgen. Fledermauskot ist ein sehr gehaltvoller Dünger. Fledermaus-Guano war in Texas der größte mineralische Exportartikel, bevor man dort Öl fand. Einige Pflanzensamen keimen erst, wenn sie den Verdauungstrakt von Fledermäusen passiert haben. Annähernd 95 Prozent der Aufforstung von Regenwäldern geschieht durch Samen, die Fledermäuse ausgeschieden haben. Bestimmte Hufeisenfledermäuse können Insekten aus Spinnennetzen pflücken. Umgekehrt verfangen sich manche Fledermäuse in Spinnennetzen und werden verspeist. Nur drei lateinamerikanische Arten ernähren sich von Blut, das aber ausschließlich. Auch nicht uninteressant: Das Weibchen des indischen Kurznasenflughundes betreibt Fellatio, um den Fortpflanzungsakt zu verlängern.

Als Schöpfer des modernen Vampirmythos gilt allgemein der irische Schriftsteller Bram Stoker. Die Verwandlung in eine Fledermaus erlaubt es dem Vampir bekanntlich, größere Entfernungen zu überbrücken. Allerdings findet sich im „Dracula“ nur eine Textstelle, in der der blutsaugende Graf kopfüber die Schlossmauern hinabkriecht, was den entsetzten Beobachter eher an eine Eidechse denken lässt. Der Superheld Batman wiederum zieht nur eine Art Fledermauskostüm an, er kann gar nicht fliegen und ortet seine Beute auch nicht durch Ultraschall. In „Batman Begins“ leidet er im Gegenteil sogar an Vespertiliophobie oder auch Chiroptophobie, einer panischen Angst vor Fledermäusen, seit er als Achtjähriger in eine Fledermaushöhle fiel und von den Tieren angegriffen wurde. Die Art konnte bis heute nicht genau bestimmt werden.

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Kleine Hufeisennase (192 bis 254 mm) schmiegt sich während des Schlafens fest in ihre Flughaut.

Vollkommen aus der Luft gegriffen ist die Angst vor Fledermäusen nicht. Eine Fledermausart steht bereits im Verdacht, für den Ausbruch von Ebola in Westafrika verantwortlich zu sein. Und gerade hat ein internationales Forscherteam unter Leitung des Bonner Virenexperten Christian Drosten sechzig neue Paramyxoviren in Fledermäusen entdeckt. Fledermäuse bieten ein Reservoir, aus dem Viren auch nach erfolgreichen Impfkampagnen immer wieder zurückkommen können. Die Tiere lebten in sehr großen Sozialverbänden mit zum Teil Millionen Exemplaren. Dieser enge Kontakt, sagt Drosten, begünstige die Ansteckung untereinander und sorge für eine große Vielfalt an zirkulierenden Viren.
Fledermäuse bedrohen nicht nur die Gesundheit des Menschen, sondern gelegentlich auch dessen Bauprojekte. Die Kleine Hufeisennase hätte es fast geschafft, den Bau der unseligen Waldschlösschen-Brücke in Dresden zu verhindern, doch die Gerichte waren der Ansicht, wegen der paar Fledermäuse könne man dem mündigen Autofahrer die zügige Elbüberquerung nicht verbieten. Immer wieder findet man beim Abriss von Häusern überraschend eine Fledermauskolonie, die dann aufwendig umgesiedelt werden muss. Im Frühjahr 2008 wurde beispielsweise in Göttingen auf dem Gelände der sogenannten Treppchenhäuser das Vorkommen eines Wochenstubenquartiers des Großen Mausohrs bekannt. Es wurde ein Ersatzquartier unter Verwendung des alten, mit dem Heimatgeruch der Tiere behafteten Dachstuhls geschaffen. Die Tiere wurden durch aufgezeichnete Originallaute auf dieses Quartier aufmerksam gemacht und so in den neu errichteten Dachstuhl gelockt. Nach Auskunft des betreuenden Fachbiologen ist damit erstmalig eine Umsiedlung dieser Fledermausart geglückt.

