Anja Karliczek im Interview

„Stürzt euch in den Meinungsstreit“

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 05.11.2020
 - 11:14
Bundesminiserin Anja Karliczekzur Bildergalerie
Wehrhafte Wissenschaft und die Lehren aus Amerika: Unter den neuen Bedingungen der Mediendemokratie können sich Forscher nicht länger aufs Informieren, Empfehlen und Vermarkten versteifen, meint Bundesministerin Anja Karliczek.

Die Öffentlichkeit hat in der Teil-Lockdown-Entscheidung der Exekutive noch einmal hautnah erlebt, wie zentral einerseits die Wissenschaft für die Politik ist und wie kontrovers es andererseits in ihr zugehen kann. Forschung wird dabei auch politisiert. Trotzdem gibt es noch ein Miteinander hierzulande. Anders in Washington, D.C., von wo aus die Wissenschaftsmacht Nummer eins regiert wird. Die Präsidentenwahl dort war für gebildete Amerikaner auch ein Votum darüber, wie irrational in der Politik mit Realitäten umgegangen werden darf. Vier Jahre lang war zu beobachten, wie unabhängige Wissenschaftler und auch solche in maßgeblichen Behörden von höchster politischer Stelle aus mit Erlassen und mit sozialen Medien systematisch zermürbt und wie wissenschaftlich mühsam erarbeitete, gesicherte Positionen ideologisch zerrieben werden. Einige Wissenschaftler wehren sich, indem sie selbst mehr kommunizieren. Welche Rolle spielt künftig das Wort für eine freie und erfolgreiche Wissenschaft – auch in Deutschland?

Frau Ministerin, Wissenschaftler müssen endlich besser kommunizieren, sagen Sie schon länger. Sind kommunizierende Wissenschaftler auch das Antiserum gegen Desinformation und wissenschaftsfeindlichen Populismus, denn beides haben die Amerikaner ja keineswegs exklusiv, wie die Corona-Krise zeigt?

Viele neue politische Entwicklungen haben wir schon in der Vergangenheit zuerst in den Vereinigten Staaten beobachten können, ehe sie sich dann auch in Europa gezeigt haben. Auch unsere Debatten leiden zunehmend unter Falschinformationen – die zum Teil ganz gezielt verbreitet werden. Aber noch haben wir eine gute Chance, dem entgegenzuwirken. Und hier erhoffe ich mir, dass gerade die Wissenschaft zunehmend ihre Stimme der Öffentlichkeit erhebt, um Falschbehauptungen den Boden zu entziehen.

Glauben Sie, das Vertrauen der Leute in die Wissenschaft ist dafür groß genug? Dass sie die Unsicherheit auch aushalten, die es etwa in der Corona-Krise auszuhalten gilt?

Das Vertrauen gegenüber der Wissenschaft war in letzter Zeit schon vergleichsweise hoch. Wegen der Bedeutung der Wissenschaft hätte es aber noch besser sein können. Es war immer mein Ziel, das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft weiter zu stärken. Vertrauen kann aber nur dann wachsen, wenn sich Wissenschaft und Wissenschaftler noch stärker der Gesellschaft zuwenden. Es war am Anfang nicht leicht, diesen Zusammenhang allen Beteiligten so deutlich zu machen. Und natürlich: Nicht jedes wissenschaftliche Thema begeistert per se ein breites Publikum. Dann kam Corona. Und mit der Pandemie kam Christian Drosten, um es einmal sehr vereinfacht auszudrücken. Er und viele seiner Kolleginnen und Kollegen haben wirklich Aufklärungsarbeit geleistet – über diese Pandemie selbst, aber auch wie Wissenschaft funktioniert. Sie haben uns allen Wissenschaft und ihre Methoden nähergebracht. Neue Umfragen zeigen uns, dass das Vertrauen in die Wissenschaft in den vergangenen Monaten stark gewachsen ist. Das hat mit der Kommunikation zu tun, die den Glauben an die Kraft der Wissenschaft gefördert hat. Viele Wissenschaftler sind für die Menschen zu einem Anker der Sicherheit in einer unsicheren Zeit geworden.

Sie glauben also, wir haben das Problem überwunden?

