Forschungszusammenarbeit

Russlands Wissenschaft muss in die Isolation

Von Oliver Becht
06.03.2022
, 10:00
Polarforschung ist ein Schwerpunkt deutsch-russischer Zusammenarbeit: Die MOSAiC-Expedition ist nur das neueste Beispiel.
Deutsche Wissenschaftseinrichtungen beenden nach dem Überfall auf die Ukraine im großen Umfang die Zusammenarbeit mit Russland. Das ist auch für die deutsche Seite schmerzhaft und stößt bei Putin-kritischen russischen Forschern nicht nur auf Beifall.
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Eine deutsche Forschungseinrichtung nach der anderen positionierte sich in der abgelaufenen Woche gegen die russische Politik und kündigte entsprechende Konsequenzen an. Die Basis war schnell gelegt worden: Am Freitag nach dem russischen Einmarsch veröffentlichte die „Allianz“, der größte Zusammenschluss deutscher Wissenschafts- und Forschungsorganisationen, eine Empfehlung, wonach „wissenschaftliche Kooperationen mit staatlichen Institutionen und Wirtschaftsunternehmen in Russland mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres eingefroren werden, dass deutsche Forschungsgelder Russland nicht mehr zu Gute kommen und dass keine gemeinsamen wissenschaftlichen und forschungspolitischen Veranstaltungen stattfinden“ sollen.

Am gleichen Tag erklärte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in einer Mitteilung, Russland habe sich durch sein Verhalten „selbst aus der internationalen Gemeinschaft verabschiedet“. Die bisherige Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung sowie in der Berufsausbildung werde gestoppt, die Planung neuer Maßnahmen „bis auf Weiteres“ ausgesetzt. Auch die Wissenschaftsakademien stellten sich gegen den Angriff auf die Ukraine und werten Russlands Vorgehen als „Attacke auf die fundamentalen Grundlagen akademischer Freiheit und internationaler Zusammenarbeit“.

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Mancherorts ist Russland der wichtigste Partner

Dieser Abbruch der Forschungszusammenarbeit ist ein drastischer Schritt. Deutschland und Russland kooperierten bisher in vielen wichtigen Bereichen der Wissenschaft: Erst 2018 wurde eine auf zehn Jahre angelegte deutsch-russische Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation unterzeichnet, die auf ähnlichen Abkommen aus den Jahren 2009 und 1987 aufbaut. Vor allem in der Raumfahrt, der Physik oder der Polarforschung war Russland bisher ein wichtiger Partner. Besonders starke Verbindungen nach Russland unterhält die Helmholtz-Gemeinschaft, die seit 2005 ein eigenes Büro in Moskau unterhält.

An der GSI, dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt, entsteht derzeit das Beschleunigerzentrum FAIR. Russland, sagt GSI-Pressesprecher Ingo Peter, sei das größte Partnerland. Sanktionen würden einen starken Einfluss auf eigene Aktivitäten haben, sind nach Ansicht der Geschäftsführung aber dennoch „notwendig“. Derzeit stimme man sich mit den weiteren Partnerländern des FAIR-Projektes über ihre konkrete Umsetzung ab. In Hamburg und Zeuthen befindet sich das ebenfalls von der Helmholtz-Gemeinschaft getragene Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY), das derzeit 100 russische und 20 ukrainische Mitarbeiter beschäftigt. Man stehe mit voller Solidarität hinter den Anweisungen des BMBF, heißt es auf Anfrage. „Weit über 25 Kooperationsprojekte und Kooperationsbeziehungen zu einer Vielzahl russischer Institute und russischer Universitäten“ würden ausgesetzt werden, darunter das bis 2024 laufende EU-Projekt CREMLINplus.

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Die Fälle FAIR und DESY spiegeln die Reaktion deutscher Forschungseinrichtungen auf den russischen Einmarsch in der Ukraine gut wieder: Das Bedauern, aber eben auch die Betonung einer notwendigen Reaktion. Die Max-Planck-Gesellschaft lege alle Kooperationen mit staatlichen russischen Einrichtungen auf Eis. Im Rahmen entsprechender Kooperationsprojekte würden „keine Treffen von Wissenschaftlern mehr stattfinden und auch keine wissenschaftlichen Daten mehr erhoben werden, sagt die Pressesprecherin Christina Beck. Entsprechende Module sind zu diesem Zweck abgeschaltet worden.“

Manuskripte aus Russland werden nicht mehr angenommen

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) setzt alle von ihr geförderten Forschungsprojekte mit russischer Beteiligung aus. In den bestehenden Kooperationsprojekten sollten ab sofort insbesondere keine Daten, Proben und Geräte sowie anderes wissenschaftliches Material ausgetauscht werden. In den vergangenen drei Jahren hatte die DFG mehr als 300 deutsch-russische Forschungsprojekte mit einem Gesamtvolumen von mehr als 110 Millionen Euro unterstützt. International sieht es ähnlich aus: Das europäische Forschungszentrum für Teilchenphysik CERN bei Genf teilt auf Anfrage mit, es sei eine außerordentliche Sitzung zur Diskussion von Maßnahmen einberufen worden. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) beendet eine Schlüsselkooperation mit einer russischen Universität in Skolkovo. Und mit dem Journal of Molecular Structure nimmt eine erste Fachzeitschrift keine Manuskripte von in Russland forschenden Wissenschaftlern mehr an.