In der Nähe von Segeberg geriet der Weiterbau der A 20 ins Stocken, weil der Fledermausschutz nicht gewährleistet war; immerhin befindet sich in der Nachbarschaft eines der größten Fledermausquartiere Deutschlands. Das Große Mausohr blockiert nach wie vor den Hochmoselübergang, die Mopsfledermaus verhinderte zeitweilig den Ausbau einer Landebahn am Flughafen Hahn. Manche Bürger fragen dann: Ja, ist denn die Fledermaus wichtiger als der Mensch? Antwort: Da Fledermäuse nicht nur extrem nützliche Tiere, sondern auch Kulturfolger und damit dem Menschen auf besondere Weise verbunden sind, muss man ihre Anwesenheit immer begrüßen. 2015 wurden in Berlin im Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals Wasserfledermäuse entdeckt, und so verzögerte sich der Bau des unglaublich scheußlichen Einheitsdenkmals auf unbestimmte Zeit. Man kann nur hoffen, dass der seit Jahren ungenutzt herumstehende Gebäudekomplex des Hauptstadtflughafens demnächst von Fledermäusen als Unterschlupf entdeckt wird. Dann gäbe es dort endlich einen regen Flugbetrieb und ein gutes Argument für die endgültige Schließung der peinlichen Pannenbaustelle.

  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Bechsteinfledermaus (250 bis 286 mm) ist ein Umzugskünstler und benötigt bis zu fünfzig verschiedene Quartiere im Jahr.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Rauhautfledermaus ist mit nachgewiesenen 1905 Kilometern der Rekordhalter im Langstreckenflug.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Zweifarbfledermaus besitzt als einzige Fledermaus Europas vier Milchzitzen. Flügelspannweite 270 bis 330 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Wimperfledermaus, (220 bis 245 mm) jagt vorzugsweise Fliegen in Kuhställen.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Weißrandfledermaus (bis 220 mm) erkennt man durch den hellen Saum am hinteren Rand der Armflughaut.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Wasserfledermaus benutzt ihre Schwanzflughaut als Kescher, um ihre Beute ins Maul zu befördern. Bis 275 mm Spannweite.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Teichfledermaus hat auffallend große Füße. Spannweite: 200 bis 300 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Nordfledermaus, Spannweite 240 bis 280 mm, kommt als einzige Fledermaus Europas auch nördlich des Polarkreises vor.

Alfred Brehm erkannte bereits: „Der Nutzen, den die meisten Mitglieder der sehr zahlreichen Ordnung dem Menschen leisten, übertrifft den Schaden, den sie ihm unmittelbar zufügen, bei weitem. Gerade während der Nachtzeit fliegen sehr viel von den schädlichsten Insekten und bieten sich so den Sinnen ihrer Feinde. Außer Ziegenmelkern, Kröten, Igeln und Spitzmäusen stellen um diese Zeit nur noch die Fledermäuse dem ewig kriegsbereiten, verderblichen Heere nach, und die auffallende Gefräßigkeit, die allen Flattertieren eigen ist, vermag in der Vertilgung der Kerfe wirklich Großes zu leisten.“ Diese Einschätzung bestätigt sich momentan auf tragische Weise in den Vereinigten Staaten. Eine Pilzinfektion hat dort mehrere Millionen Fledermäuse das Leben gekostet. Der Pilz verursacht das sogenannte Weißnasensyndrom und breitet sich während des Winterschlafs aus. Die Fledermäuse erwachen häufiger, verbrauchen mehr Energie und verhungern schließlich. Das hat erhebliche wirtschaftliche Folgen: Eine Kolonie Fledermäuse frisst mehrere Tonnen Insekten, fehlen sie, wird das zum Problem für die Landwirte. Die schädlingsbekämpfende Leistung der Tiere in den Vereinigten Staaten wird auf drei Milliarden Euro beziffert. Inzwischen hat der Pilz auch Europa erreicht, die europäischen Fledertiere scheinen aber besser damit klarzukommen.

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Mückenfledermaus ist die kleinste Fledermaus Deutschlands. Spannweite 180 bis 240 mm.