Ein ganz wichtiger Punkt ist da jetzt die Impfstoffforschung. Hier sind die Erwartungen groß, dass die Wissenschaft wirksame und sichere Impfstoffe liefern wird. Wissenschaft steht wie jede andere Institution auf dem Prüfstand. Aber die Wissenschaft ist, wie schon gesagt, gegenwärtig sehr scharfer Kritik und Angriffen ausgesetzt. Natürlich gab es schon immer Leute, die versucht haben, die Wissenschaft zu diskreditieren, weil deren Erkenntnisse dem eigenen Weltbild widersprechen. Aber jetzt hat sich die Lage verschärft. Wenn wir als Gesellschaft nicht dagegenhalten, besteht die Gefahr, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Diskurs zurückziehen.

Vorbehalte gibt es aber nicht nur in der Gesellschaft. Steht sich der Wissenschaftsbetrieb mit alten Kommunikationsvorstellungen nicht selbst im Weg?

Die Einstellung zur Kommunikation für die breitere Öffentlichkeit muss sich in der Tat noch weiter ändern, auch wenn wir schon auf dem richtigen Weg sind. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten die Kommunikation mit der Gesellschaft noch mehr als Selbstverständlichkeit begreifen.

Das ist die Wissenschaft auch der Gesellschaft schuldig. Die Wissenschaft hat eine große Verantwortung gegenüber der gesamten Gesellschaft und den Menschen. Kommunikation sollte daher nicht als lästiges Anhängsel der originären wissenschaftlichen Arbeit gesehen werden, damit die Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürger zusammenbleiben.

Idealisieren Sie da nicht etwas, was die Wissenschaft seit Generationen bekämpft?

Die Spaltung der Gesellschaft in Amerika lehrt uns doch, dass wir die Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft unbedingt erhalten und ausbauen sollten. Die Wissenschaft sollte zeigen, was sie für die Gesellschaft und die Menschen leistet. Die Wissenschaftler sollten raus zu den Leuten, und zwar vor allem zu denen, die nicht schon katholisch sind, wie man so schön sagt.

Solche Appelle sind für die Wissenschaft nichts Neues. Sie hat allerdings auch immer schon andere Prioritäten.

Und genau deshalb habe ich diesen Diskussionsprozess in Gang gesetzt, um die Entwicklung weiter anzuschieben, damit sich die Prioritäten nun wirklich verschieben. Letztlich muss das aus der Wissenschaft selbst kommen, sie muss dafür auch finanzielle Ressourcen aufwenden. Wir können das nicht machen, sonst heißt es, die Bundesregierung will so etwas wie ihren eigenen Wissenschaftskanal.

Die Wissenschaft kommt da aber nicht gerade aus einer idealen Position, wenn sie jeden erreichen soll. Sie gehört zumindest auch zu dem sogenannten Establishment, das von vielen gerade nicht als Befreiung, sondern als Bedrohung gesehen wird. Denken Sie an die Virologen. Da ist man schnell in einer Ecke, in die kein Wissenschaftler kommen will, oder?

Ich komme von einer anderen Seite. Bisher wurde jungen Wissenschaftlern erklärt, wenn sie Karriere machen wollten, müssten sie über die einschlägigen Wege publizieren und besser nicht so viel ins Fernsehen gehen. Man kann jetzt natürlich den Schalter nicht einfach umlegen, sondern braucht einen Prozess des Umdenkens. Den haben wir angestoßen. Unser Strategieprozess über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation, Stichwort ,Factory Wisskomm‘, läuft jetzt auf vollen Touren. Als Bundesforschungsministerium werden wir verstärkt in unseren Förderbekanntmachungen Anreize setzen, damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Forschungsprojekten die Wissenschaftskommunikation von Anfang an mitdenken und in den Projekten auch Ressourcen dafür eingeplant werden.

Ist die Wissenschaft dafür auch gerüstet? Wenn man sich moderne Kommunikation auf sozialen Medien wie Twitter ansieht, wo auch wüste Hetze üblich ist, kann einem die Wissenschaft oft richtiggehend leid tun. Forscher können da nur mit angezogener Handbremse schreiben, was sie denken, wollen sie nicht ihre Seriosität aufs Spiel setzen.