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Niels Hovius, Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen GeoForschungszentrums (GFZ), bedauert die Maßnahmen, die seine Einrichtung ebenfalls mitgeht, ausdrücklich. „Wir haben eine ganze Reihe von Projekten in und mit Russland, die sich mit Fragen von großer gesellschaftlicher Relevanz befassen“, sagt er. „Dabei geht es um die Grundlagen des Kohlenstoffkreislaufs und Folgen des Klimawandels für Menschen und Ökosysteme, ebenso wie um Naturgefahren, etwa Vulkane und Erdbeben. Unsere Ergebnisse haben sowohl lokale als auch globale Bedeutung. Wie es mit diesen Projekten und den Kooperationen weitergehen wird, wissen wir nicht.“ Auf Eis liege beispielsweise eine langjährig angelegte Messreihe zum Thema Klimawandel in der Arktis. Allgemeine verliere man Zugang zu entscheidenden Standorten wie der Arktis, wo der Klimawandel um ein Vielfaches schneller ablaufe. Hinzu kommt eine menschliche Komponente: „Über die teilweise viele Jahrzehnte umfassende Zusammenarbeit mit Forschenden in Russland sind persönliche Freundschaften entstanden“, sagt Hovius. „Bei uns arbeiten Menschen aus Russland und der Ukraine mit Menschen aus 60 Nationen zusammen. Wir haben uns in einem kurzfristig einberufenen Townhall-Meeting im Haus ausgetauscht und ich habe eine große Verunsicherung bei unseren Beschäftigten erlebt. Viele fragen sich „Darf ich noch mit meinen Bekannten und wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen in Russland kommunizieren?““

Sollen Stipendiaten nun für Putins Verbrechen büßen?

Menschliche Komponenten spielen auch bei der Zusammenarbeit von Universitäten eine Rolle. Laut Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz bestehen zwischen deutschen und russischen Hochschulen und Partnereinrichtungen derzeit 970 Kooperationen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat Bewerbungsmöglichkeiten für Russland-Stipendien gestoppt, sagt Auswahlen für DAAD-Stipendien nach Russland ab, und fordert deutsche Hochschulen auf, „alle DAAD-geförderten Projektaktivitäten mit Partnerinstitutionen in Russland und Belarus auszusetzen.“ Ähnlich verfährt die Alexander von Humboldt-Stiftung, wie Pressesprecherin Kristina Güroff auf Anfrage mitteilt. Bereits laufende Austausche sollen, so Güroff, fortgesetzt werde. Bei laufenden Stipendien von russischen Wissenschaftlern in Deutschland werde noch einmal intensiv geprüft, „dass nichts Proliferationsrelevantes gefördert wird.“ Im Falle des DAAD habe man den Umgang mit Stipendiaten von Russland nach Deutschland „Stand heute bewusst noch offen gelassen“, so Pressesprecher Michael Flacke.

Die Forderung, alle vom DAAD geförderten Austauschprogramme auszusetzen, werde von den deutschen Hochschulen mitgetragen, sagt Flacke. „Mir ist kein Gegenbeispiel bekannt.“ Eine Schwerpunktregion ist Russland für die Freie Universität Berlin. Schon vergangene Woche wurde verkündet, man werde alle Partnerschaftsaktivitäten ruhen lassen, das Verbindungsbüro in Moskau schließen und auch Forschungskooperationen und finanzielle Transfers ausgesetzen. „Unsere Maxime war es immer, auch in Krisenzeiten wissenschaftliche Zusammenarbeit fortzuführen und Gesprächskanäle dort offen zu halten, wo andere sie abbrechen“, sagt Universitätspräsident Günter Ziegler. „Wir brechen nun mit unserem Anspruch als Antwort auf den eklatanten Bruch des Völkerrechts durch die Regierung Russlands.“ Ähnlich geht die Universität Stuttgart vor, die am Dienstag eine Resolution des Rektorats mit dem Titel „Gemeinsam gegen Putins Krieg“ veröffentlichte. „Alle momentan bestehenden Wissenschaftsbeziehungen sind bis auf weiteres ausgesetzt“, sagt Pressesprecher Hans-Herwig Geyer. Die Frankfurt University of Applied Sciences hat aktuell zwei Partnerhochschulen in Russland – beide würden derzeit ruhen, jedoch „nicht aktiv aufgekündigt“ werden.

Das Dilemma zieht sich durch den gesamten Diskurs: Was wiegt schwerer, die Notwendigkeit einer klaren Reaktion auf allen Ebenen oder die Wichtigkeit der betroffenen Forschungsprojekte? Und treffen die Maßnahmen denn die Richtigen? Yuri Kovalev, Unterzeichner eines Protestbriefes russischer Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten gegen den Krieg, hat in der vergangenen Woche eine E-Mail an Forscher in zahlreichen Ländern geschickt. „Wissenschaftsbeziehungen zu Russland gehen komplett kaputt, und ich verstehe nicht, was das helfen soll“, heißt es darin. Wissenschaft sei in Krisen der letzte internationale Kommunikationskanal. Er sei absolut schockiert über die Maßnahmen, die beispielsweise in Deutschland getroffen werden würden, sagt Kovalev. Fast 7000 Personen haben den Protestbrief mittlerweile unterzeichnet, darunter auch der in Warschau arbeitende Ökologe Alexei Tirunov: Er habe Angst, gibt er zu Protokoll. Angst um die Ukraine, Angst um Russland, aber auch um die Wissenschaft.

Bereits seit Jahrzehnten und auf verschiedenen Ebenen arbeitet das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (AWI) mit russischen Wissenschaftlern zusammen. Am Freitag teilt es auf Anfrage mit, dass es aus der Politik auch Signale gebe, wonach man „technische Kontakte, die zur Fortführung bestehender Programme und Projekte zwingend erforderlich sind, möglichst niederrangig fortsetzen“ solle. Wo die genaue Grenze verläuft, werde sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen: „Wir gehen von vielen Einzelfallentscheidungen aus.“ Yuri Kovalev und seine Kollegen dürfen also darauf hoffen, nicht vollständig isoliert zu werden.

Quelle: FAZ.NET
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