Brehm wusste ebenfalls zu berichten: „Die Alten gedachten der Fledermäuse in der Regel mit noch größerem Abscheu als unsere unkundigen Männer und zimperlichen Frauen, und selbst die alten Ägypter, diese ausgezeichneten Forscher, mögen eine Abneigung gegen sie gehabt haben, weshalb sie deren bildliche Darstellung vermieden.“ Das ist heute ganz anders. Renate Rabenstein steht die Begeisterung für ihr Thema förmlich ins Gesicht geschrieben. Die Biologin informiert ein hochkonzentriertes Publikum im Siesmayer-Saal des Frankfurter Palmengartens mit Powerpoint-Darstellungen über aufsehenerregende Fledermausbeobachtungen in der Grube Messel. Dort kann man die Tiere endlich mal in Ruhe studieren, denn sie kommen in fossiler Form vor. Pro Jahr werden durchschnittlich fünf Exemplare gefunden, die erstaunliche Aufschlüsse geben. Erstmals gelang es den Forschern anhand eines solchen Fossils, die Farbe des Tieres zu bestimmen. Mit einer Kombination aus morphologischen, chemischen und experimentellen Methoden wurden Melanosomen nachgewiesen. Das sind die Farbträger, die für die Färbung von Haut, Haaren, Federn und Augen zuständig sind. Grundsätzlich gibt es zwei Pigment-Varianten: das braun-schwarze Eumelanin und das gelblich-rote Phäomelanin. Je nachdem, in welcher Verteilung sie auftauchen, kann man Aussagen zur Farbgebung treffen. Nach einer Untersuchung mit dem Rasterelektronenmikroskop weiß man nun ziemlich sicher, dass die Arten Hassianycteris und Palaeochiropteryx ein rötlichbraunes Fell hatten.
Anhand der Messel-Fossilien beschäftigten sich die Forscher auch mit der Frage, ob die ersten Fledermäuse schon des Nachts jagten, weil sie bereits über Ultraschallortung verfügten. Oder mussten sie die erst entwickeln, um nachts jagen und damit Feinden aus dem Weg gehen zu können? Menschen, die sich fragen, ob man so etwas unbedingt wissen muss, sagt Frau Rabenstein: „Es ist ein großes Privileg in unserer Gesellschaft, Antworten, von denen man nie weiß, wofür sie eines Tages gut sein werden, suchen zu dürfen.“ Nach dem aktuellen Stand der Forschung jedenfalls kam erst die nächtliche Jagd und dann der Ultraschall.

Nun geht es hinaus in den Garten, wo um diese Zeit nur noch ein paar Fledermäuse und Tausende von Mücken unterwegs sind. Diese saugen uns zuerst das Blut aus und werden, derart angereichert, anschließend von den Fledermäusen vertilgt. Bei dieser Art der passiven Fütterung steht der Mensch ausnahmsweise mal am Anfang der Nahrungskette. Die Wissenschaftlerin weist darauf hin, wie schwierig es ist, eine Art zu bestimmen. Die Mückenfledermaus beispielsweise besitzt einen orangefarbenen Penis. „Wenn Sie den im Vorbeiflug erkennen können, sind Sie gut.“

© NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Das Braune Langohr (bis 285 mm) bevorzugt lockere Wälder und Parkanlagen. Das Graue Langohr hat eine Flügelspannweite von 225 bis 292mm. Angelegt ähneln seine Ohren dem Horn eines Widders.

Mit Ausnahme der beiden Langohrarten lassen sich die in Deutschland vorkommenden Fledermäuse mit dem Detektor recht gut bestimmen, wenn man über genügend Erfahrung verfügt. Renate Rabenstein würde ihren Forschungsgegenstand gerne mal verkosten. Flughunde, so erfahren die verdutzten Zuhörer, gelten als durchaus wohlschmeckend, da sie sich nur von Früchten ernährten, allerdings habe sie selbst noch keine probiert: „Ich hoffe aber, es kommt irgendwann dazu.“ Man sollte jedoch nicht jeden Abend die Große Fledermausplatte bestellen. Der Genuss von Fledermäusen ist nämlich für eine Geisteskrankheit unter der Bevölkerung der mikronesischen Insel Guam verantwortlich. Das haben Forscher im Fachmagazin Neurology berichtet. Für die Bewohner Mikronesiens sind Flughunde eine besondere Delikatesse. Der permanente Verzehr führte zu Lytico-Bodig, einer sehr seltenen Geisteskrankheit, die Menschen scheinbar wach und bei Bewusstsein lässt, in Wirklichkeit aber zu einer völligen Abwesenheit führt. Eine Heilung gibt es bisher nicht.