Sich in der Öffentlichkeit zu bewegen ist eine große Herausforderung. Wenn man die, die sich in die breite Öffentlichkeit trauen, im Zweifel bei einem Shitstorm alleinlässt und medial nicht unterstützt, läuft etwas in der Gesellschaft falsch. Die Mitte der Gesellschaft muss sich auch in den sozialen Medien stärker zu Wort melden. Zu sehr werden die Plattformen den radikalen Kräften überlassen. Die, die breit kommunizieren, brauchen auch weitere Unterstützung. Es muss auch eine entsprechende Struktur aufgebaut werden, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern professionell Hilfestellung geben kann. Coaching oder Beratung in Krisensituationen etwa.

Wer aus der Wissenschaft sollte diese Struktur denn tragen und aufbauen?

Wir haben in Deutschland bereits hervorragende Akteure. Mit ,Wissenschaft im Dialog‘ haben wir eine Institution, die, getragen von den Wissenschaftsorganisationen und Akademien, eine Plattform bietet für einen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Dieses Engagement sollte verstärkt und ausgebaut werden. Vor allem braucht es eine bessere Vernetzung und Bündelung der Expertisen der vorhandenen Institutionen.

Warum kann das nicht der Staat aufbauen, so wie er auch Ressortforschung unterhält?

Eine solche Entwicklung sollte aus der Wissenschaft kommen, die ein Interesse an einem guten Dialog mit der Gesellschaft haben muss. Die Wissenschaft sollte für sich sprechen und sich hier selbst professionalisieren. Wir können dazu nur ein Impulsgeber und Ermöglicher sein.

Kann man das so verstehen, dass Sie kommunizierende Wissenschaftler auf den diversen Kanälen nicht nur als Übersetzer, sondern auch als konfliktbereite Typen mit Haltung und pointierten Meinungen im Kampf etwa gegen Populisten sehen wollen?

Was viele Wissenschaftler sprachlos macht, ist die Härte der öffentlichen Diskussion. Für uns Politiker ist das fast das tägliche Geschäft. Ich ermuntere Wissenschaftler trotzdem, sich in diesen rauhen öffentlichen Meinungsstreit zu stürzen. Wir brauchen sie. Aber natürlich gibt es da unter den Wissenschaftlern auch sehr unterschiedliche Mentalitäten.

Ist Ideologiefreiheit und politische Neutralität für Sie also gar nicht mehr das Idealbild und notwendiges Kommunikationskriterium für Wissenschaftler?

Wenn Klimawissenschaftler sich zwanzig Jahre mit einem Thema beschäftigt haben, die die Dramatik der Lage sehen, sind sie dann ideologisch eingefärbt, wenn sie die Probleme auch so schildern? Nein! Das muss man ihnen doch sicher zugestehen.

Kommunikation kann also nach Ihrem Verständnis nicht nur ein Informieren, Empfehlen und Vermarkten sein, sondern stärker auch ein Fordern, Einmischen und Kritisieren?

Absolut. In öffentlichen Debatten sollten Wissenschaftler unterschiedliche Positionen beziehen, wenn es ihre Auffassung ist. Das geschieht in der gegenwärtigen Debatte um Corona-Beschlüsse ja auch schon. Eine kontroverse sachliche Debatte ist immer angezeigt. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn entsteht auch aus Kritik und Gegenkritik. Auch das sollte Wissenschaftskommunikation zeigen.

Wort und Wagnis

Mehr Austausch mit der Gesellschaft, das sagt sich so leicht. Gefordert wurde es schon immer und immer auch gerne. Dialog ist die ewige Parole. Doch während sich Plattformen und Techniken rasend fortentwickelten, die wissenschaftlichen Inhalte sich vervielfachten und die Kritik von außen zunahm bis zur Polemisierung, kämpft die Wissenschaftskommunikation mit vielen alten, hölzernen Strukturen und Gebräuchen. In einem Grundsatzpapier aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung aus dem November ist grob das politische Ansinnen von Ressortchefin Karliczek beschrieben, wie der Kampf ums Wort und gegen den Bullshit endlich aufgenommen werden soll. „FactoryWisskomm“ wurde gegründet, eine „Denkfabrik für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation“. Die Präsidentinnen und Präsidenten der führenden Forschungs- und Wissenschaftsorganisationen im Land wollen mit Fachleuten des Dialogs Maßnahmen erarbeiten, um die Kommunikation aus der Wissenschaft und über Wissenschaft zu stärken. Im April 2021 soll das in einen Aktionsplan münden, den „die Wissenschaft“ umsetzen soll. jom

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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