Bibelkundige wissen das natürlich, denn im dritten Buch Mose findet sich die göttliche Anweisung: „Und diese sind es, die ihr verabscheuen werdet unter den fliegenden Geschöpfen, sie sollen nicht gegessen werden, sie sind etwas Widerliches: der Adler und der Fischadler und der Schwarzgeier, ferner der Rote und der Schwarze Milan, außerdem jeder Rabe, des Weiteren der Strauß und die Eule und die Möwe und der Falke, ferner das Käuzchen, der Kormoran und die Waldohreule, außerdem der Schwan und der Pelikan und der Geier, des Weiteren der Storch, der Reiher nach seiner Art, und der Wiedehopf und die Fledermaus.“

  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Der Kleine Abendsegler legt jährlich weite Wanderungen zurück. Spannweite: 260 bis 320 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Große Hufeisennase (bis 400 mm) haust während des Sommers gern auf warmen Dachböden.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Langflügelfledermaus ist mit 70km/h die schnellste Europas. Spannweite: 305 bis 342 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Kleine Bartfledermaus ist leicht zu verwechseln mit der Großen Bartfledermaus. Flügelspannweite 190 bis 225 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Mopsfledermaus verdankt ihren Namen der gedrungenen Nase. Spannweite 262 bis 292 mm.
  • © NABU/NelumboArt/Stefanie Gendera Die Alpenfledermaus (bis 225 mm) kommt in Deutschland kaum vor und lebt vorwiegend südlich der Alpen.

Fledermäuse faszinieren den Menschen seit alters her. Nach Angaben von Plinius dem Älteren ( 23-79 v. Chr.) helfen sie gegen Darmentzündungen, Schlangenbiss, Hautverletzungen, Bauchschmerzen und sind als Enthaarungsmittel einsetzbar. Gegen Dämonen kann man ein Haus schützen, indem man eine lebende Fledermaus dreimal um dasselbe herumträgt, um sie anschließend an die Tür oder das Fenster zu hängen. In finnischen Überlieferungen fliegen die Seelen der Schlafenden nachts als Fledermäuse umher; in anderen Kulturen sind es die Verstorbenen, die keine Ruhe finden. Den erstaunlichen Orientierungssinn der Fledermäuse versuchte man auf Bleikugeln zu übertragen, indem man sie mit Fledermausorganen vermengte; und dank Fledermausfett konnten Hexen fliegen. Fledermäuse werden häufig mit dem Teufel in Verbindung gebracht. In der „Göttlichen Komödie“ hat der Teufel sechs fledermausartige Flügel, und es gibt wenige Gründe, daran zu zweifeln, denn Dante hat ja tatsächlich die Hölle besichtigt, sein Reisebericht liegt seit zirka 1330 vor. Unsere Großeltern glaubten, dass Fledermäuse den Menschen in die Haare fliegen und sich darin verfangen. Würden sie dort urinieren, wäre Kahlköpfigkeit die Folge, womit wir wieder bei Plinius wären - immerhin könnte sich fortan keine Fledermaus mehr in den Haaren verheddern.
Tatsächlich wissen wir immer noch sehr wenig über die Fledertiere. Wissenschaftlich wurde jedenfalls bis heute nicht widerlegt, dass die Seelen der Schlafenden in Fledermausform herumflattern. Auch dass eine dreimal um das Haus getragene Fledermaus gegen Dämonen wie zum Beispiel dauergrillende Nachbarn hilft, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. Wenigstens wissen wir, dass die Ortung der Tiere so fein ist, dass sie sogar ein einzelnes Haar wahrnehmen würden. Ein „Bat-Hair-Day“ wäre also ausgeschlossen. Und die Verarbeitung von Fledermäusen zu Heil- und Flugmitteln verbietet das Naturschutzgesetz sowieso.

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